Telemann: Ouverture G-Dur "Burlesque de Quixotte" TWV 55:G10

Peter Brixius (11.08.2015, 09:55):
Charaktersuiten hat man sie in der Musikwissenschaft genannt, um eine Verwechselung mit der Programmmusik und ihren Implikationen zu vermeiden. Abgesehen von der Ouverture haben alle anderen Sätze Titel, die einen Zusammenhang mit dem Cervantesroman stiften.

Als Telemann seine Burlesque schrieb, ist die Orchestersuite aus der Mode gekommen. Man möchte meinen, umso sorgfältiger sind diese späten Suiten geschrieben. Diese ist nicht spektakulär, sie ist für 1. und 2. Violine, Viola und Continuo geschrieben. Das Booklet der Naxos-Einspielung ortet als Episode die Hochzeit des Camacho, also die Episode, die auch Felix Mendelssohn Bartholdy inspirierte. Die Musik stammt aus der Serenade "Don Quixotte, der Löwenritter" TWV 21:32.

Der Eingangssatz, wie immer der umfangreichste, ist eine feierlich gestimmte französische Ouvertüre, bei der sich aus dem zeremoniell strengen punktierten Rhythmus eine lebendig dahinströmende Fuge entwickelt.

Mit dem zweiten Satz tritt unser Ritter von der traurigen Gestalt die musikalische Bühne. "Le Reveil de Quichotte" (Das Erwachen des Quichotte) lässt unseren Helden zögerlich zu neuen Taten erwachen. Dem zurückhaltenden pastoralen Satz folgt nun (très vite=sehr schnell) mit "Son Attaque des Moulins à Vent" (Sein Angriff auf die Windmühlen) eines der bekanntesten Episoden aus den verwunderlichen Abenteuers des fahrenden Ritters. Die aufgeregte Musik lässt den Hörer an dem heldenhaften Kampf teilnehmen.

Auch denn der Kampf gegen die vermeintlichen Riesen mit einer Niederlage endet, nun ist Zeit für Liebesseufzer "Ses Soupir amoureux après la Princesse Dulciné" (Seine verliebten Seuzfer für die Prinzessin Dulcinée). Sehr überzeugend ist die Liebesäußerung nicht. Das zentrale Motiv wird nun in "Sanche Pansa berné" (Sancho Pansa geneckt) derb umgekehrt, so dass es dem Schildknappen ordentlich zusetzen kann.

Der klägliche Abmarsch bringt die beiden Transporttiere unserer Helden zur Geltung "La Galope de Rosinante - Celui d'Âne de Sanche" (Der Galopp der Rosinante, jener des Esels von Sancho Pansa). Da geht es bedächtig zum heimatlichen Stall, die Tiere so müde wie die Helden, die auf ihnen sitzen.

Der letzte Satz "Le Couché de Quixotte" (Der Schlaf des Quixott) lässt nun einen ruhigen Ausklang vermuten. Das ist abernicht der Fall. Im Traum erlebt Don Quixotte Abenteuer - und Telemann verleiht dem mit einer munteren farbigen Musik Ausdruck.

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Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (11.08.2015, 12:28):
Ich habe mir das Stück jetzt zweimal hintereinander in dieser Version angehört: https://www.youtube.com/watch?v=Tpcy8L-endk

Am besten blieben mir der Angriff auf die Windmühlen sowie vor allem der Gallopp der Rosinante in Erinnerung.

Im Kampf gegen die Mühlen "sehe" ich direkt in den immer wieder aufsteigenden 16tel Läufen den Ritter jedesmal erneut angreifen, bevor die Figur aus dem 1. Takt kommt

http://img5.fotos-hochladen.net/uploads/windmhlemqtwnd7rha.jpg


Bei der Rosinante hingegen war ich überrascht, denn in der von mir gehörten Aufnahme wurden zwei Effekte verwendet, die ich so nicht in den Noten finden konnte. Ich nehme an, dass der 1. Geiger den Bogen springen lässt (Ricochet?), ein anderer Spieler mit der flachen Hand, ähnlich wie bei der Gitarre, auf die Saiten klatscht.

http://img5.fotos-hochladen.net/uploads/rosinanteirpnvagjf4.jpg

Auf jeden Fall sehr eindrucksvoll.


Auf der imslp gab es hauptsächlich handgeschriebene Stimmauszüge von Telemann, wobei es da offenbar unterschiedliche Versionen gibt.

Diese Version etwa wird als "A neat, error-free copy, with trills." bezeichnet:

http://img5.fotos-hochladen.net/uploads/vio1trillers3c2ju4qa7.jpg

Während diese Version den Kommentar "A few small errors in the music, very few trills included." trägt.

http://img5.fotos-hochladen.net/uploads/vio1ohnemd7bkegi91.jpg


P.S.: hat Telemann da selber ein Gesicht in das "O" reingezeichnet?




LG,
Hosenrolle1
satie (11.08.2015, 16:28):
Original von Hosenrolle1
Bei der Rosinante hingegen war ich überrascht, denn in der von mir gehörten Aufnahme wurden zwei Effekte verwendet, die ich so nicht in den Noten finden konnte. Ich nehme an, dass der 1. Geiger den Bogen springen lässt (Ricochet?), ein anderer Spieler mit der flachen Hand, ähnlich wie bei der Gitarre, auf die Saiten klatscht.

http://img5.fotos-hochladen.net/uploads/rosinanteirpnvagjf4.jpg

Auf jeden Fall sehr eindrucksvoll.


Ich mag ja Biondi und Europa Galante sehr gern, aber ich finde, hier hat er nicht verstanden, was für ein Pferd Rosinante ist. So schnell könnte Rosinante niemals galoppieren (ich denke, das ist wohl die schnellste Aufnahme dieses Satzes). Und ich glaube ja: es wird ricochet gespielt in der Aufnahme.

Interessant fand ich die Aufnahme mit dem Drottningholm Baroque Ensemble, dort humpelt Rosinante regelrecht...

Der Satz mit den Seufzern ist übrigens ein Musterbeispiel barocker Figurenlehre: nirgends sonst hört man so viele gehäufte Seufzermotive (jeweils zwei Achtel mit Bindung von der ersten zur zweiten, die erste schwer, die zweite ganz leicht und sofort abgesetzt). Ich benutze diesen Satz immer im Unterricht zur Verdeutlichung barocker Figuren.

Herzlich
Satie
Hosenrolle1 (11.08.2015, 16:38):
Original von Satie
Ich mag ja Biondi und Europa Galante sehr gern, aber ich finde, hier hat er nicht verstanden, was für ein Pferd Rosinante ist. So schnell könnte Rosinante niemals galoppieren (ich denke, das ist wohl die schnellste Aufnahme dieses Satzes). Und ich glaube ja: es wird ricochet gespielt in der Aufnahme.

Selber Gedanke wie ich gerade! Als ich nochmal Peters Beschreibung las, wurde mir sofort klar, dass Rosinante hier nicht dahinrast - da gefällt mir die langsamere version wesentlich besser, zumal sie ja auch melodisch ist.




LG,
Hosenrolle1