Trauer um Elliott Carter (1908-2012)

Heike (06.11.2012, 17:36):
Am 5. November 2012 ist Elliott Carter, der wichtige Impulsgeber der modernen Musik, in seiner Heimatstadt New York im Alter von 103 Jahren verstorben.

Hier ein Nachruf der Staatsoper:
http://www.staatsoper-berlin.de/de_DE/news_journal/13703/44292/177562

Barenboim und Carter waren befreundet.
Carter hat noch vor kurzem ein Werk zum 70. Geburtstag von Barenboim geschrieben, das gerade in Mailand uraufgeführt wurde und das nächste Woche in Berlin anlässlich des Geburtstags-Benefizkonzertes als Dt. Erstaufführung von Barenboim gespielt werden wird.

103 ist ein gesegnetes Alter, aber es ist trotzdem traurig, dass einer der großen alten Männer der Moderne nun nicht mehr da ist und komponiert. Er war irgendwie schon zu Lebzeiten eine Legende und wenn mal wieder was von ihm aufgeführt wurde (in Berlin recht oft), dann war das immer ein Grund zum Lächeln, dass er immer noch produktiv ist und schreibt.
Heike
Hörbert (10.11.2012, 00:59):
Hallo!

Allmählich stirbt die Nachkriegsgeneration der neuen Komponisten leider weg, für mich ein zwar erwarteter aber trauriger Umstand.

Carters Streichquartette und sein Konzerte für zwei Kammerorchester waren gerade in meiner Anfangsphase in der ich mich mit der neuen Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzte.

Neben Musik von Henze und Ligeti waren Carters Werke mit das erste was ich seinerzeit auf Schallplatten besaß, ich glaube von seiner Symphonie für drei Orchester kenne ich auch heute noch jeden Ton.

MFG Günther
Cetay (inaktiv) (10.11.2012, 15:13):
Elliott Carter gehört zu den Höchstgeschätzten im meiner musikalischen Welt. Herausragend ist sein Konzert für Orchester, das ich in einem Atemzug mit denen von Bartók und Lutoslawski nennen will. Das Werk besteht aus vier Sätzen (plus Intro und Coda). In jedem Satz wird eine bestimmte Instrumentengruppe herausgestellt:

1. Satz: Klavier, Harfe, Marimba, Xylophon und hölzerne Schlaginstrumente.
2. Satz: Hohe Streicher & Bläser und metallische Schlaginstrumente.
3. Satz: Kontrabässe, Tuba, Hörner, Pauken und weitere Instrumente in tiefen Lagen.
4. Satz: Bratschen, Oboen, Trompeten, Snare-Trommeln und andere Instrumente in mittleren bis hohen Lagen.

Die vier Sätze sind nicht scharf voneinander abgegrenzt, sondern durchdringen sich gegenseitig, wobei der jeweilige Hauptsatz im Vordergrund spielt, während die anderen als Hintergrund mitlaufen oder fragmentrisch auftreten - was durch die unterschiedliche Instrumentierung der Sätze immer gut nachvollziehbar ist. Trotz dieses etwas akademischen Ansatzes und der streng 12-tönigen Kompositon ist das Werk von einer unmittelbar emotionalen Wirkung, die nicht zuletzt von der gekonnten, bisweilen archaisch anmutenden Klangfarben- und Dynamikgestaltung herrührt. Hier werden Kopf und Bauch gleichermaßen befriedigt.

Die kompromisslose, auf jegliche poly-, neo- oder post-bliebige Anbiederung an den breiten Publikumsgeschmack verzichtende kompositorische Strenge läßt das Œuvre von Carter bisweilen etwas spröde erscheinen. Dass er sehr wohl über Humor verfügt, hat er bewiesen, als verlauten lies, er habe eingesehen, dass seine Musik, wie die gesamte Musik des 20. Jahrhunderts ein großer Irrtum gewesen sei und er sich für die Kakophonie, mit der er die Konzertsaalgänger in den letzten Jahren belästigt hat, entschuldige. Der Schreck bei seinen Anhängern muss tief gesessen haben und die Häme der Konservativen, die das schon immer gesagt haben, kann man sich lebhaft vorstellen. Ebenso die böse Freude von Carter darüber, dass es einige Zeit gedauert hat, bis es sich herumgesprochen hatte, dass er seine Botschaft am 1. April verfasst hat.
Heike (12.11.2012, 22:52):
"Er hatte ein phänomenales Ohr"
Nachruf von Daniel Barenboim in der ZEIT:
http://www.zeit.de/kultur/musik/2012-11/daniel-barenboim-elliot-carter
Sfantu (13.11.2024, 22:41):


Night Fantasies für Klavier

Charles Rosen, Klavier
(LP, Etcetera, 1983)

20'58

Mich fasziniert dieses Stück von Carter.
Kurios finde ich die Entstehungsgeschichte: Paul Jacobs, Gilberth Kalish, Ursula Oppens und Charles Rosen waren die Auftraggeber. Doch wie kann man etwas in Auftrag geben, das unter dem Diktat des Biorhythmus' steht? Carter vertont hier nämlich Phasen des eigenen Nicht-Schlafen-Könnens.
"Mit diesem Werk wollte ich die wunderliche wechselhafte Eigenart unseres Innenlebens zu einem Zeitpunkt einfangen, in dem es nicht von starken, richtungweisenden Absichten oder Wünschen beherrscht wird - ich wollte die poetische Stimmung festhalten, die ich, in einem früheren romantischen Kontext, so sehr an den Werken Robert Schumanns liebe, in Werken wie Kreisleriana, Carnaval und Davidsbündlertänze.".

Eine einfühlsame Interpretation dieses vielgestaltigen Werks. Am Ende verklingt es zart wie ein wirkliches Wiegenlied, das einen in den ersehnten Schlummer singt. In dieser Hinsicht also nah verwandt den Goldberg-Variationen.

Formidabler Klang. Perfekte Laufruhe. Tadelloses Exemplar.