kurze Vorbemerkung: beim Entwurf dieses Beitrags habe ich mir noch voller Freude vorgestellt, wie Rideamus ihn lesen und in seiner einzigartig sachkundigen und liebevollen Art kommentieren würde. Darauf habe ich jetzt kaum noch Hoffnung. Und so wünsche ich mir statt dessen, dass dieser Thread ein Mosaiksteinchen dazu beiträgt, dass Rideamus Gedanken und Ideen (in diesem Fall sein Verdi-Projekt) noch lange in diesem Forum lebendig bleiben.
Verdi komponierte seine Oper "Die sizilianische Vesper" zunächst nach einem französischen Libretto (LES VÊPRES SICILIENNES) von Eugène Scribe und Charles Duveyrier 1853-1855 in Paris. Er erhielt den Auftrag nach dem Erfolg des RIGOLETTO und noch vor der Uraufführung des TOUBADOUR. Diese Originalfassung ist eine französische Grande Opera in 5 Akten mit einem großen Ballett im 3. Akt (und je nach Inszenierung mehreren weiteren kleineren Balletteinlagen). Die Uraufführung fand am 13. Juni 1855 in Paris statt. Noch im gleichen Jahr am 26. Dezember wurde in Parma die italienische Fassung erstmals aufgeführt. "I vespri siciliani" war auch ein Schlagwort der italienischen Einigungsbewegung, deshalb wurde in der Restaurationszeit unter dem Druck der Zensur die Handlung nach Portugal verlegt und der Titel in "Giovanna di Guzmann" geändert. Erst nach 1861 durfte die Oper mit der originalen Handung unter dem Titel I VESPRI SICILIANI in Italien gespielt werden. Dort wurde sie auch in der Folgezeit am häufigsten aufgeführt, so dass auf Einspielungen meist die italienische Fassung vorliegt. 1856 hat Verdi der Streichung der Balletteinlage im 3. Akt für die italienische Fassung zugestimmt, die auch gesondert als "Les quatre saisons" (Die vier Jahreszeiten) bekannt wurde. Das Libretto der "sizilianisches Vesper" ist eine Umarbeitung einer früheren Oper von Donizetti: LE DUC D'ALBA (italienisch LA DUCA D'ALBA). Donizetti begann die Komposition dieser Oper 1838 mit einem französischen Libretto, sie blieb jedoch unvollendet liegen und wurde erst nach seinem Tod von Donizettis früherem Schüler Matteo Salvi anhand einer italienischen Übersetzung fertig gestellt und 1882 uraufgeführt.
historischer Hintergrund Als 1266 Karl von Anjou, vom Papst mit dem Königreich Sizilien belehnt, den Stauferkönig Manfred (Sohn von Friedrich II.) in der Schlacht von Benevent besiegte, kam Sizilien unter französische Herrschaft. 1267 zog Konradin, der Neffe von Manfred, von Deutschland nach Italien, um mit Karl um sein Erbe zu kämpfen. Er unterlagund wurde nach der Schlacht bei Tagliacozzo 1268 hingerichtet. Sein Schicksal teilte sein Verbündeter, Friederich von Österreich-Baden. Überlebender der Schlachten war der Freund und Erzieher Manfreds, Giovanni da Procida (ehemals Leibarzt von Friedrich II.), der fortan für die Wiederherstellung der staufischen Herrschaft im Königreich Sizilien warb. Er bereitete den Boden für einen sizilianischen Aufstand, der am Ostermontag 1282 zur Vesperstunde begann ("sizilianische Vesper") und die Franzosen aus Sizilien vertrieb. Giovanni da Procida wurde 1283 von dem Schwiegersohn Manfreds, Peter von Aragon, als Statthalter auf Sizilien eingesetzt, bis er 1298 88jährig verstarb.
Die Oper setzt mit ihrer Handlung 1282 kurz vor der Sizilianischen Vesper ein, als der Franzose Guy de Monfort/Guido di Montforte ein strenges Regime in Sizilien unterhält und drei Personen den Aufstand gegen ihn vorbereiten: der kurz nach Beginn der Oper auf die Insel zurückkehrende Giovanni da Procida, der erfundene Henri/Arrigo (ein weiterer Parteigänger Friederichs von Österreich, ohne es zu wissen Sohn von Monfort) und die ebenfalls erfundene Helena/Elena, Schwester Friedrichs von Österreich.(Helena war der Name von Manfreds Ehefrau, die jedoch schon 1267 von Karl gefangen genommen wurde und in der Haft verstarb. Es ist wenig wahrscheinlich, dass das Libretto auf sie anspielt, weil die Rolle der Helana als Rächerin eines Verwandten bereits in der von Donizetti verwendeteten Urfassung auftaucht, die den Konflikt zwischen Spanien und Flamen thematisiert). Anders als in der Opernhandlung wurde der historische Guy de Montfort zu Beginn der Vesper nicht ermordet, sondern erst 1283 gefangen genommen und verstarb 1288. (offtopic: als ca. 15jährige habe ich den historischen Roman "Im Schatten des Staufers" von Ingeborg Engelhard verschlungen und halte ihn auch heute noch für eine gute Wahl, um einen Jugendbuchfreund für das Mittelalter, speziell die Stauferzeit zu interessieren.)
Handlung Thema dieser Oper ist der Konflikt zwischen patriotischen und persönlichen Loyalitäten. Seine Zuspitzung findet er in der Person des Widerstandskämpfers Arrigo, der entdecken muss, dass sein Todfeind Montforte, der Führer der feindlichen Truppen, sein Vater ist. Für seine Braut Elena tut sich nach dieser Entdeckung der Graben zwischen Rache für die Hinrichtung ihres Bruders und ihrer Liebe zu Arrigo auf. In der Schussszene steht sie vor der Wahl, Arrigo oder ihre sizilianischen Freunde tödlich zu verraten. Ihr Versuch, um die Preisgabe ihrer Vermählung mit Arrigo beides zu vermeiden, endet mit einem Fiasko. Während auch alle anderen scheitern, die ihre gegensätzlichen Loyalitäten zu vereinen suchen, ist der einzige Gewinner dieser Oper der Fanatiker da Procida, dessen Hass gegen die Fremdherrschaft keine Kompromisse kennt. Insofern trotz aller mitreißenden Musik, die Verdi über diese Oper ausgegossen hat, zumindest aus heutiger Sicht eine tief pessimistische Geschichte.
1. Akt Die französischen Truppen in Palermo führen unter dem Statthalter Guido di Montforte ein strenges Regiment und verlassen sich gegenüber dem Haß der Bevölkerung auf ihre militärische Stärke. Ein Soldat zwingt Elena, die Schwester des hingerichteten Friedrichs von Österreich, ein Lied zu singen. Sie stachelt mit einem Seefahrerlied verhüllt die Rachegefühle der Bevölkerung an ("wer sich selbst hilft, dem hilft Gott"). Guido di Montforte und kurz drauf der von ihm überraschend freigelassene Arrigo, Soldat in Friedrichs Heer, kommen hinzu. Montforte weiss bereits durch einen Brief, dass Arrigo sein unehelicher Sohn ist, was dieser nicht ahnt. Die Versuche Montfortes, Arrigo zu beeinflussen und für sich zu gewinnen, bleiben fruchtlos, denn Arrigo liebt Elena. 2. Akt Heimlich kommt auch Giovanni da Procida aus dem Exil zurück auf die Insel um den sizilischen Aufstand zu befördern und trifft dazu Elena und Arrigo. Arrigo gesteht Elena seine Liebe und diese verspricht, Arrigo trotz des Standesunterschieds anzugehören, wenn er ihren Bruder rächt. Arrigo wird von französischen Soldaten zu Montforte eingeladen und wegen seiner Weigerung erneut verhaftet. Hinterlistig treibt da Procida den Konflikt zwischen Franzosen und Sizilianern auf die Spitze, indem er die Franzosen dazu verleitet, bei einem Hochzeitszug sizilische Frauen zu entführen. 3. Akt Montforte enthüllt Arrigo seine Vaterschaft. Arrigo ist trotz der ihn schockierenden Entdeckung jedoch nicht bereit, in Montforte seinen Vater zu sehen, für ihn ist er nur der Vergewaltiger seiner Mutter. Auf einem Ball am Abend erfährt er von Helena und da Procida, die sich mit ihren Anhängern maskiert unter die Gäste gemischt haben, dass auf Montforte ein Attentat geplant ist. Obwohl er öffentlich Montforte weiter als seinen Vater ablehnt, versucht er ihn zu warnen. Dadurch misslingt das Attentat, die Sizilianer werden gefangen genommen, von Montforte zum Tod verurteilt und beschimpfen Arrigo als Verräter. 4. Akt Arrigo besucht Elena im Kerker und erklärt ihr, dass er das Attentat aus Sohnespflicht verhindern musste, diese aber nun erfüllt habe und lieber mit ihr sterben will, wenn Montforte sie nicht begnadigt. Elena verzeiht ihm. Procida hat einen geheimen Brief bekommen, dass die Waffen zum Aufstand bereit stehen und wünscht sich nur für eine Stunde Freiheit um den Aufstand auszulösen. Er ist unversöhnlich, da ihm außer der Rache und Befreiung seines Vaterlandes von der Fremdherrschaft nichts gilt. Montforte kommt hinzu und bekräftigt das Todesurteil für Elena und Procida, erklärt sich aber zur Begnadigung bereit, wenn Arrigo ihn einmal öffentlich "Vater" nenne. Arrigo verweigert dies zunächst weiterhin, aber als sich Elena und Procida schon dem Henker nähern, schreit er auf: "Oh padre!". Montfort begnadigt wie versprochen die Gefangenen und will zur Befriedung Siziliens Elena und Arrigo verheiraten. Elena will ablehnen, aber Procida rät ihr zuzustimmen. Er will damit Zeit zum Aufstand gewinnen denn eine Versöhnung mit den Franzosen kommt für ihn niemals in Frage. 5. Akt Elena und Arrigo bereiten sich voll Freude auf die Hochzeit vor. Procida verrät jedoch Elena vor dem Altar, dass das Läuten der Hochzeitsglocken unter den Sizilianern als Signal zum Aufstand vereinbart wurde, der die auf den Frieden vertrauenden Franzosen überrumpeln soll. Elena ist zu diesem Vertrauensbruch Arrigo gegenüber nicht bereit, will aber ihre sizilianischen Freunde auch nicht dem sicheren Tod ausliefern, indem sie den Plan aufdeckt. In ihrer Not verfällt sie darauf, die Hochzeit mit Arrigo abzusagen, mit der Begründung, dass der Tod ihres Bruders ewig zwischen ihr und dem Sohn Montfortes stehe. Arrigo ist empört über diesen Bruch der Verlobung und klagt dem hinzukommenden Montforte sein Leid. Dieser will Elenas Nein nicht akzeptieren und befiehlt die Einleitung der Hochzeitszeremonie gegen ihren Widerstand. Als die Glocken läuten, versucht Elena ein letztes Mal, Arrigo und Montforte zu warnen, aber die Sizilianer stürmen herbei und metzeln die Franzosen nieder. Procida triumphiert.
Die musikalischen Qualitäten dieser Oper fachmännisch zu beurteilen, möchte ich lieber Berufeneren überlassen. Mir hat die Musik durchweg in der Summe gut gefallen, ich würde laienhaft sagen, sie hat die typische emotionale Stärke, wenn auch noch nicht die Tiefe der späten Verdi-Opern. Angesichts dessen, dass diese Oper keinen "Helden" im engen Sinne aufzubieten hat und das Vaterlandsthema von Drama her durchaus vielschichtig behandelt, überraschen mich immer wieder die fanfarenartigen Wendungen, die mich an das Sprichwort erinnern "Wenn die Fahnen flattern, ist der Verstand in der Trompete". Gerade in der Schlussszene empfinde ich einen starken (wenn auch nicht unpassenden) Kontrast zwischen der abschreckenden Brutalität, mit der Montforte umgebracht wird, als er den Frieden zwischen Franzosen und Sizilianern befestigen will und der der absolut mitreißenden, ja aufputschenden Musik dazu. Angesichts dieser Musik erstaunt mich, dass sie in Italien überhaupt vor der Einigung gespielt werden durfte. Denn egal, wo man den Handlungsort hin verlegt, die Musik transportiert eine Botschaft, deren Wirkung auf eine gärende Volksmenge ich mir lieber nicht vorstellen möchte.
DVD-Diskografie
Teatro della Scala, 1989 Arrigo - Chris Merritt Elena - Cheryl Studer Guido di Monforte - Giorgio Zancanaro Giovanni da Procida - Ferruccio Furlanetto Bethune - Enzo Capuano Vaudemont - Francesco Musinu Dirigent: Riccardo Muti Regie: Pier Luigi Pizzi
Stimmlich-musikalisch eine durchaus grandiose DVD, die Namen halten, was sie versprechen. Darstellerisch ragt ganz eindeutig Furlanetto wie ein Leuchtturm aus dem Team hervor. Er schafft es, aus dieser schwierigen Rolle, die in der Spannung zwischen tapferem Kämpfer gegen Fremdherrschaft und hinterhältigem Attentäter steht, einen Charakter zu formen, der in seinem kompromisslosen Fanatismus beide Züge überzeugend vereint. Den restlichen Hauptdarstellern gelingen zwar immer wieder einzelne starke darstellerische Momente, können Furlanettos Klasse aber nicht erreichen. Merritt ist als Soldat und Führer einer sizilianischen Widerstandsbewegung, trotz einer beeindruckend höhensicheren Stimme, schon rein physisch leider wenig überzeugend und kann dieses Handicap darstellerisch in den meisten Szenen auch nicht überwinden. Gerade durch Furlanettos überwältigend starke Darstellung fragt man sich ständig, warum in aller Welt dieser Procida einen Verbündeten wie diesen Arrigo für den Aufstand braucht. Zancanaro überzeugt in der Darstellung der militaristisch stolzen und selbstüberzeugten Seite Montfortes, kann mir aber von den Leiden eines Vaters, dessen Sohn ihn ablehnt, nur wenig vermitteln. P.S.: Diese Aufführung hat als einzige der mir bekannten DVDs das ungekürzte Ballett im 3. Akt mit drin.
Teatro Verdi Busseto 2003 Arrigo - Renzo Zulian Elena - Amarilli Nizza Guido di Monforte - Vladimir Stoyanov Giovanni da Procida - Orlin Anastassov Bethune - Cesare Lana Vaudemont - Lorenzo Muzzi Dirigent: Stefano Ranzani Regie: Pier Luigi Pizzi
Bezüglich dieser DVD muss ich etwas vorausschicken: In meiner ganz persönlichen Sicht auf das Drama hinter der sizilianischen Vesper hat mich immer der Vater-Sohn-Konflikt zwischen Montforte und Arrigo am meisten interessiert. Folglich ist eine Schlüsselszene für mich der Beginn des dritten Aktes, als Montforte Arrigo seine Vaterschaft enthüllt. In diesem Punkt hatte mich die Scala-Aufführung dann auch am meisten enttäuscht, da hier allein die Musik, aber kaum die Darstellung den Konflikt verrät. Und genau das ist der Punkt, in dem diese Aufführung aus Busseto ihre Qualitäten entfaltet. Zunächst ist es eine Aufführung, die man fairerweise eigentlich gar nicht mit einer Scala-Inszenierung vergleichen kann. Busseto ist ein absolut winziges Theater, von deren Bühne die Akteure immer wieder neben den Orchestergraben und sogar in das Parkett ausweichen. Das Budget dürfte auch kaum für den Einkauf internationaler Opernstars oder aufwändiger Kulissen und Maskenbildner ausreichen. Unter diesen Bedingungen schlagen sich insbesondere Stoyanov als Montforte und Anastassov als Procida mehr als beachtlich - sowohl stimmlich als auch darstellerisch. Der Rest des Teams ragt für mich freilich weniger hervor, insbesondere Zulian hat als Arrigo nicht nur mit den stimmlichen Höhen zu kämpfen, sondern auch damit, dass er sichtbar um einiges älter ist als sein "Vater" Montforte. Dennoch gelingt beiden (mit Stoyanov an vorderster Front) das Kunststück, das die Scala nicht zuwege gebracht hat: den Konflikt zwischen Arrigo und Montforte überzeugend und als packendes Drama darzustellen. Und deshalb hat sich für mich der Kauf dieser DVD trotz der verständlichen Kluft zur Scala dennoch gelohnt. Leider gibt es dieses Duett aus dem 3. Akt nicht mehr auf YT, aber immerhin Montfortes Arie davor, die wenigstens einen kleinen Einblick ermöglicht: http://www.youtube.com/watch?v=Nrkqmu1GYjM Von Stil der Inszenierung her (mehr ästhetisch bebildernd als interpretierend und nur angedeutet historisierend) nehmen sich beide DVDs nicht viel - was insofern nicht wundert, als beide von Pier Luigi Pizzi als Regisseur stammen. Für wen das wichtig ist: Die DVD aus Busseto verfügt auch über fünfsprachige (inkl. deutsche) Untertitel, während man bei der DVD aus der Scala nur englische Untertitel zuschalten kann. So froh ich immerhin über englische Untertitel bin, bleiben mir die Gründe eines Opernhauses wie der Scala, an diesem Punkt zu sparen, doch ausgesprochen schleierhaft.
Teatro Communale di Bologna, 1986 Arrigo - Veriano Luchetti Elena - Susan Dunn Guido di Monforte - Leo Nucci Giovanni da Procida - Bonaldo Giaiotti Bethune - Gianfranco Casarini Vaudemont - Sergio Fontana Dirigent: Riccardo Chailly Regie: Luca Ronconi
Bei dieser DVD könnte man formal ziemlich viel auf der Haben-Seite buchen: rein optisch ist hier das Paar Arrigo und Montforte mit Luchetti und Nucci am stimmigsten besetzt und auch Susan Dunn überzeugt optisch als Elena. Die Riesenbühne und die Kostüme sind opulent gestaltet und auch die Stimmen geben der Scala-Besetzung nur wenig nach, sieht man von gelegentlichem Forcieren (vor allem bei Nucci) ab. Und doch nützt mir das alles leider wenig bis nichts, denn diese Aufführung ist noch ganz dem Rampensingen verhaftet und damit findet eine überzeugende Darstellung in keiner einzigen Szene statt. Speziell Nuccis Mimik ist darüber hinaus überraschend häufig geradezu maskenhaft und die Darstellung Procidas durch Bonaldo Giaiotti bleibt verglichen mit den großartigen Leistungen auf den anderen beiden DVDs sehr blass. Fazit: gut anzuhören und auch ästhetisch gut anzusehen, aber das Drama bleibt sie praktisch komplett schuldig.
Damit steht für mich der ganz große Wurf für I VESPRI SICILIANI auf DVD noch aus.
Les vêpres siciliennes
Auch diese einzige derzeit käufliche DVD der französischen Fassung vermag diese Lücke für mich nicht zu füllen: ich besitze sie zwar nicht, konnte aber aus den wenigen kurzen YT-Links schließen, dass diese moderne Darstellung, so interessant sie sein mag, für mich zu grausam ist: die sizilianischen Frauen werden von den Franzosen barfuß über Glasscherben geschickt. Dennoch würde ich mich natürlich freuen, wenn jemand Näheres über diese Aufführung erzählen könnte.
Oder nennt jemand eine Aufzeichnung der Aufführung sein eigen, von der diese Zusammenfassung stammt (1997 unter Nelson)?: Verdi's Les vêpres siciliennes - Opera in 10 minutes http://www.youtube.com/watch?v=21Qa0xpPe-8 Die würde mich sehr interessieren.
VG, stiffelio
stiffelio (05.05.2013, 22:04): Inzwischen habe ich noch eine weitere Aufnahme entdeckt, die es leider nur bei premiereopera zu kaufen gibt. Aber ich wurde von der Bild- und Tonqualität positiv überrascht, die war besser als alles, was ich bisher von dort erlebt habe. Das mag auch daran liegen, dass es eine relativ rezente Aufführung ist: 2011 aus Turin (unter Noseda). Das Paar Arrigo-Elena wird von Gregory Kunde und Maria Agresta schöner, intensiver und inniger gesungen, als ich es bis dahin je erlebt hatte. Die Duette der beiden sind ein Traum! (siehe Giorno di pianto e Arrigo oh parli a un core und im Anschluss die letzten 4 Minuten von O sdegai miei, tacete) Nebenbei leistet sich Kunde im 5. Akt ein stimmliches Kabinettstückchen, als er beim "Addio" die Stimme (wenn ich richtig gehört habe) bis zum e" hinaufschraubt. Auch wenn das schon unter das fallen mag, was Severina als "Stimmritzenprotzerei" bezeichnet - beeindruckend war es trotzdem :wink. Die Vater-Sohn Beziehung zwischen Arrigo und Monforte, der von Franco Vassallo ebenfalls sehr überzeugend gesungen wird, leidet zwar darunter, dass der Sohn mal wieder deutlich älter als der Vater ist (und überhaupt kommt die Rolle des jugendlichen Heißsporns für Kunde natürlich mit 57 Jahren um einiges zu spät), aber die beiden holen trotzdem darstellerisch heraus, was drin ist (siehe duet Arrigo Monforte act III ). Monforte ist hier nicht nur der militärische Führer der Gegenpartei und der unter der Ablehnung des Sohnes leidende Vater (obwohl Vassallo auch das sehr gut hinbekommt), sondern zeigt durchaus auch gemeine und brutale Züge. Erstmals war der Hass der Sizilianer gegen diesen Tyrannen für mich nachvollziehbar. Ein beeindruckender Spagat! Gegen den wundervollen Bass von Ildar Abdrazakov gibt es natürlich stimmlich nichts auszusetzen (siehe O tu, palermo), darstellerisch blieb er für mich in der Rolle des Procida ungewohnt und überraschend etwas blass. Das mag evtl. auch daran liegen, dass Procida von der Regie recht stiefmütterlich behandelt wurde und ich außerdem von Furlanettos Darstellung dieser Rolle bleibend infiziert bin. Immerhin war dadurch nachvollziehbar, warum Procida sich die Leitung des Aufstands zunächst nicht alleine zutraut. Die Inszenierung ist einerseits modern und andererseits (zur 150-Jahrfeier italienische Einigung) offenbar mit vielen Anspielungen auf die Medien-, Politik- und Glitzerwelt des heutigen Italiens versehen, die ich nicht alle verstanden habe. Dennoch drängte sie sich nicht so in den Vordergrund, dass mich das massiv gestört hätte. Am heftigsten kam für mich das "Überlaufen" von Arrigo und Elena in diese korrupte Scheinwelt im 5. Akt daher (siehe Mercè dilette amiche ), aber es steht m.E. wenigstens nicht im Widerspruch zum Libretto. Vielleicht hätte ich vom Konzept noch mehr verstanden, wenn ich den Interviews im Anhang hätte folgen können, aber die sind leider auf Italienisch ohne Untertitel :(. Insgesamt ist es noch nicht ganz meine Traumaufnahme der sizilianischen Vesper, aber es kommt ihr schon recht nahe und steht derzeit bei mir an Nummer 1.
Gibt es hier eigentlich niemanden sonst, der etwas zu dieser Oper sagen kann und möchte? Mir gefällt sie jedenfalls immer besser. VG, stiffelio
Severina (05.05.2013, 23:16): Liebe Stiffelio,
leider kann ich Dir nicht assistieren, denn die "Vespri" habe ich nur einmal vor vielen Jahren live in Zürich erlebt (mit Nucci, Araiza, Zancanaro..) und besitze weder CD noch DVD. (Als "Live-Junkie" ist meine Tonträgersammlung mehr als bescheiden und weist mehr Lücken als einigermaßen abgedeckte Bereiche auf :S) Und leider kann ich immer noch nicht die nötige Zeit und vor allem innere Ruhe aufbringen, um mich intensiv mit einem Werk auseinanderzusetzen, also Einspielungen miteinander vergleichen usw. Ich bin schon froh, wenn ich überhaupt einmal eine DVD oder Opernübertragung am Stück genießen kann. Und bei schönem Wetter zieht es michaußerdem immer hinaus, da hocke ich nur höchst ungern vor der Flimmerkiste.
Dabei würde ich ganz im Sinne Deiner einleitenden Worte nur zu gerne auch meinen Beitrag zu Wolframs Herzensprojekt leisten. Ich hoffe auf den Juni, vielleicht schaffe ich da wieder eine intensivere Musikphase!
Eines verwundert mich nur bei Deiner Discographie, ohne natürlich Deine Eindrücke in Zweifel ziehen zu wollen:
Die Schlaftablette Stoyanov spielt wirklich besser als der charismatische Abdrazakov?????? Ich habe Stoyanov nämlich live noch nie anders als sterbenslangweiligen Rampensänger erlebt, der jede Art von Interaktion beharrlich verweigert und dafür drei Stunden lang den Dirigenten hypnotisiert.
lg Severina :hello
Honoria Lucasta (06.05.2013, 06:56): Liebe Stiffelio, liebe Severina, das Fehlen einer wirklich überragenden Vespri-DVD ist ein Skandal - aber die Oper ist ja auch sehr schwer zu inszenieren, und ich kann schon verstehen, daß die meisten Opernhäuser davor zurückschrecken, mglw. auf halbem Weg stehen bleiben zu müssen. Die Scala - Aufführung habe ich auch (das Ballett überspringe ich sowieso, dann wird's auch von der Länge her erträglich), aber ich ziehe ausnahmsweise für diese Oper die CD vor, und zwar die mit Raimondi, Domingo, Milnes...Ich schreibe was drüber, sobald ich 5 Minuten Zeit finde, irgendwann....
Liebe Grüße
Honoria
palestrina (06.05.2013, 10:18): Hallo ,
bei uns am Frankfurter Opernhaus kommt zum Saisonende "Les Vepres Siciliennes" heraus , bin schon ganz gespannt, Elza van den Heever singt die Hèlene !
LG palestrina
Premiere ist am 16.6.13
stiffelio (06.05.2013, 21:51): Ui, so schnell soviele Rückmeldungen! :D
Liebe Severina, du dürftest meine Eindrücke gerne in Zweifel ziehen, denn sie sind ja völlig subjektiv. Zunächst bin ich ja durchaus auch Abdrazakov-Fan. Ich habe von ihm die DVD "Moise e Pharao" und da spielt er einen wunderbaren Moses. In den "vespri" spielen Stoyanov und Adbrazakov nicht nur in unterschiedlichen Inszenierungen, sondern auch verschiedene Rollen, was mir einen Vergleich erschwert. Ich denke, für meinen Eindruck sind sehr viele Faktoren verantwortlich. Erstens hing meine Messlatte nach der Scala-DVD für den Procida sehr hoch, für Monforte dagegen deutlich niedriger. Zweitens spielten nicht nur die verschiedenen Regiekonzepte, sondern auch die Bildregie vermutlich eine große Rolle. Drittens finde ich Abdrazakov ja keineswegs schlecht, auch nicht darstellerisch, ich hatte mir ehrlich gesagt, nur noch mehr von ihm erwartet. Stoyanov habe ich mir gerade nochmal in den beiden Duetten mit Zulian (1. und 3. Akt nochmal angeschaut): nein, für diese spezielle Aufführung kann ich dein Urteil nicht bestätigen. Er sucht eigentlich ständig Blickkontakt mit seinem Sohn (der diesen, seiner Rolle gemäß, freilich nicht immer erwidert), in Blickkontakt mit dem Dirigenten habe ich ihn dagegen kaum "erwischt". Insgesamt vermittelt er mir tatsächlich eindeutig mehr Emotionen als Zancanaro bzw. Nucci in ihren entsprechenden Aufführungen (wobei diese beiden ja auch durchaus gute Darsteller sein können, nur eben m.E. nicht in diesen Inszenierungen). Freilich erleichtert es natürlich auch die winzige Bühne in Busseto, mit den Mitspielern in Interaktion zu treten und trotzdem in Kontakt mit dem Dirigenten zu bleiben sowie das Haus auch dann stimmlich zu füllen, wenn man nicht an der Rampe steht. Hast du dir den 8-Minuten-Link mit Stoyanov, den ich eingestellt hatte, mal angeschaut? Das ist natürlich eine Arie, also (fast) ohne Interaktionspartner, aber als "Schlaftablette" kommt er auch da für mich nicht rüber. Jedenfalls hast du mir mit deinem schlichten Schlusssatz schon wieder jede Menge Motivation gegeben, in den nächsten Tagen meinen Eindruck nochmal gründlicher zu überprüfen. Ich werde dann berichten, ob ich etwas korrigieren möchte. :wink
Liebe Honoria, diese CD mit Raimondi wurde - sicher zu Recht - schon im C.-Forum hoch gelobt. Nach meinem fragmentarischen Eindruck von ihr auf YT kann ich das absolut nachvollziehen. Aber für einen reinen Höreindruck ist mir persönlich diese Oper dennoch definitiv zu lang.
Lieber palestrina, dann freue ich mich schon auf deinen Bericht :leb
VG, stiffelio
stiffelio (10.05.2013, 20:35): Liebe Severina,
so, jetzt habe ich mir die drei Versionen (Mailand, Busseto und Turin) nochmal angesehen und kann zumindest ein bisschen präzisieren. Abdrazakov und Stoyanov kann ich immer noch nicht direkt darstellerisch vergleichen, dafür sind die Rollen und die beiden Inszenierungen einfach zu unterschiedlich, aber zumindest kann ich die verschiedenen Monfortes und Procidas besser vergleichen. Stoyanov liegt bei mir klar hinter Vassallo (letzterer bringt einfach noch viel mehr Facetten hinein, hat dabei allerdings auch die Regie hinter sich), aber immer noch klar vor Zancanaro. Zancanaro verlässt m.E. nie das senkrecht Edle und das allein ist für diese Rolle ein bisschen dünn. Stoyanov kann ich zumindest das Ringen um seinen Sohn besser abspüren. Mit Abdrazakov ist es komplizierter. Alle drei Procidas gefallen mir prinzipiell und und liegen relativ nahe beieinander. Abdrazakov liegt vor Anastassov (obwohl der wahrlich auch nicht schlecht ist), aber immer noch mindestens eine Nasenlänge hinter Furlanetto. Das ist aber eine ziemlich persönliche Geschichte. Rein von der Stimmschönheit her (dieser satte tiefe Klang :down) würde ich Abdrazakov vielleicht sogar vorziehen, aber es fehlen die einzelnen Momente, in denen mich Furlanetto einfach sprachlos vor seiner Gestaltungskraft zurücklässt (z.B. im 5. Akt sein "Anch'esso", sein "Si parla, se tu l'osi" und sein "Su lui chiami il disonor". Das "O donna, che ti arresta?" bekommen Furlanetto und Abdrazakov freilich beide ganz hervorragend hin). Wobei Abdrazakov überzeugend und sehr natürlich spielt, Furlanetto deutlich pathetischer, aber eben noch intensiver. Es ist wohl tatsächlich eine persönliche Geschmacksfrage, was man vorzieht. Und Abdrazakov wurde auch von der Bildregie und der Beleuchtung eher benachteiligt, so dass man sein Gesicht häufig nicht so gut erkennen kann. Furlanetto kannte ich vorher nur in Rollen, die einen gehörigen Schuss Ironie (Leporello, Mephisto, selbst sein Filippo ist m.E. nicht ganz frei davon) und/oder Mitgefühl (wieder Filippo, außerdem Fiesco) vertragen. Ich konnte mir deshalb kaum vorstellen, dass er einen derart kompromisslosen Fanatiker wie Procida - völlig frei von Ironie und Mitgefühl - so grandios hinbekommen würde. Die Schlusssekunden der Scala-DVD mit Furlanetto über der Leiche Monfortes jagen mir auch nach dem 10. Anschauen immer noch kalte Schauer über den Rücken.
wenn Du "satten, tiefen Klang" liebst (ich auch!), dann schau mal auf youtube hier hinein: O tu Palermo
Cesare Siepi sang hier "O tu Palermo" in einer Fernsehproduktion (oder einer Show), Kostümierung und Habitus sind so, wie man sich in den 50er Jahren halt einen Procida vorstellte, aber mehr Balsam in der Stimme hatte später m.E. niemand mehr (auch Raimondi nicht!), und die Intensität, mit der er die Sizilianer auffordert, die Ketten der Fremdherrschaft abzuwefen und der Freiheit zum Sieg zu verhelfen, hat schon etwas unglaublich Mitreißendes. Leider wirklich nur ein Auftritt, die ganze Oper mit Siepi gibt's nicht auf youtube oder sonstwo, fürchte ich.
Grüße!
Honoria
stiffelio (11.05.2013, 11:32): Liebe Hororia,
vielen Dank für den Link - die Tonqualität reicht gerade dafür aus, dass ich ahnen kann, was du meinst. Mit besserer Qualität müsste es ein reines Fest sein. Unglaublich diese Resonanz in der Tiefe, am eindrucksvollsten für mich beim "Ah si" (3:34) :down.
OT: ich habe mir Siepi dann gleich noch als Sarastro angehört O Isis and Osiris. Da ist seine Stimme für mich perfekt. Hat er den Sarastro auch mal auf deutsch gesungen?
VG, stiffelio
stiffelio (17.05.2013, 22:58): spotlight: ich höre gerade zum x-ten Mal das Duett Arrigo-Elena "Ah, da tue luci angeliche" im 2. Akt. Das "Tu, d'un soldato umil..." singt Kunde ganz sanft, mit behutsamer, ungläubiger Freude. Und dann kommt Agresta hinzu, die beiden Stimmen mischen sich - hach! :engel Verdi at its best!
VG, stiffelio
stiffelio (10.06.2013, 19:15): Es gibt eine neue DVD von I VESPRI SICILIANI: Im Rahmen der Reihe "Tutto Verdi" kam eine Aufnahme aus Parma von 2012 heraus:
Schon beim ersten Hineinschauen war freilich klar: dies ist im Wesentlichen die Inszenierung von Pizzi aus Busseto, die nur geringfügig der größeren Bühne in Parma angepasst wurde. Damit sind 3 der 4 "normal" verfügbaren DVDs der VESPRI Pizzi-Inszenierungen! Obwohl ich diese Inszenierung zum Kennenlernen der Oper nicht grundsätzlich schlecht finde, hätte ich mir doch eher eine neue gewünscht. Unter anderem auch deshalb, weil vieles, was in Busseto noch als intelligente Nutzung des geringen Raumes wirkte (Bühnenrückwand als Spiegel, der den Raum größer erscheinen lässt, Bühnenerweiterung seitlich vom Orchestergraben und Einbeziehung des Zuschauerraumes) hier für mich angesichts der großen Bühne - die dadurch immer wieder verwaist zurückbleibt - weitgehend sinnfrei und eher störend herüberkommt. Die Rollen sind insgesamt optisch sehr gut besetzt, die Stimmen durchaus imstande, den Raum zu füllen und die stimmliche Gestaltung empfinde ich durchweg als durchaus achtbar. Fabio Armiliato schlägt sich tapfer als Arrigo, allerdings vermute ich, bei ihm erstmals erkannt zu haben, was man unter "unverblendetem Registerwechsel" versteht, wenn er höhere Töne produzieren muss. Daniela Dessi singt und spielt die Rolle der Elena sehr engagiert und gefühlvoll. Nur in ihrer Arie zu Beginn des 5. Aktes hat sie mich nicht überzeugt, da geraten ihr einige Spitzentöne nur sehr unschön schrill. Das fällt für mich bei im insgesamt durchweg positiven Eindruck aber nicht ins Gewicht. Bei Leo Nucci komme ich nicht dahinter, ob ER mit der Rolle des Monforte ein Problem hat oder ICH mit seine Gestaltung. Sieht er ihn wirklich nur als militärischen Haudegen, der möglichst keine Miene verziehen sollte? Er leistet sich zwar einen Hauch mehr Mimik als in Bologna, aber da ist für mich immer noch definitiv zuwenig Gefühlsregung abspürbar. Stimmlich gelingt ihm zumindest die Wut Monfortes recht überzeugend, aber auch stimmlich würde ich mir eine etwas größere Palette wünschen. Giacomo Prestia verkörpert den Procida in erster Linie als Gelehrtentyp, die fanatische Seite Procidas kommt dadurch hier reichlich spät und gebremst herüber. Davon abgesehen, macht Prestia seine Sache nicht schlecht, ohne mich allerdings wirklich faszinieren zu können. Das Dirigat von Massimo Zenetti war für mich in Ordnung, der Sinn einiger sehr ausgiebigen Temposchwankungen im Duett Monforte-Arrigo im 1. Akt ist mir allerdings verborgen geblieben. Wie meist üblich, fällt das große Ballett im 3. Akt weg. Mit dem Strich des Duetts Arrigo - Elena im 5. Akt kann ich auch noch gut leben, aber dass im 3. Akt der Beginn der 6. Szene (Su te veglia l'amistade) gestrichen wurde und Elena nach dem Chor völlig unvermittelt mit "In fra gli allegri vortici" einsetzt, finde ich völlig unmöglich. Der gestrichene Abschnitt dauert nur ca. 1-2 Minuten, ist nicht schwierig zu singen und zum Verständnis der Handlung wichtig.
Fazit: gegen die Aufführung aus Turin unter Noseda hat diese bei mir zwar keine Chance, aber sie hat durchaus das Potenzial, meine "Nummer 2" zu werden. Als ihr größtes Plus empfinde ich die optisch gelungene Auswahl der Hauptrollen und die Teamarbeit der Sänger, (für mich) ohne Star, aber auch ohne Ausfall. Ob sie einen vorwiegend stimmlich fixierten Hörer zu überzeugen vermag, habe ich allerdings Zweifel.
Kennt jemand anderes schon diese DVD? Oder eine andere aus der "Tutto Verdi"-Reihe?
VG, stiffelio
palestrina (20.06.2013, 21:57): FFM , Verdi "Les Vêpres Siziliennes"
hmmm - und dein eigener Eindruck? Prinzipiell hab ich nichts dagegen, die "Vêpres" im 68er Millieu spielen zu lassen, ich denke, da passt sie durchaus hin. Aber allein "packende (Bühnen-)Bilder zum Generationenkonflikt" würden mir nicht ausreichen, ich möchte den Konflikt Henri-Monfort schauspielerisch von den beiden Darstellern auf der interindividuellen Ebene rübergebracht haben. Da muss es funken, vor allem in den Duetten im ersten und dritten Akt, auch im Quartett des vierten Aktes. Dann ist die Oper für mich auch nicht langweilig.
VG, stiffelio
palestrina (21.06.2013, 00:54): Im Zentrum dieser eminent politischen Oper steht der tragische Konflikt zwischen unauflösbaren Gegensätzen, zwischen Freundschaft und Verrat, zwischen Patriotismus und Liebe. UnserDramaturg schrieb in seinem Artikel : Eine Grand Opèra über die Macht der Ohnmacht , gut gewählt ! Oh ja der Konflikt , war gut heraus gearbeitet und die Duette waren hervorragend , ich habe den guten Herrn Kim nie so gut in einer Partie in der Oper gesehen. Mochte ihn nie so richtig als Sänger ! Aber was er da abgeliefert hat war große Klasse. Und Quinn Kelsey , von dem ich vorher nie etwas hörte, war ein außerordentlicher Montfort . Elsa van den Heever eine erstklassige Hélène. Alles in allem , eine super Produktion ! Auch die Verlegung in die Jahre des Aufbegehrens war gut gewählt , und die Konflikte konnte man gut nachvollziehen . Gerade der Schluss des 3ten Aktes war super, große Oper , sehr eindringlich ! Der Chor war bestens Einstudiert für die Grossen Szenen ! Du merkst liebe Stiffelio mir hat es gefallen ! Und wann bekommt man diese Oper mal zu sehen !!!! Da muss man ja dankbar sein und auch noch In der franz. Fassung .
LG palestrina
stiffelio (21.06.2013, 19:04): Lieber palestrina,
das klingt tatsächlich sehr verlockend! Ich habe mir gerade mal die Szenenfotos und das Video unter http://www.oper-frankfurt.de/de/page851.cfm?stueck=407 angeschaut. Die NZZ scheint allerdings von den Stimmen nicht ganz so begeistert zu sein: http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/buehne_konzert/verdi-a-la-franaise-1.18101880
VG, stiffelio
palestrina (21.06.2013, 19:22): Na ja jeder hört anders , aber seine Kritik am Herrn Kim ist nicht gerechtfertigt , er war sehr gut ! Und der Rest auch !!!! Alle Sänger hatten Rollendebuts ! Gehe morgen Abend nochmals !
LG palestrina
Schweizer (08.07.2013, 16:30): Liebe Forumsteilnehmer, ich war am vergangenen Sonntag in Frankfurt, nachstehend mein Kurzbericht: Tags darauf dann die doch eher seltene Sizilianische Vesper auf französisch: obwohl da im Gegensatz zum Don Carlo von den Hauptrollen gesanglich niemand abfiel, das Niveau ausgeglichen hoch war, hat mich das im Vergleich zur italienischen Sprache viel weniger sangbare Französisch arg gestört, mein Ohren-Vergnügen schon echt gemindert! Beispiele gefällig: Io t'amo tönt einfach um Welten besser als je t'aime und noch drastischer wird es bei: io moro zu je möre. Na, seis drum. Die Regie von Jens-Daniel Herzog versetzte das Werk ins 68er-Milieu, was erstaunlich gut aufging und eine spannende Aufführung zur Folge hatte. Zu den Sängern: Quinn Kelsey (Rigoletto in Zürich) war Guy de Monfort, ein grossstimmiger, nahezu 2m-Mann. Raymond Aceton, ein mir nicht geläufiger Name als Jean Procida, auch er mit grossen Ressourcen ausgestatteter Stimme, ein schöner Bass. Alfred Kim in der wahnwitzig hochliegenden Spinto-Tenorpartie des Arrigo, pardon Henri: alle Hoch- töne kommen gut, erst gegen Ende der Oper muss er ein-zweimal stemmen, etwas forcieren. Und last not least Elza van den Heever als Hélène: stimmtechnisch hat die Südafrikanerin eine enorme dynamische Bandbreite anzubieten, von herrlich-zarten Pianotönen bis zu gerundeten Forte-Sopranraketen. Darstellerisch hat sie mich weniger überzeugt. Sie wirkte auf mich in den 90 Minuten bis zur Pause stets mürrisch-abweisend für mich war es nicht nachvollziehbar, dass sie Henri mochte, im Gefühle entgegenbringt. Im 4 und 5. Akt kamen dann endlich Emotionen, wurde sie menschlich, in ihrem Zwiespalt Liebe versus Vernunft/Politik glaubhaft.
Gruss vom Schweizer
Severina (13.12.2013, 21:48): Liebe Stiffelio,
da es von Deiner Nr.1-Produktion (Turin) leider keine DVD gibt (was ich schon wegen Abdrazakov seeeehr bedaure!!), habe ich jetzt zumindest Deine Nr. 2 günstig erworben (In Wien schließt das letzte Spezialgeschäft für klassische Musik :I und es gibt alles um -40%!) und werde mich in den nächsten Tagen dazu äußern!
lg Severina :hello
palestrina (30.10.2015, 16:34): Lieber Schweizer ich höre die Oper , trotz deiner Einwände lieber in franz. bin leider so ein Original Fanatiker, das ist z.B. beim Guillaume Tell genauso !!