Sfantu (09.06.2018, 12:43): Auch ich finde grösser besetzte Kammermusik reizvoll & höre sie gern! Zu reizvoll, als dass ich ein enges Korsett an Ausschlusskriterien anlege.
Nichtsdestotrotz vereinigt es für mich alles, was diese Gattung so interessant macht: die obligate Stimme für jedes Einzelinstrument aus der Kammermusik, das Konzertieren, wie man es von der Sinfonia Concertante kennt und das formale Gewicht der Sinfonie. Beethoven hat die Viersätzigkeit der letztgenannten mit zwei eingeschobenen Divertimento-Sätzen ergänzt und den sinfonischen Anspruch durch gravitätische langsame Einleitungen im Eröffnungs- und im Schlusssatz betont.
im Faden Sinfonien-Gerippe in bezug auf das Beethoven-Septett Schubert selbst sah dieses Werk zusammen mit anderen Kammermusikwerken der Zeit als Weg zur großen Sinfonie.
im Faden Sinfonien-Gerippe zu Schuberts Oktett Wer sagt, dass im einen wie im anderen Fall das Sinfonische als hehres Ideal angestrebt wurde? Jedenfalls betrachte ich weder das eine noch das andere Werk als Sinfonie-Destillate oder verhinderte Sinfonien. Kann diese Musik nicht einfach auch sich selbst genügen?
Werke mit Klavier oder Harfe scheiden aus, da in der Regel Konzert-Gerippe entstehen Kann ich nicht nachvollziehen. Die meisten Werke dieser Besetzungsgröße findest du im 20. Jahrhundert, dort ist aber das Klavier eher "ein Instrument unter anderen" Hier stimme ich EinTon zu.
Für diesen Faden soll gelten:
- Willkommen sind alle Besetzungen von 7 Spielern & mehr. - & das schliesst Klaviere & Harfen mit ein. - Reine Streicher- als auch reine Bläserbesetzungen sind ebenfalls möglich. - Auch sind mehrfach besetzte Instrumente erlaubt. - Eine fixe Obergrenze gibt es nicht.
Ansonsten vertraue ich auf euren Musikverstand, euer Ohr & euer Herz: Klar - die Werke sollten möglichst ausgewogen sein, was die Spielanteile anbelangt. Ihr entscheidet: Herrscht noch ein kammermusikalischer Gestus vor oder kippt es schon ins Orchestrale & gehört somit hier nicht mehr mit hinein? Ihr entscheidet: Ist eines der beteiligten Instrumente derart dominant, dass ein Ungleichgewicht entsteht & zu sehr in Richtung Kammerkonzert driftet? Auch dann passt es hier wohl eher nicht her. Nochmal: so wenig, wie meine eigenen Vorlieben massgeblich sind, so wenig Restriktionen & so viel Freiheit soll es geben. Einspruch & Debatten sind ja jederzeit möglich. Mehr noch: sie machen den Faden lebendig!
Ich mache den Anfang mit zwei Werken von
Grete von Zieritz Kassandra-Rufe für Violine, Bratsche, Violoncello, Kontrabass, Fagott, Oboe, Klarinette, Bassklarinette, Trompete & Pauken (1986) Mitglieder der Orchester-Akademie des Berliner Philharmonischen Orchesters - Horst Göbel (live, 19. November '86, SFB Saal II) Oktett-Concertino für Klarinette, Horn, Fagott, zwei Violinen, Bratsche, Violoncello & Kontrabass (1982) Philharmonisches Oktett Berlin (Studio-Aufnahme, 3. Februar '84, SFB Saal III) (CD, Arte Nova, 1999)
Die Kassandra-Rufe sind durch 10 Cassandra-Bilder von Christoph Niess inspiriert. Zur Erinnerung: Cassandra, die trojanische Königstochter, erhielt von Apoll die Gabe der Weissagung, wurde aber von ihm bestraft, weil sie seine Liebe nicht erwiderte. Von nun an hörte keiner mehr auf sie, wenn sie den Untergang Trojas prophezeite. Bemerkenswert (& von Zieritz im Booklet hervorgehoben) der Umstand, dass das Werk kurz vor der Tschernobyl-Kathastrophe fertig gestellt wurde.
Formal interessant, dass Niessens Bilder zunächst von jeweils einem Solisten allein charakterisiert werden: Erwachen: Violine Ahnung: B-Klarinette Erkenntnis: Bratsche Flucht: Fagott Klage: Violoncello Grauen: Es-Klarinette Nacht: Kontrabass Kreuzigung: Bass-Klarinette
& schliesslich im ganzen Ensemble: Untergang & Aufbruch.
Die Musiksprache ist expressiv. Im Ensemble-Teil kommt es zu echt kammermusikalischer Interaktion, alles ist farbig & ich komme als Hörer voll auf meine Kosten. Eine Träne im Knopfloch bereitet mir allerdings der Schlussakkord - ähnlich wie in Pendereckis Lukas-Passion: ist der Hörer so dumpf & schlicht strukturiert, dass er nach all dem wilden, dissonanten Gewusel einen strahlenden Dur-Dreiklang braucht, um zu kapieren, dass am Ende Hoffnung & Aufbruch stehen? Ich find's nervig & im Nachhinein schmälert es den Genuss. Beim nächsten Hören werde ich unbedingt per Programmier-Funktion die Text-Einschübe eliminieren: Frau von Zieritz war bei der Aufführung der Kassandra-Rufe als Rezitatorin mit dabei. Natürlich ist so etwas immer Geschmackssache. Jedenfalls trägt sie für mich zu dick auf, es wirkt fast ein bisschen peinlich. Das sollte man dann doch besser jemandem überlassen, der's kann... Ausserdem genügen die Satztitel vollkommen & man kann sich seine eigenen Gedanken dazu machen.
Das Concertino erfreut durch seine knappe, fassliche Anlage & die sehr klare, wiederum expressive Tonsprache. Fast zu knapp, denn nach nicht ganz 11min ist's auch schon wieder vorbei.
Die Sätze tragen die Titel: Allegro risoluto con fuoco Andante cantabile Allegretto scherzando Arioso con dolore Presto furioso
Die Ausführenden überzeugen auf ganzer Linie! Das Concertino kannte ich seit Anfang 2001, als ich aus dem Radio ein Konzert mit Mitgliedern des WDR-Sinfonieorchesters auf MD mitgeschnitten hatte. Auch hier wird formidabel gespielt - im Vergleich dazu sind die Berliner aber eine Spur ausgefeilter, treffen zumal im Allegretto scherzando die rhythmischen Finessen pointierter.
Grete von Zieritz starb 2001 in Berlin in ihrem 103. Lebensjahr. Geboren in Wien, studierte sie von 1912 bis 17 in Graz Komposition bei Roderich von Mojsisovics & Klavier bei Hugo Kroemer. Weitere Klavierstudien bei Martin Krause & Rudolf Breithaupt in Berlin. Von 1919 bis 21 war sie Dozentin am Sternschen Konservatorium. 1926-31 in der Meisterklasse Franz Schrekers an der Hochschule für Musik Berlin.
Gr. von Zieritz bevorzugt in ihrem kompos. Schaffen das Gebiet der KaM. und darin wieder seltene Instr.-Kombinationen, vor allem mit Blasinstr. Nach den Worten der Komponistin entspringen ihre mus. Ideen in "entscheidenden Fällen aus der Vision, aus dem Bild". Doch führt diese Einstellung nicht zu einem Zerfliessen der Form, sondern wahrt etwa die harmonisch-kp. und formale Klarheit, die der Schule Regers eigen ist. Seine Lehre erhielt sie in reinster Ausprägung von Mojsisovics. Von Schreker kommt die Vorliebe für klangmalerische Effekte. Mit der Tonalität bricht Gr, von Zieritz nicht.
Wolfgang Suppan, MGG, 1. Auflage
Sfantu (09.06.2018, 18:19):
George Enescu - Oktett für 4 Violinen, 2 Bratschen & 2 Violoncelli C-dur op. 7 (1900) Christian Tetzlaff, Antje Weithaas, Isabelle Faust & Katherine Gowers, Vl., Antoine Tamestit & Rachel Roberts, Br., Gustav Rivinius & Quirine Viersen, Vcl. (live, 12. Juni 2008, Kraftwerk Heimbach) (CD, Avi, 2009)
I Très modéré II Très fougueux III Lentement IV Mouvement de valse bien rhythmée
Hier kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus: über welche Hochspannung, welche Urgewalt, welche Farben & Stimmungen verfügt dieser Neunzehnjährige dermassen souverän?! Es herrscht die drückende Schwüle der Spät-& Hyperromantik - Vieles erinnert an Schönbergs "Verklärte Nacht". Gerade, was den 2. Satz angeht, fehlen mir fast die Worte: "fougueux", also "getrieben, besessen, ungestüm" wird hier geradezu gewütet, es werden fast körperlich wahrnehmbarer Schauer, ja Alpdruck spürbar - ich könnte schier durchdrehen... Ein Glücksfall stellt dieses hochkarätig besetzte Ensemble dar. Dann diese Klänge, dann auch noch live...eine Sternstunde!
George Enescu - Dezett D-dur op. 14 für 2 Flöten, Englischhorn, 2 Klarinetten, Oboe, 2 Fagotte & 2 Hörner (1907) Nicolae Alexandru & Mihai Teodorescu, Fl., Pavel Tornea, Engl,horn, Constantin Ugureanu & Constantin Cernăianu, Klarinette, Constantin Iliuţă, Oboe, Ion Bădănoiu & Paul Staicu, Horn (LP. electrecord, ca. 1980)
I Doucement mouvementé II Modérément III Allégrement mais pas trop vif
Deutlich ruhiger das Bläser-Dezett. Es herrscht ein friedvoller, pastoraler Grundton vor - sanfte, getragene Melodie-Linien. Im Mittelsatz wird es in einem quasi Trio vorsichtig lebhafter & beinahe folkloristisch. Ohne eine Alternativ-Einspielung zu kennen, kann ich mir mehr Sorgfalt, mehr Delikatesse vorstellen. Ich bin kein Hornist - manche Stellen scheinen mir aber unbequem hoch zu liegen - auch, wenn es vom Klangergebnis nicht uninteressant ist. Allerdings ist die Klangqualität auch nicht optimal.
das enge Korsett sollte keineswegs dazu dienen, meine heimlichen sadistischen Neigungen ans Licht zu zerren. Mir ging es darum, unbekannte Werke zu finden, die klanglich und stilistisch den Vorzeigexemplaren Beethoven-7, Schubert-8 und Spohr-9 nahekommen. Die Bevorzugung der sinfonischen Form gebe ich nur hinter vorgehaltener Hand zu, weil ich mich nicht gemein machen will mit den Kanon-Heinis, denen eine Rhapsodie oder eine Fantasie allenfalls sich selbst aber per se nicht ihren Maßstäben genügen kann.
Dann will ich mal von der gebotenen Freiheit kreativ Gebrauch machen. Das Klavier ist willkommen und Mehrfachbesetzungen sind erlaubt. Was liegt da näher als ein Oktett, bei dem gleich zwei Klaviere mitmachen? Es handelt sich hierbei natürlich -wen wundert's- um ein Stück von John Cage. Genauer gesagt um eine Realisierung seiner Music for, deren Titel im konkreten Fall um die Anzahl der Ausführenden zu ergänzen ist. Bis zu 17 können es sein, die aufgrund des Fehlens einer übergeordneten Partitur so unabhängig voneinander sind, wie man sich nur wünschen kann, ganz im Sinne der Vermeidung von Ungleichgewicht durch Dominanz. Es war Cages ausdrückliche Idee, dass jede Stimme ihr eigenes Zentrum ist. Für die Einzelstimmen verwendete Cage die Zeitklammern, die er dann für die Schaffung der Number Pieces weiterentwickelt hat. Jede Stimme der Music for besteht aus Pieces und Interludes. Ein Piece kann lediglich aus einem lang ausgehaltenen Einzelton bestehen oder aus Klangfolgen, wobei die Dauer proportional und die Lautstärke umgekehrt proportional zur Größe der Noten ist und die Klangfarbe exakt bestimmt oder völlig unbestimmt sein kann. Mikrotonal ist das auch - kurz: Cage schöpft hier schon aus dem Fundus, der ihm später als Grundlage für die Number Pieces diente. Vielleicht wird die Music for als vorbereitend oder als Übergang gesehen, jedenfalls genießt sie weniger Popularität und wird viel weniger gespielt, obwohl mit 17 Stimmen locker ein paar Billionen unterschiedliche Kombinationen realisiert werden könnten.
Salome Kammer und das Ensemble Avantgarde haben zusammen gefunden, um die Music for Eight aufzunehmen. Die Besetzung besteht aus Flöte, Klarinette, Trompete, 2 (präparierte, z.T. gestrichene) Klaviere, 2 Schlagwerke (à 50 Instrumente pro Spieler) und Stimme. Eine sinnige Beschreibung kann ich nicht liefern, weil es -wie vom Komponisten beabsichtigt- wenig an irgend etwas Bekanntes erinnert, außer natürlich an einige Nummernstücke von Cage selbst.
Cetay (inaktiv) (03.07.2018, 20:53): Eine sehr originelle Besetzung (Klarinette, Bassklarinette, Mandoline, Gitarre, Violine, Viola, Violoncello) weist auch Schönbergs Serenade op. 24 auf. Dass in einem Satz ein Vokaleinschub zu hören ist, ändert nichts an dem kammermusikalischen Charakter. Eine kurze Besprechung gibt's (-> hier) schon im Komponistenfaden.
Sfantu (24.08.2018, 23:15):
Stefan Wolpe - Chamber pieces I & II Heinrich Hörlein, Geige Hans-Christoph Sauer, Geige Thomas Oepen, Bratsche Dieter Göltl, Violoncello Eckhard Hemkemeier, Kontrabass Hans-Udo Helnzmann, Flöte Franz Behle, Englischhorn Michael Wagener, Klarinette Wilfried Schoberansky, Fagott Markus Fank, Horn Markus Eulinger, Trompete Stefan Geiger, Posaune Jürgen Lamke, Klavier Holger Garbs, Perkussion (CD, Arte Nova, 1997)
Kleingliedrige Werke (Spieldauer 7'44 & 3'11), entstanden Mitte / Ende der 60er Jahre, in denen eine ständige Unruhe, zumindest Geschäftigkeit vorherrscht - äusserst farbig & daher abwechslungsreich. Eine eigentliche Entwicklung des Geschehens meint man wiederholt im Keimen begriffen zu sehen, bricht aber stets jäh ab um neuen Gedanken Platz zu machen. Komischerweise bewirkt das zu keiner Zeit eine Art Ermüdung. Im Gegenteil: ich wünschte mir, da käme mehr...alles ist aphoristischer Strenge & Knappheit unterworfen. Speziell im zweiten Stück steht am Ende ein Trommel-Solo, das unbedingtes Verlangen auf mehr weckt - hier plötzlich aufzuhören, empfinde ich als fast schon brutal. Das ist (versöhnlich formuliert) gewöhnungsbedürftig... Aus dem Booklet-Text hierzu:
(...) Wolpe zufolge sind die Werke Geschwister, sie "gehören zu einer neuen Gruppe von Werken, in denen es darum geht, beim Erfinden musikalischer Strukturen Ökonomie walten zu lassen & auch in Augenblicken grösster Aktivität Zurückhaltung zu üben". Verdichtung? Verknappung? Da kann jemand den Webern-Schüler wohl nicht verleugnen...
Sfantu (18.04.2021, 23:30):
Wolfgang Hohensee
Ricerca oder Anatomie eines musikalischen Gedankens von Friedrich Kuhlau
Heinz Becker, Flöte Ekkehard Glocke, Oboe Manfred Michel, Klarinette Anton Horwath, Fagott Gerhard Mezer, Horn Ulf Deunert / Horst Meyer, Violine Eberhard Wünsch, Bratsche Hans-Joachim Scheitzbach, Violoncello Erich Junghans, Kontrabaß Dietrich Sprenger, Leitung (LP, Nova VEB Deutsche Schallplatten, 1988)
10'16
Aus dem Klappentext von Michael Dasche: Die Komposition schuf Wolfgang Hohensee 1986. Der umfängliche Titel erklärt sich zum einen aus dem äußerlichen Entstehungsanlaß des Werks, nämlich dem 100. Geburtstags Friedrich Kuhlaus , der in diesem Jahr begangen wurde; zum anderen verweist er auf die wörtliche Bedeutung von "Ricerca". Demnach handelt es sich nicht um die imitatorische Vorform der Fuge, sondern um die "Untersuchung" eines Themas auf seine kontrapunktischen Möglichkeiten. Freilich weitet Hohensee seine Erkundung auf eine Variationenfolge über ein Thema aus der Sonatine A-dur von Kuhlau aus, die außer der kontrapunktischen Ebene eine Reihe weiterer Ebenen umschließt, den Ausgangsgedanken gleichsam einer Gestaltungsmetamorphose unterwirft. Bemerkenswert ist, daß die Zergliederung oder gar Deformierung des Kuhlauschen Themas im wesentlichen durch mathematische Ableitungen, durch Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division des Intervallbestandes und der rhythmischen Werte erfolgt, ohne daß der Hörer sich rationalen Kalküls gewahr wird. Die komplizierte Struktur bleibt ihm verborgen, und er kann sich der Freude an einer heiteren Spielmusik überlassen.
Eingangs wird das Kuhlau-Thema unverfälscht vorgestellt um dann in der Folge variiert, dekonstruiert, persifliert zu werden. Gelegentlich laufen einzelne Motivfetzen geradezu autistisch ins Leere. Dieses Dezett tönt klar & aufgefächert, niemals massiert oder zu dick - die Parität der Einzelstimmen bleibt gewahrt. Alles in allem ein geistreiches, bestens unterhaltendes Stück, das leicht aber nicht belanglos daher kommt.
Sfantu (21.11.2021, 19:41):
Vyacheslaw Artyomow
Konzert der Dreizehn (1967) für 2 Flöten, Oboe, 2 Klarinetten, Fagott, 2 Trompeten, Posaune, Klavier (Celesta und Glockenspiel sind ebenfalls vom Pianisten zu bedienen) und 3 Schlagwerker.
Piotr Meschaninow, Klavier, Solisten des staatlichen akademischen Sinfonieorchesters der UdSSR - Gennadi Roshdestwenskij (CD, divine art, AD 1978, ℗ 2018)
Das freitonale Werk weckt vereinzelt Erinnerungen an Zwischenkriegs-Komponisten wie etwa Hindemith, Eisler, Weill. In der Nachbarschaft zum schier erdrückend klanggewaltigen ersten Teil "Der Weg zum Olymp" der Sinfonien-Tetralogie "Sinfonie der Wege" zu Beginn dieses Albums wirkt diese "Wilde Dreizehn" geradezu verspielt.
Andante - Allegro 1`37 Schlagwerk-Kannonaden, ein chaotisches Drunter und Drüber der Einzelstimmen. Eine knappe, frotzelnde, den weiteren Verlauf skizzierende Präambel.
Moderato 3`56 Der Beginn wird von getragenen Motiven in Oboe und Klarinette geprägt, bevor eine energiegeladene Passage von den Perkussionisten dominiert wird. Das Xylophon agiert nervös in hastigen Läufen, sekundiert vom Glockenspiel. Die Solo-Oboe leitet in ruhigen Bögen zum ausgeglichenen Abschluß über.
Allegretto 2`39 Formgebend ist hier ein tangoähnlicher 4/4-Takt, es werden alle Instrumentalisten gleichermaßen in kleingliedriger Bewegung gehalten. Eine Atmosphäre des geschäftigen Debattierens wird unvermittelt durch einen leise ausklingenden Gongschlag beendet.
Lento - Allegro 5`07 Ein ausgesprochen konträres Wechselbad bietet der Schlußsatz. Lebhaft und motorisch-perkussiv wirbelt der Beginn vorüber. Ein Abschnitt des unbegleiteten Klaviers ist getragen von impressionistischer Gedankenverlorenheit. Eine klanglich dichte, latent bedrohliche Passage des Aufbegehrens des Blechs gegen das Klavier wird nach abermaliger kurzer Beruhigung schließlich einem hektisch widerstreitenden Abschluß Aller gegen Alle zugeführt.
Sfantu (15.04.2022, 15:15):
Alexander Ernst Fesca
Septett c-moll op. 26 für Oboe, Horn, Violine, Bratsche, Violoncello, Kontrabaß und Klavier
Mitglieder des Collegium con basso: Heinz Nordbruch, Oboe Gerhard Schröder, Horn Ulrich Alshuth, Violine Klaus-Dieter Bachmann, Bratsche Hannelore Michel, Viloncello Georg Northdorf, Kontrabaß Helmuth Barth, Klavier (LP, turnabout, 1972)
Allegro con spirito 8`52 Andante con moto 5`25 Scherzo. Allegro vivo 6`33 Finale. Allegro con fuoco 7`50
Summa summarum recht reizvoll ist dieses erste der beiden Septette Fescas. Alles wird vom Geiste der Oper und stellenweise des Grand Concert durchweht - Letzteres nota bene in den Soli des Tasteninstrumentes. Dennoch agiert das Klavier hier völlig paritätisch mit den anderen - es dominiert zu keiner Zeit (Cetay hatte aufgrund dieser Gefahr damals die Beteiligung eines Klaviers in seiner Sinfonien-Gerippe-Sammlung per se ausgeschlossen. Hier ertönt der Gegenbeweis). Habe ich "Oper" geschrieben? Dies sind zeitbedingt Spontini (vielleicht Bellini) und die deutsche Spieloper. Zudem sind hörbar Biedermeiersche Salons nicht fern.
Im lebhaften Kopfsatz sind Geige und Oboe oft unisono notiert, woraus sich ein leicht stechend-näselnder Klangeindruck ergibt. Mal amüsiert, mal befremdet, mal nervt das sogar ein wenig. Und doch - Fesca ist stets um Ausgewogenheit und Abwechslung bemüht. In allen vier Sätzen ergeben sich reizvolle Soli für alle Akteure.
Das Andante beginnt mit einer herrlichen Cantilene im Horn, zunächst nur von Cello und Klavier zart sekundiert. Das Cello übernimmt die Stafette, indem es über einen Seitengedanken das einleitende Hornmotiv fortspinnt. Sogleich greift das Klavier das Anfangsthema auf, während nun das Horn begleitet - auch hier also schönste, sorgsam gewobene Ensemblekunst. Ein düsterer Mittelteil hebt in seltsam stockenden Frage-Wendungen in Baß und Oboe an. Doch schon bald kehrt sich die Stimmung ins Versöhnliche, in sonnenbeschienene gutbürgerliche Idylle - Drama und kleines Glück auf engstem Raum.
An dritter Stelle ein Scherzo, das Mendelssohnschen Elfenspuk atmet. Geheimnisvolle Pizzicati der beiden tiefen Streicher markieren das Grundmuster in 6/8. Dominiert wird das Trio von einem gefühlvollen Arioso des Cellos.
Im Schlußsatz erlaubt Fesca sich zweimal einen kleinen Scherz: gleich zu Anfang unheilschwangeres, wild auffahrendes Motiv im Tutti, das jäh abbricht. Dann ein unbegleitetes Rezitativ der Oboe, welches fast notengetreu "O Freunde, nicht diese Töne!" persifliert. Das Gleiche kurz vor Schluß mit der Geige als Solo. Der Satz lebt ansonsten von opernhafter Stimmung, die das sympathische Werk bis zum heiteren Abschluß trägt.
Feine Darbietung, in der Aufnahmequalität ein tendenziell zu kompaktes Klangspektrum.
Sfantu (17.02.2024, 22:21):
Roberto Gerhard
Nonett
Enrique Ugarte, Akkordeon Salvador Martinez, Flöte Disa English, Oboe Larry Passin, Klarinette Silvia Coricelli, Fagott David Thompson, Horn Rodney Mack, Trompete Ricardo Casero, Posaune Pablo Fernandez, Tuba
In Vorbereitung auf dieses Stück beschäftigte ich mich heute zunächst ausgiebig hiermit. Denn Booklet-Autor Malcolm MacDonald betont Schönbergs Bläserwerke aus den 20ern als bedeutende Inspiration Gerhards für sein 1957 fertiggestelltes (und im selben Jahr durch das Dennis Brain-Ensemble uraufgeführte) Nonett. Doch besitzt es für mein Empfinden mehr Charme, trägt mehr augenzwinkernden Humor in sich - dazu kommt es auch etwas luftiger und (im doppelten Wortsinne) kurzweiliger daher. Apart die ungewöhnliche Besetzung inklusive Tuba und Akkordeon. Letzteres hielt laut MacDonald erstmals überhaupt durch dieses Werk Einzug in die Kunstmusik. Allerliebst die Darbietung, transparent und klar die Aufnahme.