"U-Musik" - Nur Unterhaltung oder manchmal doch Kunst?
kreisler (22.11.2009, 14:33): Schon erstaunlich das ausgerechnet ich, der früher immer streng jegliche "Unterhaltungsmusik" (weil ich grad keinen besseren Begriff zu hand habe...) abgelehnt habe und sozusagen "streng klassisch" war, diese Thema eröffne...
Meine Frage wäre, da ja anscheinend doch auch "moderne" Platten gehört werden, wie ihr zur sog. U-Musik allgemeinen und im Gegensatz zur Klassik (insbesondere der Zeitgenössischen!) steht?
Von meinem oben genannten Standpunkt bin ich weit abgekommen und ich respektiere - im allgemeinen gute Popmusik - nicht nur, sondern höre sie mittlerweile auch noch ab und zu :D
Mich würde besonders interessieren ob es wirklich Sachen gibt, die ihr als "Kunst" ansehen würdet...
wenn du meine Plattenbesprechungen im Nicht-Klassik Bereich gelesen hast, dürfte es dich nicht überraschen, dass ich hier ein klares JA bringen muss. Ich glaube sogar, dass in den Bereichen, die der U-Musik zugerechnet werden, die interessantere zeitgenössische Kunst gemacht wird. Ich wil jetzt gar nicht die Diskussion anfangen, ob die Einteilung U und E gerechtfertigt ist, sondern sie einfach so hinnehmen.
Fangen wir mit der Rockmusik an: Close to the Edge von Yes dürfte eine der ersten Rockplatten gewesen ein, die auch von Gralshütern der E-Musik als würdig angesehen wurde, in die heiligen Hallen aufgenommen zu werden. Seit Mitte der 90er gibt es eine Bewegung, die die Errungenschaften dieser Band (und ihren kaum weniger ernsthaften, großen Zeitgenossen King Crimson und (frühe!) Genesis) wieder aufgenommen und weitergeführt haben. Zu nennen wären da als Speerspitzen die Flower Kings, Spock's Beard und Dream Theater. Diese Gruppen verstehen es, ihre Musik wirklich eingängig und populär klingen zu lassen und trotzdem den Intellekt voll und ganz zu befriedigen (überlange Stücke in Sonatenhauptsatzform, Leitmotivik, abartige Virtuosität) - zumindest auf ihren besten Platten. Aber das ist wirklich nur die (alles im allem noch recht U-lastige) Speerspitze. Im Untergrund hat sich eine Szene gebildet, die Rockmusik so kunstvoll darbietet, dass es mir fast die Tränen in die Augen treibt, wie unbeachtet das bleibt: Dillinger Escape Plan, Spiral Architect, Magma und 1000 andere.
Im Falle der sogenannten Ambient-Musik verschwimmen die Gegensätze vollends. Die Ergebnisse von guten Ambient Produzenten wie Sasu Ripatti (etwa: Valdislav Delay, The Demon Tracks) müßten locker als zeitgenössische E-Kompositionen durchgehen. Hier entscheidet eher das soziologische Umfeld des Künstlers, dass er dem U-Bereich zugerechnet wird. Auch eine Kompositon wie Geisterfaust von Bohren und der Club of Gore würde -da bin ich mir ganz sicher- in der modernen Klassikszene für Furore sorgen, wenn sie von einem gefördeten und preisgekrönten Nachwuchskomponisten stammen würde statt von einer ehemaligen Doom-Band.
Und dann gibt es noch die Artisten, die gleich mit dem Anspruch antreten, die Grenzen einzureissen. Es gibt kaum etwas Ernsteres als die Musik von John Zorn, doch er benutzt neben Mitteln der zeitgenössischen Avantgarde gleichberechtigt Elemente des Hardcore Punk, des Free Jazz und der Filmmusik.
Soll heißen, ich respektiere U-Musik nicht nur, ich höre sie mehr als ab und zu und kann bei den Besten der Zunft kein Gefälle hören, aufgrund dessen ich die Musik als weniger "E" als das, was so bezeichnet wird, empfinden würde. Ich muss sogar zugeben, manchmal zu denken, dass es angesichts von so viel wirklich guter U-Musik eine furchtbare Zeitverschwendung ist, mich mit der x-ten Interpretation eines bestimmten klassischen Werkes auseinanderzusetzen oder alle 32 Beethovensonaten kennen zu wollen, statt die 10 anerkannt wichtigsten. Um die Frage konkret zu beantworten: "U-Musik" ist mehr als nur manchmal doch Kunst; es ist lediglich so, dass wenig davon an die Oberfläche dringt. Von dem, was bekannt ist, kann man keineswegs auf die künsterlische Qualität in einem bestimmten Genre (und hier sind Metal und Techno ausdrücklich eingeschlossen) schließen. Das wäre so intelligent, wie sich aufgrund von Rondo Veneziano, David Garrett und der Kleinen Vierjahres-Träumerei ein Urteil über die "Klassik" zu bilden.
Agravain (22.11.2009, 16:46): Bedenken sollte man auch, dass eine Reihe von Kompositionen, die wir heute als "E-Musik" bezeichnen, als "U-Musik" komponiert wurde. Bach gilt vielen als der erste Jazzer (Loussier zeigt, wie wunderbar man Bach in die Gegenwart transportieren kann), Formans Mozart weiß auch wie der Hase im Showbiz läuft, Händel komponierte für die Gunst des Publikums das, was es a) hören wollte und b) was seine Kasse füllte. Wenn dass nicht aus der U-Perspektive gedacht hat, weiß ich auch nicht...
Es wird deutlich: Ich mag diesen Wahn alles kategorisieren zu müssen ohnehin nicht. Manchmal denke ich, das ist eine sehr deutsche Marotte.
Denken wir in Allegorie auch an Tragödie und Komödie, wobei letztere oft als die kleine unterhaltsame Schwester der ersten angesehen wird. Wer indes jemals Theater gespielt oder gar inszeniert hat stellt schnell fest: Es ist wesentlich schwerer das Leichte und Lockere, das, was eben unterhalten soll, überzeugend zu präsentieren als das Tragische. Darum empfinde ich auch und gerade U-Musik - solange sie nicht platt ist - durchaus als zu akzeptierende Kunstform. Um noch einmal die Komik zu bemühen: Loriot ja, Mario Barth nein. Im Musikalischen nur ein Beispiel: Queens A Night at the Opara ja, Schni-schna-schnappi nein.
EinTon (22.11.2009, 22:58): Eine sehr starke "Kunst"-Haltung nimmt aus meiner Sicht die bewußt unterkühlte Clicks&Cuts-Musik ein, die gegen Ende der 90er Jahre aufkam, zB die Alben von Frank Bretschneider:
kreisler (23.11.2009, 02:02): erstmal danke für die interessanten antworten.
Es zeigt sich klar, dass im allgemeinen wirklich keine U und E Einteilung am Platz ist sondern dass es auf den einzelnen Künstler ankommt.
Ich denke es ist auch einfach der Anspruch, den die Künstler an ihre Kunst stellen: Hier "fliegt" sozusagen schon mal ziemlich viel "Chartmusik" ect. raus. ich denke ein moderner Komponist kämpft gewissermaßen immer mit der (klassischen-)Tradition, was dem ganzen vielleicht dann das "E" verschafft.
Cetay, dein Beitrag fand ich toll, weil ich da noch nie was davon gehört hatte...:ignore :D die einzige zeitgenössische Musik die ich auf ein Kunst-Niveau heben würde wäre eindeutig im Bereich des Rap, auch wenn oder vielleicht gerade weil da das "soziologische Umfeld" und die Tradition wohl genau das entgegengesetzte ist...hier vielleicht nicht so sehr auf solch ein musikalisches aber dafür besonders auf ein modern lyrisch-poetisches Niveau, dass mich durchaus beeindrukt. Aber das ist auch das was ich direkt sozusagen "live" :D mitbekommen habe
gute nacht, kreisler
übrigens bei Beethoven sind ALLE 32 Sonaten ein Muß!!! :D
Cetay (inaktiv) (23.11.2009, 10:25): Original von kreisler
übrigens bei Beethoven sind ALLE 32 Sonaten ein Muß!!! :D
Gehört haben "muss" man die auf jeden Fall, aber lohnt es sich wirklich, sich mit allen 32 so intensiv auseinanderzusetzen, dass man sie kennt? Können wir uns vielleicht auf 31 einigen? Op. 101 muss doch wirklich nicht sein... :D
Den Jazz haben wir bisher ausgeklammert. Es ist heute vielerorts anerkannt, dass es sich hier um E-Musik handelt, die an Format und Anspruch nicht hinter der abendländischen Klassik zurücksteht. Oft wird vom Jazz als der wahren amerikanischen Klassik gesprochen. Aufgrund der Welt-umspannenden Bedeutung, die der Jazz in den letzten 30 Jahren gewonnen hat, ist auch schon der Begriff Klassische Musik der Globalisierung gefallen. Interessant finde ich die Entwicklung, dass sich gewisse Stilrichtungen des moderen Jazz und der modernen Klassik so angeglichen haben, dass eine Unterscheidung nur noch rein akademischer Natur ist. Wer erstmalig in eine von Tony Oxleys Kompositionen für Orchester hineinhört, wird kaum sagen können, was von beidem das ist. Eigentlich ist das gar nicht so verwunderlich, denn die historisch-stilistischen Entwicklungen von Jazz und Klassik sind weitgehend vergleichbar, der Jazz hat das ganze lediglich im Zeitraffer durchlaufen. Nachdem der Free-Jazz die Tradition fast im Wortsinne weggeblasen hatte, waren die Musiker quasi vor die Wahl gestellt, sich entweder 1) auf die Tradition zurück zu besinnen und dabei a) den Free-Jazz zu verarbeiten und die Tradition neu zu bewerten oder b) die Tradition weiterzuentwicklen und dabei den Free-Jazz auszuklammern oder aber sie mussten 2) quasi bei Null anfangen und die Tradition zumindest weitgehend hinter sich lassen. Für die Klassiker nach der 2ten Wiener Schule galt dasselbe (man braucht nur -dabei sicherlich stark vereinfachend- "Free-Jazz" durch "Moderne" und "Musiker" durch "Komponisten" ersetzen). Dabei kam es hier im Gegensatz zum Jazz lange zu einer einseitigen Fokussierung auf Punkt 2), wobei auch hier der Bezug zur Tradition selten ganz abgrissen ist. Die beiden anderen, die postmodernen Stränge wurden erst später fortgeführt. Auf was ich eigentlich hinaus will: Dass diejenigen, die bei Null angefangen haben, heute zu ähnlichen Ergebnissen kommen können, egal welcher von welcher Tradition sie herkommen, ist einleuchtend. Weil die Ambient-Bewegung gar keine Tradition hat, mündet auch sie teilweise in den zeitgenössischen Strom, der sich jeder Kategorisierung entzieht. Ein Paradebeispiel sind die Platten des Saxophonisten Evan Parker und seinem Electro-Acoustic Ensemble (hier meldet schon der Name klassische Ansprüche an), die man sicher mit voller Berechtigung in jede der Kategorien Jazz, Moderne Klassik oder Ambient hineinargumentieren kann. Vielleicht kommt ja bald ein Theoretiker, der diese Musik als Post-Stilistisch bezeichet. :D