Trauer um Ligeti

Jeremias (13.06.2006, 09:25):
Aus klassik-heute.de:

Der österreichisch-ungarische Komponist György Ligeti ist im Alter von 83 Jahren in Wien gestorben. Er erlag am Montagmorgen einer schweren Krankheit. Mit ihm verliert die Musikwelt einen der wirkungsmächtigsten Klangschöpfer des 20. Jahrhunderts.
György Ligeti war ein Abenteurer der Form und des Ausdrucks und ein großer Visionär der Neuen Musik. Sein faszinierend vielseitiges Werk nimmt in Hinsicht auf musikalische Qualität und kompromisslose Individualität eine Ausnahmestellung ein. Komplexe polyrhythmische Strukturen, experimentelle elektronische Musik, phonetische Experimente: Ligeti bewegte sich zeitlebens fernab ästhetischer Moden und Schulen. Ihn kennzeichneten frische und unorthodoxe Ideen, jeder Dogmatismus war ihm fremd, radikale Einschnitte prägen sein gesamtes Schaffen. Mit seinen phantastischen Ideen hat er nicht nur das Fachpublikum angesprochen. Die sinnliche Zugänglichkeit seiner Musik wirkt auf alle Hörer faszinierend und anregend.
Das 1961 entstandene Orchesterstück "Atmosphères" machte Ligeti schlagartig bekannt. Er verzichtet darin beinahe vollständig auf traditionelle melodische, harmonische und rhythmische Parameter und konzentriert sich auf Klänge mit ständig sich wandelnden Texturen. „Mikropolyphonie bedeutet ein so dichtes Gewebe, dass die Einzelstimmen unhörbar werden und nur die resultierenden ineinanderfließenden Harmonien als Gestalt wirken“, beschrieb er selbst einmal diese von ihm entwickelte Kompositionsweise. Techniken waren für ihn nie Selbstzweck. So blieb er nicht bei irisierenden Klangflächen, sondern suchte weiter nach neuen Wegen.

Sein Vater und Bruder starben in Konzentrationslagern; er selbst konnte aus dem Arbeitsdienst der ungarischen Armee 1941 nur knapp entkommen und musste nach dem Ungarnaufstand 1956 nach Österreich fliehen. Solchermaßen geprägt, entwickelte er eine heftige Abneigung gegen jede Diktatur und jede Form von geistiger Enge: „Ich bin ein Feind der Ideologien in den Künsten. Totalitäre Systeme mögen keine Dissonanzen.” Biochemie, Chaosforschung, fraktale Geometrie, aus allem gewann der ursprünglich zum Physikstudium tendierende Ligeti Inspiration für neue Kompositionsprinzipien. Im Laufe seiner internationalen Lehrtätigkeit ermutigte er seine Schüler zu Unabhängigkeit, Originalität und kompromissloser Selbstkritik: „Es gibt nur die eine Tradition. Entweder unsere Musik hält vor ihr stand oder eben nicht.“
Nach seiner intensiven Arbeit im Studio für elektronische Musik des WDR in Köln in den 1950er und der Entwicklung der Mikropolyphonie in den 1960er Jahren wurde sein Personalstil in den 70ern einfacher und transparenter. Und wie um sich vorherrschenden musikalischen Tendenzen zu entziehen, waren auch wieder tonale Klänge zu hören. Ligeti dazu: „Den Verordnungen, was als modern und unmodern zu gelten hat, höre ich nicht mehr zu.” Sein einziges abendfüllendes Bühnenwerk "Le Grand Macabre" ist vom absurden Theater inspiriert und strotzt vor operettenhaftem Schalk und schwarzem Humor. Der Komponist wollte dem Publikum wieder zugänglich werden: „Bühnengeschehen und Musik sollten gefährlich-bizarr, ganz übertrieben, ganz verrückt sein.”
In den 1980er und 1990er Jahren erweiterte Ligeti seinen kompositorischen Horizont erneut und bezog nun Strukturprinzipien afrikanischer Trommelmusik in seine Werke ein. Er entwickelte neue komplexe polyrhythmische Kompositionstechniken; diese liegen den 3 Sammlungen seiner "Études pour piano" zugrunde, die als wichtigstes Klavierwerk des ausgehenden 20. Jahrhunderts gelten.
Cosima (13.06.2006, 16:51):
Hallo,

es ist natürlich bedauerlich, dass Herr Ligeti nun nicht mehr unter uns weilt, gleichwohl habe ich bislang noch nicht eine einzige seiner Kompositionen gehört. Vielleicht wird sich das nun ändern, auch wenn der Anlaß ein trauriger ist.

Gruß, Cosima
Karsten (13.06.2006, 19:39):
gleichwohl habe ich bislang noch nicht eine einzige seiner Kompositionen gehört.


Vielleicht ohne Dein Wissen, wenn Du Kubricks "2001" kennst!
Cosima (13.06.2006, 20:29):
Original von Karsten
Vielleicht ohne Dein Wissen, wenn Du Kubricks "2001" kennst!

Kann sicher ohne mein Wissen, denn den Film sah ich zwar vor vielen Jahren, aber ich habe keine Erinnerung mehr an die Musik. Erkläre bitte! :)

Gruß, Cosima
Jeff Klein (13.06.2006, 23:47):
Hallo Cosima!

Kubrick hat viel von Ligeti gehalten auch in Eyes Wide Shut hat er Musik von ihm verwendet (ich glaube aus den Etüden für Klavier ?()!
Da du dich ja scheinbar für Klavierkonzerte interessierst (?) kann ich dir das Konzert von ihm empfehlen!Sogar ich, der sich eher schwer mit "neuen Klängen" tut, fand das Konzert sehr interessant!Sonst kenne ich allerdings nichts von ihm!

Gruss,
Jeff
Karsten (14.06.2006, 00:51):
Hallo Cosima,

hier findest Du interessante Infos zur Verwendung von Ligetis Musik in den Filmen von S. Kubrick.


http://www.welt.de/data/2001/03/01/477017.html


:hello
satie (14.06.2006, 08:41):
Ein weiterer Großer unserer Zeit ist also gegangen.
Ligeti war einer von denen, die der zeitgenössischen Musik eine Alternative zum Serialismus gezeigt hatte in seinen Klangkompositionen wie Athmospheres (dies eines der Stücke in Kubricks Film) oder Lux Aeterna (dies eines der schönsten meiner Meinung nach!). Aber auch seine späteren Sachen sind sehr interessant. Als Einstieg ist seine Musica Ricercata für Klavier eine Empfehlung (einige Stücke daraus hat er dann in den Bagatellen für Bläserquintett wieder verwendet). Oder sein erstes Streichquartett. Diese frühen Stücke sind noch ganz in der Nähe von Bartok. Ein witziges Stück ist auch Poeme Symphonique für 100 Metronome. Das Stück ist durchaus auch ironisch gemeint und geht ein wenig augenzwinkernd mit der eigenen Klangflächenarbeit um.
Weitere wichtige Werke sind Volumina für Orgel (damals ein bahnbrechendes Stück), Lontano für Orchester, ein Cellokonzert, Etüden für Klavier, die Oper Le Grand Macabre u.a.
Übrigens: von Ligetis berühmtestem Stück, Athmospheres, gibt es nur sehr wenige Aufnahmen. Ich selber habe nur die Aufnahme der Uraufführung in Donaueschingen, ob und welche anderen noch existieren weiß ich nicht. Dass Kubrick dieses Stück verwendet hat verwundert nicht. Das Stück war damals wirklich ein Schock, als ob man Musik von anderen Planeten hören würde (es klingt wie eine scheinbar stehende Klangfläche, die nur in sich fluktuiert und sich langsam verändert). Man müsste eigentlich die Partitur dazu sehen! Schon das ist ein Erlebnis.

Herzliche Grüße
Satie
Cosima (14.06.2006, 16:34):
Hallo Karsten,

danke für den Link - ich werde ihn mir anschauen. Kann jemand genaueres zu dem Klavierkonzert sagen? Z.B. welche Interpretation zu bevorzugen ist?

Gruß, Cosima
Jeff Klein (14.06.2006, 18:54):
Liebe Cosima,
viele Interpretationen wird es wohl nicht geben.Ich kenne diese hier:

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/3620878.jpg

Der Pianist Pierre-Laurent Aimard gilt ja allgemein als "Spezialist" für solche Musik....Die CD hat hervorragende Bewertungen erhalten:

http://www.klassik-heute.de/besprechungen/12445.shtml
http://www.rondomagazin.de/klassik/cddesmonats/013.htm

Ich höre gerade sein Requiem: hypnotisch und verstörend fällt mir dazu ein!Keine "schöne" aber faszinierende Musik!

Gruss,
Jeff