Subventionen für Kultur

Heike (21.11.2010, 20:26):
Ein interessanter Artikel über die Subvention von Tickets in der Oper im Tagesspiegel:
http://www.tagesspiegel.de/berlin/musik-fuer-millionen/3018562.html

Zitat:
"186 Euro und zehn Cent. So viel würde wahrscheinlich niemand für „Tosca“ oder „Parsifal“ zahlen. Einer tut es aber: der Staat. Genau so viel hat er 2009 bei jedem Besucher draufgelegt, der sich eine Karte für die Staatsoper gekauft hat. Das geht aus einer Vorlage des Hauptausschusses des Abgeordnetenhauses hervor. Bei den anderen beiden Häusern waren die Subventionen nicht viel geringer: 181,10 Euro pro Platz an der Komischen und 171,40 Euro an der Deutschen Oper. Zum Vergleich: Die Deutsche Oper am Rhein kommt nach Angaben des Steuerzahlerbundes mit 125 Euro Zuschuss pro Besucher aus."

Ich weiß nicht, ob und was man darüber dirskutieren muss, aber ich finde die Zahlen recht interessant.

Rechts daneben ist auch eine Umfrage: "Sollen Tickets für die Oper subventioniert werden" Die Mehrheit der Leser ist bisher (leider) dagegen.
Heike

P.s. "Allerdings nehmen die drei Opern mit 121 Millionen Euro ein Drittel des Berliner Kulturhaushaltes in Anspruch."
da finde ich dann doch berechtigt, mal über die Verteilung zu reden - da kriegt der ganze kulturelle "Rest" ja dann vergleichsweise wenig ab.
EinTon (21.11.2010, 20:50):
Ach, Du bist also "Hebre"! :D
Heike (21.11.2010, 20:53):
Die war ich doch früher hier auch, bis ich das in Heike ändern lassen habe!
Ich unterschreibe ja bei Cappriccio auch immer mit Heike, also ich dachte, das wäre bekannt!
Heike
EinTon (21.11.2010, 20:55):
Tschuldige, hatte ich nicht so wahrgenommen... :A
Bert (21.11.2010, 20:55):
Keine Frage; es ist unser aller Pflicht, Kultur am Leben zu erhalten. Weil Kultur keine verkäuflichen "Verbrauchsgüter" (wie Autos, Klopapier oder Wein) produziert, muß sie subventioniert werden. Da gibt es für mich nichts zu diskutieren.

Wie hoch jedoch die Gagen mancher Künstler sein sollen, darüber könnte man in der Tat diskutieren, denn die sind mehr als ungerecht verteilt.

Gruß, Bert
Heike (21.11.2010, 21:02):
Tschuldige, hatte ich nicht so wahrgenommen.
Macht ja nix, ich hab auch manchmal ne ganz schön lange Leitung!

@Bert
Wie hoch jedoch die Gagen mancher Künstler sein sollen, darüber könnte man in der Tat diskutieren, denn die sind mehr als ungerecht verteilt.
Naja, ich kam schon bei solchen Dingen wie den Berliner Orchesterstreiks vor kurzem ins Grübeln, ob das alles gerecht verteilt ist. Nicht dass ich denen was wegnehmen will - aber es gäbe sicher viele andre, die auch oder sogar vorher mehr Geld verdient hätten.

Wenn es nach mir ginge, wäre der Kulturhaushalt also sicher mindestens doppelt so hoch.
Heike
Gamaheh (21.11.2010, 23:33):
Original von Bert
Keine Frage; es ist unser aller Pflicht, Kultur am Leben zu erhalten.
So? Dann sollten die das in der Schule unterrichten, zunächst mal, was die Gesellschaft überhaupt unter "Kultur" versteht. Das ist nämlich keineswegs unbestritten.
Weil Kultur keine verkäuflichen "Verbrauchsgüter" (wie Autos, Klopapier oder Wein) produziert, muß sie subventioniert werden.
Die Art von Gesellschaft, in der wir leben, heißt "Kapitalismus", und da besteht auch die sog. Kultur aus nichts anderem als verkäuflichen und käuflichen Gütern. Und genau wie ein Mercedes oder ein BMW seinem Fahrer ein höheres Prestige verleiht, ist auch ein Opernbesuch prestigeträchtiger als der einer Produktion des lokalen Kammerkunstvereins. Die Oper subventionieren ist also wie wenn man BMW-Fahrer subventionieren würde. Der prozentuale Anteil an der Gesamtbevölkerung ist wahrscheinlich ähnlich. Zudem wird die Oper auch privat kräftig unterstützt, denn alles, was Geld aber noch kein gesellschaftliches Prestige hat, fördert die Oper, um in die "besseren Kreise" zu kommen. Auch die entsprechenden Firmen wie BMW, Montblanc etc. fördern nur die großen Ereignisse und Institutionen, denn nur die sind - das neue buzz word - "auf Augenhöhe", d.h. man will unter sich bleiben.
Da gibt es für mich nichts zu diskutieren.
Da gibt es für mich allerhand zu diskutieren, und da finde ich mich auch in ganz guter Gesellschaft. Ca. im Februar ist in der italienischen Tageszeitung La Repubblica ein vieldiskutierter Artikel von Alessandro Baricco (bekannt als Autor von Romanen und Novellen) erschienen, der den Standpunkt vertritt, daß sich die staatliche Unterstützung der sog. Hochkultur überlebt hat; sie sollte eingestellt werden, und die freiwerdenden Mittel sollten dafür verwendet werden, diese Kultur dorthin zu bringen, wo sie am nötigsten ist: in die Schulen und ins Fernsehen, damit sie auch diejenigen Bevölkerungsanteile erreicht, die ansonsten keine Möglichkeit haben, sie zu erleben. Im übrigen solle man die Produktion von kulturellen Veranstaltungen privaten Veranstaltern überlassen und diesen dabei jede mögliche Unterstützung zukommen lassen (z.B. durch die kostenlose Überlassung von Aufführungsstätten).

Ich behaupte nicht, daß dieser Artikel (ich habe ihn seinerzeit für private Zwecke übersetzt, finde das aber leider nicht mehr wieder) der Weisheit letzter Schluß sei, aber ich halte ihn für sehr bedenkenswert.

Grüße,
Gamaheh

P.S.: Was übrigens infolge dieses Artikels auch immer wieder zur Sprache kam, war der enorme Verwaltungs-Wasserkopf, den insbesondere in Deutschland die kulturellen Institutionen mit sich herumschleppen.
Gamaheh (21.11.2010, 23:34):
War doppelt - liegt an der schlechten Verbindung ...
Heike (21.11.2010, 23:39):
Im übrigen solle man die Produktion von kulturellen Veranstaltungen privaten Veranstaltern überlassen
Ich fürchte, dann sehen wir in der Oper bald nur noch La Boheme, Zauberflöte und Carmen :-(
Heike
Gamaheh (21.11.2010, 23:42):
Original von Heike
Im übrigen solle man die Produktion von kulturellen Veranstaltungen privaten Veranstaltern überlassen
Ich fürchte, dann sehen wir in der Oper bald nur noch La Boheme, Zauberflöte und Carmen :-(
Heike
Wenn anderes niemanden oder kaum jemanden interessiert, weil sie mangels Schulbildung nichts davon wissen, muß das wohl so sein.

Gamaheh
Heike (21.11.2010, 23:50):
Ja, ich wäre auch glücklich, wenn sich mittels schulischer Bildung eine ausreichende Zahl Menschen für Janacek, Cage oder Braunfels interessieren würde - allein mir fehlt der Glaube. Ich bin also grundsätzlich sehr pessimistisch, wenn ich mir vorstelle, Kultur weitgehend den Gesetzen des Marktes zu überlassen.

Aber legitim finde ich die Diskussion um die Verteilung der Subventionen allemal und würde deinen Wunsch nach mehr Bildung in diesem Kultur- Bereich auch unterstützen. Nur, meiner Meinung nach sollte man dieses Geld nicht woanders weghnehmen.
Heike
Don Fatale (22.11.2010, 00:35):
Original von Gamaheh
den Standpunkt vertritt, daß sich die staatliche Unterstützung der sog. Hochkultur überlebt hat; sie sollte eingestellt werden, und die freiwerdenden Mittel sollten dafür verwendet werden, diese Kultur dorthin zu bringen, wo sie am nötigsten ist: in die Schulen und ins Fernsehen, damit sie auch diejenigen Bevölkerungsanteile erreicht, die ansonsten keine Möglichkeit haben, sie zu erleben.

Ich weiß nicht, ob diese Sätze für die italienische Situation eine Bedeutung haben. Auf Deutschland bezogen halte ich sie schlicht für Unsinn. Niemand ist hier von der Teilhabe am kulturellen Leben ausgeschlossen. Theater- und selbst Opern- oder Konzertkarten kosten auf den billigsten Plätzen kaum mehr als Kinokarten. Stadt- und Stadtteilbibliotheken sichern für geringste Beiträge den Zugang zu zigtausenden von Büchern. Das Einschalten der Fernsehsender arte oder 3sat und zahlreicher kulturorientierter Radiosender oder der Besuch der ständigen Sammlungen in vielen Museen sind völlig kostenlos. Die Forderung, die Produktion von Kultur nicht mehr zu subventionieren und das eingesparte Geld in die Verbreitung von Kultur zu stecken, die aber dann nicht mehr produziert wird, ist doch aberwitzig.

Das Argument, Kulturförderung sei elitär, weil nicht alle Steuerzahler das Geförderte auch nutzen, ist ebenso sinnvoll wie es die Forderung wäre, Autobahnen oder Schulen nicht mehr aus Steuergeldern zu finanzieren - auch diese Einrichtungen werden schließlich nicht von jedem Steuerzahler genutzt.
Heike (22.11.2010, 09:54):
Niemand ist hier von der Teilhabe am kulturellen Leben ausgeschlossen. Für Berlin (worüber wir ja hier den Artikel lasen) gilt das auf jeden Fall. Alle Opern, Theater, Konzerthäuser etc. bieten umfangreiche Ermäßigungen für Studierende/ Auszubildende und sozial Schwache an. Für arme Menschen mit Berlinpass gibt es in vielen Spielstätten darüber hinaus Tickets für 3 Euro! Und zwar
überall hier (u.a. in allen Opernhäusern):

Dazu freien Eintritt in Museen und Bibliotheken, sogar ermäßigte Hertha-Tickets (ist das Kultur *ggg*) und weitere Vergünstigungen, Es bleiben in Opern, Konzerten und Theatern oft trotzdem etliche Plätze leer, also bis zum Limit genutzt wird das sicherlich nicht. Was meiner Meinung nach nicht an der Verfügbarkeit, sondern an mangelndem Interesse liegt: Der Senat veröffentlich regelmäßig Zahlen, inwieweit das genutzt wird. Siehe hier.

Wenn man z.B. sieht, dass die Philharmonie (die das Angebot auf den Kammermusiksaal beschränkt) im ganzen Jahr 2007 ganze 51 Tickets und 2008* gerade mal 71 solcher Tickets abgegeben hat, ich aber regelmäßig im halbleeren Kammermusiksaal zu Gast bin, dann kann das nicht am fehlenden Angebot liegen. Auch die Opern sind bei Repertoirevorstellungen quasi nie voll. Es gibt ca. 700.000 Berechtigte für diesen Berlinpass Und die meisten haben den sicher auch zu Hause, weil er auch Nahverkehrsermäßigungen umfasst (in Berlin quasi unerlässlich)!
Heike

*Zahlen für 2009 liegen noch nicht vor.
Bert (22.11.2010, 19:33):
Hallo Gamaheh,

deinen Beitrag möchte ich nicht unkommentiert stehenlassen. Meinen Standpunkt zur Subvention von Kultur habe ich mit einem knapp gehaltenen Satz kundgetan, aber auf das Thema "kulturelle Bildung" werde ich meine Meinung etwas ausführlicher darstellen, zumal ich sie um meine persönlichen Erfahrungen ergänzen möchte.

Nun, kulturelle Bildung findet vornehmlich und in erster Reihe in der Familie statt; angefangen mit Singen (Eltern) in den Schlaf (das winzige Baby), über Angucken und Nacherzählen von Bilderbüchern, abendliches Vorlesen von Märchen und Kinderbüchern (Otfried Preußler, Michael Ende ...), gemeinsames (Eltern mit dem Krabbelkind) Anhören und Nachspielen/Nachklopfen (Kochgeschirr) kindergerechter Musik vom Tonträger (z.B. Peter und der Wolf), regelmäßige Museumsbesuche (nicht nur Spielzeugmuseum; das Naturkundemuseum ist schon für Kinder unter ein Jahr faszinierend), Bastelstuben, Töpferwerkstatt, Weihnachtsmärkte - bis zum (ganz feierlich) ins Kindertheater, später dann auch in eine Ballettvorstellung und in die Kinderoper ...
In dieser Art habe ich meiner Tochter eine kontinuierliche kulturelle Bildung zukommen lassen, noch bevor sie in den Kindergarten ging - in der Zeit hatte ich extrem wenig Geld (damals hätte ich von Hartz-IV nur träumen können!), so stammten die Bücher und Musikkassetten zu über 90% aus der öffentlichen Bücherei (ja, für die Augsburger Puppenkiste mußte ich etwas Geld einsparen, aber die gab es nur als etwas ganz Besonderes; andere, auch sehr gute Kindertheater, gab's schon für 2-3 DM Eintritt). Ferngesehen hat meine Tochter erst nach dem Erreichen ihres vierten Lebensjahres, und bis zur Einschulung hat sie nur mit mir zusammen ferngesehen - sonntags "Die Sendung mit der Maus" und gelegentlich ausgewählte Märchen-Spielfilme; unter der Woche jedoch hatten wir keine Zeit zum Fernsehen.

Der Staat (oder vielmehr die Stadt) macht reichliche Angebote und stellt die kulturell bildende Infrastruktur zur Verfügung: Subventionierte Theater, kostenlose Bücher- und Tonträgerausleihe (unsere Bücherei bot zur Ausleihe auch die gängigen Periodika und Video-Filme an - auch fremdsprachlich), freien Eintritt für viele Museen und Ausstellungen, kulturelle Ereignisse auf öffentlichen Marktplätzen ... (eine ganz normale Großstatt in Niedersachsen; Hamburg, Berlin oder München haben unvergleichlich bessere Möglichkeiten ...)

Für die kulturelle Bildung sind die Eltern/Familie verantwortlich - es sind doch ihre Kinder! das Wertvollste, was sie haben! Das kann keine Schule und kein Staat leisten. Ja, ich sage: Das soll kein Staat leisten. Als Elter will ich selbst entscheiden, welche kulturelle Bildung meine (Klein/Schul)Kinder erhalten; oder wenigstens, wenn die finanziellen Mittel so knapp sind, wie es bei uns der Fall war, welche sie nicht erhalten! Als Elter will ich meine Kinder vor volkshetzerischer Verblödung (Nazi-Deutschland, kommunistische DDR ...) schützen, und darum will ich freie Kultur, die ich sehr gerne finanziell unterstütze.

P.S.
Es ist mir bewußt, daß diese Freiheit manchen Leuten Angst macht; daß manche Leute mit ihrer Freiheit nicht umgehen können, daß sie den großen Vaterstaat brauchen, dem sie ihre Freiheit zu Füßen legen, denn für den Menschen und für die menschliche Gesellschaft hat es niemals und nirgends etwas Unerträglicheres gegeben als die Freiheit!



Doch für mich bedeutet Freiheit vor allem Verantwortung tragen.

Gruß, Bert
ab (22.11.2010, 22:24):
Mir ist nicht so klar, worum es eigentlich in diesem Faden genau geht. Mir scheinen da verschiedene Fragen aufgeworfen zu werden, etwa:


Soll man Hochkultur überhaupt subventionieren?
Sollte man Hochkultur unsubventioniert dem Freien Markt überlassen?
Sollte man den Subventionsetat für Kulturveranstaltungen erhöhen?
Ist es gerechtfertig, dass gerade die Oper soviel des Subventionsetat verschlingt?
Sollte man Subventionen nicht lieber in Medien umschichten, die mehr Publikum erreichen? (Da kann heißen: Wäre es nicht gerechter? oder aber auch: Wäre es nicht zweckrationaler, um damit dann in der Folge langfristig höhere Auslastungszahlen zu erreichen?)
Sollt man nicht lieber in Schulbildung statt in Hochkulturveranstaltungen investieren?


By the way: Sehr großes Unwohlsein bereitet mir die Diktion der Umfrage, denn warum etwa sagt man, „Der Staat legt soundsoviel Geld für den Kauf einer Karte drauf“, und nicht viel mehr, „Der Staat legt soundsoviel Geld für das Personal/die Produktion von XY drauf“? Es geht ja nicht um die Bezuschussung von Publikum, sondern um die Realisierung von Kulturprojekten. Das Wertvolle ist doch das Kulturprojekt, nicht aber ein Sitzplatz; scheint mir jedenfalls.
Die Frage: "Sollen Tickets für die Oper subventioniert werden?" bedeutet genau besehen eigentlich soviel wie: Sollten junge Leute und solche in Ausbildung und sozial Bedürftige, vielleicht auch Senioren, billiger Karten oder gar Freikarten bekommen, um auch in den Genuss der Kulturveranstaltung zu kommen, wohin sie sonst nicht (oder nur unter sonstigen wichtigen Entberungen) gehen könnten? (Und was ist mit den vielen Politikern und den Freikarten für Sponsoren?!)
Das wäre aber eine ganz andere Frage als die, ob man ein Kulturprojekt ermöglichen soll, das sich am Markt allein nicht realisieren lässt.

:hello
Heike (22.11.2010, 22:33):
Zur Umfrage: Habt ihr noch alle auf ja geklickt??? Das Ergebnis wurde heute im "Tagesspiegel" bekanntgegeben und da gibts online jetzt eine knappe Mehrheit für PRO - per Telefon (wo wahrscheinlcih mehr Rentner mitgemacht habe) ist das PRO noch deutlicher:

"In unserer Rubrik „Pro & Contra“ stellten wir die Frage, ob Tickets für die Oper subventioniert werden sollen. Die Antwort der Leser, die sich an der telefonischen Umfrage beteiligten, war eindeutig: Fast zwei Drittel (62,5 Prozent) der Anrufer waren dafür. 37,5 Prozent lehnten Zuschüsse ab. Im Internet sprachen sich 53 Prozent der Teilnehmer für die Subventionierung aus"
Heike
EinTon (22.11.2010, 23:36):
Original von Heike
"In unserer Rubrik „Pro & Contra“ stellten wir die Frage, ob Tickets für die Oper subventioniert werden sollen. Die Antwort der Leser, die sich an der telefonischen Umfrage beteiligten, war eindeutig: Fast zwei Drittel (62,5 Prozent) der Anrufer waren dafür. 37,5 Prozent lehnten Zuschüsse ab. Im Internet sprachen sich 53 Prozent der Teilnehmer für die Subventionierung aus"
Heike

Allein daran siehst Du schon, dass der Wert solcher "Umfragen" im Grunde gegen Null geht :wink - sie sagen kaum etwas über das tatsächliche Meinungsbild der Gesamtbevölkerung aus - im Gegensatz zu wissenschaftlichen Umfragen, bei denen darauf geachtet wird, dass die Sozialstruktur der Befragten der Sozialstruktur der Gesamtbevölkerung entspricht (z. B.: Wenn in der Bevölkerung 30 % das Abitur haben, so sollten in der Umfrage auch ca. 30 % Abiturienten vorkommen). So arbeiten zB die etablierten Wahlforschungsinstute.

Gruß,

Normann
Gamaheh (23.11.2010, 02:21):
Wie wahr ! Auch das Klassikforum bietet nur einen ganz kleinen und sicherlich in keiner Weise repräsentativen Ausschnitt aus der Gesellschaft. Ich bin mal wieder erstaunt, welche Arroganz des bildungsbeflissenen deutschen Kleinbürgertums hier zutage tritt. Vor Jahren habe ich dessen kategorischen Imperativ einmal so formuliert: „Handle und denke so, als ob die Maxime deines Willens das Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung wäre.“

Baricco (um bei dessen – natürlich provokanter – Meinungsäußerung zu bleiben) ist weder dumm noch plakativ, und er kennt mehr als das Fett, in dem er brät. Daher weiß er auch, daß es – und das gilt in Deutschland genauso wie in Italien – gar nicht unbedeutende Nischen in der Gesellschaft gibt, die überhaupt nichts davon wissen, daß es gewisse Sparten der Kultur gibt. Da nützt es auch nichts, Verdi oder Wagner für umsonst (oder fast) anzubieten, wenn keiner weiß, was das ist. Dazu folgende Anmerkungen:

1. Wenn die kulturelle Erziehung allein den Eltern obliegt, dann ist es kein Wunder, wenn die Konzerthäuser immer leerer werden. Denn sogar unter den heutigen bürgerlichen Eltern sind viele noch nie in einem klassischen Konzert gewesen, geschweige denn die des Proletariats (o garstig Wort, aber wir können seine Existenz nicht leugnen). Auch unter den Mitgliedern dieses Forums gibt es etliche, die sich nach eigener Aussage erst im fortgeschrittenen Alter für klassische Musik interessiert haben – möglicherweise sogar erst, als ihre Kinder (soweit vorhanden) bereits aus dem Haus waren.

2. Leuten, die überhaupt wissen, daß es Sender wie arte oder 3-sat gibt, braucht man nicht zu erklären, was klassische Musik ist; es geht darum, gehaltvolle Sendungen zur Hauptsendezeit in die Sender zu bringen, die von allen gesehen werden, um zu zeigen, daß es „normal“ ist, sich für sowas zu interessieren.

3. Unter jungen Leuten in Wien mag das anders sein (und ist es auch nach allem, was ich gehört habe), aber z.B. in Hamburg ist es unter jungen Leuten nicht „cool“, in die Oper oder ins klassische Konzert zu gehen, und wer das tut, ist eher ein Außenseiter. Da gibt man lieber erheblich mehr Geld für Konzerte einer anderen Kultursparte aus.

4. Kein Mensch spricht davon, Kultur nicht mehr zu produzieren. Es geht darum, daß sie nicht von Staats wegen produziert werden muß. Karten für einzelne Gruppen des Publikums (junge Leute, Bedürftige) kann man auch bei nicht-staatlichen Produktionen fördern – wo ist da das Problem?

5. Es geht auch darum, daß Kulturdezernenten usw. nicht unbedingt am besten befähigt sind zu entscheiden, welche Werke der Kultur es sich lohnt zu erhalten und zu subventionieren. Für die, die genügend Italienisch verstehen, dürfte es durchaus interessant sein, diesen Artikel von Baricco einmal zu lesen.

Auch die Aussage über Autobahnen und Schulen kann ich nur mit Staunen quittieren: Wenn jemand der allgemeinen Schulpflicht entgeht, so ist das eher eine Ausnahme, und die Anzahl der Autofahrer (die im übrigen auch eine Kfz-Steuer zahlen – dies nur zur Information) macht doch einen relativ hohen Anteil an der Gesamtbevölkerung aus, während eine Subvention der Oper – ich wiederhole es gerne – eher einer Subvention von BMW-Fahrern vergleichbar ist.

Grüße,
Gamaheh
Heike (23.11.2010, 09:03):
Lieber Einton,
Allein daran siehst Du schon, dass der Wert solcher "Umfragen" im Grunde gegen Null geht
Das ist mir klar - wir Psychologen sind im Grundstudium eine der mit Statistik meistgequälten Berufsgruppen (natürlich wegen Normierung /Validierung von psychologischen Testverfahren und weil es in der Psychologie diverse repäsentative oder eben nicht repräsentative Studien gibt). Ich habe also 4 Semester lang bis zum Erbrechen statistische Verfahren und Signifikanzen gepaukt und finde die Umfrage in soweit sicher interessant, aber habe natürlich nicht die Illusion von Repräsentativität.

Liebe Gamaheh,
Kein Mensch spricht davon, Kultur nicht mehr zu produzieren. Es geht darum, daß sie nicht von Staats wegen produziert werden muß.
Was mit Kultur passieren würde, wenn man sie dem Markt überlässt, das konnte man doch am Privatfernsehen beobachten. Da wären arte und 3Sat schon lange weg. So viel Steuerung kann man gar nicht einbauen, dass das funktionieren könnte im Sinne einer Förderung der Kultur und nicht der Geldvermehrung. Dann wäre ein Großteil der Kultur über kurz oder lang quasi verschwunden, weil es nicht genug Interessenten gibt.

Ich halte es für eine totale Illusion, den Markt per Bildungsoffensive regulieren zu wollen. Es war schon immer so, dass sich nurTeile der Bevölkerung für die Hochkultur interessieren und das wird vermutlich auch so bleiben. Ich sehe daran auch nichts verwerfliches, es ist doch genauso legitim, dass der andere Teil lieber ins Grüne fährt, Karten spielt oder Sport macht oder Party.

Die Opernförderung mit der Subvention von BMW-Fahrern zu vergleichen finde ich unpassend, zumindest in den Berliner Opern istz (vielleicht abgesehen von Premieren) das Publikum ein viel breiterer Bevölkerungsquerschnitt. Auch wenn man die Sache statt der Nutzer betrachtet, ist es nicht richtig: Ein BMW ist ein Luxusgut, eine Oper ein Kulturgut. Sicher kann man oft sehr berechtigt über die Werkauswahl streiten, oder um die Verteilung der Gelder. Aber der Vergleich an sich hinkt für mich gewaltig.

Für mich ist es zudem grundsätzlich nicht logisch, staatliche Förderung nach der Zahl der Nutzer zu bemessen. Mein Kriterium wäre hingegen inhaltlich begründete Förderungswürdigkeit. Und da ist für mich die musikalische Hochkultur genau wie das Bibliothekswesen, die jüdische Kultur, historische Museen, archäologische Forschungen oder die Solarenergie per se bewahrenswert und ausbauwürdig.

Heike
Fairy Queen (23.11.2010, 09:54):
Ich finde diese Diskussion sehr interessant und habe mir gerade den leider serh langen und in nicht gerade i einfachem Italienisch geschriebenen Artikel von Barricco kopiert. Ich schätze ihn als Autor sehr und bin gespannt auf seinen Diskurs! Danke für den Link! Sobald ich mich durchgewühlt habe, werde ich noch etwas dazu sagen.
Was die angebliche Arroganz des deutschen Kleinbürgertums im Klassikforum angeht, liebe Gamameh, spricht aus diesem Satz ebenfalls eine gewisse und mir sehr bekannte Arroganz derer, die sich über dieses angebliche Kleinbürgertum gestellt sehen wollen. Was nun unarroganter bzw sympathischer ist, bleibt jedem selbst überlassen. :D
Dass Oper eine Veranstaltung für BMW Fahrer sei, habe ich zumindest an den Bühnen, die ich besuche, niemals erlebt. Was unsere sehr gut besuchte und öffentlich wie privat sehr gut subventionierte Oper in Lille angeht, ist das in jedem Fall nicht haltbar. Hier gibt es ausgesprochen günstige Plätze und auch Freikarten für Schulen, eine Zusammenarbeit mit psychiatrischen Kliniken und Obdachlosen-Hiflsorganisationen. Die Abonnenten kommen überwiegend aus der Mittelschicht und fahren keine BMWS sondern allenfalls Peugeot oder Renault. :wink
Das Programm besteht nicht aus Mozart, Puccini, Verdi und Wagner sondern genauso oder fast noch mehr aus Barock- und zeitgenössischer Oper inclusive Uraufführungen, Konzerten/Kammermusik und Ballettaufführungen.
Wie es in Hamburg zugeht, entzieht sich allerdings komplett meiner Kenntnis, da mag das ganz anders aussehen.

Ich finde aber abgesehen davon Vieles, von dem was du sagst, sehr bedenkenswert und richtig.
Wenn man nach Italien schaut und mit Grauen sieht, wie die dortige Medienlandschaft- gewollt!- einer fortlaufenden Volksverdummung Vorschub leistet, muss man zwangsläufig zu der Überzeugung kommen, dass die Langzeitfolgen dieser "Entbildung" so gravierend sein werden, dass eine Subvention von "gehaltvollem" Fernsehen und eine Intervention in den Schulen Vorrang vor der Subvention der Oper haben muss.

Es ist wahr, dass es serh viele Menschen gibt, die noch nie mit dem, was wir arroganterweise unter "Hochkultur" verstehen, wirklich will sagen direkt konfrontiert worden sind udn statt dessen mit Dingen zugemüllt werden, die selbst der unarroganteste Beobachter nciht als förderlich ansehen kann.
Meine persönlichen Erfahrungen zeigen, dass Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene Menschen und Medien brauchen, die ihnen zu "Aha"-Erlebnissen mit anderen Kulturformen z.B. der Oper verhelfen.
Die Empfänglichkeit für die erfahrung dieser Art von Schönheit ist da, aber sie muss geweckt werden und wird leider oft im Gegenteil zugeschûttet. Ich habe schon vollkommenen ungebildetete und "unbeleckte" Menschen bei der ersten Konfrontation mit klassischer Musik bzw Oper tief ergriffen und weinen sehen- das sind echte Sternstunden, die immer wieder die unvergänglche Macht dieses Mediums über Zeiten und Gesellschaftsschichten hinweg zeigen. Solche Erlebnisse, die grosse emotionale Umwälzungen nach sich ziehen kônnen, zu subventionieren, halte ich fûr ausserordentlch sinnvoll- egal ob im Kindergarten in der Schule oder sonstwo. Und egal ob mit Oper, Theater, Lyrik oder was auch immer.

Eine Freundin hat neulich mit ihrer Gesangsklasse ein Konzert in einem Gefängnis gegeben. Auf dem Programm waren Opernarien/Duette und Kunstlied. "Hochkultur" für BMW-Fahrer. Die Gefangneen hatten zum überwiegenden Teil keinerlei Erfahrung mit diesem Genre und waren so ergriffen und aufgewühlt und dankbar, dass eine baldige Wiederholung geplant ist. Leider alles Privatinitiative und keinen Centime subventioniert.........


F.Q.
ab (23.11.2010, 10:15):
Original von Gamaheh

4. Kein Mensch spricht davon, Kultur nicht mehr zu produzieren. Es geht darum, daß sie nicht von Staats wegen produziert werden muß. – wo ist da das Problem?


Was soll das heißen?

Staatsopern sollten abgeschaft werden und in andere marktwirschaftliche Rechtsformen übergeführt werden??

Oder aber: Die Oper als Instut sollte grundsätzlich unsubventioniert über die Runden kommen??

Oder bloß: Opernprogramatik sollen unabhängig von Kulturdezernent werden/sein?? (was sie wohl überall sind...)
Verallgemeinert und kulturpolitisch gesproche: Über Subventionen sollen grundsätzlich nicht Beamten entscheiden.



Mir scheint, Du könntest womöglich so etwas im Sinn habe wie: Bevor man Geld in die Oper steckt, sollte man wichtigere Dinge subventionieren, vor allem Kluturbildung in der Schule.

Worum geht es Dir also, um mitreden zu können, Danke!


(Eine Diskussion im Lichte der ersten beiden Fragen erinnert mich irgendwie das an die Diskussion über die Unversitäten, wo es dann heißt, exotische Institute wie Numismatik oder Philosophie sollen abgeschafft werden oder, wie ein Österreichsicher Politiker einmal sagte: "Sinologie ist doch völlig am Markt vorbei."(und das, als bereits das Erstarken der Wirtschaftsmacht China im vollen Gange war!) Es sei bloß die Arroganz des bildungsbeflissenen Kleinwissenschaftler, der seine Pfründe sichern will.
Das Beispiel der Sinologie erwähne ich deshalb gerne, weil es ähnlich wie die Islamwissenschaft zeigt, dass unerwartete Ereignisse wie zB 09/11 ganz neue Bedürfnisse erwecken kann, und ein Fach, dass als völlig unwichtig (von Dezernenten, den Medien oder der Bevölkerung) bewertet wurde, plötzlich händeringend Experten zur Verfügung stellen soll.)
ab (23.11.2010, 10:40):
Original von Fairy Queen

Was die angebliche Arroganz des deutschen Kleinbürgertums im Klassikforum angeht, ...

Ich bitte ganz herzlich darum, hier rein zur Sache beizutrage und mit rethorischen Kunstgriffen sparsam umzugehen. :thanks

Seit ich gestern diesen Faden gelesen habe, hat mich - mich selbst völlig überraschend - eine Unruhe erfasst. Dieses Thema ist ein sehr tiefgehendes, es berührt mich unmittelbar und ungewohnt unangenehm, wohl weil es ganz eng damit zu tun hat, was mir existenziell wertvoll und wichtig ist, von dem ich mir wünschte, dass vielen anderen, die keine solchen Erfahrungen haben, auch so ginge. Ich hatte mir dazu bislang keine großen Gedanken gemacht - und darum bin ich dankbar für jeden weiteren Aspekt, auf den ich bislang selbst nicht kommen würde und er die Sache anders beleuchten könnte. Das geht aber i.d.R. nur, wenn hier jeder seine Gedanken frei äußern kann, ohne ein Argumentum ad hominem befürchten zu müssen.

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Rideamus (23.11.2010, 11:27):
Original von ab
Ich ... bin dankbar für jeden weiteren Aspekt, auf den ich bislang selbst nicht kommen würde und er die Sache anders beleuchten könnte.

Vielleicht gehört auch dieser Aspekt dazu, der den Aspekt Geld in ganz anderer Weise beleuchtet.

Ich habe die Zeit zwar nicht mit Bewusstsein erlebt, aber es ist allgemein bekannt, wie begierig das Publikum, und nicht nur in Wien oder München, in der Zeit nach dem Kriege, als es massenhaft Überlebenswichtigeres gab, auf Theater allgemein und Oper im Besonderen war. So begierig, dass man kostbare Kohlen mitbrachte um an Aufführungen teilnehmen zu können. Tut man das für ein als solches empfundenes Luxusgut?

Ähnliches gab es in den sogenannten sozialistischen Gesellschaften zu beobachten, wo das vermeintlich schlichte Volk, das von Hochkultur keine Ahnung hat, zum dankbarsten Opernpublikum gehörte.

Vielleicht ist das Interesse an der sogenannten Hochkultur gar nicht primär eine Frage des (mangelnden) Geldes, sondern ein Opfer schlichter gestrickter Alternativen. Mit anderen Worten: uns geht es in der Mehrheit zu gut um uns anstrengen zu wollen oder gar zu müssen. Warum in die Oper gehen, wenn man sich in einem Popkonzert viel leichter und noch viel mehr im Wortsinn erschüttern lassen und dann noch in seiner Peer Group punkten kann?

Ist die Tatsache, dass über 90% der Bevölkerung keinen aktiven Sport betreiben, ein Grund, diesen nicht zu fördern? Natürlich hat auch der Gedanke seine Berechtigung, dass z. B der Fußball dank seiner Popularität wohl keine Steuerprivilegien braucht. Ebenso wenig muss man unbedingt überteuertes Startheater finanzieren, das ja nur wegen der subventionierten Nachfrage in diese Dimensionen vordringen konnte. Das aber gab es schon, bevor sich die Kultusbürokratie des Themas bemächtigte.

Man sieht: einfache Antworten können nur falsch sein. ABs HInweis darauf, dass auch vermeintliche Rnddisziplinen Moden und gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen sind, sollte nicht überlesen werden. Jedenfalls ist es aber geradezu selbstmörderisch für die Mitglieder eines Klassikforums, sich darauf einzulassen, dss verschiedene Kultursparten gegeneinander ausgespielt werden. Wir brauchen nicht mehr Bildung und weniger Kultursubvention, sondern beides. Und wir können es uns auch leisten, wenn wir die Prioritäten kultivierter setzen. Selbst in Berlin sind nicht drei Opernhäuser das eigentliche Problem, sondern die massenhafte Verschwendung in ganz anderen, zum Kern des Politischen gehörenden Bereichen über Jahrzehnte hinweg.

:hello Rideamus
Fairy Queen (23.11.2010, 11:30):
Lieber Ab, ich habe mich leider von Gamamehs diesbezüglicher Bemerkung provozieren lassen, aber Du hast Recht: das Thema ist zu wichtig und betrfift auch mich viel zu persönlich, um jenseits der sachlichen Ebene damit schon im Vorfeld Streit zu riskieren.
Der Barricco Artikel bedient sich der komplexen Sprache (inclusive Pointen) eines Dichters und ist nicht leicht zu verstehen, wenn man nicht sehr geübt im italiensich lesen ist. Ich werde dazu mehr als eine ruhige Minute brauchen.
Bis dahin :engel
schwarzehand (23.11.2010, 11:41):
Original von Gamaheh
3. Unter jungen Leuten in Wien mag das anders sein (und ist es auch nach allem, was ich gehört habe), aber z.B. in Hamburg ist es unter jungen Leuten nicht „cool“, in die Oper oder ins klassische Konzert zu gehen, und wer das tut, ist eher ein Außenseiter. Da gibt man lieber erheblich mehr Geld für Konzerte einer anderen Kultursparte aus.

Am Sonntag war ich in der Frankfurter Walküre. Und obwohl dieses Werk sicherlich nicht als sogenannte "Einstiegsoper" gilt, waren wirklich alle Altersschichten vertreten - von circa 15 Jahre alten Schülern bis hin zu Leuten, die noch mit Richard Wagner gemeinsam die Schulbank gedrückt haben. :wink

Ich selbst kam höchst zufällig mit erst 25 Jahren zur Oper. Und ich gestehe: ich wäre nie dazu gekommen, wenn ich nicht extrem ermäßigte Karten bekommen hätte. Seither bin ich regelmäßiger Gast und konnte etliche meiner Freunde, die bis dahin ebenfalls nie mit Oper oder klassischer Musik i.A. in Berührung kamen, dafür begeistern.

Meiner Meinung nach kann man Zuschauer-Nachwuchs am Besten dadurch generieren, indem man die Eintritts-Hemmschwelle so niedrig wie möglich hält. Und das geht nur über den Preis. Niemand wird bereit sein, für ein Experiment ("Gefällt mir Oper überhaupt?", "Gefällt mir ein klassisches Konzert?") einen hohen zwei- oder dreistelligen Betrag aufs Spiel zu setzen. Es geht ja auch niemand für 80 Euro in ein Fußballstadion, der nie zuvor ein Fußballspiel gesehen hat... Und die meisten Opernhäuser, die ich kenne, halten ein breites Sortiment an Ermäßigungen parat. In Frankfurt beispielsweise ist der günstigste Platz (aber immer noch mit Sicht auf die Bühne, keine Hörplätze oder ähnliches) immer noch preiswerter als jeder durchschnittliche Kinobesuch. Das Problem ist nur: kaum jemand weiß das! Ich erlebe immer wieder, wie erstaunt viele Freunde und Bekannte reagieren, wenn man dies erzählt. Scheinbar gilt "Oper an sich" immer noch als elitär und vor allem extrem teuer. Vielleicht sollte hier das Marketing gezielter ansetzen?
ab (23.11.2010, 11:55):
Original von Rideamus
Selbst in Berlin sind nicht drei Opernhäuser das eigentliche Problem, sondern die massenhafte Verschwendung in ganz anderen, zum Kern des Politischen gehörenden Bereichen über Jahrzehnte hinweg.


Na ja, es gibt schon auch intern massenhaft Verschwendunge und Ungleichgewichte, also sinnvolles Einsparungspotenzial.

Auch geht die Schere intern auf zwischen hochbezahlten Stars und dreist gering abgespeisten Musikern, (wohingegen schwarz Arbeitende in s.g. minderwärtigen Jobs mehr in der Tasche bleibt). Nicht zuletzt sind Quersubventionierungen anzuprangern: Bei einem Gastkonzert eines ganzen Orchesters bekommt oft der Klangköprer mit an die 100 Künstler weniger an Honorar als die örtliche Betreibergesellschaft, die bloß den Saal zur Verfügung stellt.
:S
Severina (23.11.2010, 15:42):
Ich fürchte, wenn Kultur nicht mehr staatlich subventioniert wird, sondern nur der Privatinitiative überlassen bleibt, gefährdet das auch die Feiheit der Kunst.
Denn wenn ich mit meinem Geld ein Kunstprojekt finanziere, dann natürlich eines, das meinem Geschmack entspricht, und dass der Geschmack der Leute mit genügend Kleingeld in der Tasche eher konservativ ist (was natürlich nicht für ALLE gilt!), sieht man ja z.B. an der MET. Das heißt, dass Sperriges, Unbequemes, allzu Kritisches oder auch nur Ungewohntes nur schwer seinen Weg auf die Bühne fände. (Wobei mir klar ist, dass gerade das viele in Jubel ausbrechen ließe, die ohnehin der Meinung sind, dass solche "Perversitäten" wie z.B. eine Bieito-Inszenierung verboten gehörten. Das Verbot würde sich dann wahrscheinlich erübrigen....) Aber auch bei uns ist es so, dass man in diesen wirtschaftlich nicht so rosigen Zeiten Konzerne nicht leicht dazu bringt, Projekte zu finanzieren, die nicht "massentauglich" sind, also einen geringeren PR-Wert besitzen. Den der Sponsor lässt sein Geld ja nicht (immer) aus Liebe zur Kunst springen, sondern weil er sich einen Gegenwert erhofft.

lg SEverina :hello
Fairy Queen (23.11.2010, 16:30):
Ich nenne jetzt mal als weitere Diskussionsgrundlage paraphrasierend die Argumente, die Alessandro Baricco als urpsprüngliche Motive, warum Kultur subventioniert wurde/wird, anführt und die seiner Ansicht nach heute in Teilen überholt sind und neu bewertet werden müssen:

1. der Zugang zur Kultur muss einem möglichst breiten Spektrum aller Bevölkerungsschichten offenstehen und darf nicht von sozialer Herkunft und Geldbeutel abhängen

2. einige Sparten der Kultur (er nennt hier z.B. Theater, Oper, Poesie, zeitgenössische Musik) können auf dem freien Markt ohne Subventionen nciht überleben, sind aber erhaltenswert und ershcienen unverzichtbar, um das kulturelle Erbe zu sichern

3.die Notwendigkeit moderner Demokratien informierte und gebildete Staatsbürger zu erziehen, die mit moralischen Prinzipien und kulturellem Bewusstsein ausgestattet sind. Die Demokratie kann sich nur selbst erhalten, wenn diese Bedingungen erfüllt sind- was nach Baricco schn die alten Griechen wussten und was nach den beiden Weltkriegen besonders evident wurde.


Das letzte Argument ist natürlich angesichts der Volksverdummung durch die Medien im heutigen Italien besonders interessant......


Die beiden ersten Argumente haben nach Baricco an Gültigkeit verloren: er führt die Globalisierung von informationen durch die Medien udn das "age of mass intelligence" an. Der grundsätzliche Zugang zu wissen und zu kulturellen Gütern sei heute offen und müsse nciht vom Staat subventioniert werden.
Zum zweiten Punkt meint er u.A., dass trotz riesiger Subventionen Oper, Theater und andere Hochkulturstätten eher stagnieren als sich weiterentwicklen während der nciht staatlcih subventionierte Markt sich selbst reguliert und boomt. Das sei vollkommen unlogisch und absurd.


Dazu lâsst sich eine Menge sagen.


Baricco plâdiert jedenfalls grundsätzlich dafür, in Zeiten von Sparmassnahmen eher dafür zu sorgen, dass es in absehbarer Zeit überhaupt noch nachwachsende Generationen gibt, die etwas mit den Kulturgütern anfangen kônnen und Gelder in deren Bildung und in Schulen als "tote" Hochkultur zu subventionieren. Das Fernsehen als massenmedium müsse unbedingt qualitativ hochwertiger gestaltet sein, um alle Bevölkerungsschichten kulturell aufzuklâren und zu informieren
Ich finde den Artikel serh interessant und gut geschrieben, allerdings frage ich mich auch, ob man italienische Verhältnisse so einfach 1 zu 1 übertragen kann. ?(


F.Q.
Severina (23.11.2010, 16:50):
Liebe Fairy,
bescheidene Frage: Wenn B. die Hochkultur für tot erklärt und also nicht subventioniert werden soll, für welche Art von Kultur sollen dann die nachfolgenden Generationen erzogen werden? Für den Musikantenstadel???

Punkt 1 hat sich sicher überlebt, Punkt 2 in meinen Augen nicht (Siehe mein letzter Beitrag) und Punkt 3 geht völlig an der Realität vorbei. Gerade das Fernsehen (zumindest der ORF) schielt nur auf Quoten, die man aber nur mit massentauglichen und anspruchslosen Programmen erzielen kann. Da Fernsehanstalten profitorientierte Unternehmen sind, die dem Gesetzen des Marktes folgen, wird sich daran auch kaum etwas ändern. Der ORF hat z.B. einen gesetzlich verankerten Bildungsauftrag, der aber das Papier nicht wert ist, auf dem es geschrieben steht. Gäbe es nicht ARTE, 3-Sat, Phönix, und den ZDF-Theaterkanal, hätte ich meinen Fernseher längst abgemeldet. Ehrlich gesagt verwende ich mein TV-Gerät zu 90% als Bildschirm für meine DVDs......

lg Severina :hello
schwarzehand (23.11.2010, 17:18):
Original von Severina
Gäbe es nicht ARTE, 3-Sat, Phönix, und den ZDF-Theaterkanal, hätte ich meinen Fernseher längst abgemeldet.
Aber das ist doch schon mal was! Ich finde, ehrlich gesagt, das Angebot im deutschsprachigen Raum gar nicht so schlecht. Sicher, man muss es genau suchen, meist findet sowas versteckt im Nachtprogramm statt, aber immerhin: man wird noch fündig. Und 3sat bzw. arte bringen ja auch sogar ab und zu mal eine Live-Übertragung einer Oper bzw. eines Konzertes, was mit recht hohen Kosten verbunden sein dürfte. Von den Radio-Stationen ganz zu schweigen: da gibt es etliche Klassik-Sender, die man - dem Internet sei Dank - inzwischen auch überall und rund um die Uhr empfangen kann.
Severina (23.11.2010, 17:52):
Liebe Schwarzehand,

schon richtig, aber was mich so ärgert, dass ich an den ORF Gebühren zahlen muss, obwohl ich nahezu keine Gegenleistung von ihm bekomme! Ich fände es nur richtig, wenn mein Geld bei den Kanälen landen würde, die etwas für mich tun.

Aber TV und Kultur wäre ein eigenes Thema, über das ich mich stundenlang schwarz ärgern könnte. :cool

lg Severina :hello
Bert (23.11.2010, 19:06):
Beim Lesen einiger Beiträge entsteht in mir der Eindruck, daß der Begriff Kultur (präzisiert als Hochkultur) auf die Oper beschränkt wird ...
Mag die Oper zu den anspruchsvolleren (sowohl in der Produktion als auch beim Konsum) kulturellen Gattungen gehören, so sehe ich als Kultur, und in dieser Diskussion explizit subventionswürdige Kultur, die ganze Palette kulturellen Lebens (Bücher, Theater, Konzert, Tanz, Malerei, Architektur ...). Von daher wehre ich mich dagegen, das kulturelle Niveau unserer Gesellschaft an den Besucherzahlen im Opernhaus zu messen. Die Oper ist eine Gattung für sich, die ihren "festen" Interessentenkreis hat; und selbst die meisten Opernliebhaber hocken nicht täglich im Opernhaus.

Wenn wir das kulturelle Niveau unserer Gesellschaft und ihr Interesse an der klassischen Kultur (hier kann man der Präzision wegen ruhig auch den Begriff Hochkultur anwenden) messen wollen, so sollten wir unseren Blickwinkel auf die anderen kulturellen Komponenten erweitern und ihre Gesamtheit betrachten.
Wenn jemand keinen Zugang zur Oper findet, so ist es keineswegs tragisch; dann hat er eben mehr Zeit, Bücher zu lesen, Vernissagen zu besuchen oder ins Puppentheater zu gehen ...

Welche "Kultur" wir hier hätten, wenn die Subventionen gestrichen wären, kann man bei den privaten TV-Sendern sehen: Soap-Opera, unterbrochen im 10minütigen Takt durch Kartoffelchip-Werbung ...


Original von Severina

Aber TV und Kultur wäre ein eigenes Thema, über das ich mich stundenlang schwarz ärgern könnte.

Bei TV sind Quoten angesagt ...

Gruß, Bert
Heike (23.11.2010, 19:28):
Erstmal danke an Fairy fürs Übersetzen bzw. Zusammenfassen des Beitrags von Baricco (von mir als italienisch- Unkundiger)!

Von daher wehre ich mich dagegen, das kulturelle Niveau unserer Gesellschaft an den Besucherzahlen im Opernhaus zu messen.
Sicherlich richtig, aber so gering sind die Zahlen gar nicht!! Für Berlin habe ich die Zahlen von 2009 mal gegoogelt (ohne auswärtige Gastspiele und ohne Open Air Veranstaltunen; zu letzteren kamen im Sommer zu "Staatsoper auf dem Bebelplatz" zusätzlich 53.000 Menschen - man kann annehmen deshalb, weil es kostenfrei angeboten wurde!):

1. Staatsoper: 244.861 Besucher in insgesamt 288 Veranstaltungen
2. Deutsche Oper: 229.000 Besucher zu insgesamt 221 Veranstaltungen
3. Komische Oper: 183.316 Besucher in 258 Veranstaltungen
Dazu kommen 120.365 Zuschauer in 105 Vorstellungen des Staatsballetts in Staatsoper oder DOB.

Macht Summa summarum 947 722 Besucher.
Nun weiß man, dass es Mehrfachbesucher und einmalige Besucher oder Touristen gibt. Ich nehme mal eine sehr hochgegriffene Zahl von durchschnittlich 10 Besuchen je Person an, selbst dann käme ich auf fast 100.000 Menschen, die in den Genuss eines solchen Kulturerlebnisses kamen.
Heike
Bert (23.11.2010, 20:10):
Hallo Heike,

erlaube mir ein Häppchen Sarkasmus:

Nachricht 1: Die Berliner Opernhäuser durften im letzten Jahr eine knappe Million Besucher begrüßen ...

Nachricht 2: Die Einschaltquoten der Sendung "Wetten daß" erreichten letzten Sonnabend 23,7 Mio Zuschauer ... (Bem.: diese Zahl habe ich mir ausgedacht)

Ich könnte weinen, weiß jedoch, daß ich diese Million Opernbesucher als positives Zeichen nehmen muß, daß die deutsche Kultur noch nicht am Boden liegt; noch kann sie aufstehen, noch ist da etwas zu retten ... (ich bin optimistisch)

Gruß, Bert
Heike (23.11.2010, 20:44):
Naja, obwohl mir die message deiner Aussage klar ist und sie in der Tendenz sicher auch stimmt: Methodisch hinkt der Vergleich gewaltig:
Medium A (Berliner Opernhäuser): regional und zudem je Vorstellung kapazitätsbegrenzt.
Medium B (TV): überregional und einer unbegrenzten Zuschauerzahl zugänglich.

Insoweit muss deine Trauer vielleicht nicht ganz so riesig groß sein :beer
Heike
Cetay (inaktiv) (29.11.2010, 14:31):
Mir kommt bei dieser Diskussion nicht deutlich genug heraus, dass staatliche Subventionen -direkt oder indirekt- aus Steuermitteln finanziert werden, die jeder (ehrlich arbeitende) von uns aufbringt. Und das berechtigt erst mal jeden zu fragen: Warum soll ich für das elitäre und teure Vergnügen von ein paar Opernfans bezahlen? Laut einer Studie (die findet jeder selbst, der sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen will) gehen 90% der Bevölkerung höchstens einmal pro Jahr bis niemals in die Oper. Woher nehmen die verbleibenden 10% Prozent das Recht, zu sagen, ihr Hobby sei förderungswürdiger als z.B. ein Rockkonzert. Was mir hier völlig fehlt, sind objektive Kriterien, anhand denen ich entscheiden kann, was zur förderungswürdigen (Hoch-)Kultur gehört und was nicht. Was mir hier ebenso fehlt, sind Kriterien, anhand denen festgelegt wird, wer zu diesen Zirkeln gehören darf und letztlich zur Entscheidung über die staatliche Förderung befähigt ist. Hochkultur umfasst die von meinungsbestimmenden Eliten genutzten, als besonders wertvoll akzeptierten Kulturleistungen – im Gegensatz zu Alltagskultur, Massenkultur, Volkskultur oder Populärkultur (Wiki). Dass ebendiese meinungsbestimmenden Eliten über Födermittel entscheiden, schmeckt für mich recht schal (nach Selbstbedienungsmentalität).

Ich sage deswegen Nein zur staatlichen Förderung von Hochkulturprojekten, weil sie völlig willkürlich ist. Wer auf die gemeine, TV-konsumierende Mehrheit herabsehen will, darf das tun; ich sehe ganz unverhohlen mit. Ich will aber aus dem Stumpfsinn des grauen Gesellschaftschleims nicht das Recht ableiten, deren Geld zu nehmen, um meine hohen Ansprüche zu finanzieren. Wer Opern sehen will, soll den reelen Gegenwert bezahlen, dann wird sich schnell zeigen, wieviel das den Hochkulturkonsumenten wirklich wert ist. (Unter den 10% Opernfreunden finden sich überproportional viele Hochgebildete und damit wahrscheinlich viele entsprechend Betuchte, die sich die 186,10€ eigentlich locker leisten können.) Sollten die Säle leer bleiben, weil niemand bereit ist, selbst das zu fördern, was er für förderungswürdig erachtet, darf sich hinterher niemand beklagen - und wieder dreist nach den Geldbeuteln derer schielen, die sich nun mal mehr für Populärkultur interessieren. Natürlich, nicht alle Operfreunde haben viel Geld, aber warum sollen sie "auf Kosten der Allgemeinheit" für 3€ in Aida dürfen, während der arbeitslose Rockmusikliebhaber beim Iron Maiden Konzert draussen bleiben muss, weil hier harte marktwirtschaftliche Kriterien gelten und von jedem unhabhängig von seinen Sozialverhältnissen 75 Euronen zu entrichten sind? Dass eine 10%-Minderheit sagt, dass sie kulturell Bedeutendes konsumieren und die restlichen 90% ihren Dreck selbst bezahlen sollen, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. (Nur am Rande: der arbeitslose Iron Maiden-Fan wird trotzdem hingehen, weil er seine Kultur so sehr liebt, dass er zur Not einen Monat bei Kälte von Wasser und Brot lebt, um sich das leisten zu können. Mag er in den Augen der Eliten kein Kenner sein, so ist er doch Liebhaber auf eine Weise, wie es sich viele der subentionsverwöhnten Kulturkonsumenten kaum vorstellen können.)
Wooster (29.11.2010, 15:49):
Original von Cetay
Mir kommt bei dieser Diskussion nicht deutlich genug heraus, dass staatliche Subventionen -direkt oder indirekt- aus Steuermitteln finanziert werden, die jeder (ehrlich arbeitende) von uns aufbringt. Und das berechtigt erst mal jeden zu fragen: Warum soll ich für das elitäre und teure Vergnügen von ein paar Opernfans bezahlen? Laut einer Studie (die findet jeder selbst, der sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen will) gehen 90% der Bevölkerung höchstens einmal pro Jahr bis niemals in die Oper. Woher nehmen die verbleibenden 10% Prozent das Recht, zu sagen, ihr Hobby sei förderungswürdiger als z.B. ein Rockkonzert. Was mir hier völlig fehlt, sind objektive Kriterien, anhand denen ich entscheiden kann, was zur förderungswürdigen (Hoch-)Kultur gehört und was nicht.


Was für Kritierien würdest Du denn akzeptieren? Es gibt selbstverständlich vielerlei, nicht zuletzt historische Gründe und Ursachen dafür, welche Art Kultur öffentlich gefördert wird (und welche nicht)
Außerdem scheinst Du bei Steuern und Subventionen etwas mißverstanden zu haben. Die Pointe bei Steuern ist eben, dass sie nach Einkünften erhoben werden, nicht nach dem unmittelbaren Nutzen für den jeweiligen Steuerzahler. Auch wer keine Kinder und kein Auto hat, wer gegen Militäreinsätze am Hindukusch oder gegen die Kernkraft ist, muss oder musste akzeptieren, dass seine Steuern dafür ausgegeben werden.
Subventionen sind nun beinahe dadurch definiert, dass nicht jeder etwas davon hat. Weder wird für mich die Milch noch der Strom billiger, weil entsprechende Subventionen fließen. Ich wurde auch nicht gefragt, ob Pleitebankster mein Geld kriegen sollen, um sich alsbald wieder fette Boni zu genehmigen. usw. usw. Der Unterschied bei der Kultur ist, dass hier der Begriff Subvention gar nicht angebracht ist, weil es bei Kultur, anders als beim Weizenanbau oder Kraftwerkbetrieb nicht um typische Wirtschaftsbetriebe geht, die sich auch "unsubventioniert" halten könnten. Es geht, wie bei Schulen, Universitäten, Museeen usw. um öffentliche Förderung eines Guts, dass wir eben nicht dem Markt überlassen wollen (und das in der Geschichte auch sehr selten marktförmig funktioniert hat). Übrigens wären die steuerliche Absetzbarkeit von Spenden, wie sie etwa in USA herrscht, selbstverständlich ebenfalls eine "Subvention" von Oper und Theater, nur eben etwas anders organisiert.


Ich sage deswegen Nein zur staatlichen Förderung von Hochkulturprojekten, weil sie völlig willkürlich ist. Wer auf die gemeine, TV-konsumierende Mehrheit herabsehen will, darf das tun; ich sehe ganz unverhohlen mit. Ich will aber aus dem Stumpfsinn des grauen Gesellschaftschleims nicht das Recht ableiten, deren Geld zu nehmen, um meine hohen Ansprüche zu finanzieren. Wer Opern sehen will, soll den reelen Gegenwert bezahlen, dann wird sich schnell zeigen, wieviel das den Hochkulturkonsumenten wirklich wert ist. (Unter den 10% Opernfreunden finden sich überproportional viele Hochgebildete und damit wahrscheinlich viele entsprechend Betuchte, die sich die 186,10€ eigentlich locker leisten können.)


Die entsprechend Betuchten zahlen in einem funktionierenden Steuersystem auch entsprechend mehr Steuern.


Sollten die Säle leer bleiben, weil niemand bereit ist, selbst das zu fördern, was er für förderungswürdig erachtet, darf sich hinterher niemand beklagen - und wieder dreist nach den Geldbeuteln derer schielen, die sich nun mal mehr für Populärkultur interessieren. Natürlich, nicht alle Operfreunde haben viel Geld, aber warum sollen sie "auf Kosten der Allgemeinheit" für 3€ in Aida dürfen, während der arbeitslose Rockmusikliebhaber beim Iron Maiden Konzert draussen bleiben muss, weil hier harte marktwirtschaftliche Kriterien gelten und von jedem unhabhängig von seinen Sozialverhältnissen 75 Euronen zu entrichten sind? Dass eine 10%-Minderheit sagt, dass sie kulturell Bedeutendes konsumieren und die restlichen 90% ihren Dreck selbst bezahlen sollen, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Es ist ein falsches Bild, wenn man nahelegt, es würde eine Elite auf geheime Art und Weise etwas auskungeln, um sich zu bereichern oder ihr eigenes Vergnügen staatlich gefördert zu erhalten (Allerdings funktionieren große Teile der "freien Wirtschaft" vom kölschen Müllverbrennungsklüngel über die Atom- und Pharma-Industrie, Stuttgart 21 u.a. Bauvorhaben bis hin zur "Bankenrettung" exakt mittels solcher Kungelei, nur dass die involvierten Summen um ein Vielfaches höher sind.)
Es handelt sich um über Jahrzehnte oder noch länger gewachsene Strukturen (und übrigens auch Arbeitsplätze, deren Erhalt doch sonst Waffenexport und alles mögliche rechtfertigt), die niemals darauf angelegt waren, "sich zu rechnen". Hochkultur hat sich noch nie in der Geschichte der Menschheit direkt gerechnet. Der Unterschied zu früher ist u.a. der, dass die öffentliche Finanzierung gewährleisten soll, dass der Opern-, Museums-, Theaterbesuch eben nicht mehr einer kleinen Minderheit vorbehalten bleibt. Während seinerzeit die Bauernburschen als Söldner verkauft wurden, wenn der Fürst eine neue Diva an seine Oper holen wollte, können sie heute selbst in die Oper gehen.

Dass die gegenwärtige Situation "der Weisheit letzter Schluß" sei, glaube ich auch nicht. Aber das Ziel sollte doch eher sein, dass, insofern das nicht der Fall ist, die bestehenden Institutionen besser ausgelastet und von breiteren Schichten genutzt würden, anstatt aus der ungleich verteilten Nutzung zu folgern, sie abzuschaffen. Denn man sollte sich hier nichts vormachen. Ohne irgendeine Art von öffentlicher Förderung läuft Oper heute nirgendwo und lief sie in ihrer Geschichte so gut wie nie. Händels Operngesellschaften waren zum einen historisch eine Ausnahme, zweitens ging er zweimal Pleite und drittens waren sie von vornherein nur möglich, weil der Adel und einige reiche Bürger entsprechendes Geld hatten; wir sind zwar auf dem besten Weg zurück zu ähnlicher Vermögens- und Einflußverteilung, aber da will wohl keiner von uns wirklich wieder hin.

viele Grüße

Wooster
Jürgen (29.11.2010, 16:52):
Original von Cetay
Warum soll ich für das elitäre und teure Vergnügen von ein paar Opernfans bezahlen?


Ob der Besuch(er) einer Oper elitär ist, wurde schon in manchem Forum bis zum Erbrechen diskutiert. M.E. ohne greifbarem Ergebnis.

Vielleicht sollte wir das hier auch mal aufgreifen? :D

Grüße
Jürgen
ab (29.11.2010, 18:22):
Original von Cetay
Mir kommt bei dieser Diskussion nicht deutlich genug heraus, dass staatliche Subventionen -direkt oder indirekt- aus Steuermitteln finanziert werden, die jeder (ehrlich arbeitende) von uns aufbringt. Und das berechtigt erst mal jeden zu fragen: Warum soll ich für das elitäre und teure Vergnügen von ein paar Opernfans bezahlen?

Wie schon oben gesagt: Es geht ja nicht um die Bezuschussung von Publikum, sondern um die Realisierung von Kulturprojekten. Das Wertvolle ist doch das Kulturprojekt, nicht aber ein Sitzplatz.

Wenn Herr Hinz und Frau Kunz und mit ihr 90 % der Bevölkerung die Oper nicht besucht, dann ist das ihre Entscheidung. Wenn die Aufführung aber nicht stattfindet, dann gibt es nichts, wozu oder wogegen man sich entscheiden könnte.

Ferner: Der Vergleich zwischen Rockkonzert und Oper hinkt: Bei Iron Maiden stehen bedeutend weniger Musiker und Crew auf der Bühne und muss auch kein ganzes Haus erhalten werden; keine Ahnung warum eine Karte dennoch so teuer sein muss. Und für jene, die die Ironie des letzten Satzes nicht erfassen sollte, genauer gesagt: Kapitalismus ist nunmal etwas anders als Kultur.
EinTon (29.11.2010, 18:54):
Original von Cetay
M
Ich sage deswegen Nein zur staatlichen Förderung von Hochkulturprojekten, weil sie völlig willkürlich ist. Wer auf die gemeine, TV-konsumierende Mehrheit herabsehen will, darf das tun; ich sehe ganz unverhohlen mit. Ich will aber aus dem Stumpfsinn des grauen Gesellschaftschleims nicht das Recht ableiten, deren Geld zu nehmen, um meine hohen Ansprüche zu finanzieren. Wer Opern sehen will, soll den reelen Gegenwert bezahlen, dann wird sich schnell zeigen, wieviel das den Hochkulturkonsumenten wirklich wert ist. (Unter den 10% Opernfreunden finden sich überproportional viele Hochgebildete und damit wahrscheinlich viele entsprechend Betuchte, die sich die 186,10€ eigentlich locker leisten können.) Sollten die Säle leer bleiben, weil niemand bereit ist, selbst das zu fördern, was er für förderungswürdig erachtet, darf sich hinterher niemand beklagen - und wieder dreist nach den Geldbeuteln derer schielen, die sich nun mal mehr für Populärkultur interessieren.

Eine in sich stimmige und durchaus legitime Position (ganz unironisch gemeint!)

Du musst halt mitbedenken, dass solche Musik wie von Xenakis, Boulez oder Feldman (wie Du sie ja gerne magst), dann in Zukunft aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr gespielt oder aufgeführt (und auch nicht aufgenommen wird), denn das ist im Gegensatz zu populären Opern erst recht Minderheitenmusik! Uraufführungen und Neuaufnahmen von Neukompositionen in diesem Bereich (wie zB jüngst auf den Donaueschinger Musiktagen) wären erst recht nicht mehr zu verwirklichen...


Insgesamt würde ohne öffentliche Förderungen unser Kulturleben deutlich ärmer werden, zumal dann zB auch öffentlich-rechtliche Sender wie Arte wegfielen - da gäbe es dann nur noch RTL & Co, und im Radio Mainstreampop und "Klassikradio" ;) - (Wobei es freilich eine üble Tatsache ist, dass die Öffentlich-Rechtlichen Sender sich ungeachtet ihrer Förderung aus dem "Kulturtopf"v da immer mehr den privaten angleichen, obwohl sie doch eigentlich "nichtkapitalistisch" arbeiten sollten...)

Du musst Dich halt fragen, ob Du das willst...

MFG,

Normann
Cetay (inaktiv) (29.11.2010, 19:03):
Original von Wooster
Original von Cetay
Mir kommt bei dieser Diskussion nicht deutlich genug heraus, dass staatliche Subventionen -direkt oder indirekt- aus Steuermitteln finanziert werden, die jeder (ehrlich arbeitende) von uns aufbringt. Und das berechtigt erst mal jeden zu fragen: Warum soll ich für das elitäre und teure Vergnügen von ein paar Opernfans bezahlen? Laut einer Studie (die findet jeder selbst, der sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen will) gehen 90% der Bevölkerung höchstens einmal pro Jahr bis niemals in die Oper. Woher nehmen die verbleibenden 10% Prozent das Recht, zu sagen, ihr Hobby sei förderungswürdiger als z.B. ein Rockkonzert. Was mir hier völlig fehlt, sind objektive Kriterien, anhand denen ich entscheiden kann, was zur förderungswürdigen (Hoch-)Kultur gehört und was nicht.

Was für Kritierien würdest Du denn akzeptieren? Es gibt selbstverständlich vielerlei, nicht zuletzt historische Gründe und Ursachen dafür, welche Art Kultur öffentlich gefördert wird (und welche nicht)


Touché! Damit sind wir an dem Punkt, an die ganze Diskussion beginnnen müsste. Im Moment ist das für mich völlig undurchsichtig. Historische Gründe zählen nur bedingt, weil damit sämtliche Gegenwartskultur, die nicht in das historische Raster passt, durchfällt und damit zukunftsgerichtete Kultur nie in den hohen Rang aufsteigen kann. Und bei der historischen Auswahl wird m.E. nach einem fragwürdigen Kanon verfahren, da die zu allen Zeiten präsente Gegenkultur fast völlig unterschlagen wird, obwohl sie oft dem Hauptstrom die entscheidenden Impulse gegeben hat.

Original von Wooster

Außerdem scheinst Du bei Steuern und Subventionen etwas mißverstanden zu haben. Die Pointe bei Steuern ist eben, dass sie nach Einkünften erhoben werden, nicht nach dem unmittelbaren Nutzen für den jeweiligen Steuerzahler. Auch wer keine Kinder und kein Auto hat, wer gegen Militäreinsätze am Hindukusch oder gegen die Kernkraft ist, muss oder musste akzeptieren, dass seine Steuern dafür ausgegeben werden.
Subventionen sind nun beinahe dadurch definiert, dass nicht jeder etwas davon hat. Weder wird für mich die Milch noch der Strom billiger, weil entsprechende Subventionen fließen. Ich wurde auch nicht gefragt, ob Pleitebankster mein Geld kriegen sollen, um sich alsbald wieder fette Boni zu genehmigen. usw. usw. Der Unterschied bei der Kultur ist, dass hier der Begriff Subvention gar nicht angebracht ist, weil es bei Kultur, anders als beim Weizenanbau oder Kraftwerkbetrieb nicht um typische Wirtschaftsbetriebe geht, die sich auch "unsubventioniert" halten könnten. Es geht, wie bei Schulen, Universitäten, Museeen usw. um öffentliche Förderung eines Guts, dass wir eben nicht dem Markt überlassen wollen.


Ich denke, genau um das letze dreht sich diese Diskussion. (Dass in einer "modernen" Demokratie (Volksherrschaft), das Volk nicht gefragt wird, ist leider trival.) Dass in einer echten Wettbewerbssituation nur massenkompatible Prestigeprojekte öffentlich gefordert werden, ist nicht zwingend. Gerade die gerne gescholtene Firma Montblanc ist ein Paradebeispiel für das Gegenteil, ich empfehle mal auf deren Website nachzusehen.
Heute entscheiden Beamte nach intransparenten Kriterien. Damit ist die öffentliche Kulturförderung für mich reine Willkür, durch die sich die geförderdeten Sparten einen unlauteren Vorteil gegenüber künstlerisch nicht minder wertvollen Gegenkulturbewegungen verschaffen. Die Frage bleibt: Warum ist die eine Sparte förderungswürdig und die andere nicht?
EinTon (29.11.2010, 22:36):
...
Bert (29.11.2010, 23:06):
Die Tatsache, daß 90 % unserer Bevölkerung so gut wie nie (oder nur einmal im Jahr) in die Oper gehen, besagt nichts über die Qualität der Oper, zeigt aber die Dringlichkeit, gerade Oper als Kulturgut zu subventionieren.

Gruß, Bert
Gamaheh (29.11.2010, 23:08):
Original von EinTon
...
Wo du recht hast, hast du recht !

Ich habe übrigens inzwischen durch Zufall meine Übersetzung des Baricco-Artikels wiedergefunden; da sie mit 5 Seiten zu lang ist, um sie hier reinzukopieren, habe ich sie am bewährten Ort abgelegt für die, die das noch interessiert. (Bitte nicht über gegebenenfalls vor dem Herunterladen auftauchende Reklame meckern: Dieser Dienst ist gratis, und das ist so üblich.)

Übrigens scheinen hier alle davon auszugehen, daß kulturelle Güter ohne Subventionen nicht bewahrt werden können; das halte ich für völlig unbewiesen, und dies als Prämisse für die Diskussion anzunehmen, verfehlt letztere.

Grüße,
Gamaheh
EinTon (29.11.2010, 23:30):
Original von Gamaheh
Original von EinTon
...
Wo du recht hast, hast du recht !


Das"..." sollte kein Kommentar sein; es war ein Test, da mir etwas mit der Forumssoftware nicht zu stimmen schien: Den Beitrag von Cetay konnte man nämlich zunächst aus dem laufenden Thread heraus nicht anklicken, da dort immer noch nur 2 Seiten als Links angegeben waren...
Fairy Queen (30.11.2010, 09:01):
Liebe Gamameh, danke für die Übersetzung!

Wie sollte man deines Erachtens den Beweis erbringen, dass z.B. die Oper oder das Sprechtheater ohne subventionen existieren könnten? Man streiche alle Subventionen und warte ab, was passiert?


Natürlich gibt es viele sehr gute und qualitätvolle private Initiativen in Sachen Kulturgütern. Es gibt in meinem Umfeld z.B. kammermusiklaische Zirkel, Salons, kleine nciht staatlich getragene Festivals etc etc.
Das funktioniert mit dem entsprechenden ideellen und finanziellen Engagement derer, die es sich leisten kônnern und derer, die ohnehin diese Art von Kultur zu einem erfüllten Leben zu brauchen glauben.
Die Gefahr des Elitismus(es gibt nciht nur BMW-Elitismus sondern auch geistigen Elitismus!) sehe ich da aber noch viel grösser als bei staatlich geförderten Programmen mit hohen Preisnachlâssen fûr finanziell Schwache.

Cetays Argumente finde ich im Ganzen und aus radikal demokratischer Sicht sehr einleuchtend, allerdings möchte ich mit den Folgen seiner Prämissen nicht leben müssen.
Wenn nur noch Mehrheitsgeschmack subventioniert wird und Minderheitengeschmack sich selbst durchschlagen muss, sind wir beim totalen Kulturdarwinismus angekommen.
Den haben wir in den Massenmedien zwar ohnehin schon, aber es gibt immerhin noch staatlich unterstützte Nischen.

Das Subventionen gerechter verteilt werden sollten, ist dagegen eine ganz andere Frage.
Ich denke auch , dass der WERT von Kultur nicht in Geld und Billigkarten auszumachen ist und dass es daher durchaus nciht schaden kann, wenn Klassikfans genauso wie Rockfans für eine Veranstaltung hin und wieder lange sparen müssen, um sie damit zu einem besonderen Ereignis werden zu lassen.

Das Therma insgesamt ist m.E. viel zu komplex um es mit wenigen Schlagworten abzuhandeln. Die für viele tabuisierte Frage des "Elitâren" müssen wir uns dabei schon ohne Berührungs-Panik stellen lassen.



F.Q.
Cetay (inaktiv) (30.11.2010, 09:02):
Original von EinTon
Original von Cetay

Ich sage deswegen Nein zur staatlichen Förderung von Hochkulturprojekten, weil sie völlig willkürlich ist. Wer auf die gemeine, TV-konsumierende Mehrheit herabsehen will, darf das tun; ich sehe ganz unverhohlen mit. Ich will aber aus dem Stumpfsinn des grauen Gesellschaftschleims nicht das Recht ableiten, deren Geld zu nehmen, um meine hohen Ansprüche zu finanzieren. Wer Opern sehen will, soll den reelen Gegenwert bezahlen, dann wird sich schnell zeigen, wieviel das den Hochkulturkonsumenten wirklich wert ist. (Unter den 10% Opernfreunden finden sich überproportional viele Hochgebildete und damit wahrscheinlich viele entsprechend Betuchte, die sich die 186,10€ eigentlich locker leisten können.) Sollten die Säle leer bleiben, weil niemand bereit ist, selbst das zu fördern, was er für förderungswürdig erachtet, darf sich hinterher niemand beklagen - und wieder dreist nach den Geldbeuteln derer schielen, die sich nun mal mehr für Populärkultur interessieren.

Eine in sich stimmige und durchaus legitime Position (ganz unironisch gemeint!)

Du musst halt mitbedenken, dass solche Musik wie von Xenakis, Boulez oder Feldman (wie Du sie ja gerne magst), dann in Zukunft aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr gespielt oder aufgeführt (und auch nicht aufgenommen wird), denn das ist im Gegensatz zu populären Opern erst recht Minderheitenmusik! Uraufführungen und Neuaufnahmen von Neukompositionen in diesem Bereich (wie zB jüngst auf den Donaueschinger Musiktagen) wären erst recht nicht mehr zu verwirklichen...


Insgesamt würde ohne öffentliche Förderungen unser Kulturleben deutlich ärmer werden, zumal dann zB auch öffentlich-rechtliche Sender wie Arte wegfielen - da gäbe es dann nur noch RTL & Co, und im Radio Mainstreampop und "Klassikradio" ;) - (Wobei es freilich eine üble Tatsache ist, dass die Öffentlich-Rechtlichen Sender sich ungeachtet ihrer Förderung aus dem "Kulturtopf"v da immer mehr den privaten angleichen, obwohl sie doch eigentlich "nichtkapitalistisch" arbeiten sollten...)

Du musst Dich halt fragen, ob Du das willst...

MFG,

Normann

Natürlich will ich das nicht, genausowenig wie ich die Schließung von Opernhäusern will. Mir geht es aber nicht um das, was ich will sondern um die politische Dimension des Ganzen. Wir haben es hier mit einem fast idealtypischen Beispiel von real existierender Demokratie zu tun. Das Volk soll schön seine Steuern zahlen, alle paar Jahre sein Kreuzchen machen (und tut es, obwohl es von der letzten Wahl eigentlich noch wissen müsste, dass die zur Wahl stehenden Volksvereter ihre Absichten im Unklaren lassen oder gar vorsätzlich falsch darstellen) und ansonsten schlucken, was ihm vorgesetzt wird. Das mindeste, das man doch fordern kann, ist eine Aufklärung derjenigen, die Kultursubventionen nicht nutzen, denn das ist -ob man das nun gut findet oder nicht- die Mehrheit des herrschenden Volkes.
Dass die Nutzer von Hochkultur gute Argumente haben, warum Kultur gefödert werden muss, ist einleuchtend; die kann ich aber einem Nichtnutzer nicht plausibel machen. Was spricht also dafür?

Dass man Sträflinge zur Rührung bringen kann, reicht mir nicht; das haben Metallica bei ihrem Videodreh hinter Gefängnismauern auch hinbekommen.

Dass kulturelle Vielfalt erhalten werden muss, ist kein Argument für die Mehrheit, die diese Vielfalt nicht nutzen will.

Dass durch Kultur gesellschaftliche Veränderungen hin zum "besseren Menschen" angestossen wurden und werden, ist ein gutes Argument. Es gibt aber auch Beispiele aus der Populärkultur, etwa die Straight Edge Bewegung (vegan, drogenfrei, treu) im Gefolge des Hardcore Punk oder die Global Unity Projekte im Gefolge der Detroit-Underground-Techno-Bewegung. Beides ist nebenbei -wie Feldman- absolute Minderheitenmusik und wird dennoch ohne Förderung produziert und aufgeführt.
Cetay (inaktiv) (30.11.2010, 09:19):
Original von Gamaheh

Übrigens scheinen hier alle davon auszugehen, daß kulturelle Güter ohne Subventionen nicht bewahrt werden können; das halte ich für völlig unbewiesen, und dies als Prämisse für die Diskussion anzunehmen, verfehlt letztere.

Grüße,
Gamaheh

Ich glaube das nicht. Es gibt genügend Beispiele, dass es bereits funktioniert. Das Kairos-Label produziert Neue Musik auf CD mit einem Verkaufsziel von 4000 Stück, die Österreichische Sparkasse schießt das Geld für entsprechende Kompositonsaufträge zu. Wer sich die Vielfalt und Nicht-Massenkompatiblität der Ergebnisse anhört (so untereinander gegensätzliche und doch beide sehr unbequeme Charaktere wie Klaus Lang und Bernhard Gander haben Aufträge erhalten), braucht sich vor einem Ende der Freiheit der Kunst bei kommerzieller Förderung nicht zu fürchten.
Cetay (inaktiv) (30.11.2010, 10:01):
Original von Bert
Die Tatsache, daß 90 % unserer Bevölkerung so gut wie nie (oder nur einmal im Jahr) in die Oper gehen, besagt nichts über die Qualität der Oper, zeigt aber die Dringlichkeit, gerade Oper als Kulturgut zu subventionieren.

Gruß, Bert

Ich glaube nicht, dass man die Dringlichkeit der Subventionierung von bestimmten Sparten an den fehlenden Nutzerzahlen festmachen kann. Dann müssten in der Tat Aufführungen von Feldman, Boulez und Xenakis noch mehr als die Oper gefördert werden oder man müsste begründen, warum die Aida künstlerisch wertvoller ist, obwohl der Marteau sans Maitre weniger gehört wird.
Heike (30.11.2010, 11:43):
Hallo cetay,
Heute entscheiden Beamte nach intransparenten Kriterien. Damit ist die öffentliche Kulturförderung für mich reine Willkür, durch die sich die geförderdeten Sparten einen unlauteren Vorteil gegenüber künstlerisch nicht minder wertvollen Gegenkulturbewegungen verschaffen. Die Frage bleibt: Warum ist die eine Sparte förderungswürdig und die andere nicht?

Die Frage finde ich durchaus berechtigt.
Meiner Meinung nach wäre es optimal, wenn es für die Kulturförderung eine Richtline mit einer Sammlung von Kriterien und Grundsätzen geben würde, vergleichbar z.B. zum Denkmalschutz oder Naturschutz. Da könnte man dann sehen, was ist erhaltenswert oder ausbauwürdig ist und zwecks lebendiger Bewahrung gefördert werden muss und was nicht als schutzbedürftig anzusehen ist.

Es gibt da bei der heutigen Praxis durchaus schon etliche heilige Kühe, die man im Detail hinterfragen könnte - andererseits fehlt Geld für wirklich förderwürdige Sachen. Ich fürchte nur, die Politik hat kein Interesse an so einer Richtline, weil man dann die Kultur- Fördertöpfe insgesamt vermutlich kräftig erhöhen müsste, um ihr gerecht zu werden.
Heike
Heike (03.04.2011, 12:27):
Ein interessanter Artikel über die Berliner Kultur-Subventionen, der viele gute Fragen aufwirft:

" Dabei tönen die Rufe nach „Gerechtigkeit“ und „Wettbewerb“ in der Kulturförderung, die dieser Tage aus den Reihen der Opposition im Abgeordnetenhaus laut werden, arg populistisch. Gerecht ist, wer allen gleich viel gibt? Gerecht ist, was am wenigsten kostet?
...
Woran bemisst sich Gerechtigkeit? An Leistung, an Kontinuität, am Erfolg? Wann ist Kultur erfolgreich? Bei einer Auslastung von 100 Prozent und satten Gewinnabwürfen? Mit eifriger Kinder- und Jugendarbeit? Mit konsequent unangepassten Programmen? Mit sieben Uraufführungen statt dem x-ten „Ring des Nibelungen“? Was ist Qualität?"

http://www.tagesspiegel.de/kultur/kultursubventionen-gerecht-und-billig/4017012.html