TV-Übertragung aus Salzburg: Giulio Cesare in Egito (Händel)
Severina (29.05.2012, 18:36): Zu meiner Verwunderung hat noch niemand die Übertragung auf ARTE vom Sonntag erwähnt, daher tu ich es jetzt in ungebührlicher Länge :) (Aber wenn mich die Begeisterung packt........)
TV-Aufzeichnung aus Salzburg vom 26. Mai 2012: Händel, Giulio Cesare in Egitto
Selten saß ich über 4 Stunden derart gebannt vor dem Bildschirm wie bei der Übertragung des „Giulio Cesare in Egitto“ von den Salzburger Pfingstfestspielen. Es ist die erste Produktion unter der Leitung und Mitwirkung der neuen Intendantin, Cecilia Bartoli, und sie hat sich damit die Latte für künftige Projekte verdammt hoch gelegt. Denn diese rundum geglückte und auf höchstem musikalischem Niveau realisierte Aufführung zu toppen, dürfte wohl sehr schwer sein. Ich zumindest sehe kein Steigerungspotential, denn was da heute über den Bildschirm flimmerte, war schlicht sensationell.
Fassungslos machen mich Zeitungsberichte, wonach das Regieteam gnadenlos ausgebuht worden ist. Was an dieser intelligenten, ausgefeilten und hoch musikalischen Inszenierung verdammenswert sein soll, wüsste ich wirklich nur zu gerne. Nun ja, Leute, die ihr Denkvermögen gemeinsam mit dem Mantel an der Garderobe deponieren und sich ein paar sinnfreie Stunden mit einem farbenprächtigen Kostümschinken erwarten, sind von Moshe Leisers und Patrice Cauriers klugen Adaption des antiken Plots wahrscheinlich wirklich überfordert (Ein Caesar im blauen Anzug, ohne Toga und Lorbeerkranz – wie degoutant!!), die anderen hoffentlich genauso fasziniert wie ich.
Leiser/Caurier (Ich bin seit ihrem herrlichen „Barbiere“ am ROH ein Fan dieses Teams!) holen Cesare, Cleopatra & Co zwar in die Gegenwart, aber ohne konkrete politische Fixierung. Der Schauplatz liegt zwar immer noch im Nahen Osten – wie Bildzitate werden Palmen, Krokodile, Teile von Ölförderanlagen eingesetzt – die Regisseure tappen aber nicht in die plumpe Ideologiefalle: Intifada, Flüchtlingslager, Tahirplatz etc., also all das, worauf sich einige ihrer Kollegen mit Wollust gestürzt hätten, bleiben außen vor. Nicht das Wer gegen Wen im großen weltgeschichtlichen (nationalen) Kontext interessiert sie, sondern das, was den Einzelnen antreibt, und das liegt unabhängig von seiner Nationalität im Menschen selbst begründet. Auch dass der Bürgerkrieg unermessliches Leid über die Menschen bringt, moralische Grundsätze negiert und sich in brutalen Übergriffen der Soldateska manifestiert, wird mit leichter Hand so nebenbei erzählt, ganz ohne Holzhammer, wirkt aber dadurch beklemmender als eine Anhäufung von Gewaltexzessen auf der Bühne. Wenn etwa Cornelia zusammengekrümmt hereinwankt, die Hände gegen den Unterleib gepresst, so braucht es nicht viel Fantasie um sich das Vorgefallene auszumalen, aber es geht einem mehr an die Nieren als eine in allen Details gezeigte Vergewaltigung..
Bei der Beschreibung des Bühnenbilds tu ich mir diesmal sehr schwer, denn es bietet wenig Anhaltspunkte: Ein großer Kubus am linken Bühnenrand, diverse versetzte Wandfragmente auf der Hinterbühne, die ohne räumlichen Zusammenhang stehen, lehnen oder hängen, alle irgendwie aus dem Lot geraten. Zwischenräume und Durchblicke öffnen oder verengen sich, in manchen Szenen gibt es auch Projektionen. Bohrtürme, ein paar Ölfässer und Reifenstapel verweisen ebenso auf den Nahen Osten wie die schon erwähnte staubige Palme, allerlei Kriegsgerät verrostet im Hintergrund, und dazwischen als ironische Brechung ein riesiges Stoffkrokodil und allerhand Echsen.
Während der Ouvertüre züngeln überall Flammen, die Kulissen heben sich schwarz vom feurigen Hintergrundprospekt ab, Soldaten in Kampfanzügen und aufgesteckten Bajonetten hetzen über die Bühne, dazwischen panische Zivilisten mit und ohne Gepäcksstücke, die wie aufgescheuchte Hühner umherirren, nicht wissend, wohin. In Ägypten herrscht Bürgerkrieg!
Diesen zu beenden, trifft Cesare auf dem Schauplatz ein, als Abgesandter der EU im schicken schwarzen Dienstwagen. Aber ein bisschen antik tickt auch dieser Römer, denn er stellt sofort seine Statue auf, die er schon vorsorglich auf dem Gepäckträger mitgebracht hat. Sein Ebenbild trägt wie er einen blauen Anzug, dazu aber noch eine Ordenskette aus den Sternen der Europäischen Union. Cesare ist gekommen, um Ordnung in diesen Sauhaufen zu bringen, den rechtmäßigen Erben auf den ägyptischen Thron zu setzen und nebenbei den Sieg über seinen Kontrahenten Pompeio zu feiern.(Und nicht nebenbei, sondern hauptsächlich Geschäfte zu machen…..) Sein Triumph sorgt bereits für Schlagzeilen, wie ihm sein Adjutant Curio anhand des Pressespiegels demonstriert. Cesare studiert sie aufmerksam und sonnt sich in seinem Ruhm. Cesare, Cleopatra und Tolomeo (und ganz bestimmt auch der im Tode verherrlichte Pompeius) wollen im Prinzip dasselbe: Macht, Einfluss, Reichtum. Sie unterscheiden sich lediglich in ihrer Methodik. Cesare agiert genauso heuchlerisch wie so mancher moderne Berufsgenosse: Nicht das Wohl der drangsalierten Ägypter liegt im in Wahrheit am Herzen, sondern wirtschaftliche Einflussnahme und ein Zugriff auf die reichen Bodenschätze. Unter dem Schafspelz des Friedensstifters verbirgt sich ein eiskalter und skrupelloser Businessman. Es geht um die beinharte Durchsetzung imperialistischer Interessen, und das war im antiken Rom nicht anders als heute, nur dass man es geschickter kaschiert. Das muss auch zähneknirschend Tolomeo zur Kenntnis nehmen, der anfangs noch glaubt, auf gleicher Augenhöhe mit der „Friedens“kommission zu stehen, die Bedingungen herunterhandeln zu können. Curzio markiert auf einer Landkarte die Erdölfelder mit kleinen Bohrtürmen, und Tolomeo bleibt nichts anderes übrig, als den Knebelvertrag zu unterschreiben, der ihm als Gegenzug wenigstens den Thron sichert. Dass er sich vorher blindwütig auf die Statue Cesares stürzt, ihr Arme und Beine ausreißt, sie ausweidet, die Gedärme um den Hals hängt und mit den Zähnen das Herz zerreißt, provozierte bei der PR die ersten Buhs im Zuschauerraum. OK, es ist vielleicht wirklich starker Tobak, passt aber insgesamt zum psychopathischen Charakter Tolomeos in diesem IRegiekonzept.
Cleopatra ist ebenso machtbesessen wie ihr Bruder und Cesare, doch kämpft sie mit den Waffen einer schönen Frau, die weiß, dass bei Männern der Verstand oft unter der Gürtellinie angesiedelt ist. In aufreizender Ledercorsage provoziert sie Tolomeo, indem sie seine Männlichkeit anzweifelt, und das bringt ihn (vorerst nur innerlich) mehr in Rage als der drohende Thronverlust. Doch ebenso wie Cesare kommt ihr Amor in die Quere, wird aus dem intriganten Spiel bald bitterer Ernst. Herrlich ist der Beginn des 2. Aktes inszeniert, wenn Cesare von Nirena zu seinem Rendevouz mit der vermeintlichen Sklavin Lydia geführt wird. Er wird auf einen Theatersessel gesetzt und mit einer 3D-Brille ausgestattet, und bald malt sich Entzücken auf seinen Zügen über das, was ihm seine Fantasie (Oder ist’s Wirklichkeit?) vorgaukelt. Das Was spielt sich hinter ihm ab, als eine hölzerne Vorhangattrappe durch luftige Wolkenprospekte ersetzt wird (Schäfchenweiß auf Babyblau) und davor Cleopatra rittlings auf einem Flugzeugrumpf sitzt. Sie trägt zu einer weißblonden Löckchenperücke ein eng anliegendes, schulterfreies und metallisch schimmerndes Oberteil und um die Hüften Tuffs aus grauen Straußenfedern. Wie von Zauberhand schieben sich durch einen Wolkenspalt zwei Fächer aus Straußenfedern, die erst Herzform annehmen und sich schließlich in Flügel verwandeln. Die Engelsvision versetzt Cesare in ziemliche Unruhe, die nicht nur rein geistiger Natur ist, und wenn sich der zigarrenförmige Flugzeugkörper sanft aufrichtet und mit seiner Reiterin himmelwärts schwebt, während sie mit ganzen Kaskaden sinnlich lockender Koloraturen den armen Mann um sein letztes Restchen Verstand bringt, dann ist die Metaebene dieser Szene einfach nur genial. Alleine für diese subtile Erotik, die augenzwinkernde eindeutige Zweideutigkeit hätte das Regieteam eigentlich standing ovationes verdient und keine Buhs. Cesare, dem zunehmend schwüler geworden ist, entledigt sich nach der Krawatte nun auch seines Jacketts (Als er in einer späteren Szene nur mehr sein Unterhemd trägt, prangt darauf als Druck der caesarische Lorbeerkranz – eines der vielen versteckten Zitate der Antike), der korrekte Staatsmann demontiert sich selbst, wird immer mehr zu einem hilflos seinen Gefühlsstürmen ausgelieferten Normalo. Während seiner nun folgenden Arie schweben graue Federn herunter, locken die Engelsflügel von den Seiten, sie lassen sich aber nicht fassen, weichen immer wieder vor ihm zurück. War am Ende alles nur ein Traum? Das ist eine Szene voll Poesie, mit einfachsten Mitteln erreicht. (Es muss einem nur einfallen….)
Es würde den Rahmen sprengen, wenn ich jeden Akt genau beschreibe, die Beispiele sollten eigentlich genügen, um eine Vorstellung vom Regiekonzept zu geben. Es gibt ungemein poetische Szenen, andere, die in ihrer einfachen Bildsprache unter die Haut gehen (Etwa wenn Cleopatra im letzten Akt zwischen toten Soldaten und Kriegsrelikten vor einem blutroten, mit grauen Öl(?)schlieren verunreinigtem Hintergrund kauert und die Atmosphäre von Verwüstung und Trostlosigkeit perfekt eingefangen wird) und dann wieder witzig-ironische Brechungen.
Nur der Schluss macht mich im Moment noch etwas ratlos. Im Prinzip weiß ich, wie’s gemeint ist, aber noch nicht so ganz, ob ich’s gut finden soll. Zunächst ist noch alles plausibel: Der Bürgerkrieg ist zugunsten Cleopatras entschieden, ihre Truppen beginnen mit den Aufräumungsarbeiten, die umgestürzten Bohrtürme werden wieder aufgerichtet. Curio kommt mit einem EU-Geldkoffer und zahlt großzügig „Fördermittel“ an Cleopatra – man braucht schließlich verlässliche Partner in diesem Krisengebiet. Dann wird zu einer Siegesparty gerüstet, sogar der Bohrturm wird mit einer Lichtergirlande dekoriert. Cleopatra, Nerina, Cesare und Curio tragen alberne Partyhüte und benehmen sich wie übermütige Kinder, offensichtlich ist in den Zigaretten nicht nur Tabak. (Nett ist der Gag, Cleo im Stil der Tempeltänzerinnen ägyptischer Grabmalereien tanzen zu lassen.) Auch Sesto und Cornelia haben ihre traumatischen Erlebnisse verarbeitet und feiern fröhlich mit. Ja, und dann erheben sich die immer noch auf der Bühne herumliegenden Leichen Tolomeo und Achilla und stoßen zur Partygesellschaft, die daran keinen Anstoß nimmt. Beinahe unbemerkt wurden inzwischen fast alle Requisiten und Wandelemente hinausgebracht, nun stürmen Soldaten mit MGs die fast leere Bühne, die Rückwand teilt sich, man blickt scheinbar ins Freie auf eine Häuserfront. „Ah, jetzt kommt doch noch der Tahirplatz!“ schoss es mir durch den Kopf, aber nein, man sieht nur einen Panzer in Stellung fahren, während auf der Vorderbühne die gesamte Partygesellschaft in der Versenkung verschwindet. Die neuen Machthaber übernehmen das Kommando. Ja, OK, ich verstehe die Botschaft, aber in dieser so klug durchdachten Inszenierung ist mir das jetzt doch ein bisschen zu plakativ……
Was diese Produktion aber vor allem anderen auszeichnet, ist die bis ins kleinste Detail stimmige Personenführung. Bewundernswert, was Leiser & Caurier aus jedem Sänger an schauspielerischem Potential herauskitzeln, bewundernswert, wie jede Dacapo-Arie als spannungsgeladenes Minidrama inszeniert wird, sodass auch die x-te Wiederholung nicht langweilt, bewundernswert, wie das gesamte Ensemble nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch zu einer Höchstform aufläuft, wie man es in dieser Intensität wohl wirklich nur in Sternstunden erlebt.
Cecilia Bartoli ist als Cleopatra ein Naturereignis. Ihre Palette reicht vom lasziven Luder des ersten Aktes, der koketten Verführerin des zweiten über die glaubhafte Wandlung zur wahrhaft Liebenden bis zum traumatisierten Bürgerkriegsopfer des letzten Aktes, bevor sie wieder zum oberflächlichen Partygirl mutiert. Dazwischen liegt die köstliche Lydiaszene, wo das Publikum ebenso wie der hingerissene Cesare von der mit Ganzkörperschleier verhüllten vermeintlichen Sklavin nicht viel mehr als die Augenpartie sieht – aber welche Augen sind das, wie viel Ausdruck, wie viel Schalk liegt in ihnen! Dass man(n) da den Verstand verliert, ist nur zu begreiflich! Mit vielen kleinen Gesten wird der Charakter Cleopatras gezeichnet, so wenn sie während ihrer Arie „Giusto ciel!“ um den Theatersessel streicht, auf dem Cesare vorher gesessen ist, ihn plötzlich wie erwachend betrachtet und noch einmal zögernd berührt: Aus dem Spiel ist Ernst geworden, sie liebt den Römer wirklich! Bartolis voller, warmer Mezzo girrt und lockt, schmeichelt und schmachtet, bietet die ganze Skala vokaler Verführung. Scheinbar mühelos katapultiert sie ihn in die Höhe, turnt behände die Koloraturen hinauf und hinunter, verzehrt sich in gefühlvollen Piani nach ihrem Liebsten , kann aber bei Bedarf auch mit dramatischem Feuer aufwarten. Bewundernswert ist auch das Selbstbewusstsein (oder die Selbstverleugnung), mit der sie einige der nicht eben ihrer Figur schmeichelnden Kostüme trägt.
Die zweite Frau im Ensemble ist Anne Sophie von Otter, die als Cornelia ein eindrucksvolles Rollenporträt formt. Anfangs ganz elegante Politikergattin, bricht sie zunächst unter der Wucht der Ereignisse zusammen, richtet sich dann aber an ihrem Verlangen nach Rache wieder auf. Sie muss stark sein für ihren Sohn, ihn zur Rache am Mörder seines Vaters motivieren, und das lässt sie auch die Demütigungen durch Tolomeo mit Gleichmut ertragen. Auch stimmlich ist von Otter den Anforderungen der Partie voll und ganz gewachsen, ihr Timbre harmoniert perfekt mit dem von Sesto/Philippe Jaroussky, sodass ihre Duette für mich zu den musikalischen Höhepunkten dieser Aufführung zählen.
An sich bin ich kein großer Freund von Countertenören, diese extreme Stimmlage versetzt mich nach einer gewissen Zeit immer in eine innere Unruhe, und wenn es allzu lange dauert, beginnt sie mich zu nerven. Dass ich bei diesem Cesare nichts von alledem verspüre, sondern im Gegenteil mit großem Genuss zuhören kann, liegt wohl an der Extraklasse von Philippe Jaroussky, Andreas Scholl und Christophe Dumaux. Sollte ich eine Reihung der drei vornehmen, käme ich in Verlegenheit.
Phillip Jarousskys „Engelsstimme“ (Sorry für diesen Vergleich, aber bei ihm schwingt etwas mit, was nicht von dieser Welt ist) prädestiniert ihn für den noch recht jugendlichen Sesto, der die drückende Last trägt, den ermordeten Vater rächen zu müssen. Ebenso wie Hamlet wird er von inneren Zweifeln zerrissen, lässt zaudernd so manche Gelegenheit zur Tat verstreichen, sucht immer wieder Zuflucht im Schoß der Mutter. Die Aufgabe überfordert den Jüngling, lässt ihn aber nach vollbrachter Rache zum Mann reifen. Jaroussky spielt das sehr zurückgenommen – ein Draufgänger ist dieser Sesto wahrlich nicht – aber trotzdem eindringlich.
Ehrlich gesagt tu ich mir schwer, das Timbre eines Counter zu beschreiben und vor allem von einem anderen abzugrenzen – ich höre da sehr wenige Unterschiede heraus. Aber Andreas Scholl klingt in meinen Ohren weniger androgyn als etwa Jaroussky, eine Spur männlicher, und das passt natürlich zum Machtmenschen Giulio Cesare. Obwohl er das nur am Anfang ist, denn Cleopatras Verführungskünste verändern seine Prioritäten sehr rasch, der Sinn steht ihm nun nach ganz anderen Eroberungen als Erdöllizenzen. Sein Adjutant Curio, ein strammer Militarist, kann sich nicht genug wundern, was Gott Amor aus seinem Chef gemacht hat. Erst der eskalierende Bürgerkrieg des 3. Aktes schleudert Cesare sehr unsanft von seiner rosaroten Wolke in die triste Realität zurück, und wie er nach scheinbar verlorener Schlacht äußerlich gezeichnet und schwer traumatisiert vom Erlebten auf die Bühne wankt, zählt zu den großen Momenten dieser Aufführung.
Sollte Christophe Dumaux jemals seine Stimme verlieren (Was ich ihm um Himmels willen nicht wünsche!), müssten ihm alle Theaterdirektoren eigentlich die Türe einrennen. Selten sieht man auf einer Opernbühne eine derart fabelhafte schauspielerische Leistung wie die des Franzosen als Tolomeo. Selbst wenn er gesungen hätte wie Benedikt Kobel, hätte ich sein Engagement vehement verteidigt, denn bei einer solch umwerfenden Bühnenpräsenz wird die Stimme fast zur Nebensache. Aber nur fast, und außerdem verdient Dumaux auch hier die Bestnote. Aber was für ein Schauspieler! Mit Rastazöpfchen, enger Lederkluft (Über einer sehr guten Körperarchitektur!), Tattoos auf der Brust (Keine echten, nur auf einem hautfarbenen Shirt aufgemalt) haftet ihm schon äußerlich etwas Diabolisches an. Dumaux spielt den Tolomeo als amoralischen, skrupellosen, sexbesessenen Macchiavelli, dem jedes Mittel recht ist, um seine Ziele zu erreichen. Als Sklave seiner Triebhaftigkeit findet er „die schönen Göttinnen meines Herzens“, die er in seiner Arie besingt, im Playboy, sein Harem ist ein Käfig, in dem verschreckte, halb nackte Frauen kauern, die von ihm wohl nur Gewalt erfahren. Unheimlich, wie er die psychopathischen Züge dieses Widerlings immer wieder aufblitzen lässt, wie er seine Macht genießt, sich an der Hilflosigkeit und Angst seiner Opfer aufgeilt. (Ja, das tut er in der Tat, und zwar sehr drastisch, denn der offensichtlich unter permanentem sexuellem Überdruck stehende Tolomeo muss sich immer wieder ein Ventil schaffen…) Da gibt es eine Szene mit Cornelia, wo ich zwischen Ekel und Faszination hin- und hergerissen wurde. Aber auch das sadistische Vergnügen, mit der er seine Schwester im letzten Akt demütigt, ist nichts für zarte Gemüter. Es ist starker Tobak, was die Regie diesem Tolomeo abverlangt (und das Publikum damit überfordert, denn bei manchen dieser Szenen hört man empörte Zwischenrufe), und Dumaux setzt das auf eine Art und Weise um, wie ich es bisher nur auf dem Sprechtheater erlebt habe. Es ist nämlich nicht nur der Körpereinsatz, sondern vor allem die Mimik, die mich so fasziniert, denn was da in seinen Augen aufblitzt, geht weit über die übliche Skala der „Grundgefühle“ hinaus, das ist ein Anflug von perversem Irrsinn. Man kann jetzt natürlich fragen, ob eine derart drastische Personenzeichnung (auf einer Opernbühne) notwendig ist. Nein, notwendig natürlich nicht, aber durchaus legitim. Cornelia bezeichnet Tolomeo wiederholt als Lüstling, also warum soll man ihn nicht so zeigen?
Der vierte im Counterbund ist Jochen Kowalski in der Rolle von Cleopatras Vertrauter Nirena. Nach zahlreichen Stimmkrisen ist es in erster Linie erfreulich, ihn wieder auf der Opernbühne zu sehen, und genieren braucht er sich für seine Leistung nicht, obwohl er an seine Stimmfachkollegen (nicht mehr) heranreicht. Aber diese Latte läge wohl für die meisten zu hoch.
Ruben Drole hat mich mit seinem voluminösen, resonanzreichen Bassbariton schon an seinem Züricher Stammhaus immer wieder begeistert. Ich halte den jungen Schweizer für ein ganz großes Talent in seinem Fach. Auch er zählt zur modernen Generation der Singschauspieler, die sich mit vollem Körpereinsatz auf ihre Rollen einlassent. Als Achilla hat er vergleichsweise wenig Entfaltungsmöglichkeiten, er ist unglücklich, weil unerwidert in Cornelia verliebt, Tolomeo vergilt ihm seine Treue mit Verrat und schließlich mit einem heimtückischen Mordanschlag.
Peter Kálmán leiht dem Curio seine Stimme und tut dies ohne Fehl und Tadel.
Für exquisiten „Barocksound“ sorgt das Originalklangensemble Giardino Armonico unter Giovanni Antonini. Wow, was für ein tolles Orchester! Das würde ich gerne einmal live im ThadW hören.
lg Severina :hello
PS: Vielleicht versteht Ihr jetzt meinen Schmerz wegen der missglückten Aufnahme!
Heike (29.05.2012, 21:19): Liebe Sevi, PS: Vielleicht versteht Ihr jetzt meinen Schmerz wegen der missglückten Aufnahme! Hundertprozentig! Hätte ich eine CD dieser Aufführung mit dieser Traumbesetzung, dann würde die hier jetzt in Endlosschleife laufen.
Zuerst mal danke, dass du mich überhaupt auf diese Sendung aufmerksam gemacht hast, wenn auch leider mit deinem Ärgerbeitrag wegen der missglückten Aufnahme! Ich sehe so selten fern, dass ich das glatt komplett verpasst hatte. Und Giulio Cesare gehört zu meinen absoluten Händel-Lieblingsopern. Ich habe natürlich heute sofort angefangen, die arte-online-Sendung anzusehen. Schon nach dem ersten Akt steht fest: ein Traum!
Die 4 Counter sind so genial besetzt, das ist der Wahnsinn. Kowalski kenne ich aus dem Osten, den fand ich immer etwas komisch, aber auch faszinierend. Der hat genau die richtige schrullige Rolle. Scholl war der erste Counter, den ich richtig mochte, ich höre gern seine makellose Stimme, aber er ist nicht so sonderlich aufregend, sondern eben schön. Zum Cäsar passt er perfekt. Dann kam Jaroussky und dessen CDs haben mich schon umgehauen, ich habe später mal hier enthusiastisch von einem live-Soloabend mit ihm berichtet. Diese Mühelosigkeit, mit der er singt, ist himmlisch, anders kann man das nicht beschreiben. Kindlich unschuldig. Und auch Dumaux ist bisher herrlich anzusehen und zu hören, der hat bei aller Psychopathie sogar was erotisches, verrückt.
Die Bartoli ist ideal als Cleopatra, auf deren Facetten sie mit ihrer Wandlungsfähigkeit mich jetzt schon neugierig macht. Was kann diese Frau im Gesang gestalten! Sehr berührt hat mich aber jetzt im ersten Akt auch schon von Otter, die z.B. am Schluss das Duett so ausdrucksstark singt, dass es betroffen macht. Und dazu diese klasse Regie, ich muss jetzt erstmal gleich weitergucken, es ist toll. Natürlich geht es um Macht und ums Geld, das ist absolut klasse illustriert alles, ohne überladen zu sein. Die Bohrtürme und auch die Echse oben an der Wand, die mich irgendwie an so ganz teuere Broschen erinnert (ich komme nicht auf die Marke), das reicht ja schon. Und bisher ist es auch ungeheuer eindrucksvoll gespielt, jetzt am Schluss z.B. wie Cornelia den Schmuck ablegt und auf den geilen Sack zugeht, dabei eigentlich ihrem Sohn näher will, das ist großartig gemacht, genau wie die Auflösung, wo und wie sie dann bei den Mädchen verschwindet.
Übrigens, da ich es eben gesehen habe: Tolomeo massakriert erst die Statue und unterschreibt danach den Knebelvertrag. Das Bild ist heftig, aber für mich sehr gelungen: da er nämlich an das echte Hassobjekt nicht rankommt, muss er solche Ersatzhandlungen bis zur Perversion betreiben. Gerade, dass sich oft dieser Hass eben an den Symbolen der Macht so ekelhaft entlädt, ist so "schön" typisch.
So jetzt gucke ich erst mal weiter. Solltest du irgendwie an einen Mitschnitt kommen, wenigstens vom Ton, lass es mich wissen! Heike
Karolus Minus (29.05.2012, 21:50): Original von Severina Sollte Christophe Dumaux jemals seine Stimme verlieren (Was ich ihm um Himmels willen nicht wünsche!), müssten ihm alle Theaterdirektoren eigentlich die Türe einrennen. Selten sieht man auf einer Opernbühne eine derart fabelhafte schauspielerische Leistung wie die des Franzosen als Tolomeo.
Da solltest Du Dir auch mal sowohl Pelly aus Paris als auch McVicar aus Glyndebourne anschauen! Dumaux ist überall der Tolomeo, jedesmal optisch völlig anders - und bei Pelly und McVicar kann er auch noch seine sportliche Seite austoben....
Einen schönen Abend noch Karolus Minus
Severina (29.05.2012, 22:36): Oh wie schön, dass jemand meine Begeisterung versteht und teilt!! Danke, Heike, dass Du mich auf die falsche Abfolge aufmerksam gemacht hast, aber in dieser Inszenierung passiert so viel, dass man sie einige Male sehen müsste, um alles zu erfassen und verarbeiten zu können. Ja, genau das hatte ich ja auch vor, aber die Technik ist bekanntlich ein Luder..... Ja, von Otter finde ich auch ganz fantastisch, stimmlich und vom Ausdruck her. Und wenn Du Dumaux jetzt schon erotisch findest, wirst Du Dich noch wundern, es wird noch richtig heavy........
Lustig, Kowalski war auch meine erste Begegnung mit einem Counter, vor vielen Jahren in "Il Giustino" an der Volksoper, gleichzeitig meine erste Barockoper. (Das war damals in den Achtzigerjahren in Wien etwas völlig Exotisches! Aber ich erinnere mich noch gut an die witzige Inszenierung von Harry Kupfer.) Und Andreas Scholl liebe ich, seit ich die Rodelinda-DVD mit ihm habe.
Karolus, die Pelly-Inszenierung kenne ich und fand sie damals auch sehr gut, aber gegen das, was Leiser/Caurier in Salzburg auf die Beine gestellt haben, verblasst sie ein wenig. Und ich muss gestehen, dass mir Dumaux in Paris gar nicht so besonders aufgefallen ist, da lag mein Fokus in erster Linie auf Natalie Dessay.
Ich hoffe ja inständig, dass diese Traumbesetzung- und Inszenierung auf DVD für die Ewigkeit festgehalten wird!!
lg Sevi :hello
Heike (30.05.2012, 00:32): Fantastisch! Für mich die Oper des Jahres, das wird schwer zu toppen sein. Wenn es nicht so spät wäre, dann würde ich gleich wieder von vorn anfangen zu schauen..... Es ist, als wenn sich die Sänger gegenseitig zu Höchstleistungen inspiriert hätten, unglaublich!
in dieser Inszenierung passiert so viel, dass man sie einige Male sehen müsste, um alles zu erfassen und verarbeiten zu können. Du sagst es, diese Inszenierung war komplex und voller origineller Details, ich weiß gar nicht, was ich zuerst nennen sollte. Eine der stärksten Szenen fand ich z.B. wie Tolomeo seine Schwester unterwirft und demütigt - und wie das dann auch als ein Akt sexueller Unterwerfung dargestellt wird, mit anschließender Arie der verhüllten Cleopatra (zwischen Henkersmütze kurz vor der Hinrichtung und verhökerter Braut unterm Einkaufsbeutel angesiedelt, großartig). Wenn die Bartoli dann noch das Piangero... so herzzerreißend singt, das kann man nicht besser machen.
Auch die Choreo der Soldaten fand ich ganz außergewöhnlich. Statt nur fetter Symbolik wird das derart grotesk überzeichnet, dass es so gut ist, das kann man gar nicht gleich erfassen. Ich hab sowieso auf so vieles der Inszenierung noch gar nicht achten können, so hingerissen war ich vom Gesang, und auch vom Orchester (besonders von den Instrumentalsolisten der Streicher). Das muss man mehrmals ansehen, das ist ja schon mal klar.
Am meisten gefesselt in dieser Regie hat mich beim ersten Sehen die Entwicklung des Sextus. Am Anfang als fast naives Mamasöhnchen, dann seine Unschuld verlierend an der Asche des Vaters; das Aufkommen von Racheverpflichtungen (wobei das Selbstmordmotiv durch die Schlange schon auftaucht); dann zurückweichend vor der eigenen Angst und wieder vorangepeitscht durch die Mutter (mit deren großartigem Schlussbild nach der Ausrüstung ihres Sohnes); dann ganz widersprüchlich: so fanatisch, dass sogar Nirena vor ihm zurückweicht, aber auch fast schon resigniert ohne seinen Führer Cäsar - und mit dessen Auftauchen wieder den "Guru" anhimmelnd, ihm folgend; irgendwann macht er sich angesichts des ganzen Mordens selbst die Hände blutig; tötet schließlich blindwütig - danach bleibt er leer, stumpf und verwirrt zurück, während die anderen schon feiern. Letztlich steht er deplaziert daneben und gehört nur halb dazu. Fantastisch, diese vielschichtige und tragische Figur. Wenn die Rolle auch noch so grandios gesungen wird, müsste man die Oper für diese Inszenierung fast in "Sextus" umbenennen ;-)
Ich geh jetzt mit einer CD von Jaroussky ins Bett! Heike
Severina (30.05.2012, 01:29): Liebe Heike, wir sind uns also völlig einig! Ich bin ebenso wie Du überzeugt, dass mir in nächster Zeit alle Opernaufführungen schal und langweilig vorkommen werden....... Dieser "Giulio Cesare" hat mich nachhaltig verdorben.....
Ja, der Sesto ist natürlich auch ganz großartig inszeniert, ich habe ihn in meiner Beschreibung eher kurz abgehandelt, weil ich ich dachte, sonst liest überhaupt niemand meinen Endlos-Beitrag, wenn ich mich über ihn auch noch detailiert auslasse :cool Ich finde die Szenen zwischen ihm und Cornelia so stark, erstens wegen der perfekten Harmonie ihrer Stimmen und dann auch wegen ihrer vielschichtigen Beziehung. Diese Mutter, die ihren Sohn abgöttisch liebt und ihm trotzdem persönlich den Sprengsatz umlegt, als Werkzeug ihrer Rache in den Tod schickt... (Dass es dann anders kommt, kann sie in diesem Moment ja nicht wissen!) Dass Sesto so schwer traumatisiert ist, liegt eben in der besonderen Tragik, dass er für die Familienehre töten muss, obwohl er im Grunde seines Herzens Pazifist ist, im Unterschied zu den anderen keinen Spaß am Morden findet, wider seine Natur handeln muss und daran beinahne zerbricht. (Der klassische Konflikt zwischen Pflicht und Neigung!) Auf der anderen Seite die Stärke von Cornelia, die trotz aller Demütigungen ihre Würde bewahrt, in die innere Emigration geht, um nicht zu zerbrechen an ihrem Schicksal - wie unvergleichlich gestaltet das Anne Sophie von Otter!
Die Szene zwischen Cleopatra und Tolomeo, die Du beschreibst, fand ich auch irre. Allerdings dachte ich beim Sack überm Kopf nicht an eine verhökerte Braut, sondern generell an die Degradierung der Frau zur Ware.
Köstlich finde ich auch den subtilen Humor von Leiser/Caurier, mit dem sie auf Anachronismen reagieren, die sich zuweilen aus dem Text ergeben. Wenn z.B. Cleopatra nach dem Schäferstündchen den nun (mord)lüsternen Cesare librettogemäß auffordert, sein Schwert einzustecken (Hoppla - ein Schwert im 21.Jhdt??) und er sich daraufhin die Hosen raufzieht......
So, und kannst Du mir jetzt bitte erklären, warum diese Produktion ausgebuht wurde???
lg Sevi :hello
PS: Welche Jaroussky-Scheibe dreht sich denn bei Dir? Bei mir "La dolce fiamma"!
Heike (30.05.2012, 08:00): Guten Morgen, die Degradierung der Frau zur Ware Ja, das ist noch passender, weil weitergehender. Dieser Tolomeo ist - wie du oben schon geschrieben hast - insgesamt grandios gespielt, großartig. Wie er die Masturbationsszene and er Wand spielt, oder im Bett zusieht, was zwischen den beiden anderen geschieht, phantastisch gespielt und völlig organisch in die Musik eingebunden. Dumaux ist in der Tat ein begnadeter Schaupieler, man nimmt ihm jede Aggression und jede erotische Triebhaftigkeit sofort ab.
So, und kannst Du mir jetzt bitte erklären, warum diese Produktion ausgebuht wurde??? Mir absolut unverständlich, ich finde das geradezu skandalös! Was wollen die Leute eigentlich? Das ist eine kluge und mit starken Bildern vollkommen stimmige Inszenierung, ich bin richtiggehend wütend darüber, dass diese den Regisseuren keinen Beifallssturm eingebracht hat.
Was das Ende angeht, mich hat das auch an das Weltuntergangsszenario der Götterdämmerung erinnert, wie die zum Schluss nach unten fahren. Der Panzer wäre meiner Meinung nach überflüssig gewesen, aber sonst gefällt mir das Ende. Ich hätte es mir sogar noch schlimmer vorgestellt, aber das es nicht gut ausgeht, war mir eigentlich folgerichtig.
Bei mir lief gestern Philippe Jaroussky - Carestini (The Story of a Castrato). Zum Dahinschmelzen. Heike
Ingrid (30.05.2012, 09:08): Liebe Severina und liebe Heike,
es ist ja allein schon unglaublich spannend, Eure Berichte zu lesen. Vielen Dank dafür. Hoffe sehr, diesen Cesare auf DVD doch noch irgendwann sehen zu können. Das war ja wohl wirklich ein Ereignis. Hatte Besuch und nicht einmal Zeit, ins Programm zu schauen :I Vielleicht wäre unsre Aufnahme ja sogar geglückt.
:hello Ingrid
ar (30.05.2012, 11:11): Man findet den Mitschnitt ja noch auf Arte...
Ich fand's einfach genial. Zu Severinas Ausführungen zur Inszenierung kann ich eigentlich nichts hinzufügen.
Die Bartoli überzeugt, trotz Maniriesmen, auf voller Linie. Es ist einfach eine Freude ihre Kleopatra zu sehen. Scholl und Jaroussky gefallen mir beide sehr, ich hatte nämlich Zweifel ob Jaroussky die dann doch sehr hohe Sesto-Tessitur schafft: ja, er tut es. Am meisten überzeugten mich aber vonOtter und Dumaux. Ich hätte Frau vonOtter nicht mehr diese Leistung zugetraut, aber sie hat mich überzeugt (kluger Schachzug von ihr, von Sesto auf Cornelia zu wechseln). Zudem hätte sie einen Oscar für ihr Schauspiel verdient! Das gleiche gilt für Dumaux, welcher mir von den Countertenören auch am besten gefiel. Perfekte Technik (er singt im Gegensatz zu vielen Countertenören welche ich kenne immer auf dem vollen Körper) und ein super Spiel. Es ist wirklich eine Freude, zu sehen wie sein Tolomeo sich weiterentwickelt. Hatte er in Glyndenbourne noch technische Probleme, konnte er das mit seinem Spiel kompensieren (dort war er ein freches, kleines Kind, welches zu hoch pockert). In Parist stimmte dann die Technik und das Portrait wirkte insgesamt gereifter als noch in England. Übrigens spielte er schon immer mit dieser perversen Seite des Tolomeos, das kann man schon in Glyndenbourne sehen. Nur SO ausleben wie in Salzburg durfte er das bisher nciht.
Ich liebe die Stimme Droles, aber das war jetzt wirklich nicht seine beste Leistung und zum ersten Mal hörte ich bei ihm eine gewisse Mühe bei tiefen Tönen. Trotzdem, auch er kann spielen.
Lieber Gruss
Heike (30.05.2012, 13:20): die vollständige Aufzeichnung auf arte: http://videos.arte.tv/de/videos/julius_caesar_live_aus_salzburg-6691418.html ich weiß nicht, wie lange die das online noch zeigen Heike
Die Neuproduktion von "Julius Cäsar" hat am 25. Mai 2012 in Salzburg Premiere. ARTE überträgt die Vorstellung vom 27. Mai
Dirigent: Giovanni Antonini Inszenierung: Moshe Leiser, Patrice Caurier Moderation: Edouard Fouré Caul-Futy Regie: Olivier Simonnet Komponist: Georg Friedrich Händel Ausstattung: Christian Fenouillat Licht: Christophe Forey Orchester: Il Giardino Armonico Mit: Andreas Scholl (Julius Cäsar, römischer Imperator), Cecilia Bartoli (Sopranistin) (Cleopatra, Königin von Ägypten), Anne Sofie von Otter (Cornelia, Pompeos Witwe), Philippe Jaroussky (Sesto, Pompeos und Cornelias Sohn), Christophe Dumaux (Tolomeo, König von Ägypten, Cleopatras Bruder), Jochen Kowalski (Nireno, Kammerdiener), Ruben Drole (Achilla, General, Tolomeos Berater), Peter Kálmán (Curio, römischer Tribun) Frankreich, 2012, ARTE F
Ingrid (30.05.2012, 14:15): Original von Heike die vollständige Aufzeichnung auf arte: http://videos.arte.tv/de/videos/julius_caesar_live_aus_salzburg-6691418.html ich weiß nicht, wie lange die das online noch zeigen Heike
Leider bricht bei mir schon immer nach kurzer Zeit der Internetzugang "stöhnend" zusammen. Kann leider verpasste Sendungen so gut wie nie länger als höchstens 10 Minuten ansehen. Sonst hätte ich mir den Caesare natürlich längst reingezogen.
:hello Ingrid
Zefira (30.05.2012, 14:18): Hach, ich habe ihn auf DVD, mein allzeit hilfsbereiter Männe hat ihn mir gebrannt. Jetzt muss ich nur noch die Zeit finden, ihn anzuschauen, bisher hat es nur zum Reinspicken gereicht. Andreas Scholl und Anne Sofie von Otter finde ich schon mal klasse - von der Bartoli habe ich noch nicht viel gesehen :D
Liebe Grüße Zefira
Billy Budd (30.05.2012, 14:37): Liebe Severina, niemand kann so gut Berichte schreiben, wie du. Aus Deinem spricht wirkliche Begeisterung und es wäre schön, solche hin und wieder auch von Wiener Aufführungen zu lesen. Aber bis 2020 schaut es diesbezüglich schlecht aus; leider. (Niemand verlangt ja jeden Tag eine Sternstunde, aber solider Repertoirealtag darf wohl erwartet werden!) Bitte entschuldige meine lange Leitung, aber hast Du jetzt einen Mitschnitt oder nicht? Was Die Buhrufe angeht, so finde ich, dass sie nicht unbedingt für eine schlechte Inszenierung stehen. Denn dann hat sie etwas in den Köpfen der Zuschauer bewegt und das Publikum zum Denken anzuregen, ist die Aufgabe jeder Produktion. Bei der Premiere unserer "Katja" (ein schlecht durchdachter Mist) gab es nur dahinplätschernden Applaus und gar kein Gebrüll (weder das eine, noch das andere). Diese Reaktion steht für Langeweile. Oder umgekehrt gab es bei der Premiere des Guth-Tannhäusers einen wütenden Buhorkan (zumindest angeblich; ich war nicht dort), aber das ist eine sehr gute Produktion, die mir immer besser gefällt. Aber unser Direktor will allen Ernstes eine Neuinzenierung!! Die von Dir erwähnte Barbiere-DVD werde ich mir zu Gemüte führen. Zum einen wegen der Sänger und zum anderen um ein Gegenstück zu unserem Uralt-Barbiere (60er-Jahre) zu kennen. Wieso inzenieren diese Regisseure nicht mal in Wien??? Selbst wenn er gesungen hätte wie Benedikt Kobel, hätte ich sein Engagement vehement verteidigt, denn bei einer solch umwerfenden Bühnenpräsenz wird die Stimme fast zur Nebensache. :rofl :rofl :rofl Aber dann muss die schauspielerische Leistung aber schon dermaßen exorbitant großartig sein, denn Stimmgewabere à la Kobel toleriere ich generell nicht. Leute, die ihr Denkvermögen gemeinsam mit dem Mantel an der Garderobe deponieren und sich ein paar sinnfreie Stunden mit einem farbenprächtigen Kostümschinken erwarten, sind von Moshe Leisers und Patrice Cauriers klugen Adaption des antiken Plots wahrscheinlich wirklich überfordert (Ein Caesar im blauen Anzug, ohne Toga und Lorbeerkranz – wie degoutant!!), die anderen hoffentlich genauso fasziniert wie ich. Ich habe gerade in einem uns wohlbekannten Forum (nicht das mit M; siehe auch mein Cav/Pag-Bericht) im Thread "Wege aus der Regietheaterkrise" (der Titel spricht für sich...) gelesen. Was diese Idioten im Jahr 2012 für einen Unsinn daherreden, ist ungeheuerlich. Wobei die Bemerkungen zu dieser Übertragung ohnehin noch harmlos sind, im Vergleich mit anderen. Meine Ansichten zu Regie sind natürlich rein subjektiv.
Billy :hello
P.S.: Gabs nicht einmal einen von Dir eröffneten Thread "Oper im TV"? :wink
Heike (30.05.2012, 14:44): Ich schaue gerade nochmal den ersten Akt an und bleibe immer am Ende hängen, Cornelias und Sestos Duett "Son nata a lagrima"- ist wirklich sensationell. Heike
stiffelio (30.05.2012, 18:19):
P.S.: Gabs nicht einmal einen von Dir eröffneten Thread "Oper im TV"? :wink
Hallo Severina,
meinst du den hier? http://www.das-klassikforum.de/thread.php?threadid=1409&threadview=0&hilight=&hilightuser=0&page=1
VG, stiffelio
Severina (30.05.2012, 18:49): Ja, danke, ich habe diesen Thread nicht vergessen, aber der dient eher dazu, schnell einmal ein paar Bemerkungen zu nicht sonderlich spektakuären TV-Opern abzulassen, also Sachen, die schon x-mal gelaufen und schon ausführlich diskutiert worden sind.
Aber bei einer völlig neuen Produktion, an der sich auch eine Diskussion entzündet (Zumindest ist das immer meine heimliche Hoffnung! :)) finde ich einen eigenen Thread sinnvoller, denn im Sammelthread ginge das Thema bald unter. So bleibt es präsenter und lädt dazu ein, auch später noch Kommentare abzugeben, denn vielleicht gibt es ja Leute, die einfach noch nicht dazugekommen sind, sich ihre Aufzeichnung anzuschauen.
lg Severina :hello
Severina (30.05.2012, 19:29): Ich habe gerade in einem uns wohlbekannten Forum (nicht das mit M; siehe auch mein Cav/Pag-Bericht) im Thread "Wege aus der Regietheaterkrise" (der Titel spricht für sich...) gelesen. Was diese Idioten im Jahr 2012 für einen Unsinn daherreden, ist ungeheuerlich. Wobei die Bemerkungen zu dieser Übertragung ohnehin noch harmlos sind, im Vergleich mit anderen.Meine Ansichten zu Regie sind natürlich rein subjektiv.
Billy :hello
Ja, diesen Thread kenne ich auch.... Alle, die darin eine positive Einstellung zum so genannten Regietheater vertraten, wurden inzwischen aus dem Forum geworfen.... Einen gewissen kabarettistischen Unterhaltungswert kann man dem ganzen ja nicht absprechen, aber da es sich um ein Wiener Forum handelt, fürchte ich immer, dass man die dort geäußerten Ungeheuerlichkeiten als repräsentativ für die Wiener Opernfans betrachten könnte, und da wird mir ein bisschen übel.....
Ja, und natürlich sind meine Ansichten zur Regie auch rein subjektiv, das versteht sich von selbst.
lg Severina :hello
Billy Budd (30.05.2012, 20:59): Das Dumme ist nur, dass jemand, der keine Foren kennt, wohl am Ehesten auf dieses stößt, da es ja leider das größte ist. Aber was soll man von "Opernfreunden" erwarten, die eine Beurteilung über eine Inszenierung anhand eines 3x5 cm großen Bildchens abgeben können? Ich lese dort nur mit, um mich zu unterhalten und da stört es mich auch gar nicht, wenn man mich dort zu einer "Mafia" zählt, für dumm erklärt und am liebsten "ausmerzen" möchte ... Ich hab mal überlegt, ob ich mich dort anmelden und offen gegen diese Ungeheuerlichkeiten anschreiben sollte, aber dann hätte man mich wohl schnellstens rausgeschmissen. Außerdem möchte ich dem Grande Inquisiteure (find ich einen guten Vergleich) meinen Namen etc. nicht preisgeben.
Entschuldigung für dieses OT, aber zum Thema kann ich gar nichts beitragen, da ich die Übertragung nicht gesehen habe.
Billy :hello
P.S.: Ich kanns nicht glauben: Schon wieder gibt es dort einen neuen Regietheaterthread. Da ist offenbar einigen sehr fad ...
Billy Budd (30.05.2012, 21:00): .
Billy Budd (30.05.2012, 21:04): Original von stiffelio Original von Billy Budd P.S.: Gabs nicht einmal einen von Dir eröffneten Thread "Oper im TV"? :wink
Hallo Severina,
meinst du den hier? http://www.das-klassikforum.de/thread.php?threadid=1409&threadview=0&hilight=&hilightuser=0&page=1
VG, stiffelio
Original von Severina Ja, danke, ich habe diesen Thread nicht vergessen, aber der dient eher dazu, schnell einmal ein paar Bemerkungen zu nicht sonderlich spektakuären TV-Opern abzulassen, also Sachen, die schon x-mal gelaufen und schon ausführlich diskutiert worden sind.
Aber bei einer völlig neuen Produktion, an der sich auch eine Diskussion entzündet (Zumindest ist das immer meine heimliche Hoffnung! :)) finde ich einen eigenen Thread sinnvoller, denn im Sammelthread ginge das Thema bald unter. So bleibt es präsenter und lädt dazu ein, auch später noch Kommentare abzugeben, denn vielleicht gibt es ja Leute, die einfach noch nicht dazugekommen sind, sich ihre Aufzeichnung anzuschauen.
lg Severina :hello
Ich dachte, der von stiffelio erwähnte Thread dient nur Ankündigungen, während in dem von mir verlinkten diskutiert werden sollte. Billy :hello
Heike (30.05.2012, 21:15): Offtopic: Es gibt ja prinzipiell 3 Möglichketen für Diskussionsbeiträge zu Opernaufführungen: 1. man hängt sie an den Werkthread an, falls es schon einen gibt (finde ich am besten, aber zu Giulio Cesare gibts noch keinen Werkthread) 2. man hängt sie an den Thread zum entsprechenenden Opernhaus an - bzw. analog zu Oper im TV/ im Internet/ im Radio/ im Kino .... 3. man eröffnet einen neuen Thread genau zu der Serie.
Letztlich kann es jeder so machen, wie er will, wobei 3. durchaus besonderen Aufführungen (wie diesem Cesare :-) vorbehalten sein sollte.
So nun zurück zum Giulio. Stiffelio, natürlich interessiert uns, was z.B. dich an der Inszenierung stört. Ich selbst bin ja der Meinung, dass gute Inszenierungen fast immer polarisieren. Und natürlich ist es auch Geschmackssache, was gefällt, insoweit ist es doch spannend, andere Meinungen zu lesen (falls sie nicht nur aus "Regietheater ist eine grundsätzliche Seuche" bestehen). Heike
Billy Budd (30.05.2012, 21:23): Dank Heike, die mich per PN darauf aufmerksam gemacht hat, habe ich mir eben ein Duett (90 min-98 min) und eine Arie (174 min-177:40 min) angesehen. Diese kurzen Ausschnitte erlauben natürlich keine Beurteilung, aber die Stimmen gefallen mir sehr gut. Ich dachte, dass Anne Sofie von Otter ihre beste Zeit schon hinter sich hat, aber da gefällt sie mir sehr gut. Billy :hello
Heike (30.05.2012, 21:35): Die von Billy genannte Arie (174 min-177:40 min) illustriert imho besonders drastisch, warum gewisse spießige alte Herren diese Inszenerung auf keinen Fall mögen können. Wobei man gerade da hört, wie großartig Dumaux singt und gleichzeitig genial spielt. Heike
Severina (30.05.2012, 21:35): Original von Heike Offtopic: Es gibt ja prinzipiell 3 Möglichketen für Diskussionsbeiträge zu Opernaufführungen: 1. man hängt sie an den Werkthread an, falls es schon einen gibt (finde ich am besten, aber zu Giulio Cesare gibts noch keinen Werkthread) 2. man hängt sie an den Thread zum entsprechenenden Opernhaus an - bzw. analog zu Oper im TV/ im Internet/ im Radio/ im Kino .... 3. man eröffnet einen neuen Thread genau zu der Serie.
Letztlich kann es jeder so machen, wie er will, wobei 3. durchaus besonderen Aufführungen (wie diesem Cesare :-) vorbehalten sein sollte. Eben deshalb! So nun zurück zum Giulio. Stiffelio, natürlich interessiert uns, was z.B. dich an der Inszenierung stört. Ich selbst bin ja der Meinung, dass gute Inszenierungen fast immer polarisieren. Und natürlich ist es auch Geschmackssache, was gefällt, insoweit ist es doch spannend, andere Meinungen zu lesen (falls sie nicht nur aus "Regietheater ist eine grundsätzliche Seuche" bestehen). Heike
Das kann ich nur unterschreiben! Stiffelio, bitte teile Deine Eindrücke mit uns!
lg Sevi :hello
Billy Budd (30.05.2012, 21:35): Original von Heike Die von Billy genannte Arie (174 min-177:40 min) illustriert imho besonders drastisch, warum gewisse spießige alte Herren diese Inszenerung auf keinen Fall mögen können. Wobei man gerade da hört, wie großartig Dumaux singt und gleichzeitig genial spielt. Heike
Mich wundert, dass es da gar keine Zwischenrufe gegeben hat!
Severina (30.05.2012, 21:39): Original von Heike Die von Billy genannte Arie (174 min-177:40 min) illustriert imho besonders drastisch, warum gewisse spießige alte Herren diese Inszenerung auf keinen Fall mögen können. Wobei man gerade da hört, wie großartig Dumaux singt und gleichzeitig genial spielt. Heike
In einem anderen Forum wurde ich gerade darüber aufgeklärt, dass diese Szene absolut "bühnenunwirksam, unlogisch und einfach nicht zur Charakterzeichnung passend" sei, überhaupt sei die ganze Inszenierung handwerklich schlecht und böte einen Mischmasch aus diversen Regietheaterstilen.....
Und wir Blödfrauen erkennen das einfach nicht und halten diesen Mist für genial! :haha lg Sevi :hello
Heike (30.05.2012, 21:49): dass diese Szene absolut "bühnenunwirksam, unlogisch und einfach nicht zur Charakterzeichnung passend Also, wenn das ein gaaaanz häßlicher und v.a. unmusikalischer Gnom vollführt hätte, dann hätte es mich vielleicht auch abgestoßen; aber das ist sooo lustvoll gesungen und zudem recht appetitlich anzusehen - ich bin ja beruhigt, dass wir uns einig sind. Heike
P.s im übrigen auch ein Musterbeispiel für die oft bis ins Detail durchdachte Regie - das weiße Tuch aus der nächsten Szene legt er sich hier erstmal über die eigene Schulter....
Fairy Queen (31.05.2012, 07:03): Ich bin ebenfalls ein ganz grosser Giulo Cesare Fan und habe zwei wunderbare Aufführungen aus jüngerer Zeit in bester Erinnerung: den hier mehrfach genannten Pelly (das singt Dumaux auch mit- er liefert wirklich ein ideales Rollenporträt) und Mc vicar/Häïm vor ienigen Jahren in Lille, dessen spielerishce Leichtigkeit mich auch begeistert hat. Das hier scheint nun eine ganz andere Schiene zu sein und ich bin serh gespannt und neugierig. Auch wenn ich nach Pelly und McVicar serh anspruchsvoll bin, kann ich mir nach euren Beschreibungen gut vorstellen, dass die Interpretation grossartig ist und die Sängerriege ist ja nun wahrlich vom Feinsten. Bartoli ist wahrscheinlich eine komplett andere Cleopatra als Danièle De Niese bzw Natalie Dessay. Das von Otter inzwischen nciht mehr Sesto sondern Cornelia singt ist ein natürlicher entwicklungsweg und die vielen erstklassigen Counter (auch wenn ich diese Stimmen eigentlch nciht gerne hören) sind schon ein Luxus. Ich werde wahrscheinlich nächste Woche einen Mitschnitt bekpmmen, aber bis ich das Ganze dann gesehen habe, ist die Diskussion hier wahrscheinlcih beendet..... Was für herrliche Musik in dieser Oper- da jagt wriklich ein Meisterwerk das Andere und alle Rollen haben ihre Highlights. Hänel war ein genadeter Sänger-Komponist- die hätten vor ihm auf dne knien liegen müssen statt ihn mit ihren Capricen zur Weissglut zu bringen. :engel F.Q.
Severina (31.05.2012, 09:53): Original von Fairy Queen Ich werde wahrscheinlich nächste Woche einen Mitschnitt bekpmmen, aber bis ich das Ganze dann gesehen habe, ist die Diskussion hier wahrscheinlcih beendet..... F.Q.
Liebe Fairy,
keine Bange, die kann jeder Zeit wiederbelebt werden, und ab nächster Woche dürfte ich auch wieder regelmäßig(er) Zeit fürs Forum haben!
lg Sevi :hello
Severina (31.05.2012, 14:13): Hurra, am 25. August bin ich in Salzburg und werde den Cesare also live genießen :leb :leb :leb! (Das ist eine Nachmittagsvorstellung, ich kann also gleich nachher zurück nach Wien fahren und erspare mir die Kosten für eine Übernachtung!)
lg Sevi :leb :leb
Billy Budd (31.05.2012, 16:09): Na, das ist aber wirklich schön! Ich bin gespannt, was Du von der Live-Aufführung berichtest.
Allerdings könnte es sein, dass sich Bartoli mit ihrem offenbar fulminaten Start einen gar nicht so großen Gefallen getan hat, wie man vielleicht annehmen könnte. Denn wenn die nächstjährige Produktion zwar auch gut, aber nicht so toll, wird, werden vielleicht manche enttäuscht sein. Mir geht es nämlich so, dass wenn ein Sänger einmal eine fabelhafte Leistung bringt, ich sie dann unbewusst jedes Mal einfordere.
Billy :hello
stiffelio (31.05.2012, 19:57): Original von Heike Stiffelio, natürlich interessiert uns, was z.B. dich an der Inszenierung stört. Ich selbst bin ja der Meinung, dass gute Inszenierungen fast immer polarisieren. Und natürlich ist es auch Geschmackssache, was gefällt, insoweit ist es doch spannend, andere Meinungen zu lesen (falls sie nicht nur aus "Regietheater ist eine grundsätzliche Seuche" bestehen).
Ihr Lieben,
auch angesicht der Weiterentwicklung dieses Threads seit gestern habe ich tatsächlichlich etwas Hemmungen, diesen Kommentar einzustellen. Gestern wollte ich das noch nicht, da ich da erst den ersten Akt gesehen hatte. Aber wenn ich ehrlich bleiben will, kann ich nichts davon revidieren, eher im Gegenteil
Also: von der Musik bin ich begeistert, als ich gestern Cäsars erste Arie gehört habe, blieb mir die Luft weg. Die hohen Männerstimmen sind für mich immer noch gewöhnungsbedürftig (wenngleich meines Wissens Cäsar historisch belegt wirklich eine relativ hohe Stimme gehabt haben soll :wink), aber in Mozarts TITUS habe ich die Erfahrung gemacht, dass das auch nicht anders ist, wenn Frauen diese Männerrollen singen. Und über die immensen sängerischen (und in weiten Teilen auch schauspielerischen) Fähigkeiten dieser Interpreten bin ich mit euch einig.
Aber ich kann es nicht anders formulieren auch wenn es platt klingen mag: die Inszenierung ist fantasievoll und durchaus auch intelligent gemacht, überschreitet aber in vielen Punkten meine persönlichen Scham- und Schmerzgrenzen. Dass die bei jedem anders gelagert sind, ist selbstverständlich und ich halte meine auch nicht für das Maß aller Dinge, vermute aber dennoch, dass ich da nicht ganz alleine dastehe. Zudem scheint die Inszenierung bei den meisten Requisiten auf das Prinzip Hässlichkeit zu setzen. Dass ein (Bürger)krieg nichts Schönes ist, ist völlig klar, aber in vielen andern Punkten scheint es ihr auch nicht um eine möglichst realistische Darstellung zu gehen. Außerdem hat Kunst für mich auch etwas mit Ästhetik zu tun und die muss hier tatsächlich ganz überwiegend von der Musik übernommen werden. Das ist Cäsars blauer Anzug fast der einzige Lichtblick in der Optik. Es müssen für mich keineswegs nur die fast sprichwörtlichen Schenkschen Blumenwiesen sein, aber soo weit entfernt davon wie diese Inszenierung nun auch wieder nicht.
Ich stehe noch ziemlich am Anfang meiner Opernentwickung und kann natürlich nicht ausschließen, das ich das in einigen Jahren anders sehe. Immerhin hat die Musik den Schlüssel am Tor zu den Barockopern für mich umgedreht.
VG, stiffelio
Karolus Minus (31.05.2012, 20:38): Original von stiffelio
Ich stehe noch ziemlich am Anfang meiner Opernentwickung und kann natürlich nicht ausschließen, das ich das in einigen Jahren anders sehe. Immerhin hat die Musik den Schlüssel am Tor zu den Barockopern für mich umgedreht. VG, stiffelio
Dann solltest Du es mal mit dem Cesare von McVicar aus Glyndebourne oder mit Pelly aus Paris versuchen, bei letzterem weiß ich allerdings nicht, ob der offiziell raus ist. Beide dürften Dir szenisch sehr viel näher liegen, beide sind erstklassig gemacht und musikalisch hervorragend. :hello Karolus Minus
stiffelio (31.05.2012, 21:27): Lieber Karolus,
du kennst mich offenbar schon gut, denn du hast 100%ig ins Schwarze getroffen. Ich sitze bereits am 1. Akt aus Glyndebourne :wink, den ich gestern abend noch auf youtube gefunden habe http://www.youtube.com/watch?v=Fiyv5bvOF0Y und bin völlig begeistert!!
Nichts für ungut, liebe Salzburg-Fans, aber das ist meine Inszenierung.
VG, stiffelio
Fairy Queen (31.05.2012, 23:17): Liebe Stiffelio, ich bin auch von Mc Vicars Cesare begeistert, habe ihn live hier erlebt und solange für das Mass aller Dinge gehalten, bis ich dann Pelly erlebt habe. Das ist genauso gut. McVicar ist witziger und tänzerischer, Pelly hat eine bessere Grundidee und bessere Stimmen. Aber ich finde beide Versionen hinreissend. Das bedeutet aber nicht, dass ich eine ganz andere Interpretation nciht auch toll finden kann. Allein schon die Tatsache, dass Cleopatra von einem Mezzo gesungen wird, macht sicher einen Riesenunterschied für mich, wobei sich Dessay und Bartoli in Sachen Spielfreude und Musikalität sehr ähnlich sind. Ich lasse mich überraschen!!!! F.Q.
Heike (31.05.2012, 23:38): Liebe Stiffelio, mmh, über Geschmack und persönliche Schamgrenzen kann man ja nicht streiten, aber an folgenden Punkt muss ich mal dagegenhalten:
scheint es ihr auch nicht um eine möglichst realistische Darstellung zu gehen Was wäre denn die vermisste Darstellung der Realität? Barockopern sind ja sowieso eher selten besonders geschichtstreu konzipiert, und der Cesare ist es auch nicht. Eigentlich geht es ja da um Liebe, Triebe, Moral und Macht - und insofern um Lust und Affekte; Verführungen und Aggressionen - aber bestimmt nicht um Abbildung irgendeiner richtigen äußeren Realität. Die INNEREN Realitäten dieser Figuren hat das Regieteam in dieser Inszenierung meiner Meinung nach grandios dargestellt. Dass du das nicht ästhetisch findest, ist natürlich ok. Ich z.B. finde es psychologisch und auch im Einklang mit der Musik super gemacht.
Heike
P.s. Sevi, ich beneide dich!!!!!
stiffelio (01.06.2012, 08:04): Liebe Heike,
sorry, das war offensichtlich missverständlich formuliert. Ich habe eine (noch) realistischere Darstellung beileibe nicht vermisst, sondern wollte mit meinem Satz "Dass ein (Bürger)krieg nichts Schönes ist, ist völlig klar, aber in vielen andern Punkten scheint es ihr auch nicht um eine möglichst realistische Darstellung zu gehen" lediglich folgendes ausdrücken: Dass ein Bürgerkrieg objektiv nichts Schönes ist, ist kein Argument, ihn auf einer Opernbühne ausgesprochen hässlich darzustellen, denn in einer Oper geht es eben nicht - wie du zutreffend schreibst - um die Abbildung einer äußeren Realität. Und logischerweise stellt auch diese Inszenierung nicht alles realistisch dar (was ich nicht bekrittele, sondern eher begrüße), also muss sie es auch nicht mit den hässlichen Seiten des Bürgerkriegs tun.
Eine psychologisch gelungene Darstellung bietet aus meiner Sicht auch die McVicar-Inszenierung und ich habe festgestellt, dass ich mich wesentlich besser darauf konzentrieren kann, wenn sich mir nicht ständig bildlich gesprochen der Magen umdreht. Wie gesagt - ganz persönlich.
VG, stiffelio
Fairy Queen (01.06.2012, 08:32): Obschon sich das heute bitter rächen wird, konnte ich eurer Werbung nciht widerstehen und habe mir eine halbe Nacht um die Ohren geschlagen, um grosse Auschnitte des Arte-Video Streams via Internet anzusehen. Die Qualität ist bescheiden, Ton und Mimik gehen nciht zusammen , das Bild ist verzögert und verlangsamt. Trotzdem bekommt man natürlich einen grundsätzlichen Eindruck. Ich kann die Begeisterung verstehen, allein schon die musikalische Seite ist grossartig und die Sänger und Musiker geben ihr Allerbestes, die Regieideen umzusetzen. Die sehr virtuosen Partien dieser Oper sind vom Feinsten besetzt und es gibt überzeugenden Rollenporträts. Cecilia Bartoli überrascht mich immer wieder neu- was für eine Ausnahme-Künsterlin! Mit 50 Jahren und nach 30 Jahren grosser Karriere auf solchem Top-Niveau zu singen und zu agieren- chapeau! Auch wenn ihre Gesangstechnik immer wieder umstritten war: sie funktioniert und zwar auch nachhaltig (was man leider von Natalie Dessay nicht mehr sagen kann, obschon sie einige Jahre jünger ist als die Bartoli). Die Anhäufung von Countern ist kein Balsam für meine Ohren, wenngleich alle phantastisch singen. Sesto und Tolomeo und auch Nireno sind mit den Counterstimmen ideal bedient- das gehört und passt zum Rollenporträt, bei Cesare stört es mich jedoch ziemlich. Scholll ist zwar ein Meister seines Fachs, aber in dieser Rolle gefällt er mir nicht. Wenn man hier mit einem Counter besetzen muss, dann sollte der ein etwas virileres Timbre haben(das kann ein guter Contralto m.E. aber besser bringen)- die Charaktere unterscheiden sich m.E. zu wenig, alle Stimmen in dieser Aufführung sind sich zu ähnlich. Cesare ist für mich kein Weichei und kein Dekadenzling- in diesem Punkt teile ich die Idee der Regie nicht. Zur Inszenierung: ich kann mit dieser ganz anderen Sichtweise serh gut leben und finde sie weitgehend stimmig und koherent. Obschon ich lange noch nciht alles gesehen habe und den Schluss überhaupt nciht, ist das eine echte Alternative zur historisierenden Sichtweise von McVicar und Pelly. Was die Schamgrenzen angeht, fällt es mir schwer , Stiffelios Einwand nachzuvollziehen- gegen Bieito oder Neuenfels ist das total harmlos und was man heutzutage allein bei Computerspielen geboten bekommt..... Aber die Opernbühne ist vielleicht für Viele immer noch ein Refugium das eben nicht mit den Bildern der modernen Welt versippt sein sollte? Verstehen kann ich das, aber für mich gilt das nicht. Ich bin mir noch nciht gazn im Klaren, wie ich diese Mischung aus hartem Realismus und subtilen psychologischen Details (z.B. wenn Cornelia ihren Schmuck ablegt) und manchen plakativen Comik-Strips (z.B. wenn Cornelia ihren Kopf in den Krokodilrachen steckt oder Tolomeo die Cesare-Figur auseiandernimmt oder Cleopatra auf einer Rakete in den Himmel entschwindet) einordnen soll. Können die Regisseure sich nciht ganz zwischen grosser Ernsthaftigkeit, überzeugender Abbildung innerer Bilder und Show-Effekten entscheiden? Sind das Zugeständnisse, ist das absicht als Bruch oder ist das Hilflosigkeit, die richtige Art von "Humor" zu finden? Angescihts der ziemlich markerschütternden Grundidee finde ich diesen "Humor" dann nicht schwarz und sarkastisch genug und er fällt aus dem Rahmen des Ganzen. Wahrscheinlich bei diesen hochintelligenten Künstlern mit Absciht, aber diese Absicht würde mich nciht auf Anhieb überzeugen. Das ist der bisher einzige Wermutstropfen in meiner ersten Annäherung an diese mehr als bemerkenswerte Aufführung. Ich kann nur immer wieder die Grossartigkeit von Händels Musik betonen- wer z.B. bei dem Duett "Son nato a lacrimar" oder der Arie "Se pietà" immer noch nciht kapiert was das für ein Meisterwerk ist, dem ist barock nicht zu helfen. :engel Mir geht das jedenfalls viel näher als alles veristische Gejaule und Gestöhne.....Leider warten nun 10 Wahnsinnstage auf mich und ich komme nciht mehr dazu mich ausgiebiger damit oder sonstirgendetwas zu befassen. aber immerhin..... :D
Heike (01.06.2012, 08:35): Liebe stiffelio, das finde ich interessant, dass du meinst, der Bürgerkrieg sei besonders hässlich dargestellt. Da kann man mal sehen, wie unterschiedlich das wahrgenommen wird. Ich fand das gerade nicht besonders drastisch/realistisch, sondern durch die teilweise tanzenden, spielenden, voyeristischen, niederknienden, trauernden Soldaten erschreckend verfremdet und eben deshalb berührend. Heike
P.s. liebe Fairy, gegen Bieito oder Neuenfels ist das total harmlos Womit du wohl recht hast - es gibt weder Nackte, noch Blutfontänen noch Massenschlägereien ;-) Sogar die Sexszenen werden angezogen gespielt. Was die Comics angeht, die haben mich ganz zuerst auch irritiert. Aber schon bald entpuppen sich die Dinge als ganz bitterböse Klischees, die bedient werden. Je öfter ich das ansehe, desto besser gefällt es mir. Heike
Severina (01.06.2012, 09:45): Meine Lieben,
bin schon wieder auf dem Absprung in die Provinz, muss mich aber doch noch kurz (oder länger :wink) hier äußern.
Stiffelio, Deine Einwände habe ich genau in dieser Art erwartet, denn ein bisschen kann ich Deine Ansprüche und Deinen Geschmack inzwischen auch einordnen. Beides ist völlig legitim, auch wenn es sich nicht mit meinem Zugang zur Oper deckt. Und persönliche Scham- und Schmerzgrenzen sind ohne jede Diskussio zu akzeptieren. Für mich ist auf der Opernbühne alles erlaubt, was durch Musik und Libretto (wobei ich da großzügiger bin) gedeckt ist, und das trifft auf diesen Cesare in meinen Augen (und Ohren) 100%ig zu.
Natürlich ist es OK zu sagen, ich will in der Oper nicht auch noch mit all dem Mist konfrontiert werden, der uns tagtäglich umgibt, ich will für ein paar Stunden in eine schönere Welt abtauchen. Und genau da beginnen meine Probleme, denn die meisten Opernsujets bieten alles andere als heile Welt, und wenn das mit einer Hochglanzästhetik kaschiert wird, wird es für mich unglaubwürdig. Bei bühnenwirksam lodernden Scheiterhaufen im "Don Carlo", die nichts weiter als "schöne Bider" liefern, dreht sich mir der Magen um, während mir der brutale Realismus eines Bieito an die Nieren geht. Und eine Mimi, die zwischen Müllcontainern verreckt (wie in der Hochhaus-Bohème aus Bern) erschütterte mich mehr als die gleiche Szene in unserer Schenkinszenierung (oder der süßlichen Dornhelm-Verfilmung), wo Armut kitschig verbrämt wird, die desolate Künstler-WG eben nicht desolat, sondern romantisch wirkt. Armut ist ebenso wenig "romantisch" wie Lungenschwindsucht, und es macht mich regelrecht wütend, wenn das auf der pernbühne so verharmlost wird.
Kunst, und da unterscheiden wir uns wohl, soll für mich nicht einfach nur "schön" sein, sie muss (auch) aufrütteln, irritieren, verstören. Denn genauso hat so manches Kunstwerk, vor dem wir heute bewundernd stehen, auf seine Zeitgenossen gewirkt. Michelangelos oder Caravaggios realistische Menschendarstellungen wurden als skandalös, als vulgär empfunden, ja sogar als blasphemisch.
Daher sind mir "hässliche", aber stimmige Bühnenbilder lieber als schöne, nichtssagende. Nach 35 Jahren Oper habe ich die Kostümorgien und mit pseudohistorischem Plunder vollgestopften Bühnen gründlich satt, ich will suggestive Raumlösungen, stilisierte und möglichst minimalistische Bühnenbilder oder überhaupt Leere, Leere, Leere.
Ganz ehrlich: Einen "Giulio Cesare" in Sandalen und Togen, mit Sphingen und Hieroglyphen hätte ich trotz dieser Traumbesetzung keine Stunde ausgehalten. (Das ist jetzt überspitzt formuliert, ich weiß schon, dass Du nicht diese Art von Ästhetik gemeint hast!)
Vor allem, und deshalb auch meine Begeisterung für diese Produktion, möchte ich auf der Opernbühne keine statischen Kunstfiguren, deren Bewegungsrepertoire sich in Standbein-Spielbein, rechte Hand ans Herz, linke dramatisch erhoben, erschöpft, sondern glaubhafte Menschendarstellungen. Bei Vorstellungen wie dem gestrigen "Roberto Devereux", wo die Sänger wie aufgefädelt an der Rampe kleben, frontal ins Publikum singen und nicht einmal andeutungsweise durch ihre Körpersprache zum Ausdruck bringen, was sie angeblich gerade durchleiden, empfinde ich nur eines: Gähnende Langeweile! Das Argument, Sänger müssten immer in Sichtkontakt zum Dirigenten stehen, widerlegen Künstler wie Jonas Kaufmann oder im konkreten Fall Dumaux auf eindrucksvolle Art und Weise. Die bewegen sich völlig natürlich auf der Bühne, nützen den geamten Raum, singen in alle Richtungen, was natürlich gefährlich sein kann, aber wichtiger als der reine Schönklang ist diesen Singschauspielern eben ein überzeugendes Agieren.
Regisseure, die das Letzte aus den Sängern herausholen, sie bis zur totalen Selbstentäußerung treiben, liebe ich einfach, denn sie schaffen packendes Musiktheater. Und entgegen der oft vertretenen These von den armen, den perversen Phantasien ihrer Regisseure hilflos ausgelieferten Sängern funktioniert das nicht gegen ihren Willen. Oder glaubt jemand ensthaft, Dumaux hätte die Szenen, die über Deiner, Stiffelios Schamgrenze liegen, derart hinreißend/überzeugend gespielt, wenn er sich nicht 100%ig mit diesem Regiekonzept identifiziert hätte?? So etwas kann man nicht spielen (Zumindest nicht so!), wenn man nicht von der dramaturgischen Richtigkeit dieser Szene überzeugt ist. Und noch etwas: Dass widerliche/brutale Szenen (Das meine ich jetzt allgemein, nicht auf den Cesare bezogen), ambivalente Gefühle bis hin zur totalen Ablehnung im Zuschauer hervorrufen, ist ja auch ihr Sinn und Zweck, sie sollen ja auch aufrütteln, provozieren (im positiven Sinn), einen vom bloßen Konsumieren einer ästhetischen Scheinwelt abhalten.
Das heißt jetzt nicht, dass Oper IMMER so sein MUSS. Ich plädiere für einen Pluralismus der Regieformen, wo jeder auf seine Kosten kommt, auch der/die, die eine Vorstellung einfach "nur" genießen wollen. Das kann ich im übrigen auch, denn ein "Re pastore" wie in Zürich, der keine intellektuellen Ansprüche stellt, sondern einfach nur rundherum gelungen und nett ist, kann mich genauso begeistern wie der Salzburger Cesare.
lg Sevi :hello
Billy Budd (01.06.2012, 14:16): Liebe Severina, bei dem, was Du zu Opernregie beisteuerst, stimme ich Dir uneingeschränkt zu. Allerdings ist unsere Uralt-Bohème von Zefirelli (nicht von Schenk), aber das macht wohl keinen großen Unterschied. Ich freue mich jedenfalls schon auf die Neuproduktion der Kammeroper! Billy :hello
stiffelio (01.06.2012, 16:24): Hallo Ihr Lieben,
ich möchte gar keine große Diskussion provozieren, sondern nur noch auf wenige Punkte kurz eingehen. Original von FairyQueen Was die Schamgrenzen angeht, fällt es mir schwer , Stiffelios Einwand nachzuvollziehen- gegen Bieito oder Neuenfels ist das total harmlos und was man heutzutage allein bei Computerspielen geboten bekommt..... Aber die Opernbühne ist vielleicht für Viele immer noch ein Refugium das eben nicht mit den Bildern der modernen Welt versippt sein sollte? Ich weiss, das diese Inszenierung gegen manche andere noch harmlos wirkt. In letztere würde ich auch nicht geschenkt gehen. Ich spiele nicht auf dem Computer, habe keinen Fernseher und kann die Kinobesuche meines bisherigen Lebens an einer Hand abzählen. Ich möchte und muss da mit den "Bildern der modernen Welt" echt aufpassen, denn manche "Tatort"-Szenen, die ich als Jugendliche vor ca. 30 Jahren mit meinen Eltern gesehen habe, verfolgen mich noch heute. Insofern ist die Opernbühne für mich kein Refugium, sondern ich möchte dort lediglich auf die gleiche Psychohygiene achten, die ich andernorts walten lasse. Wer das realitätsfern nennt (was ich von euch nicht vermute): in der Realität würde ich mich abwenden (bei den Sexszenen) oder versuchen einzugreifen (bei den Gewaltszenen), jedenfalls auf keinen Fall passiv zuschauen. Nein, Oper ist nicht Realität. Dennoch möchte ich mich an solche Bilder nicht gewöhnen.
Was den Cesare anbetrifft, stimme ich dir 100%ig zu: so interessant ich die Bestzung mit einem Countertenor auch fand, sowenig passte seine Stimme für mich zur Rolle.
Original von Severina Kunst, und da unterscheiden wir uns wohl, soll für mich nicht einfach nur "schön" sein, sie muss (auch) aufrütteln, irritieren, verstören. "Einfach nur schön" möchte ich sie auch nicht, daher ja mein "Problem" mit Belcanto. Aufrütteln - unbedingt!! Aber das schafft die McVicar-Inszenierung mit ihren subtileren Andeutungen (die Inszenierung ist ja keineswegs sex- und gewaltfrei) bei mir besser. Irritieren - kann, muss aber nicht sein Verstören - nein, für mich bitte nicht. Eine solche Verstörung wäre für mich nichts Konstruktives
Dass widerliche/brutale Szenen (Das meine ich jetzt allgemein, nicht auf den Cesare bezogen), ambivalente Gefühle bis hin zur totalen Ablehnung im Zuschauer hervorrufen, ist ja auch ihr Sinn und Zweck, sie sollen ja auch aufrütteln, provozieren (im positiven Sinn), einen vom bloßen Konsumieren einer ästhetischen Scheinwelt abhalten. So hehr dieses Ziel sein (und bei manchen auch funktionieren) mag, ich würde dagegen halten, dass brutale Szenen auf der Opernbühne auch ins Konsumieren einer unästhetischen, brutalen Scheinwelt umschlagen kann. Denn Oper ist immer Scheinwelt. Und Brutalität kann nicht nur abschrecken und aufrütteln, sondern auch faszinieren, Gedanken und Triebe in uns befördern, die ganz bestimmt nicht positiv sind.
Das alles ist natürlich ein alter Hut, der bestimmt schon 1000fach ausgefochten wurde. Ist leider trotzdem nicht so kurz geworden wie geplant, sorry.
VG, stiffelio
Heike (10.06.2012, 10:47): Liebe Stiffelio, liebe Fairy, jetzt habe ich endlich ein wenig Zeit und will noch ein paar Bemerkungen schreiben:
Was den Cesare anbetrifft, stimme ich dir 100%ig zu: so interessant ich die Bestzung mit einem Countertenor auch fand, sowenig passte seine Stimme für mich zur Rolle. Mir hat das gefallen, für mich ergibt das eine ganz neue Erfahrung, mal einen Mann in die Rolle zu bringen (von den alten Bariton-Aufnahmen mal abgesehen, die mag ich gar nicht). Scholl hat die nötige Kraft (zumindest, soweit man das per Aufnahme beurteilen kann), und er singt die Verzierungen mit sehr schöner Leichtigkeit , insoweit höre ich ihm da gern zu.
Cesare ist für mich kein Weichei und kein Dekadenzling Nun, viel Heldenhaftes hat er bei den Salzburgern wirklich nicht. Er steht nicht mal im Mittelpunkt, finde ich. Zwar wandelt er sich ja auch etwas im Laufe der Inszenierung, aber der Focus liegt doch mehr aus den Frauen und ihren Rollen. Das verstärkt sich natürlich noch durch die Besetzung aller anderen Rollen mit Männern. Eine andere, aber interesssante Sichtweise.
Ich bin mir noch nciht gazn im Klaren, wie ich diese Mischung aus hartem Realismus und subtilen psychologischen Details (z.B. wenn Cornelia ihren Kopf in den Krokodilrachen steckt oder Tolomeo die Cesare-Figur auseiandernimmt oder Cleopatra auf einer Rakete in den Himmel entschwindet) einordnen soll. Wenn du das im Ganzen angesehen hast, wirst du ganz viele typische Klischees der Opernwelt wiederfinden, manchmal ganz konkret bekannten Regisseuren zuzuordnen. Zum Teil wirklich böse karrikiert, andererseits auch sehr organisch in das Gesamtkonzept eingebunden. Man könnte das quasi wie ein Sammelsurium von tpischen Regiemitteln ansehen, das da zusammengetragen wurde. Vieles ist mir erst beim zweiten Sehen aufgefallen, bzw. habe ich da mehr drauf geachtet. Es macht direkt Spaß, Dinge wiederzufinden, die man aus anderen Inszenierungen kennt (z.B. Herheim: geworfene Soldatenpuppen in Parsifal), oder die typisch für bestimmte Regisseure sind (z.B: Bieto: lustvoll blutige Ausweidung der Innereien) oder die einem in jeder dritten Inszenierung begegnen (Kino im Theater). So sehe ich auch den etwas merkwürdigen Schluss, da wird ja mindestens 3x tief in die Mottenkiste der gern genommenen Stilmittel gegriffen: Kostümierung mit Hütchen/ Konfettischlangen; Fahrt nach unten zum Ende; deutscher Panzer als Bedrohung.
Insoweit ist das eine zweite Ebene, die da eingezogen ist, und die zu den sehr subtilen psychologischen Details den Gegenpol bildet.
Heike
P.s. @Sevi: Es wird eine DVD geben, ich habe in Salzburg angefragt :-)
Heike (10.06.2012, 11:03): Liebe Stiffelio, dann machst du noch ein weiteres spannendes Diskussionsfeld auf: So hehr dieses Ziel sein (und bei manchen auch funktionieren) mag, ich würde dagegen halten, dass brutale Szenen auf der Opernbühne auch ins Konsumieren einer unästhetischen, brutalen Scheinwelt umschlagen kann. Denn Oper ist immer Scheinwelt. Und Brutalität kann nicht nur abschrecken und aufrütteln, sondern auch faszinieren, Gedanken und Triebe in uns befördern, die ganz bestimmt nicht positiv sind.
Da sind wir beim alten "Streit", ob die Darstellung bzw. das Sehen von Aggression in der Kunst (oder auch im TV, im Spiel) auch reale Aggression befördert. Die Psychologie hat das bisher nicht nachweisen können, alle Ergebnisse dazu sind bunt gemischt und/ oder widersprüchlich. Sicher scheint aber, dass das komplette Meiden aggressiver Inhalte nicht dazu führt, dass man real friedlicher wird*. Insoweit kann Brutalität auf der Bühne zwar vielleicht den einen faszinieren, dem anderen aber genauso zur (harmlosen, inneren) Abrealktion ohnehin vorhandener Triebe bringen. Ich finde nicht, dass die Bühne ein möglichst aggressionsfreier Raum sein kann und auch nicht sein sollte. Und ich würde auch nicht gleich mit jeder gezeigten Brutalität auf der Bühne einen erhobenen pädagogischen Zeigefinger verbinden wollen, sondern setze eher auf den mündigen Zuschauer. Heike
*also man darf Kindern ruhig Ritterschwerter und Spielzeugpistolen zum Spielen geben.....
Severina (10.06.2012, 13:06): Ich bin da ganz bei Dir, Heike. Ich denke auch, dass die Bewahrung der Oper als schöne, gewaltfreie Scheinwelt die reale Welt um kein bisschen besser macht. Wer sich außerdem an brutalen Szenen aufgeilt, also dem Faszinosum der Gewalt erlegen ist, wird das Ventil dafür wohl kaum in einer Opernaufführung suchen, das kann er billiger, bequemer und vor allem in einer wesentlich schärferen Dosis via TV ns Wohnzimmer serviert bekommen.
Ob gezeigte Brutalität in den Medien tatsächlich reale Brutalität evoziert/verstärkt, ist in der Tat ein spannendes und sehr kontrovers diskutiertes Thema. Ich persönlich glaube jetzt nicht, dass ein psychisch gesunder Mensch zum Brutalo mutiert, wenn er mit entsprechenden Szenen im Fernsehen konfrontiert wird, aber dass bei labilen Menschen mit großem Frustrationspotential die Hemmschwelle deutlich sinkt, davon bin ich überzeugt. Aber das wäre wirklich ein eigener Thread!
lg Sevi :hello
Heike (10.06.2012, 13:12): Sevi, hast du meinen Beitrag davor auch gelesen? Ich freue mich schon so auf die DVD! Heike
Severina (10.06.2012, 13:32): Original von Heike Sevi, hast du meinen Beitrag davor auch gelesen? Ich freue mich schon so auf die DVD! Heike
Jaaa, ich auch :down :down!! Hoffentlich dauert es nicht so lange wie bei etlichen anderen DVDs, bis sie endlich erscheint!! Passt zwar nicht in diesen Thread, aber ich bin sehr traurig, dass nach einem jahrelangen Hin und Her die geniale Produktion der "Königskinder" in Zürich (Regie Jens-Daniel Herzog, auch mit Kaufmann!) nun doch nicht auf DVD kommt :I :I.
lg Sevi :hello
stiffelio (10.06.2012, 23:12): Original von Severina Ich denke auch, dass die Bewahrung der Oper als schöne, gewaltfreie Scheinwelt die reale Welt um kein bisschen besser macht. Auch wenn das so sein sollte, hätte ich immer noch meine Zweifel, ob eine Oper als unästhetische, brutale Scheinwelt (das ist jetzt bewusst überspitzt formuliert) das schafft. Und das meine ich ganz ohne pädagogischen Zeigefinger. Im übrigen liegen wir in der Realität mit unserer gemeinsamen Vorliebe für stilisierte, minimalistische Bühnenbilder vermutlich gar nicht so weit auseinander :wink.
Aber das wäre wirklich ein eigener Thread! Das sehe ich auch so. Wenn einen von euch das Thema noch genug interessiert, um dazu einen eigenen Thread aufzumachen, komme ich mit. Muss aber wegen mir auch nicht sein.
VG, stiffelio
stiffelio (13.08.2012, 17:22): Hallo an alle, die (noch) keinen Mitschnitt haben und gerne nochmal in diese Aufführung hineinsehen wollen: gestern habe ich sie auf youtube gefunden:
Severina (13.08.2012, 18:26): Vielen Dank, aber ich bin ja nächste Woche live dabei :leb :leb! (Und schon sehr neugierig, ob sich "vor Ort" die gleiche Begeisterung einstellt wie vor dem Bildschirm!)
lg Severina :hello
Hansi (13.08.2012, 23:00): hallo stiffelio, viiielen Dank für den Tipp! Hatte die Sendung verpasst, suchte verzweifelt einen Mitschnitt - jetzt ein Trost bei YouTube. Ich hoffe, dass es eines Tages eine DVD gibt. Hab dabei einen anderen Cesare entdeckt mit Natalie Dessay als Cleopatra http://www.youtube.com/watch?v=x14U-eCg4CA&feature=fvwrel (1v.3)
LG Hansi
Severina (27.08.2012, 14:03): Meine Lieben,
zwar bin ich nur auf kurzem Zwischenstopp in Wien, bevor es morgen in die Provinz geht, aber den möchte ich doch schnell nutzen, um Euch meine Eindrücke vom "Giulio Cesare" am 25. August in Salzburg mitzuteilen. Ich war ja sehr gespannt, ob die Live-Aufführung meiner Begeisterung anlässlich der TV-Übertragung standhalten würde, und sie konnte es locker, ja übertraf sie sogar in einigen Punkten. Zur Inszenierung muss ich daher nicht viel sagen, ich habe sie in meinem Eingangsbeitrag ausführlich beschrieben und brauche dem nichts hinzuzufügen. (Außer dass ich einmal Cornelia und Cleopatra verwechselt habe - sie ist nämlich das Vergewaltigungsopfer!)
In meiner Euphorie im Mai hatte ich tief in die Tasche gegriffen und mir die teurste Opernkarte meines Lebens geleistet, weil ich nahe bei der Bühne sitzen wollte, damit mir möglichst wenig vom mimischen Repertoire dieser wunderbaren Singschauspieler entging. Da hat die TV-Kamera ja klar die Nase vorne, weil sie in Großaufnahmen jedes Heben eines Augenlides, jedes verächtliche Zucken um den Mund in Großaufnahme ins Wohnzimmer liefert. Dafür bietet eine Opernaufführung natürlich den Vorteil der Totale: Man hat die gesamte Bühne im Auge, ist nicht dem Diktat des Kameramanns unterworfen, der den Ausschnitt vorgibt, und kann selber bestimmen, welche Person, welche Szene man fokussiert. Daher gefiel mir einiges live sogar besser als auf dem TV-Schirm, z.B. das "Soldatenballett", das ich daheim im Wohnzimmer eher als merkwürdiges Gewusel im Hintergrund wahrgenommen hatte, ohne dass ich mir groß den Kopf darüber zerbrochen hätte. Heike hingegen hatte die Stringenz dieser Szenen sofort gespürt! Auch die bebilderte Ouvertüre, diesen Szenen eines Bürgerkriegs inmitten züngelnder Flammen, wirkte live ungemein suggestiv auf mich.
Wieviel einem die selektive Kameraführung verschweigt, bewies auch die 9. Szene des 1. Aktes, das erste Zusammentreffen von Cesare und Tolomeo, das Leiser/Caurier ja als Machtpoker um Erdölfelder inszenieren. Köstlich ist da z.B. das Gerangel der Unterhändler Curio und Achilla im Hintergrund, während sich vorne Cesare und Tolomeo im unverbindlichen Smalltalk üben. Da geht viel verloren, hat man nicht die gesamte Bühne im Blickfeld.
Auch die Komik dieser Inszenierung kommt im TV ein wenig zu kurz, weil sie oft auf den Personen liegt, die gerade nicht am Singen sind und daher außerhalb des Kameraauges agieren. Als Beispiel möchte ich Nirenos mimisch und gestisch köstliche Reaktion auf Lydias erfolgreichen Versuch anführen, Cesare für sich zu entflammen. Die überaus subtile Personenführung des Duos Leiser/Caurier, das wirklich immer psychologisch stimmige Situationen kreiert, wo jedes Ensemblemitglied voll in die Szene integriert ist, keiner bloß äußerlich unbeteiligt auf sein Stichwort wartet, fasziniert in der Gesamtschau natürlich noch mehr als auf dem Bildschirm.
Auch in musikalischer Hinsicht bestätigte sich meine Begeisterung vom Mai bis auf eine einzige Relativierung ebenfalls, und die betrifft Andreas Scholl, dem der Tonmeister ein Stimmvolumen gezaubert hatte, das offensichtlich nicht das seine ist. Fairy hatte damals kritisiert, dass alle Stimmen irgendwie gleich klängen, auch das ging auf das Konto des Mannes am Mischpult, denn am Samstag gab es ganz deutliche Unterschiede.
Live zeigte sich nämlich, dass der im TV so zart klingende Sesto des Philippe Jaroussky wesentlich mehr Power besitzt als Andreas Scholl, der nun auch mir für den Cesare in einigen Szenen ein wenig zu schwachbrüstig war. Da hatte er Mühe, sich über dem Orchester Gehör zu verschaffen, und das lag nicht am wirklich sehr sensiblen Dirigat Antoninis. Anders als auf der Konserve wies Jarousskys Stimme einen wesentlich virileren Touch auf als die Scholls, und für meinen Geschmack sollte das genau umgekehrt sein, sollte ein Imperator schon mehr vokale Durchschlagskraft geltend machen können als ein Jüngling wie Sesto. Natürlich begeisterte auch Scholl in einigen seiner Arien mit purem Schönklang - seit Samstag verfolgt mich als hartnäckiger Ohrwurm das "Se in fiorito ameno prato" - aber insgesamt schien mir seine Leistung nicht so perfekt wie bei der TV-Übertragung. Womit sich wieder einmal mein Argwohn gegenüber Sängern bestätigt, die ich NUR von der Konserve her kenne.
Eine Klasse für sich war auch live Christophe Dumaux als Tolomeo, denn was der stimmlich und darstellerisch auf die Bretter zauberte, verdient sämtliche Höchstprädikate. In meiner persönlichen Saisonbilanz gewinnt Dumaux ganz klar den ersten Preis für den Sänger des Jahres! (Und das sage ich, die vor einigen Jahren Counter nur als notwendiges Übel in Barockopern ertragen zu müssen glaubte :ignore!)
Ja, und Cecilia Bartoli: Ich verweise auf meinen Startbeitrag, denn andes könnte ich ihre in jeder Beziehung fulminante Cleopatra auch jetzt nicht beschreiben, ohne völlig in Kitsch abzudriften. Sie war schlicht und einfach zum Niederknien. :down :down :down
Ebenfalls eine großartige Leistung erbrachte wieder Anne Sophie von Otter als Cornelia, ich möchte auf Heikes treffende Beschreibung ihres vielfältigen Charakters weiter oben verweisen.
Der Jubel nach den 5 Stunden, die um keine einzige Minute zu lang waren, brachte das Haus für Mozart zum Beben, es wurde geklatscht, getrampelt und geschrien, und ganz am Schluss gab es standing ovationes für ein großartiges Ensemble und ein ebenso großartiges Orchester.
Ich muss überhaupt sagen, dass ich in Salzburg noch nie ein derart konzentriertes und diszipliniertes Publikum erlebt habe, über weite Strecken konnte man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Es wurde auch kein einziges Mal in eine Arie oder einen Aktschluss hineingeklatscht, wofür das Festspielpublikum bekanntlich berühmt-berüchtigt ist. Aber ich denke, wer sich fünf Stunden Händel "antut", kommt wirklich wegen der Musik und nicht, um sich im Glanz der Festspiele zu sonnen und sein Ego spazieren zu führen. (Dafür waren die populären Knüller "La Bohème" und "Carmen" sicher viel besser geeignet!) Abgesehen davon, dass 5 Tage vor dem Ende der Festspiele die entsprechene Seitenblicke-Society wahrscheinlich schon längst abgereist war.
Mein Fazit: Ein großartiger "Giulio Cesare", der jeden einzelnen Cent 100%ig wert gewesen ist!
lg Severina :hello
Fairy Queen (27.08.2012, 14:53): Liebe Sevi, da kann man ja nur sagen: welch Glück, dass du das erleben konntest, ich freue mich für dich mit- auch wenn ich immer noch nicht so begierig bin, gleich vier Counter auf einmal in Hauptrollen zu hören.... Und ja, Konserve und Live lâsst sich nie und nimmer vergleichen! Manche Sänger können ûberhaupt nur wegen ihrer Konserven "überleben"- was man da manchmal an Enttäuschung erlebt, ist wirklich der Hammer. Wie war denn Bartolis Durchschlagskraft im Vergleich zu Scholl in den Duetten? Gleicht sich das gut aus? Und das Duett Otter-Jarroussky? Jaroussky hab ich schon live gehört, er ist wirklich beachtlich und einer der wenigen Counter bei denen mir auch die Stimme selbst etwas sagt. Und das nicht nur in der bzarockoper- er kann sogar serh schön Reynaldo Hahn singen, was dann angesichts von Hahns homosexuellen Neigungen irgendwie wieder gut passt. Will sagen: Ihm hâtte diese Interpretation vielleicht gut gfallen. Gute Reise! :engel :hello F.Q.
Severina (27.08.2012, 15:38): Liebe Fairy,
hättest Du mich vor ein paar Jahren in eine Oper mit 4 Counter geschickt, wäre ich schreiend davongelaufen :cool! Mir kam diese Stimmlage früher total unnatürlich vor und vor allem konnte ich sie nur schwer mit einem Mann in Verbindung bringen. Mein erster Counter war Jochen Kowalsky (Der Salzburger Nireno!) vor über 25 Jahren in Händels "Il Giustino" (Gleichzeitig meine erste Barockoper überhaupt!), der mir richtiggehend körperliches Unbehagen bereitete. Nur die köstliche Inszenierung von Harry Kupfer hinderte mich damals daran, in der Pause das Weite zu suchen. So ändern sich die Zeiten :D!!!
Das Duett Cornelia-Sesto war auch live einer der Höhepunkte der Aufführung und erhielt den größten Szenenapplaus. Cecilia Bartoli konnte sich gegen Scholl problemlos durchsetzen, die beiden klangen sehr harmonisch zusammen, besonders das Schlussduett war herrlich. Allerdings verstehe ich jetzt fast den Einwand eines Freundes, der im Mai der Bartoli unterstellt hat, sie hätte sich deswegen für den Counter entschieden, damit sie von einem Mezzo nicht an die Wand gesungen wird, denn eine große Stimme besitzt sie ja nun nicht gerade. Ich war damals ziemlich empört, aber ganz von der Hand weisen möchte ich das jetzt nicht mehr. Bei Andreas Scholl bestand diese Gefahr jedenfalls nicht!
lg Sevi :hello
Heike (27.08.2012, 18:07): Liebe Sevi, danke für diesen Bericht, auf den ich schon sehr neugierig war! Beneidenswert, live dabeisein zu dürfen, ich kann deine Begeisterung verstehen! Was die Perspektiven (Großaufnahme oder Totale auf die ganze Bühne) angeht - ich wundere mich sowieso schon lange, dass es noch keine Opern-DVDs gibt, die die Möglichkeit bieten, zwischen 2 Bildspuren umzuschalten. Das ist doch mit den heutigen technischen Mitteln sicher ohne weiteres machbar und wäre oft eine echte Bereicherung. Heike
Severina (27.08.2012, 19:00): Liebe Heike,
das wäre natürlich toll, wenn es diese Möglichkeit gäbe! Ich bin oft über DVDs frustriert, wenn ich die Aufführung selbst gesehen habe, weil ich da natürlich genau weiß, was sich gerade außerhalb des Kameraauges abspielt und ich selbst eine ganz andere Einstellung gewählt hätte. Aber für jeden ist eben etwas anderes wichtig. Die DVDs aus Zürich sind deshalb besser als z.B. unsere, weil dort Bildregisseur und Kamerateam schon bei den Proben dabei sind und mitfahren und gemeinsam mit dem Regisseur eine Umsetzung erarbeitet wird, bei der das Konzept nicht verloren geht. In Wien habe ich eher den Eindruck, die Kameras werden einfach Richtung Bühne gehalten und dann dem Cutter überlassen, was mit dem Material passiert. Anders kann ich es mir nämlich nicht erklären, dass z.B. bei der "Anna Bolena" die ohnehin rar gesäten Regieeinfälle durch völlig absurde Schnitte auch noch gekillt worden sind.