Telemann: Pimpinone - Die ungleiche Heyrath oder das herrschsüchtige Kammermädchen
Peter Brixius (04.08.2015, 19:06): Das Intermezzo in drei Teilen "Pimpinone" wurde 1725 in Hamburg uraufgeführt. Ein Intermezzo bezeichnet eine Kunstform, die typisch für die Barockzeit ist. Den großangelegten Staatsschauspielen und -opern wurden komische Stücke eingelagert. Zu einem fünfaktigen Stück gehörte dann ein Intermezzo (=Zwischenspiel) in vier Akten (und erstaunlicherweise hat sich die gerade Zahl von Akten bei Kommödien gehalten, unabhängig von dem ursprünglichen Anlass), es war also ein zusammenhängendes Stück, das im Wechsel mit dem "Hauptstück" gespielt wurde. Das galt für die Schauspiel- wie für Opernbühne. Verfechter der Werktreue dürften also keine Aufführung des "Tamerlano" zulassen, ohne dass auch entsprechende Intermedien aufgeführt werden, denn die Intention des Komponisten hat ja den Wechsel mit den komischen Akten vorausgesetzt. Natürlich würde das die Länge eines Opernabends unziemlich verlängern, so dass man im m Anschluss nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause käme (der Grund für Kürzungen im "Don Carlos").
Die Intermezzi konnten auch aus dem Gesamtkunstwerk herausgelöst und einzeln aufgeführt werden. Dann gab man ihnen Instrumentalstücke bei - denn als Intermezzi hatten sie z.B. keine eigene Ouvertüre (so hat man die Einspielung von "Pimpione" unter Hirsch mit entsprechender Telemann-Musik ausgestattet. Leute, erzählt mir nichts von nicht werkgetreu - so waren die Zustände in diesen alten finsteren Zeiten ... Überliefert sind uns diese "Zusatzmusiken" nicht, aber Telemann hat ja genug geschrieben.)
"Pimpinone" zeigt auch in anderer Weise, dass die künstlerische Kommunikation in Europa reibungslos verlief. Das Stück war nicht nur ein Versuch, die Form eines venezianisches Intermezzo auf die Hamburger Bühne zu verpflanzen, ihm lag auch eines zugrunde: der Ausgangstext stammt von Pietro Pariati und war 1708 von Tommaso Albinoni als Intermezzo für seine Oper "L'Astarto" komponiert worden. Johann Philipp Praetorius hatte die Rezitative übersetzt, die Texte der Arien und Duette blieben italienisch, nur ein zugefügtes Duett wurde auf Deutsch komponiert. Dieses Sprachgemisch ist in der Barockzeit nicht unüblich, auch wenn mit der "Poeterey" von Opitz der entscheidende Schritt getan wurde, um adäquate deutsche Operntexte zu verfassen - auch für Arien ...
Albinonis Musik ist verloren gegangen, es gab gar Vermutungen, dass Telemann sie benutzt habe (so von Ulrich Schreiber in seinem "Opernführer für Fortgeschrittene"), aber Michael Schneider (Basiswissen Barockmusik. Band 2: Die barocke Oper - übrigens sehr zu empfehlen! - Regensburg 2011) geht von Eigenkompositionen aus. An den Referenzen zeigt sich schon, wie hoch dieses Werk gewichtet wird, sowohl Ulrich Schreiber wie Michael Schneider hat ihm ein eigenes Kapitel gewidmet, dazu benutze ich diverse Texte wie die der Booklets). Man nimmt an, dass Telemann das dreiteilige Intermezzo für Händels Tamerlano konzipiert hat - es ist aber (s.o.) durchaus auch eine eigenständige Aufführung denkbar.
Das Handlungsschema ist schnell umrissen, es ähnelt der (späteren) Serva padrona. Ein Dienstmädchen umgarnt ihren Arbeitgeber und bringt inhn dazu, sie zu heiraten. Telemanns eigene Eheerfahrungen (seine Frau ging mit einem Offizier durch) haben sicher den einen oder anderen sarkastischen Zug der Partitur beeinflusst: hier ist eine desaströse Ehe prognostiziert.
Einen ausführlichern Blick auf Inhalt und Musik werde ich im Folgebeitrag zu leisten versuchen. Die Namen der beiden Protagonisten sind übrigens sprechend, Pimpinone, der große Pimpin (spricht nicht für seine Intelligenz) und Vespetta (die Wespe), die sich aber gut zu verstellen weiß, stellt sie sich doch so vor
Wer will mich? Ich bin ein Cammer-Mädchen, ich thue alles, ich verstehe auch alles genau, was darzu gehört. Ich habe ein redliches Herz, bin nicht ehrgeizig noch begierig und schicke mich in das Böse und Gute.
Wer's glaubt ... Pimpinone tut es.
Liebe Grüße Peter
Rotkäppchen (04.08.2015, 21:40): Original von Peter Brixius Man nimmt an, dass Telemann das dreiteilige Intermezzo für Händels Tamerlano konzipiert hat ...
Lieber Peter,
das wirkt auf mich heute total abseitig, die Aktpausen des Tamerlano, der nun gerade eines der modernsten und geschlossensten Werke Händels ist, ein komisches Stück einzufüllen :J, zumal der Tamerlano ja nur drei Akte hat ...
LG, Rk
Peter Brixius (04.08.2015, 22:02): Liebes Rk,
ich setze mich nächste Woche in die Musikibliothek, da gehe ich den Vermutungen mal nach. Prinzipiell wäre es z. B. möglich, die 23 Musikstücke des Pimpinone anders aufzuteilen. Aber wikipedia muss ja die Behauptung irgendwo her haben. Inhaltlich haben die beiden Opern nichts miteinander zu tun, das ist klar. Händels "Ezio" wollte ich ohnedies wieder anpacken, da ist das ein Aufwasch.
Ein wenig Geduld bitte, die Antwort interessiert mich auch.
Liebe Grüße Peter
Rotkäppchen (04.08.2015, 22:45): Original von Peter Brixius Ein wenig Geduld bitte ...
Aber natürlich -- da bin ich auch gespannt, ob sich etwas dazu finden lässt.
:hello LG, Rk
Peter Brixius (06.08.2015, 21:01): Bei MIchael Schneider: Basiswissen Barockmusik. Band 2: Die barocke Oper. Regensburg 2011 findet man:
"Pimpinone" wurde erstmals 1725 an der Hamburger Gänsemarktoper gegeben als Zwischenaktmusik einer Aufführung des Händelschen "Tamerlano". (S. 85)
Michael Schneider ist eigentlich Spezialist für die Epoche, der müsste es wissen. Ich werde auf jeden Fall noch die "Gegenprobe" in der Händelliteratur machen. Ulrich Schreiber, der allerdings nicht der Barockspezialist ist, setzt da ein "vielleicht".
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (08.08.2015, 20:20): Der erste Auftritt, die erste Arie, gehört Vespetta, sie stellt sich vor und nennt ihre Absichten
Wer will mich? bin Kammermädchen, mach alles, ja alles, ganz genau versteh ich alles, alles, was dazu gehört.
Für eine Buffa überraschend singt sie eine da capo-Arie, damit stellt sie den Anspruch, der ihr in einer seria gebührte. Es ist ein selbstbewusster Auftritt, bei dem sich Text und musikalische Form reiben. Gleich kommt ein Handel, Geschäftliches zur Sprache. Dass man sein Verkaufsangebot aufputzt, ist verständlich. Die Frage ist, wie glaubhaft dieses Angebot ist.
Was diese Arie von einer aus einer seria unterscheidet, ist der musikalische Anspruch. Die melodische Diktion ist eher kurzatmig, die Koloraturen kümmerlich. Bestimmende Figur ist Teil der Tonleiter, mit wenigen einfachen Trillern aufgeputzt. Undim Mittelteil wird einfach geflunkert
Redlich bin ich, ohne Ehrgeiz, nicht begehrlich, recht bescheiden.
Doch den Wahrheitsgehalt wird der Zuschauer erst im Laufe der Handlung bestimmen können. Doch von Bescheidenheit ist bei dieser Vorstellung nichts zu hören. Da hätte ja auch volksliedhaftes Lied stehen können. Aber nein, Vespetta möchte etwas erreichen, bei einem Kenner wird sie eher auf Skepsis stoßen, aber in ihr Beuteschema passt eher Herr Pimpinone, den sie im Rezitativ gleich so einschätzt:
Herr Pimpinone kömmt gegangen, er ist zwar nicht von edlem Blut, doch reich und dumm. Er wär' ein guter Herr für mich.
Peter Brixius (10.08.2015, 15:53): Allmählich klären sich die Nebel. Im Händel-Handbuch finde ich, dass Telemann und Praetorius (also der Textautor von "Pimpinone") 1725 ein Arrangement von "Tamerlano" aufführten. Johann Philipp Praetorius hatte den Text ins Deutsche übersetzt, Telemann das Werk musikalisch eingerichtet. Dieses Arrangement lief auch 1726 in Hamburg. Dass dazu ein eigenes Intermezzo verwandt wurde (und Händel saß im fernen London und war nicht beteiligt), halte ich nun nicht mehr für unwahrscheinlich. Ich werde noch versuchen, etwas über das Arrangement herauszufinden.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (10.08.2015, 19:33): Das Rezitativ ist auf Deutsch geschrieben. Für die auf Deutsch gesungenen Teile ist man sich der Autorschaft Telemanns sicher. Bei den italienischen Teilen könnte es sein, dass die Musik von Albinoni stammt. Da von dem italienischen Komponisten keine Note dieses Werks überliefert ist, kann man die Möglichkeit nicht ausschließen, auch weil sich Stilmerkmale Albinonis finden.
Da bei allem Bedenken Albinonis Name weder in der Partitur noch bei den mir vorliegenden Einspielungen genannt wird, folge ich dieser Tradition und gehe davon aus, dass alles von Telemann komponiert ist.
Mit dem Rezitativ begegnen sich die Protagonisten des Intermezzo. Vespetta hat ihre Absichten geäußert. Wie ist nun Pimpinone gestimmt? Er murrt über das Schicksal eines Reichen, denn jeder versucht ihn zu betrügen. Könnte da nicht ein "artig Kind" als Kammermädchen Abhilfe schaffen? Vergnügen könnte das auch bereiten. Da erblickt er Vespetta, die er wohl kennt, denn er nennt sie beim Namen. Beide sehen sich auf dem Weg zu ihrem Ziel.
Ein Kompliment Pimpinones gibt Vespetta die Gelegenheit, sich vorteilhaft zu präsentieren. Pimpinone bemerkte, wie anmutig sie sich bewege. Vespetta spricht von dem Tanzmeister, der sie unterrichtete. Ein Kammermädchen, das gar Tanzunterricht erhielt? Pimpinone schließt, dass Vespetta vornehm sein müsse. Zwar wehrt Vespetta ab, Tanzen und Musik seien inzwischen Allgemeingut. Das mag stimmen, doch ein Tanzmeister ist schon ein Kennzeichen einer gehobenen Bildung. Die folgende Arie ist tänzerisch bestimmt.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (12.08.2015, 10:41): Diese Arie ist auf Deutsch, d.h. sie ist von Praetorius neu geschrieben und auf jeden Fall von Telemann komponiert worden. Im ersten Teil, der nun wirklich eine reiche Koloratur bietet, die auf eine gute Gesangsausbildung Vespettas baut, werden die Vorzüge schöner Damen (mit Betonung auf Damen) genannt:
Hier müssten bei Pimpinone schon die Alarmglocken läuten, es sind nicht gerade die Tätigkeiten, die man von einem Dienstmädchn erwartet. Schmuckloser ist der Mittelteil der Arie, da geht es um die Tätigkeit des "gemeinen Weibs":
Spinnen, kneppeln, stricken, nähen, fleißig auf die Wirtschaft sehen.
Nicht nur das wegwerfende "gemeines Weib" zeigt, was Vespetta von diesen Tätigkeiten hält, so schmuckarm wie wegwerfend klingt auch die Arie dazu. Aber eben das "auf die Wirtschaft sehen" war doch, was sich Pimpinone erwartete. Aber der zappelt schon im Netz der schönen Vespetta. Nicht die Nützlichkeit, die Unterhaltung lockt. Ob das allerdings das Vergnügen unseres hüftsteifen Pimpinone sein wird?
Bei der Gelegenheit muss ich auch korrigieren, was ich früher der Literatur ungeprüft nachschrieb. Praetorius hatte ja eine Parodie geschrieben, die sich auf die Eheverhältnisse Telemanns bezoge. Seine Ehe mit Maria Catharina Textor, in Frankfurt geschlossen, stand schlecht. Zwar lieferte die junge Frau ihr Kontigent an Nachwuchs ab, doch stand ihr der Sinn nach anderem als den Haushalt zu führen. Sie vergnügte sich mit einem schwedischen Offizier, dem Generalleutnant Heinrich Otto Freiherr von Albedyl.
Bei Praetorius liest sich das in der Satire so
Darfst du dich unterstehn / ohn eintzigs Schmen Und willst so viel auf deine Hörner nehmen Die du nicht kannst noch soltest einst begehren Und wann sie gleich von Stahl und Schwedischem Eiden wären.
(Wem das ein wenig unverständlich klingt: Bei einer Satire kommt es darauf an, dass die richtigen Stichwörter untergebracht werden, hier "Hörner" und "Schwedischer Stahl". Die Geschichte kennt das Publikum schon allein. Telemann erreichte, dass die Satire nicht aufgeführt wurde, ihre Drucklegung konnte er allerdings nicht verhindern. Es hat dem Verhältnis zu Praetorius offenkundig nicht geschadet, wie es die Zusammenarbeit bei der deutschen Fassung von Händels "Tamerlano" und eben dieses Intermezzo zeigen.)
Doch sie entlief ihrem Gatten nicht, wie ich fälschlich berichtete. Vielleicht wäre das Telemann sogar lieber gewesen. Er entdeckte (später), dass seine Frau der Spielleidenschaft verfallen war und immense Schulden auf sein Haupt gehäuft hatte. 5000 Reichstaler (18125 Hamburgische Mark), eine unvorstellbar hohe Summe, hatte Frau Telemann verzockt. Telemann, der finanziell gut gestellt war, konnte nur 3000 Reichsgulden tilgen, es gab eine öffentliche Kollekte, die weitere 600 Reichstaler einbrachte. Telemann brachte seine Frau bei ihren Verwandten in Frankfurt unter. Während man bei den Hörnern noch spottete, war man bei den Spielschulden bemüht, dem unglücklichen Ehemann zu helfen. Die "Parriser Quartette" haben ihm dann später geholfen das gähnende Finanzloch zu schließen.
Bei seiner Frau stellte sich bei mir die Frage, ob sie nicht mit den Textors verwandt war, von denen mütterlicherseits Johann Wolfgang von Goethe abstammte. Seine geliebte Großmutter ("Aja") war ja eine Textor. So häufig war der Name in Frankfurt nicht. Frau Aja war zwar lebensfroh, aber weder untreu noch der Spielsucht verfallen. Die Namensgleichheit ist wohl noch niemandem in der Forschung aufgefallen, oder?
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (16.08.2015, 16:47): Den Grad der Benommenheit Pimpinones zeigt das folgende Rezitativ. Immer weiter fallen Profil der gewünschten Hausangestellten und die Selbstdarstellung Vespettas, auf die Pimpinone reagiert, auseinander. Das Tanzvergnügen sollte gerade nicht ein Qualifikationsmerkmal für ein Kammermädchen sein. Aber geschickt mischt Vespetta noch ein wenig Sex bei:
Zum wenigsten lernt man, die brust geschickt zu strecken.
Als wäre sein Hirn bei 33° C im Schatten schon geschmolzen, schluckt Pimpinone den Köder und will nur noch wissen, ob Vespetta ihm auf dem Markt zur Verfügung steht. Der Grund der Kündigung wird von Vespetta geschickt verschleiert: Die Frau des Hauses habe in ihr eine unerträgliche Konkurrenz gesehen. Offensichtlich war die Dienerin begehrt, von Briefen und Blumen ist die Rede.
Pimpinone zieht daraus nur den Schluss, dass sie besser bei einem Mann als bei einer Frau beschäftigt sei. Immerhin diente sie wohl bei einer Herrschaft, die sich sieben Diener leisten konnte, da fragt man sich, wie es als Einzelkraft bei Pimpinone wohl ausschauen sollte. Aber den umnebelten Pimpinone interessiert nur eines: Hält Vespetta ihn für ungestalt. Da kommt nun das nächste Zuckerstückchen
Kein Mensch ist auf der Welt so höflich, klug, manierlich, schön und zart, und kurz, der mir so wohl gefällt, als er.
Das folgende Duett zeigt, welche Wirkung das Kompliment auf Pimpinone hat - und was Vespetta wirklich von ihm hält.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (17.08.2015, 10:10): Nun geht die Tragödie des trefflichen Pimpione weiter. Ein lustiges Stück stellt ja nicht selten die Tragödie eines Protagonisten dar - nur dass das Publikum bei jedem ihn betreffenden Unglücksfall statt Mitgefühl schallendes Gelächter bietet.
Was macht den Unterschied? Zunächst einmal ist da die kmische Figur, hier der Alte, der in eine Jüngere vernarrt ist. In der Arie bekennt Pimpinone seine Verwirrung, in schneller Folge wechseln Piano und Forte, viele kleine Pausen geben der Rede etwas Stotterndes, es entwickelt sich keine längere Melodie, sondern das so tief empfundene Gefühl verteilt sich auf viele kleine Melodiepartikel. Typisch ist auch die Wortwiederholung
Signorina, si, si, con troppa, troppa, troppa cortesia.
Man erinnere sich an das "Pa, pa, pa" Papgenos. Was verwirrt unseren braven Bürger? Es ist die Aussicht, Vespetta in seine Nähe zu holen. Hier äußert sich nicht mehr das nüchterne Bedürfnis, eine Hilfskraft anzuwerben, hier singt sich jemand in den Rausch, weil er die Chance sieht, jemand Begehrenswertes in sein Haus zu holen, ein Liebesobjekt. Kurz kässt sich espetta hören, piano und tödlich:
Mi muove al riso
Der Liebestaumel des Altern ist lächerlich, er weckt beim Objekt seiner Begierde nur Hohn. Hat nun Vespetta gewonnen?
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (18.08.2015, 09:42): Das kurze Rezitativ bringt nun die Angelegenheit zum erwarteten Ausgang. Es ist bemerkenswerterweise eine Art Rollentausch. Während Pimpinone ins Brabbeln gerät, setzt Vespetta kühl und kurz die entscheidenden Punkte. Wenn Piminone wissen will
Was aber denkt ihr nun zu thun?
antwortet Vespetta auf die verhohlene Frage des Alten
Ich wollte gerne keinen, als der ihm selber glich.
Wohlgemerkt, es geht nicht nur um ein Arbeitsverhältnis, mit der betonten Wahrnehmung der Körperlichkeit des anderen sacheint schon das nächste Ziel Vespettas auf. Pimpinone wirbt für sich
So höret mich: mein Haus ist einsam; ich bin reich, gefällt es euch, so dient bei mir, und schließet gleich den Kauf.
Also: Er steht allein und ist reich. A parte stellt Vespetta fest
mein Glück ist schon gemacht.
Der Folgeplan wird nun konsequent umgesetzt. Als beide in die geschlossene Veereinbarung einschlagen, mimt sie die Schwache und Empfindliche, die der Händedruck Pimpinones schmerzt. Der Alte lässt nun jede Vorsicht fallen und übergibt Vespettanicht nur die Schlüssel zu den Vorratskammern, er überlässt ihr auch gleich die ganze Wirtschaftsführung, sie solle in allem nur nach eigenem Gefallen verfahren. Und der Lohn?
So viel, als euch gefällt.
Vespettas Lob
Kein bessrer Herr lebt auf der Welt
lässt sie als unangefochtene Herrin der Geschicke ihres Herrn in eine Hauswirtschaft einziehen, wo der Hausherr schon alle verteidigenden Dämme selbst geschleift hat.
Sind beide zufrieden? Beide sind zufrieden, wie es das Duett zeigt, das den ersten Teil des Intermezzos beschließt.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (19.08.2015, 10:47): Am Ende des ersten Teils des Intermezzo steht ein mitreißendes Duett. Die Grundstimmung wird durch das "giubila", das jubelnde Herz Pimpinones gegeben. In der freudigen Orchestereinleitung ergeben sich schon die Motive, die im Duett weitergesponnen werden: ein fanfarenartig ausgedrückter Jubel, eine terzenreiche Allegrofröhlichkeit, überhaupt eine freudige Bewegung.
Man darf bei diesem Kabinettstückchen nicht vergessen, worum es (eigentlich) geht: Pimpinone und Vespetta haben einen (allerdings sehr großzügigen) Angestelltenvertrag geschlossen, Pimpinone hat also eine - wie er zu meinen scheint - gute Arbeitskraft, Vespetta einen guten Herrn gefunden. Darüber kann man sicher zufrieden sein, wenn man aber so in Jubel ausbricht, zeigt es, das da mehr verhandelt wurde. Und die sich im Duett entwickelnde Handlung (eine Eigenart der komischen Oper) gibt einem schnell recht.
Da geht es nämlich um einen Wettstreit, wer wem denn Vortritt zu lassen hat. Pimpinone will die Magd vor sich gehen lassen, als Angestellte hat sie ihm aber zu folgen. Es ist also mehr, was Pimpinone in Vespetta sieht. Der Wettstreit spielt sich in für das Publikum komisch wirkenden Wortwiederholungen, in einem kurzphrasischen Stimmenwechsel ab.
"Vada, vada, vada, vada", "no, no, no, no" ergeben einen drolligen Streit, wobei erst am Ende Pimpinones Einsicht kommt: "tu hai ragion" (du hast recht), während Vespetta mit einem ironisch gedehnten "illustrissimo padron" (hoch erhabener Patron" abschließt.
Im Mittelteil des als da-Capo-Stück angelegten Duetts werden beide deutlicher. Pimpinone lässt seinen Triumphgefühlen vollen Raum:
Mi sento tutto in gloria.
Vespetta ihre Verachtung:
Affè mi vienda ridere.
Also Pimpinone singt: "Von Stolz ist meine Brust geschwellt" und Vespetta kontert. "Er macht sich wahrlich lächerlich". Und auch in der Zusammenfassung hört sich das nicht anders an, Pimpinone singt "Oh, felice Pimpinon!" (Oh glücklicher Pimpinone) und Vespetta kontert: "e un gran matto in conclusion" (Was für ein Narr).
Die Tragikomödie kann nun im zweiten Teil des Intermezzos ihren Lauf nahmen.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (20.08.2015, 10:31): Das Intermezzo II beginnt mit einem kurzen Rezitativ. Kaum ist sie da, will sie schon wieder gehen. Gleich fordert Vespetta ihre Privilegien ein. Pimpinone, eben noch durchdrungen vom Jubel des Erfolgreichen, fragt verunsichert, worin er sich geirrt habe.
Mit der Wirklichkeit des Haushalts konfrontiert, fühlt sich Vespetta von den Anfordsrungen überfordert. Hier soll sie etwas tun, dort soll sie etwas tun, sie weiß nicht, wie sie alles geschwind erledigen soll. Also soll Pimpinone seine Wirtschaft selber machen.
Dass Pimpinone sie nicht gehen lassen wird, macht Vespetta so sicher in ihren Beschwerden. In der folgenden Arie zeigt sie sich als gefälliges Kätzchen.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (21.08.2015, 15:17): Das Arioso "Nei brevi momenti" fällt in jeder Hinsicht aus der Reihe der Rezitative und Arien bzw. Duette, die bis jetzt zu hören waren. Von Seufzermotivik geprägt stimmt Vespetta einen Klagegesang an
Hab ich in dem Dienste, so kurz er auch gewähret, hab ich je gefehlet, verzeihen Sie mir.
Da diese Klage auch nicht parodistisch überzogen wird, so ist sie so ernst gemeint, wie die Schauspielerin Vespetta es meinen kann. Psychologisch geschickt geht sie nicht auf Konfrontationskurs mit ihren Forderungen, sondern sie scheint bescheiden zurückzuweichen. Und das tut sie hier ohne im Nebensatz zu spotten oder zu kommentieren.
Die neue Wendung überrascht Pimpinone und macht ihn hilflos: Eine weinende Frau - wie hat er sie verletzt? Wie kann er es wieder gut machen?
Wenn es auch schon bei Albinoni im Textbuch stand, so ist die Ausführung Telemanns auf jeden Fall überzeugend, dabei - dem Genre Intermezzo entsprechend ökonomisch in wenigen Zeilen realisiert.
Ich nutze die Kürze des Stückes einmal, um auf ein Phänomen hinzuweisen, das die Rezeption Telemanns prägt, so dass die Musikwissenschaft gar von einem "verweigerten Nachruhm" spricht. Mit der Propagierung von Bach als großen Komponisten benutzte man Telemann als abschreckendes Gegenbild. Was mir in manchem Musikforum schon aufgefallen ist, dass man seinen Lieblingskomponisten in der Achtung zu gewinnen glaubt, wenn man einen Konkurrenten herabsetzt, hat sein Vorbild bei Leuten wie Philipp Spitta , der schrieb
Telemann, Fasch und andere productive Zeitgenossen waren flachere Talente und insofern bietet ihr Schaffen für dasjenige Bachs keinen ausreichenden Maßstab.
Es ist gar so, dass - wie es auch einem Mitglied dieses Forums ging - ein Werke gelobt wurde (weil man es von Bach komponiert hielt), dass umgehend gescholten wurde, als man wusste, dass es von Telemann ist. Johann Sebastian Bach schätzte Telemann übrigens hoch.
Riemann bündelte das Urteil der Bach-Gemeinde in den Worten:
Telemann war das Urbild eines deutschen Komponisten von Amts wegen, d. h. er schrieb mit bewundernswürdiger Geschwindigkeit seine Werke niede, wie er sie gerade brauchte, wie sie verlangt wurden. Sein Stil war fließend und korrekt, er beherrschte den Kontrapunkt, doch fehlten ihm die Gediegenheit, Tiefe und Gründlichkeit Bachs. (zititert nach Eckhard Klaßmann: Georg Philipp Telemann, Hamburg o.J.)
Selbst bei Martin Geck findet sich hin und wieder eine abschätzige Bemerkung. So hat es erst nach 1900 Ansätze zu einer Neubeurteilung gegeben, als man Telemanns Werke wieder entdeckte un aufzuführen begann. Einer der großen Unterstützer war Romain Rolland (sonst vor allem wegen seines Beethoven-Buches bekannt):
Er hat dazu begetragen, dass die deutsche Musik von der Intelligenz und der Ausdrucksschärfe der französischen Kunst angenommen hat. Zur gleichen Zeit hat er die ursprüngliche Verve, den energhischen leichten, lebhaften Ausdruck der polnischen und der neueren italienischen Musik mitgebracht.
Und davon hören wir auch in der komischen Oper "Pimpinone".
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (22.08.2015, 09:30): Nachdem sie Vespetta mit ihrer Klagearie in die richtige Position gebracht hat, läuft alles wie von selbst. Aus Pimpinones gerade noch nachvollziehender Überlegung, dass Vespetta den Haushalt "klüglich" zu führen versteht, kommt gleich die Kapitualtionserklärung:
Ich will in dem,wsd auszugeben, nach deiner Vorschrift leben.
Schon verlangt Vespetta die Schlüssel, auch hier wird sofort die weiße Fahne hochgezogen:
Nimm nur die Schlüssel hin! den Geldschrank übergeb ich dir bleib' aber auch bey mir!
Nun kann Vespetta nicht umhin zu kommentieren: "Wie blind ist doch der alte Mann!" Aber die Selbstzerstörung Pimpinones hat noch nicht ihr Ende gefunden. Nachdem er noch zugestanden hat
Nun gib du aus, so viel, als dir gefällt
zieht er einen Ring hervor, den er für sechzig Mark erstanden hat, dazu noch ein "Ohrgehänge" für siebzig Duktaten. Sie sind Geschenke des Alten für Vespetta -
für dich, mein Leben
Gerade noch wollte Vespetta die Verschwendung tadeln, doch jetzt ist sie sich sicher:
Das Geld ist nützlich ausgegeben.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (23.08.2015, 22:32): Pimpinone hat also seinem schönen Hausmädchen teuren Schmuck gekauft. Ist diese Geste eigentlich schon deutlich genug folgt nun die verbale Erklärung. Eine geckenhaft mit vielen Trillern versehene Melodie, die immer wieder abbricht und neu ansetzt erinnert an das Stammeln eines Kindes. Und ebenso plump vertraulich auf infantiler Ebene vermittelt Pimpinone nun seine Botschaft, viele Wortwiederholungen und das kindische "pim, pim, pim" bestimmen den Ausdruck:
Aieh doch, sieh doch nur das Feuer in diesen Augen glühen, da drinnen wirst du wohl Etwas erblicken und sehen: das ist vom Pimpinon die Pim, pim, pim, pim, pim, pim, pim, pim, pim, pim, Pimpinina
Pimpinone und Pimpinina - da verwandelt sich Pimpinone die ideale Gefährtin an, die gleich mit ihm den Namen teilt. Etwas weniger verspielt der Mittelteil, auch hier wieder viele kurze Phrasen
Nun schämst du dich? Was denkst du? was tust du? sieh doch, sieh doch, wenn du siehst wirst du wissen, dass mein Mädchen heut' sei Vespettina
Vespettina - Pimpinina, die Liebeserklärung ist gemacht, allerdings so ins Kindische verformt, dass sie einem dritten nur komisch scheinen kann. Aber wie antwortet Vespetta?
Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (23.08.2015, 22:52): Original von Peter Brixius Pimpinone hat also seinem schönen Hausmädchen teuren Schmuck gekauft. Ist diese Geste eigentlich schon deutlich genug folgt nun die verbale Erklärung. Eine geckenhaft mit vielen Trillern versehene Melodie, die immer wieder abbricht und neu ansetzt erinnert an das Stammeln eines Kindes. Und ebenso plump vertraulich auf infantiler Ebene vermittelt Pimpinone nun seine Botschaft, viele Wortwiederholungen und das kindische "pim, pim, pim" bestimmen den Ausdruck:
Aieh doch, sieh doch nur das Feuer in diesen Augen glühen, da drinnen wirst du wohl Etwas erblicken und sehen: das ist vom Pimpinon die Pim, pim, pim, pim, pim, pim, pim, pim, pim, pim, Pimpinina
Pa pa pa pa pa papegeno, pa pa pa papagena!
Fiel mir da spontan ein :)
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (23.08.2015, 23:09): Original von Hosenrolle1,
Pa pa pa pa pa papegeno, pa pa pa papagena!
Fiel mir da spontan ein :)
Nur in der "Zauberflöte" sind es zwei Protagonisten, die naiv-kindlich agieren, und so wirkt das Gesngene eher kindlich, bei Pimpinone handelt es sich um einen älteren, würdigen Herrn ...
Aber Recht hast Du, es ist das gleiche Prinzip.
Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (23.08.2015, 23:26): Ich könnte mir auch, ohne die Nummer gehört zu haben, vorstellen, dass das "pim pim pim" völlig anders komponiert und instrumentiert ist als die "pa pa pa papageno"-Stelle bei Mozart.
Eben weil es hier der ältere Herr ist.
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (24.08.2015, 19:45): Nun setzt Vespetta nach, sie droht ihren Abschied an:
Weil schon die ganze Stadt von uns zu plaudern hat. Es heißt: er sey noch ein belebter Herr, ich aber - kurz - auch nicht die Häßlichste von allen.
Ihr Name drohe unter den Verdächtigungen zu leiden, also müsse sie bald aus seinem Dienste scheiden. Man beachte hier die Reimwörter.
Das Rezitativ ist ja eine Art Sprechgesang, von der Diktion her bestimmt. Die gesungenen Passagen hind auch melodiefern (wenn sie melodiehaltig werden, so werden sie als eine Zwischenform benannt, als Arioso). Reime gehören zu den Arien, hier leisten sie eine besondere Bestärkung des Gesungenen. Wie bei einem Sprichwort hat es etwas Abschließendes an sich, es zeigt hier Vespettas Entschlossenheit.
Nun muss Pimpinone weiter aus der Reserve, zunächst bekennt er:
Du weißt, dass du mein Mädgen bist.
So schnell kann es gehen ... Nun braucht es nur noch eines feinen Hauchs, dann fällt die letzte Mauer:
Wenn dirs gefällig ist, nehm ich dich gar zu meiner Frauen.
- gesungen in der hohen Lage. Vespettas Kommentar (für das Publikum): "Er ist bestrickt." Sie hat nun mit Leichtigkeit ihr zweites Ziel erreicht und zeigt ihre Unschuldmiene
Mein Herz weiß nichts von Arglist und Betrug.
In der folgenden Arie zeigt sie ihre Samtpfötchen.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (28.08.2015, 19:07): In einer sehr melodiösen Arie singt Vespetaa Gutes von sich. Als Tempo hat Telemann ein Gratioso vorgegeben, ein wiegender Rhythmus begleitet die Arie, die unter einer lieblichen Melodie doch ein deutliches Selbstbewusstsein Vespettas vermittelt.
Ich bin nicht häßlich geboren, ich bin nicht schön erst gemachet, mein Benehmen brauch' ich nicht erst einzulernen vor dem Spiegel.
Triller, einfache Läufe, eine gefällige Melodie - das ist auf die Wirkung bedacht, die die Arie Pimpinone einflößt. Im Mittelteil schwört sie wieder eitlem Verhalten ab
Nein, ich bin auch nicht so thöricht, nach dem Takt einher zu stelzen, das Korsett so einzuschnüren, daß er scheint für freche Blicke großer Vorrat, wenig Geist.
Nun drängt Pimpinone, den Handel zu schließen, einen Ehekontrakt einzugehen.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (29.08.2015, 07:43): Nun nimmt Pimpinone Vespetta ins Verhör. Er nennt alle weiblichen Verhaltensweisen, die er bei seiner Zukünftigen nicht wünscht: - Empfänglichkeit für Komplimente, - am Fenster stehen (Neugier, Kontaktaufnahme), - in die Oper und in das Ballett gehen, - Glücksspiel, - Romane lesen, - auf Maskenbälle gehen, - an öffentlichen Spektakeln teilnehmen, - Besuche machen oder empfangen.
Das Glückspiel war ja bekanntlicherweise Telemanns Trennungsgrund von seiner Frau. Mit ihren ablehnenden Antworten zeichnet Vespetta das Bild einer idealen Ehefraj, wie es Pimpinone versteht: - zum Fensterstehen lässt ihr der Haushalt keine Zeit, - lange Komplimente verärgern sie, - Opern und Ballette vermeidet sie, - die Einsamkeit ist ihr Vergnügen, - sie liest Kalender (mit ihren Rezepten und Tipps für den Haushalt), - sitzt lieber in der Küche als auszugehen, - findet ihren Zeitverteib im Haushalt.
Nun ist Pimpinone von ihr so begeistert, dass er sie mit einem respektablen Brautschatz ausstattet. Pimpinone ist vergnügt, Vespettasetzt noch einen drauf:
Mich selber zu beglücken, muß mein Vergnügen sichnach seinem Willen schicken.
Vespetta hat ihr zweites Ziel erreicht, doch in das freudengestimmte Duett mischen sich (wieder zur Seite gesprochenen) Kommentare, die einen das Unheil ahnen lassen, das auf Pimpinone zukommt.