Valery Gergiev, das russische Ein-Mann-Kraftwerk

Cosima (21.03.2006, 15:31):
Valery Gergiev

Geboren am 2. Mai 1953 in Moskau, begann er in jungen Jahren zunächst mit dem Klavierspiel, wechselte aber bald zur Orchesterleitung und gewann 1975 den dortigen Dirigenten-Wettbewerb. Von da ab ging es steil bergauf mit seiner Karriere: Leitung des Armenischen Staatsorchesters, dann Chefdirigent der Kirov Oper (später umbenannt in Mariinsky Theater), kurz darauf Gastdirigent des London Symphony Orchestra usw. Es folgten Auftritte in den USA, London, Finnland, Deutschland etc. Ab Januar 2007 wird Gergiev neuer Chefdirigent des London Symphony Orchestra.
Ein sehr aktiver und umtriebiger Dirigent, der sich vor allem mit seinen vitalen Interpretationen des russischen und spätromantischen Opern- und Konzertrepertoires einen Namen machte. Soweit ein paar Auszüge aus seinem beeindruckenden Werdegang.

Zur Einführung empfehle ich eine DVD – man muss diesen ungemein charismatischen Dirigenten einfach mal in Aktion gesehen haben (sicher am besten live, aber das kommt hoffentlich noch bei mir) – mit einer IMO beeindruckenden „Skythischen Suite“ (ein tolles Werk übrigens, das allgemein leider wenig Anklang zu finden scheint)…

http://www.wom.de/image/middle/front/0/5184723.jpg

… und als CD die Aufnahme eines geradezu entfesselten und kraftstrotzenden „Feuervogels“:

http://www.wom.de/image/middle/front/0/8457295.jpg

Mit großer Spannung warte ich übrigens auf die Veröffentlichung der 4-CD-Box der Prokofjew-Symphonien mit dem LSO. Viele Gergiev-Aufnahmen sind dynamisch, mitreißend und elektrisierend – über andere Einspielungen wiederum schweigt man besser. Man kann sehr wohl geteilter Meinung ob dieses Dirigenten sein, selten jedoch lässt er den Zuhörer kalt.

Gruß, Cosima
Rolf Scheiwiller (21.03.2006, 17:07):
Liebe Cosima. Ich besitze 2 DVDs mit diesem Dirigenten. Eine aus dem Grossen Festspielhaus in Salzburg. Turandot. ! Schuster bleib....
Dann eine wundervoll dirigierte Auffuhrung des Boris aus seinem Haus. Noch die 4. 5. und 6. Tschaikowski mit den Wiener Ph. Grandiose Live-Aufnahmen auf Philips. Sowie Rimskij- Korss. Scheherezade. Dies alles auf SACD. Eindrucksvolle Leningrader und 4. Schost. kommen noch dazu.
Freundliche Gruesse.
Rolf.
Cosima (21.03.2006, 18:09):
Hallo Rolf,

das ist es, was ich meine: Entweder „grottenschlecht“ oder „wundervoll“… genau wie Du es schreibst. Dazwischen scheint es nicht viel zu geben. Ich werde nach und nach Gergievs Aufnahmen vorstellen. Leider liegt mein Schwerpunkt nicht auf Opern, obgleich ich einige inzwischen kennen gelernt habe. Aber vielleicht findet sich ja noch ein Opern-Liebhaber, der das russische Repertoire und somit sicher auch Gergiev schätzt.

Beste Grüße,
Cosima
sune_manninen (23.03.2006, 09:03):
Original von Rolf Scheiwiller
Eine aus dem Grossen Festspielhaus in Salzburg. Turandot. Grottenschlecht! Schuster bleib....


Hallo Rolf,

einem "Jungspund" sei das Urteil "grottenschlecht" zugestanden. In meinem schon etwas fortgeschrittenen Alter neige ich eher dazu zu sagen, es hat mir nicht gefallen. Um jedoch eine Diskussion über diesen von Cosima und auch von mir sehr geschätzten Dirigenten in Gang zu bringen, wäre ich sehr daran interessiert, von Dir zu erfahren, was denn nach Deiner Meinung an Gergievs Dirigat so "grottenschlecht" gewesen sei.
Verstehe mich bitte recht : Ich möchte Dir nicht widersprechen, Dich schon gar nicht von Deinem Urteil abbringen, würde nur gerne die Hintergründe dieser Äußerung wissen.

Auf eine ergiebige Diskussion denn!

Sune
Cosima (23.03.2006, 17:35):
Original von sune_manninen
einem "Jungspund" sei das Urteil "grottenschlecht" zugestanden. In meinem schon etwas fortgeschrittenen Alter neige ich eher dazu zu sagen, es hat mir nicht gefallen.

Hallo Sune,

da irrst Du Dich aber bzgl. des „fortgeschrittenen Alters“ bei Dir. Dieses Forum wirkt wie ein Jungbrunnen, da wirst Du mal eben zum „Grünschnabel“. :)

Zu Gergiev: Mir ist aufgefallen, dass einige Kritiker sehr barsch mit ihm umspringen, da ist „grottenschlecht“ noch geschmeichelt. Wo bei anderen Dirigenten sehr höflich formuliert wird, wird Gergiev in Grund und Boden gestampft. Dann wiederum wird er förmlich in den Himmel gehoben, von mir zum Beispiel (kleiner Scherz). Aus irgendeinem Grund scheint die objektive Bewertung dieses charismatischen Mannes gelegentlich schwieriger zu sein, als bei manch anderer „grauen Maus“ am Pult. Gergiev hat IMO schon etwas Herausforderndes, irgendetwas, das polarisiert.

Gruß, Cosima
Wotan (23.03.2006, 20:17):
Hallo miteinander,

ich wollte ja auch schon eine Diskussion über Gergiev starten, wurde mir jetzt abgenommen. Ich persönlich halte ihn für den besten Dirigenten unserer Zeit (was bei den relativ wenigen guten Dirigenten von heuten kein Problem scheint). Ich habe sehr viele Aufnahmen von ihm und finde davon alle überwiegend gelungen. Seine Ausflüge in italienische Musik sind zwar nicht so brillant (Turandot, Verdi) aber seine russischen Einspielungen stellen überwiegend Referenzen dar (allein die 5te von Tchaikowsky ist berauschend und unerreicht, ähnlich die 7te von Shostakovich).
Im Sommer werd ich ihn live in Baden-Baden sehen wenn er den "Ring" dirigiert und bin wirklich im höchsten Maße gespannt darauf.
Nebenbei ist es auch ein sehr löbliches Anliegen von Gergiev viele unbekannte russische Opern aufzunehmen wie "den Spieler" von Prokofiev oder "Mazeppa" von Tchaikowsky.

MfG
Marco
Rachmaninov (23.03.2006, 21:54):
Original von Wotan
........ aber seine russischen Einspielungen stellen überwiegend Referenzen dar (allein die 5te von Tchaikowsky ist berauschend und unerreicht, ähnlich die 7te von Shostakovich).

Schön das Du seine Lang Lang Aufnahme nicht genannt hast :wink
Cosima (23.03.2006, 22:15):
Original von Rachmaninov
Schön das Du seine Lang Lang Aufnahme nicht genannt hast :wink

Ist die Orchesterbegleitung wirklich so schlecht? Ich habe ja nur kurz hineingehört in die Aufnahme, mir gefiel Lang Lang nicht so sehr. Über Gergievs Qualitäten sagt das aber zunächst mal gar nichts aus. Beim 2. Rachmaninov-Konzert mit Kissin macht Gergiev seine Sache sehr gut.

Und wo wir gerade bei Referenzen sind, möchte ich noch einmal auf den "Nussknacker" hinweisen. Der ist so erfrischend und hinreißend interpretiert, besser geht es wirklich nicht mehr.

Gruß, Cosima
Wotan (24.03.2006, 19:11):
Allerdings. "Der Nussknacker" ist trotz viel Kritik von der ich gelesen habe meiner Meinung nach genial. Auch die anderen Ballette wie "Dornröschen" oder natürlich die beiden von Stravinsky "Feuervogel" und "Le Sacre" sind sehr gelungen.
Die Rachmaninov mit Lang Lang habe ich auch aber da kann ich nicht vergleichen, weil ich keine andere Interpretation kenne. Von der Orchesterbegleitung finde ich sie aber nicht schlecht.
Ähnliches ja beim "Requiem" von Verdi, bei dem mir das Orchester auch sehr gut gefällt, nur sängerisch (vor allem mit Bocelli!!!) Defizite zu verzeichnen sind.
sune_manninen (26.03.2006, 16:14):
das erinnert mich an den Werdegang meines derzeitigen Lieblings-Dirigenten Valery Gergiev. Der begann nämlich auch mit Klavierunterricht, war zu faul und kam ständig zu spät. Außerdem spielte er auch gern Fußball (tut er übrigens heute noch, Sune könnte da einiges berichten).

Liebe Cosima!

Den von Dir im "Vorstellungs-"Thread zugespielten Ball nehme ich gerne an.

Wie vielleicht nicht bekannt, leitet Valery Gergiev in der finnischen Stadt Mikkeli (105 km von Savonlinna entfernt) seit 1993 ein Festival, das in diesem Jahr vorwiegend Kompositionen Dmitri Schostakowitschs gewidmet ist. Was haben Schostakowitsch, Gergiev und das Mikkeli Musik-Festival gemein? Die Antwort ist einfach : Fußball.

Der russische Komponist war ein begeisterter Fußball-Fan. In ein kleines Hefttrug er sorgfältig alle seine Werke mit Opuszahlen ein, daneben die Ergebnisse von Fußballspielen!!! Er war nicht nur Fan, sondern auch Kenner, zudem ausgebildeter Schiedsrichter und auch mit den Stars seiner Zeit "freundschaftlich" verbunden (so weit es ihm möglich war, Freundschaften zu pflegen), die sich nach den Spielen gerne seine Spiel-Analyse anhörten.

Im Gegensatz zu Gergiev ist allerdings nicht bekannt, ob er auch selber Fußball gespielt hat. Dieser war bis von wenigen Jahren ein enthusiastischer Fußball-Spieler (ab 1997 gab es während des Festivals ein Fußball-Turnier zwischen dem Mariinsky-Team, Sponsoren, Journalisten und Festival-Mitarbeitern, an dem er sich begeistert beteiligte), bis er es (bei glatten Rasen spielte er in Straßenschuhen und verletzte sich so, daß er das abendliche Konzert in Badelatschen dirigieren mußte) zu seinem größten Bedauern aufgeben mußte.

Nachdem das Spiel die beiden letzten Jahre aus irgendwelchen Gründen ausgefallen war, drohte Gergiev, das Festival "platzen" zu lassen, falls es dieses Jahr kein Spiel gäbe. Natürlich war sein Wunsch Befehl.

Typisch für ihn eine kleine Begebenheit. Am Abend des Endspiels der vorletzten Europa-Meisterschaft schaute er sich dieses in Rotterdam im Fernsehen an. Frankreich gewann, und er flog mit der nächsten Maschine nach Paris, um die Siegesfeiern mitzuerleben, suchte sich danach für wenige Stunden ein Hotelbett, um danach nach London zu fliegen und den ganzen Tag mit seinem Orchester zu probieren.

Die Verbindung zwischen Schostakowitsch, Gergiev und Mikkeli bildet das Ballett "Das goldene Zeitalter", von dem Gergiev hier eine Suite aufführt. Es handelt von Fußball! Hier eine Inhaltsangabe (in englischer Sprache) :

"The plot of “The Golden Age”, a heavy-handed polemic against capitalism, takes its title from the ballet's setting - a trade fair and exhibition held in an unnamed Western city. A Soviet soccer team has been invited to the exhibition, but their entrance is almost completely ignored by the officials while a group of Fascists is received with great pomp. A boxing match between a white man and a Negro is rigged by the Fascists so that the black man is cheated of his victory. The workers are enraged at the decision, and a woman from a local Communist youth group rushes from the crowd and slaps the referee on the face. The Soviet soccer team visits a cabaret, where the captain resists seduction by a Fascist dancer and refuses to join in a Fascist toast; the Soviets escape during the ensuing turmoil. The captain, the Negro boxer and the woman from the Communist youth group innocently take in the city's sights, but a Fascist police detective plants counterfeit money in the captain's pocket and then arrests him. The workers hold an athletic festival of varied sports activities at the stadium, and cheer the Soviet soccer team when it enters. The ballet's last act is a program of entertainment presented in the music hall of the exhibition. Fascist dancers perform a mocking “Dance of Reconciliation of All Classes,” but they are upstaged by the Communist youth group in a closing dance depicting the solidarity of the workers of the world with the emissaries of the Soviet Union."

Herzlichst

Sune
Jeremias (26.03.2006, 17:37):
Ich hatte das große Vergnügen, Gergiev im Sep. 04 einmal in köln live zu hören. Es war das Gedenkkonzert für den verstorbenen Intendanten mit den Wiener Philharmonikern. Er dirigierte u.a. die pathetique von Tschaikowsky. Man hat gemerkt, dass dies seine Musik ist. Er hat den Musikern alles abverlangt und - dem Anlass entsprechend - war natürlich auch die Wirkung. EIn unvergessliches Erlebnis!
Cosima (26.03.2006, 17:42):
Hallo Sune,

ich musste sehr schmunzeln über Deinen Bericht. Gergiev ist doch immer für eine Überraschung gut: Mal dirigiert er mit einem Zahnstocher oder tritt in Badelatschen ans Pult, dann wieder kehrt er den „Diktator“ heraus, wenn es um Fußball geht.

Steht eigentlich schon das Programm für das diesjährige Mikkeli-Festival fest? Vielleicht plant der eine oder andere ja seinen Urlaub in Finnland und stattet Euch einen Besuch ab. :wink

Schöne Grüße,
Cosima
sune_manninen (26.03.2006, 18:08):
Original von Rolf Scheiwiller
Schuster bleib.....

Lieber Rolf!

Zunächst einmal möchte ich wegen meiner "Jungspund"-Bemerkung um Pardon bitten; mir als "Grünschnabel" war damals noch nicht klar, daß uns diese Bezeichnungen zugeteilt worden waren.

Nun zu dem "Schuster, bleib...", wobei Du mit "Leisten" wohl das russische Repertoire meinst. Das hieße m.E. jedoch, Gergievs Leistung zu sehr zu beschränken. Um auf seine Salzburger "Turandot" einzugehen, müßte ich mir diese DVD erst einmal wieder zu Gemüte führen, aber als Puccini-Dirigenten habe ich Gergiev erst im Januar erlebt (seine erste "La Bohème"!) und höre gerade einen Rundfunk-Mitschnitt von "Manon Lescaut" aus dem Jahre 1985 (!). Beides habe ich weder als "grotenschlecht" noch als unidiomatisch empfunden.

Dasselbe würde ich auf von "Carmen", "Benvenuto Cellini", "Samson et Dalila", "Otello", "Aida", "Un ballo in maschera", "Salome" (alles live gehört) behaupten, von den diversen anderen Mitschnitten, z.B. im Wagner-Repertoire, ganz zu schweigen.

Das bedeutet nun nicht, daß ich Gergiev als Alles-Könner bezeichnen würde. Ich habe z.B. große Probleme mit seinem Mozart (bei Sinfonien), Bruckner und noch mehr bei seinen Sibelius-Interpretationen, die ich zwar nicht als "grottenschlecht", sondern als mir fremd empfinde. Aber z.B. seinen Brahms, Mahler und z.T. Beethoven finde ich nachvollziehbar und sehr interessant, und auf seinen Berlioz oder Debussy möchte ich nicht verzichten.

All dies also Werke aus dem nicht-russischen Repertoire!

Freundliche Grüße

Sune
sune_manninen (26.03.2006, 18:14):
Original von Cosima
Steht eigentlich schon das Programm für das diesjährige Mikkeli-Festival fest? Vielleicht plant der eine oder andere ja seinen Urlaub in Finnland und stattet Euch einen Besuch ab. :wink


Liebe Cosima!

Danke für die Mikkeli-Reklame. Unter mikkelimusic.net ist das Programm im Internet zu finden. Bitte nicht verzweifeln, wenn auf den ersten Blick alles in finnischer Sprache zu sein scheint. Wenn man auf "ohjelma" (= Programm) klickt, erscheint das Programm.

Natürlich ist Mikkeli für Gergiev-Fans ein Muß (es melden sich immer mehr Gruppen aus dem Ausland); interessant ist es jedoch auch wegen seiner Nähe zum nur 1 1/4 Autostunden entfernten Savonlinna mit seinem Opernfestival.

Also : Tervetuloa Mikkelin = welcome to Mikkeli!

Sune
sune_manninen (26.03.2006, 20:44):
Original von Cosima
Gergiev ist doch immer für eine Überraschung gut: Mal dirigiert er mit einem Zahnstocher oder tritt in Badelatschen ans Pult, dann wieder kehrt er den „Diktator“ heraus, wenn es um Fußball geht.


Hallo Cosima!

Ich denke, die "Drohung" Gergievs, das Mikkeli Musik-Festival platzen zu lassen, falls es nicht zum Fußball-Spiel Mariinsky gegen Mikkeli kommt, war scherzhaft gemeint, jedoch mit einem ernsten Hintergrund. Abgesehen davon, daß seine "Truppe" genauso fußballbegeistert ist wie der "Chef", spricht dies auch für die gute Verbindung zwischen ihm und seinem Orchester. Man stelle sich einmal vor, daß in Mikkeli normalerweise ab 16 Uhr geprobt wird und diese Probe erst dann beendet wird, wenn das Konzert (um 19 Uhr) beginnen soll. Üblicherweise beginnt es dann mit ca. 20minütiger Verspätung. Wenn aber CD-Aufnahmen anstehen (z.B. die Rachmaninov-CD mit Lang Lang), beginnt die Arbeit schon vormittags und wird manchmal nachts, also nach dem Konzert, fortgesetzt. Und dies alles nach dem St. Petersburger Festival Stars der Weißen Nächte!!!

Dazu paßt auch die Frage eines Musikers, ob wir wüßten, was ein "freier Tag" normalerweise für sie bedeute. Vormittags wird geprobt, abends ist die Vorstellung - der Tag ist "frei". Klar also, daß Gergiev bestrebt ist, "im Urlaub" (also in Mikkeli) etwas für die gute Laune seiner Leute zu tun.

Zum Abschluß ein Ausschnitt aus einem Artikel des diesjährigen Programmbuchs, passend zum Thema :

Everything began with Seppo Heikinheimo, this great Finnish musicologist and journalist with all his love for and knowledge of Russian arts. He had invited Valery Gergiev after his first guest concert in Helsinki (1992) to his summer home in Hirvensalmi and mentioned the only shortly before that time built Mikaeli, Mikkeli’s concert hall. Gergiev became enthusiastic about the idea of creating a festival in Russia’s neighbour country, not far from St. Petersburg. The Mikkeli Music Festival exists, now in its 15th year, the 14th time under the artistic directorship of Valery Gergiev.
What is the reason for this long-lasting relation between St. Petersburg and Mikkeli? This energetic conductor is known as a workaholic, working on an extremely tight schedule which includes a great deal of travelling. But he also knows how to relax, preferably in the sauna or the Finnish lakes and forests. "I love Finland. I keep it as, if you like, a tradition with my family that we spend one week or 10 days there, maybe twice a year. I love Finnish saunas, I love Finnish lakes, and I love Finnish forests. It's a quiet, quiet country." To “normal” people like us visitors it seems to be hardly understandable, but after their own Festival Stars of the White Nights at home, working at the Mikkeli Music Festival seems to be holidays to the musicians. Like them Gergiev as well enjoys having sauna (especially the Black Sauna at Puustelin Paikka), swimming in the lake, having a delicious meal after the concerts, talking to friends – and having his family around him. Together with the traditional football match this makes Mikkeli unique, even for these musicians, who travel much time of the year all-over the world.


Sune
Cosima (26.03.2006, 22:35):
Lieber Sune,

schöner Bericht wieder von Dir! Merci! Da möchte man sofort auch nach Finnland übersiedeln.

Was ich Dich die ganze Zeit schon fragen wollte: Es gibt ja diese tolle Gesamtaufnahme der Prokofjew-Klavierkonzerte mit Alexander Toradze, die 1995-97 entstanden sind:

http://www.wom.de/image/middle/front/0/8303310.jpg

Von Toradze im 2. Klavierkonzert war ich gleich richtig begeistert, der Rest ist auch wirklich gut. Das Kirov Orchester leistet eine fulminante Orchesterbegleitung, bei der man spürt, dass die beiden nicht nur ein eingespieltes Team, sondern auch gute Freunde sind; da scheint blindes Verstehen zu herrschen. Weißt Du etwas über die Hintergründe, die Entstehungsgeschichte der Konzerte? Falls ja: Magst Du etwas berichten?

Schönen Gruß
von Cosima
Rolf Scheiwiller (27.03.2006, 08:59):
Guten Tag Sune.

Ich habe deine Zeilen erst heute morgen gelesen.
Warum solltest Du Dich entschuldigen? - Gibt keinen Grund.
Ist seit je alles i.O.!

Ich werde natürlich dieses Unwort nicht mehr in den Mund nehmen.
Höchstens wenn ich über das Fernsehprogramm lästere!!

Ich wünsch Dir einen schönen Tag.
Freundlichen Gruss.
Rolf.
sune_manninen (27.03.2006, 10:40):
Original von Cosima
Was ich Dich die ganze Zeit schon fragen wollte: Es gibt ja diese tolle Gesamtaufnahme der Prokofjew-Klavierkonzerte mit Alexander Toradze, die 1995-97 entstanden sind:
Weißt Du etwas über die Hintergründe, die Entstehungsgeschichte der Konzerte? Falls ja: Magst Du etwas berichten?


Liebe Cosima!

Aber gerne doch!

1995, also im 3. Jahr des Gergiev-Festivals in Mikkeli, hatte Philips herausgefunden, daß sich das Mikaeli, eine der für Finnland so typischen Konzert- und Kongreßhallen, für Aufnahmezwecke gut eignet und Aufnahmesitzungen angesetzt : einige der Prokofiew-Klavierkonzerte sowie ein Recital mit Galina Gorchakova, damals eine von Gergiev favorisierte Sopranistin, heute "verdammt". Toradze, ein enger Freund Gergievs, war von 1993 mit dabei; so lag die Kombination Toradze/Mariinsky-Orchester/Gergiev nahe.

Ich erinnere mich noch sehr gut an das Eröffnungskonzert 1995, als wäre es gestern gewesen. Auf dem Programm Tschaikowskys Romeo und Julia, Prokofiews 2. Klavierkonzert und Strawinskys Sacre du Printemps. Kurz nach der Ankunft des Mariinsky-Trosses (am Abend vorher spielte man noch in St. Petersburg, und trotz der nur gut 300 km von der Newa-Metropole nach Mikkeli kann es durch die Grenzabfertigungen schon ca. 8 Stunden dauern!) ging es gleich zur Probe ins Mikaeli, d.h. die Musiker mußten erst auf das Ende von Gergievs Pressekonferenz warten. In der Probe ließ Gergiev nur eine wenige Passagen anspielen; also keine "Probe" im westlichen Verständnis.

Das Konzert war dann sensationell; von Erschöpfung nach der langen Anreise keine Spur, und Gergiev wurde wieder einmal seinem Ruf gerecht, sich auf den Punkt konzentrieren zu können und seine Energie auf alle Mitwirkenden zu übertragen. Einerseits ist es schade, daß Philips nicht dieses Konzert mitschnitt, sondern die Aufnahmesitzungen erst Tags darauf begannen. Andererseits hätte man nicht nur den Klang der Musiker mit aufgenommen, sondern auch den von Toradzes Füßen, der mit ihnen nicht nur die Pedale, sondern auch den Fußboden bearbeitete. Seitdem bekommt er immer einen kleinen Teppich vor seinen Klavierhocker gelegt!

"Distinguished above all for the highly emotional intensity of his playing, he has enriched the great Russian pianistic heritage with his own unorthodox interpretative conceptions, deeply poetic lyricism, and intense passionate excitement."

Was ich hier über Toradze zitiert habe, könnte genauso gut auch für Gergiev gelten, und deshalb passen die beiden auch so gut zueinander. Ich habe es immer bedauert, daß nicht Toradze, sondern Lang Lang hier das 2. Rachmaninow-Klavierkonzert spielte (und aufnahm), aber ich freue mich schon jetzt auf sein Rach3, das in diesem Sommer in Mikkeli auf dem Programm steht.

Weil sowohl Gergiev als auch Toradze Augenblicksmusiker sind, die sich nicht gerne auf eine Konzeption festlegen, sondern der Spontaneität leben, bevorzuge ich von beiden übrigens Live-Mitschnitte, und besonders Toradze ist mit den Prokofiew-Klavierkonzerten jedesmal anders, je nachdem, ob nun Gergiev, Noseda, Kocsis, Franck oder Janowski am Pult stehen.

Schöne Grüße nach Göttingen

Sune

P.S. Noch zwei bezeichnende Toradze-Geschichten. Wie Gergiev ist auch er begeisterter Fußball-Spieler und beteiligte sich, nachdem er einige Kilos abgenommen hatte, einige Male an unserem Turnier. Bei einem dieser Spiele zog er sich eine böse Zerrung zu und mußte humpelnd den Platz verlassen. Abends humpelte er dann an Krücken zu seinem Klavierhocker und legte ein fulminantes 3. Prokofiew-Konzert hin.

Dasselbe Konzert spielte er auch wieder einmal in St. Petersburg bei den Weißen Nächten, und im 3. Satz glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen, als ich Toradze unter den Flügel kriechen und an den Pedalen hantieren sah. Er hatte durch seine "Fußarbeit" eines der Pedale zerbrochen! Das ist Toradze!
Cosima (27.03.2006, 12:46):
Hallo Sune,

herzlichen Dank für Deinen interessanten und ausführlichen Beitrag, auf den ich noch intensiver eingehen werde (bin heute aber unter Zeitdruck, kann also ein wenig dauern)!

Vorab möchte ich aber noch schnell eine Meldung vom 22.03.2006 hier zitieren.

Eigentlich ist der Artikel unter Klassik-Akz. mit „Ein Hoch auf Dmitri!“ überschrieben, aber ich änderte ihn in der Betreffzeile auf „Ein Hoch auf Valery!“ ab, weil im Schostakowitsch-Jahr endlich jemand diesen großen Komponisten entsprechend würdigt. Hier der Wortlaut:

„Mozarts Jubiläum hat inzwischen nahezu jeder mitbekommen. Dass Dmitri Shostakovitch im September seinen 100.Geburtstag hätte feiern können, ist jedoch weniger bekannt. Deshalb und natürlich auch wegen des künstlerischen Gehalts der Musik hat Stardirigent Valery Gergiev beschlossen, im Juli in London ein Festival zum runden Jubeljahr des Komponisten zu gestalten.

Als Termin hat er den Zeitraum von 20.-29. Juli 2006 gewählt, Ort der Veranstaltungen ist das Londoner Coliseum. Im Zentrum der Veranstaltungen werden die Leningrader Symphoniker und das Ensemble des Mariinsky Theaters stehen, unter anderem sind Aufführungen der Opern "Die Nase", "Katerina Izmaylova" und "Cheryomushki" und des Balletts "Das Goldene Zeitalter" geplant. Begleitet und ergänzt wird dieses Festival voraussichtlich von mehreren DVD-Veröffentlichungen dieser Werke von August an. Schließlich darf auch der russische Modernist des 20.Jahrhunderts ruhig ein wenig gefeiert werden.“

Das Mikkeli-Festival läuft schon am 02.07 an, da ist ja nicht viel Pause dazwischen. (Aber Du hast ja schon erläutert, dass Mikkeli eher Urlaub ist.)
Schön auch, dass DVDs zum Londoner Festival erscheinen werden.

Gruß, Cosima
Rolf Scheiwiller (27.03.2006, 13:03):
Guten Tag Cosima.
Ich dachte, dass Leningrad und entsprechend die Sinfoniker seit Jahren diesen Namen abgelegt hätten.
Oder werden noch beide Bezeichnungen benutzt?

Freundlichen Gruss.
R.
Cosima (27.03.2006, 13:37):
Hallo Rolf,

da hast Du wahrscheinlich Recht. Ich weiß es nicht genau, der Artikel wurde ja nur von mir zitiert. Heißt das Orchester St. Petersburger Sinfoniker?

LG, Cosima
sune_manninen (27.03.2006, 14:01):
Liebe Cosima!

Lustig! Gerade heute habe ich Nachricht von diesem Schostakowitsch-Festival in London bekommen. Lustig auch, daß ich bei der "Zeugung" dieses "Events" dabei war, als nämlich erst Anfang Januar dieses Jahres Gergievs, seine Assistentin und die Vorsitzende der Londoner Kirov-Friends darüber diskutierten, ob, wenn ja wann, mit welchem Programm, zu welchen Kosten dieses Projekt verwirklicht werden könnte. Und die Leute aus Mikkeli saßen dabei und hatten alles, was hier noch in der Schwebe war, fest und brauchten nur einige Programm- und Besetzungsdetails. So schnell geht das also bei Gergiev!

Mit den Leningrader Sinfonikern ist m.E. das Orchester des Mariinsky-Theaters gemeint, aber bei der Vielfalt der Orchester in St. Petersburg kann man das eine schon mit dem anderen verwechseln.

Zum Zeitplan. Mikkeli endet schon am 7.7., vom 13. bis 19.7. ist das Mariinsky-Theater mit Wagners Ring sowie Tristan in Baden-Baden. Bereits am nächsten Tag beginnt das Londoner Festival. St. Petersburger Alltag!!!

Viele Grüße

Sune
Cosima (27.03.2006, 22:07):
Hallo Sune, hallo allerseits,

bevor ich dann endlich zu Toradze und zu allem anderen komme, was Du angesprochen hast, dies noch, weil der Eindruck gerade so frisch ist:
Ich habe jetzt endlich auch „Der feurige Engel“ geschaut. Die moderne Inszenierung wirkte auf mich nicht deplatziert in dem altehrwürdigen Mariinsky-Theater, sondern gut durchdacht und anschaulich, der Handlung optimal angemessen. Fantastisch die ganze Oper! Überhaupt ein irres Werk von Prokofjew, das sogar mich, die ich sonst kaum Zugang zu Opern finde, richtig begeistert hat!

Wie wird das Werk eigentlich interpretiert? Die weibliche Hauptfigur, Renata, hatte in ihrer Kindheit die Vision eines Engels, verliebt sich in ihn und sucht seitdem dessen menschliche Verkörperung in der Realität, d.h. eigentlich sucht sie nach einem Phantom. Prokofjew hat doch sicherlich nicht ganz banal dieser Frau eine erotische Wahnvorstellung andichten wollen. Das Libretto stammt von Prokofjew selber, aber inspiriert wurde er von einem Roman (?). Weiß jemand, um welches Buch es sich handelt?

Gruß, Cosima
sune_manninen (28.03.2006, 09:09):
Original von Cosima
Das Libretto stammt von Prokofjew selber, aber inspiriert wurde er von einem Roman (?). Weiß jemand, um welches Buch es sich handelt?


Liebe Cosima!

Prokofiew war von Bryossovs Historischem Roman mit dem gleichnamigen Titel inspiriert worden.

Erstmalig hatte ich das Stück im Sommer 1992 bei einer konzertanten Aufführung im Kieler Schloß erlebt. Gergiev hatte und hat noch heute die Angewohnheit, neue Stücke vorzuprobieren und mit ihnen auf Tournee zu gehen, bevor sie in St. Petersburg szenisch herauskommen. So war es auch mit dem "Feurigen Engel", der mich dabei ungeheuer faszinierte. Leider hinterließ eine szenische Produktion wenig später in Bremen nicht denselben Eindruck. Ich hatte mich, ausgelöst durch das Kieler Initialerlebnis, intensiv mit dieser Oper auseinandergesetzt und hatte eine bestimmte Vorstellung davon im Kopf. In der Inszenierung Peter Konwitschnys fand ich nichts, aber auch gar nichts davon wieder; ich hatte das Gefühl, er hatte das Stück auf den Kopf gestellt. Wohl wegen dieses enttäuschenden Eindrucks kann ich mich an Details nicht mehr erinnern.

Den "Feurige Engel" findet man äußerst selten auf der Opernbühne, denn die Renata ist als eine wahre Killerpartie gefürchtet. Wie schwierig sie ist, davon merkt man auf der Mariinsky-DVD und -CD nichts, denn Galina Gorchakova (damals am Anfang einer steil aufwärts und danach ebenso schnell wieder abwärts verlaufenden Karriere) singt sie, als wäre es das Leichteste von der Welt. Dazu ein erlesenenes Ensemble von Sängern, die (wie Diadkova oder Galusin) damals noch am Anfang standen und heute vorwiegend auf den großen Bühnen der westlichen Welt anzutreffen sind.

Und als Sahnehäubchen Gergiev at his best - diese dynamische Musik paßt zu diesem "Ein-Mann-Kraftwerk".

Viele Grüße nach Göttingen

Sune
Cosima (28.03.2006, 16:45):
Original von sune_manninen
Prokofiew war von Bryossovs Historischem Roman mit dem gleichnamigen Titel inspiriert worden.


Lieber Sune,

danke für die Auskunft, aber schreibt der sich vielleicht noch irgendwie anders? Ich finde überhaupt keine Informationen zu dem Namen.

(Für alles andere brauche ich noch Zeit; hier kommt man ja kaum nach mit dem Lesen und Schreiben. :))

Schönen Gruß,
Cosima
Cosima (28.03.2006, 21:30):
Lieber Sune,

so, jetzt habe ich mir endlich Deine Beiträge noch einmal in Ruhe durchlesen können.

Ein paar Worte zu Toradze:

Dieses Eröffnungskonzert hätte ich auch gerne live mitverfolgt. Prokofjews 2. und den Sacre – wow! Toradze ist ein echtes Energiebündel, das hört man sofort in seinen Aufnahmen heraus. Diese beiden Menschen, mit all ihrer sympathischen Offenheit und Emotionalität, harmonieren sehr gut miteinander. Kein Wunder, dass sie gute Freunde wurden.
Auf das Rach3 beim Mikkeli-Festival wäre ich auch sehr neugierig! Schade, dass das nicht übertragen wird. Überhaupt denke ich gerade, dass viele Live-Juwelen gar nicht festgehalten werden. Vielleicht wird sich das in der Zukunft ändern, wenn sich die DVD als Medium auch im Klassikbereich noch mehr etabliert.

Zum Schostakowitsch-Festival:

Da hoffte ich mal, Dich mit dieser Nachricht überraschen zu können. Aber Du bist ja immer sehr gut informiert. Das ist ja ein sehr enger Zeitplan. Ich würde wahnsinnig werden vor Sorge, dass irgendetwas schief gehen könnte. Aber scheinbar beflügelt Gergiev dieser permanente Druck.

Zu „Der feurige Engel“:

Wie Du weißt, bin ich ja alles andere als eine Opernkennerin. Aber diese Oper hat mich restlos begeistert. Du sagtest es ja schon: Gergiev at his best. Und solistisch klingt die Partie der Renata in der Tat eher leicht, so wie die Gorchakova sie darbietet. Inwiefern ist denn ihre Karriere so steil bergab verlaufen?

Ansonsten, lieber Sune, wieder einmal ganz herzlichen Dank für die Einblicke und Eindrücke rund um Gergiev! :down

Lieben Gruß,
Cosima
sune_manninen (29.03.2006, 07:40):
Original von Cosima
Das ist ja ein sehr enger Zeitplan. Ich würde wahnsinnig werden vor Sorge, dass irgendetwas schief gehen könnte. Aber scheinbar beflügelt Gergiev dieser permanente Druck.

Zu „Der feurige Engel“:

Und solistisch klingt die Partie der Renata in der Tat eher leicht, so wie die Gorchakova sie darbietet. Inwiefern ist denn ihre Karriere so steil bergab verlaufen?


Liebe Cosima,

zu Prokofiew :
Die deutsche Transliteration des Autors des "Feurigen Engels" lautet Waleri Brjussow. Vielleicht findest Du ja unter diesem Namen etwas.

zu Gergievs engen Zeitplänen :
Gergiev hat einmal gesagt, daß er es haßt, lange Zeit im voraus zu planen. Es ist für ihn also schon ein riesiges Zugeständnis, wenn das Mikkeli Musik-Festival ihm schon im letzten Sommer abgerungen hat, das Programm für 2006 bekannt zu geben, und die Änderungen, die sich bisher ergaben, stammen nicht vom Mariinsky-Theater! Wer Gergiev kennt, kann sich darauf etwas einbilden!
Er ist durch diese Methode der kurzfristigen Planung aber auch außerordentlich flexibel. Dazu zwei Beispiele : Mikkeli sah sich gezwungen, das letzte Konzert des Festivals abzusagen, das an einem Samstag stattfinden sollte, und an diesem Tag sind die Finnen im Sommer lieber in ihren Mökkis (Sommerhäusern) als in einem Konzert. Was tat Gergiev? Er setzte für denselben Tag ein Konzert in St. Petersburg an.
Zweites Beispiel : Gergiev möchte in Mikkeli immer einen freien Tag haben. Im letzten Jahr benutzte er ihn, um mit 30 Musikern so mal eben nach Kazakhstan zu fliegen, um dort ein Konzert zu geben (seitdem nennt man in Mikkeli Gergievs freien Tag "Kazakhstan-Tag"). In diesem Tag dachte Gergiev sich offenbar, wenn er frei hätte, brauchte sein Orchester nicht auch frei zu haben. Also setzte er kurzfristig zu Hause in St. Petersburg ein von seinem Freund Mariss Jansons dirigiertes Konzert an. Das nenne ich Flexibilität!

Zu Gorchakova :
Hier muß ich mich kurz fassen, sonst ufert es aus. Sie hat(te) m.E. eine Traumstimme, war aber nicht "klug" genug, den Verlockungen westlichen Geldes zu widerstehen. D.h., sie wurde im Westen in Partien eingesetzt, die sie besser nur ab und zu und nicht in Serie gesungen hätte, wie z.B. Tosca. Darunter litt ihre Stimme, und auch ihre Nerven (auch bedingt durch private Probleme) blieben nicht unbeschadet. Trotzdem hielt Gergiev noch lange zu ihr und setzte sie auch bei Gastspielen an der Met ein, obswohl sie so manchen Abend "in den Sand setzte". Als Gergiev nicht mehr dafür sorgte, daß sie zu seinen Aufführungen eingesetzt wurde, gab Galina Gorchakova (in meinen Augen nicht sehr klug) ein Interview, in dem sie Gergiev vorwarf, ihre Karriere zu ruinieren. Sicher hat Gergiev die Möglichkeit zu verhindern, daß sie bei seinen Gastspielen angesetzt wird, aber wäre Gorchakova noch immer so gut, wie sie es früher war, würde kein Opernhaus der Welt sich von Gergiev daran hindern lassen, sie zu verpflichten. Aber leider ist sie heute nur noch ein Schatten von damals. Und wenn sie früher an der Met, an der Scala, in Covent Garden, in Paris sang, muß sie heute froh sein, dies in Dublin oder Tallinn tun zu können. Schade! Wenn man diese Stimme liebt, kommen einem die Tränen.

Einen schönen Tag wünscht

Sune
Cosima (29.03.2006, 16:19):
Original von sune_manninen
Die deutsche Transliteration des Autors des "Feurigen Engels" lautet Waleri Brjussow.

Ja, unter dem Namen finde ich Informationen. Danke Dir, Sune.

Apropos Mariss Jansons: Die Freundschaft kam doch auch über finnische Umwege zustande, wenn ich mich recht erinnere? Trafen sich die beiden nicht erstmalig bei einem finnischen Festival?

Interessant auch Deine Infos zur Gorchakova. Außer im Feurigen Engel habe ich ja noch nie etwas von ihr gehört. Gefiel mir aber, ihre Stimme. Auch ihre Darstellung fand ich überzeugend.

Schöne Grüße nach Finnland,
Cosima
sune_manninen (31.03.2006, 16:54):
Original von Cosima
Apropos Mariss Jansons: Die Freundschaft kam doch auch über finnische Umwege zustande, wenn ich mich recht erinnere? Trafen sich die beiden nicht erstmalig bei einem finnischen Festival?

Interessant auch Deine Infos zur Gorchakova. Außer im Feurigen Engel habe ich ja noch nie etwas von ihr gehört. Gefiel mir aber, ihre Stimme. Auch ihre Darstellung fand ich überzeugend.


Liebe Cosima!

Wenn ich die Geschichte richtig mitbekommen habe, kannten Gergiev und Jansons sich schon aus Leningrad, wo beide studierten.

In der Kombination Gorchakova + Gergiev gibt es noch folgende Aufnahmen :

Rimsky-Korsakow : Kitesh
ders. : Das Mädchen von Pskow
Tschaikowsky : Iolanta
Verdi : La forza del destino
Recital mit Verdi- und Tschaikowsky-Arien

Die Fewronia in Kitesh zähle ich zu ihren besten Rollen, auch wenn die CD sie nicht "at her best" eingefangen hat.

Schöne Grüße

Sune
Rolf Scheiwiller (14.04.2006, 08:20):
Original von Cosima
Lieber Richard,

ich würde sagen, dass die „Leningrader“ mit die stärkste seiner Schostakowitsch-Aufnahmen ist. Hier spielt er all seine Trümpfe aus: Kraft, Dynamik, Emotionalität. Die 9. ist auch noch sehr gut.

Gruß, Cosima

Guten Morgen Cosima.

Ja, diese Einspielung ist etwas besonderes. Das Besondere , dass sie mit zwei Orchestern, dem Rotterdamer und dem Kirov Orchester ( nicht identisch mit den ehemaligen Leningrader Philharmonkern ) gemeinsam live aufgeführt und auf CD gebracht wurde.
Weshalb zwei Orchester, das steht nicht im Booklet. Vermutlich hat es etwas mit der Kriegsvergangenheit zu tun.

Gruss.
Rolf.
Cosima (14.04.2006, 09:47):
Original von Rolf Scheiwiller
Weshalb zwei Orchester, das steht nicht im Booklet. Vermutlich hat es etwas mit der Kriegsvergangenheit zu tun.


Guten Morgen, Rolf!

Eine interessante Frage, die am besten Gergiev selber beantwortet. Ich fand diesen Teil eines Interviews (im Original nachzulesen bei iClassics.com, Übersetzung durch Klassik-Akzente).

IC: Sie blicken auf eine lange und enge Zusammenarbeit mit sowohl dem Kirow Orchester als auch mit den Rotterdam Philharmonikern. Bei Ihrer neuen Aufnahme von Schostakowitsch' Symphonie No. 7 sind beide zu hören. Die Aufnahme entstand unter außergewöhnlichen Umständen.

Gergiev: Als die Tragödie vom 11. September geschah, war ich gerade in Los Angeles und gab Tschaikowskys Pique Dame. Der Schock für die Welt war so groß und wir alle werden nie die tragischen Farben dieser Tage vergessen.

Ich sollte in Rotterdam zur Eröffnung eines neuen Festivals dirigieren. Ich brauchte dreieinhalb Tage von Los Angeles nach Rotterdam - mit dem Auto nach Tijuana, ein Flug nach Mexiko Stadt, von dort ein Flug in die Niederlande - wo ich ja Schostakowitsch' 7. Symphonie geben sollte, gespielt von zwei Orchestern gleichzeitig - den Rotterdam Philharmonikern und dem Mariinsky Orchester - und alle auf derselben Bühne. Wir alle wissen, was für ein gigantisches Werk Schostakowitsch' 7. Symphonie ist: Es spielen vielleicht zehn Hörner und mindestens sechs Posaunen und sechs Trompeten. Das ist eigentlich grenzenlos.

Dieses Werk in dieser Stadt und mit diesen beiden Orchestern aufzuführen, war sehr angemessen. Rotterdam ist während des Zweiten Weltkriegs von den Deutschen stark bombardiert worden und der Sieg von St. Petersburg - oder besser Leningrad, wie es damals hieß - nach 900 Tagen Belagerung, sind Grund dafür, dass diese Symphonie mit dieser Stadt so eng verbunden ist, fast als wäre die Stadt selbst die Heldin.

Ein tragischer Zufall, dass sich der 11. September 60 Jahre nach der Bombardierung dieser beiden Städte im Zweiten Weltkrieg ereignet und wir hier genau dieses Werk mit diesen beiden Orchestern spielen. Natürlich waren Geist und Seele dieses Konzertes sehr, sehr stark von all dem beeinflusst, was wir in diesen Tagen alle gefühlt haben, die Stimmung, die praktisch jeder in der ganzen Welt damals fühlten. Auf jeden Fall hat diese Symphonie, die den Zweiten Weltkrieg dokumentiert, eine spezielle Bedeutung bei unserer Hoffnung, dass trotz dieser sehr beunruhigenden Zeiten ein Dritter Weltkrieg verhindert werden kann.

Diese Live-Aufnahme ist ein Zeitdokument und sehr intensiv mit dem verbunden, was wir in diesen unvergesslichen Tagen erlebt haben.

Gruß, Cosima :)
Rolf Scheiwiller (14.04.2006, 10:54):
@ Cosima.

Vielen Dank für Deine Mühe. Diese Sinfonie war 1989 meine allererste Begegnung mit diesem Komponisten. Dies nur ganz zufällig. Im Fernsehen sah ich eine Sendung. Und als Soundtrack lief der erste , so gewaltige Satz. Aber ich musste bis zum Abspann warten, bis ich wusste, welche Musik das war.
Nun kenne ich längst alle seine vielen Sinfonien Und nat. auch ihre Entstehungsgeschichte mehr oder weniger.
Was ich nicht kenne ist seine Kammermusik. Interessiert mich nicht so stark.

Gruss.
R.
sune_manninen (15.04.2006, 15:35):
Original von Cosima
Es ist doch eigentlich erstaunlich, dass einem Mann wie Gergiev, der doch so stark mit seiner Heimat verwurzelt ist, so sehr auch an Völkerverständigung liegt. Das spricht für seinen weitsichtigen und offenen Charakter; gefällt mir sehr gut dieser Wesenszug.


Hallo Cosima,

vielleicht hängt dieser Wesenzug mit Gergievs Herkunft zusammen. Wenn ich im Thread über russische Opern das Wort russisch mehrfach in Anführungszeichen gesetzt habe, dann deshalb, weil die ehemalige Sowjet-Union eben aus vielen, höchst verschiedenen Staaten und Nationalitäten bestand, wir (mich nicht ausgenommen) aber häufig ehemalige Sowjet-Union mit Rußland gleichsetzen.

Gergiev ist zwar zufällig in Moskau geboren, aber er ist kein Russe, sondern ein Ossete (was für die Osseten ein gewaltiger Unterschied ist). Seit seiner Jugend studierte und arbeitete er jedoch in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg.

Für seine Weltoffenheit spricht, daß er schon frühzeitig das Mariinsky-Theater dem Westen öffnete, mit dem Erfolg, daß sein Haus heute das musikalische Aushängeschild Rußlands ist und diese Position längst nicht mehr gegen das ziemlich führerlos dahindümpelnde Bolschoi-Theater verteidigen muß.

Interessant wird die nächste Zeit, wenn das Mariinsky-Theater vom Sommer an geschlossen wird, einerseits, um es renovieren zu lassen, andererseits, um ein zweites, ein moderneres Haus zu bauen (abgesehen von dem neuen Konzertsaal, den ich im Januar nur im Rohzustand sah und der am 20. Juni mit Schostakowitschs Leningrader Sinfonie eröffnet wird). In dieser Zeit (pikanterweise ist auch das Bolschoi-Theater geschlossen) tourt das ganze Ensemble noch mehr als sonst.

Viele Grüße

Sune
sune_manninen (26.03.2006, 16:14):
das erinnert mich an den Werdegang meines derzeitigen Lieblings-Dirigenten Valery Gergiev. Der begann nämlich auch mit Klavierunterricht, war zu faul und kam ständig zu spät. Außerdem spielte er auch gern Fußball (tut er übrigens heute noch, Sune könnte da einiges berichten).

Liebe Cosima!

Den von Dir im "Vorstellungs-"Thread zugespielten Ball nehme ich gerne an.

Wie vielleicht nicht bekannt, leitet Valery Gergiev in der finnischen Stadt Mikkeli (105 km von Savonlinna entfernt) seit 1993 ein Festival, das in diesem Jahr vorwiegend Kompositionen Dmitri Schostakowitschs gewidmet ist. Was haben Schostakowitsch, Gergiev und das Mikkeli Musik-Festival gemein? Die Antwort ist einfach : Fußball.

Der russische Komponist war ein begeisterter Fußball-Fan. In ein kleines Hefttrug er sorgfältig alle seine Werke mit Opuszahlen ein, daneben die Ergebnisse von Fußballspielen!!! Er war nicht nur Fan, sondern auch Kenner, zudem ausgebildeter Schiedsrichter und auch mit den Stars seiner Zeit "freundschaftlich" verbunden (so weit es ihm möglich war, Freundschaften zu pflegen), die sich nach den Spielen gerne seine Spiel-Analyse anhörten.

Im Gegensatz zu Gergiev ist allerdings nicht bekannt, ob er auch selber Fußball gespielt hat. Dieser war bis von wenigen Jahren ein enthusiastischer Fußball-Spieler (ab 1997 gab es während des Festivals ein Fußball-Turnier zwischen dem Mariinsky-Team, Sponsoren, Journalisten und Festival-Mitarbeitern, an dem er sich begeistert beteiligte), bis er es (bei glatten Rasen spielte er in Straßenschuhen und verletzte sich so, daß er das abendliche Konzert in Badelatschen dirigieren mußte) zu seinem größten Bedauern aufgeben mußte.

Nachdem das Spiel die beiden letzten Jahre aus irgendwelchen Gründen ausgefallen war, drohte Gergiev, das Festival "platzen" zu lassen, falls es dieses Jahr kein Spiel gäbe. Natürlich war sein Wunsch Befehl.

Typisch für ihn eine kleine Begebenheit. Am Abend des Endspiels der vorletzten Europa-Meisterschaft schaute er sich dieses in Rotterdam im Fernsehen an. Frankreich gewann, und er flog mit der nächsten Maschine nach Paris, um die Siegesfeiern mitzuerleben, suchte sich danach für wenige Stunden ein Hotelbett, um danach nach London zu fliegen und den ganzen Tag mit seinem Orchester zu probieren.

Die Verbindung zwischen Schostakowitsch, Gergiev und Mikkeli bildet das Ballett "Das goldene Zeitalter", von dem Gergiev hier eine Suite aufführt. Es handelt von Fußball! Hier eine Inhaltsangabe (in englischer Sprache) :

"The plot of “The Golden Age”, a heavy-handed polemic against capitalism, takes its title from the ballet's setting - a trade fair and exhibition held in an unnamed Western city. A Soviet soccer team has been invited to the exhibition, but their entrance is almost completely ignored by the officials while a group of Fascists is received with great pomp. A boxing match between a white man and a Negro is rigged by the Fascists so that the black man is cheated of his victory. The workers are enraged at the decision, and a woman from a local Communist youth group rushes from the crowd and slaps the referee on the face. The Soviet soccer team visits a cabaret, where the captain resists seduction by a Fascist dancer and refuses to join in a Fascist toast; the Soviets escape during the ensuing turmoil. The captain, the Negro boxer and the woman from the Communist youth group innocently take in the city's sights, but a Fascist police detective plants counterfeit money in the captain's pocket and then arrests him. The workers hold an athletic festival of varied sports activities at the stadium, and cheer the Soviet soccer team when it enters. The ballet's last act is a program of entertainment presented in the music hall of the exhibition. Fascist dancers perform a mocking “Dance of Reconciliation of All Classes,” but they are upstaged by the Communist youth group in a closing dance depicting the solidarity of the workers of the world with the emissaries of the Soviet Union."

Herzlichst

Sune
Jeremias (26.03.2006, 17:37):
Ich hatte das große Vergnügen, Gergiev im Sep. 04 einmal in köln live zu hören. Es war das Gedenkkonzert für den verstorbenen Intendanten mit den Wiener Philharmonikern. Er dirigierte u.a. die pathetique von Tschaikowsky. Man hat gemerkt, dass dies seine Musik ist. Er hat den Musikern alles abverlangt und - dem Anlass entsprechend - war natürlich auch die Wirkung. EIn unvergessliches Erlebnis!
Cosima (26.03.2006, 17:42):
Hallo Sune,

ich musste sehr schmunzeln über Deinen Bericht. Gergiev ist doch immer für eine Überraschung gut: Mal dirigiert er mit einem Zahnstocher oder tritt in Badelatschen ans Pult, dann wieder kehrt er den „Diktator“ heraus, wenn es um Fußball geht.

Steht eigentlich schon das Programm für das diesjährige Mikkeli-Festival fest? Vielleicht plant der eine oder andere ja seinen Urlaub in Finnland und stattet Euch einen Besuch ab. :wink

Schöne Grüße,
Cosima
sune_manninen (26.03.2006, 18:08):
Original von Rolf Scheiwiller
Schuster bleib.....

Lieber Rolf!

Zunächst einmal möchte ich wegen meiner "Jungspund"-Bemerkung um Pardon bitten; mir als "Grünschnabel" war damals noch nicht klar, daß uns diese Bezeichnungen zugeteilt worden waren.

Nun zu dem "Schuster, bleib...", wobei Du mit "Leisten" wohl das russische Repertoire meinst. Das hieße m.E. jedoch, Gergievs Leistung zu sehr zu beschränken. Um auf seine Salzburger "Turandot" einzugehen, müßte ich mir diese DVD erst einmal wieder zu Gemüte führen, aber als Puccini-Dirigenten habe ich Gergiev erst im Januar erlebt (seine erste "La Bohème"!) und höre gerade einen Rundfunk-Mitschnitt von "Manon Lescaut" aus dem Jahre 1985 (!). Beides habe ich weder als "grotenschlecht" noch als unidiomatisch empfunden.

Dasselbe würde ich auf von "Carmen", "Benvenuto Cellini", "Samson et Dalila", "Otello", "Aida", "Un ballo in maschera", "Salome" (alles live gehört) behaupten, von den diversen anderen Mitschnitten, z.B. im Wagner-Repertoire, ganz zu schweigen.

Das bedeutet nun nicht, daß ich Gergiev als Alles-Könner bezeichnen würde. Ich habe z.B. große Probleme mit seinem Mozart (bei Sinfonien), Bruckner und noch mehr bei seinen Sibelius-Interpretationen, die ich zwar nicht als "grottenschlecht", sondern als mir fremd empfinde. Aber z.B. seinen Brahms, Mahler und z.T. Beethoven finde ich nachvollziehbar und sehr interessant, und auf seinen Berlioz oder Debussy möchte ich nicht verzichten.

All dies also Werke aus dem nicht-russischen Repertoire!

Freundliche Grüße

Sune
sune_manninen (26.03.2006, 18:14):
Original von Cosima
Steht eigentlich schon das Programm für das diesjährige Mikkeli-Festival fest? Vielleicht plant der eine oder andere ja seinen Urlaub in Finnland und stattet Euch einen Besuch ab. :wink


Liebe Cosima!

Danke für die Mikkeli-Reklame. Unter mikkelimusic.net ist das Programm im Internet zu finden. Bitte nicht verzweifeln, wenn auf den ersten Blick alles in finnischer Sprache zu sein scheint. Wenn man auf "ohjelma" (= Programm) klickt, erscheint das Programm.

Natürlich ist Mikkeli für Gergiev-Fans ein Muß (es melden sich immer mehr Gruppen aus dem Ausland); interessant ist es jedoch auch wegen seiner Nähe zum nur 1 1/4 Autostunden entfernten Savonlinna mit seinem Opernfestival.

Also : Tervetuloa Mikkelin = welcome to Mikkeli!

Sune
sune_manninen (26.03.2006, 20:44):
Original von Cosima
Gergiev ist doch immer für eine Überraschung gut: Mal dirigiert er mit einem Zahnstocher oder tritt in Badelatschen ans Pult, dann wieder kehrt er den „Diktator“ heraus, wenn es um Fußball geht.


Hallo Cosima!

Ich denke, die "Drohung" Gergievs, das Mikkeli Musik-Festival platzen zu lassen, falls es nicht zum Fußball-Spiel Mariinsky gegen Mikkeli kommt, war scherzhaft gemeint, jedoch mit einem ernsten Hintergrund. Abgesehen davon, daß seine "Truppe" genauso fußballbegeistert ist wie der "Chef", spricht dies auch für die gute Verbindung zwischen ihm und seinem Orchester. Man stelle sich einmal vor, daß in Mikkeli normalerweise ab 16 Uhr geprobt wird und diese Probe erst dann beendet wird, wenn das Konzert (um 19 Uhr) beginnen soll. Üblicherweise beginnt es dann mit ca. 20minütiger Verspätung. Wenn aber CD-Aufnahmen anstehen (z.B. die Rachmaninov-CD mit Lang Lang), beginnt die Arbeit schon vormittags und wird manchmal nachts, also nach dem Konzert, fortgesetzt. Und dies alles nach dem St. Petersburger Festival Stars der Weißen Nächte!!!

Dazu paßt auch die Frage eines Musikers, ob wir wüßten, was ein "freier Tag" normalerweise für sie bedeute. Vormittags wird geprobt, abends ist die Vorstellung - der Tag ist "frei". Klar also, daß Gergiev bestrebt ist, "im Urlaub" (also in Mikkeli) etwas für die gute Laune seiner Leute zu tun.

Zum Abschluß ein Ausschnitt aus einem Artikel des diesjährigen Programmbuchs, passend zum Thema :

Everything began with Seppo Heikinheimo, this great Finnish musicologist and journalist with all his love for and knowledge of Russian arts. He had invited Valery Gergiev after his first guest concert in Helsinki (1992) to his summer home in Hirvensalmi and mentioned the only shortly before that time built Mikaeli, Mikkeli’s concert hall. Gergiev became enthusiastic about the idea of creating a festival in Russia’s neighbour country, not far from St. Petersburg. The Mikkeli Music Festival exists, now in its 15th year, the 14th time under the artistic directorship of Valery Gergiev.
What is the reason for this long-lasting relation between St. Petersburg and Mikkeli? This energetic conductor is known as a workaholic, working on an extremely tight schedule which includes a great deal of travelling. But he also knows how to relax, preferably in the sauna or the Finnish lakes and forests. "I love Finland. I keep it as, if you like, a tradition with my family that we spend one week or 10 days there, maybe twice a year. I love Finnish saunas, I love Finnish lakes, and I love Finnish forests. It's a quiet, quiet country." To “normal” people like us visitors it seems to be hardly understandable, but after their own Festival Stars of the White Nights at home, working at the Mikkeli Music Festival seems to be holidays to the musicians. Like them Gergiev as well enjoys having sauna (especially the Black Sauna at Puustelin Paikka), swimming in the lake, having a delicious meal after the concerts, talking to friends – and having his family around him. Together with the traditional football match this makes Mikkeli unique, even for these musicians, who travel much time of the year all-over the world.


Sune
Cosima (26.03.2006, 22:35):
Lieber Sune,

schöner Bericht wieder von Dir! Merci! Da möchte man sofort auch nach Finnland übersiedeln.

Was ich Dich die ganze Zeit schon fragen wollte: Es gibt ja diese tolle Gesamtaufnahme der Prokofjew-Klavierkonzerte mit Alexander Toradze, die 1995-97 entstanden sind:

http://www.wom.de/image/middle/front/0/8303310.jpg

Von Toradze im 2. Klavierkonzert war ich gleich richtig begeistert, der Rest ist auch wirklich gut. Das Kirov Orchester leistet eine fulminante Orchesterbegleitung, bei der man spürt, dass die beiden nicht nur ein eingespieltes Team, sondern auch gute Freunde sind; da scheint blindes Verstehen zu herrschen. Weißt Du etwas über die Hintergründe, die Entstehungsgeschichte der Konzerte? Falls ja: Magst Du etwas berichten?

Schönen Gruß
von Cosima
Rolf Scheiwiller (27.03.2006, 08:59):
Guten Tag Sune.

Ich habe deine Zeilen erst heute morgen gelesen.
Warum solltest Du Dich entschuldigen? - Gibt keinen Grund.
Ist seit je alles i.O.!

Ich werde natürlich dieses Unwort nicht mehr in den Mund nehmen.
Höchstens wenn ich über das Fernsehprogramm lästere!!

Ich wünsch Dir einen schönen Tag.
Freundlichen Gruss.
Rolf.
sune_manninen (27.03.2006, 10:40):
Original von Cosima
Was ich Dich die ganze Zeit schon fragen wollte: Es gibt ja diese tolle Gesamtaufnahme der Prokofjew-Klavierkonzerte mit Alexander Toradze, die 1995-97 entstanden sind:
Weißt Du etwas über die Hintergründe, die Entstehungsgeschichte der Konzerte? Falls ja: Magst Du etwas berichten?


Liebe Cosima!

Aber gerne doch!

1995, also im 3. Jahr des Gergiev-Festivals in Mikkeli, hatte Philips herausgefunden, daß sich das Mikaeli, eine der für Finnland so typischen Konzert- und Kongreßhallen, für Aufnahmezwecke gut eignet und Aufnahmesitzungen angesetzt : einige der Prokofiew-Klavierkonzerte sowie ein Recital mit Galina Gorchakova, damals eine von Gergiev favorisierte Sopranistin, heute "verdammt". Toradze, ein enger Freund Gergievs, war von 1993 mit dabei; so lag die Kombination Toradze/Mariinsky-Orchester/Gergiev nahe.

Ich erinnere mich noch sehr gut an das Eröffnungskonzert 1995, als wäre es gestern gewesen. Auf dem Programm Tschaikowskys Romeo und Julia, Prokofiews 2. Klavierkonzert und Strawinskys Sacre du Printemps. Kurz nach der Ankunft des Mariinsky-Trosses (am Abend vorher spielte man noch in St. Petersburg, und trotz der nur gut 300 km von der Newa-Metropole nach Mikkeli kann es durch die Grenzabfertigungen schon ca. 8 Stunden dauern!) ging es gleich zur Probe ins Mikaeli, d.h. die Musiker mußten erst auf das Ende von Gergievs Pressekonferenz warten. In der Probe ließ Gergiev nur eine wenige Passagen anspielen; also keine "Probe" im westlichen Verständnis.

Das Konzert war dann sensationell; von Erschöpfung nach der langen Anreise keine Spur, und Gergiev wurde wieder einmal seinem Ruf gerecht, sich auf den Punkt konzentrieren zu können und seine Energie auf alle Mitwirkenden zu übertragen. Einerseits ist es schade, daß Philips nicht dieses Konzert mitschnitt, sondern die Aufnahmesitzungen erst Tags darauf begannen. Andererseits hätte man nicht nur den Klang der Musiker mit aufgenommen, sondern auch den von Toradzes Füßen, der mit ihnen nicht nur die Pedale, sondern auch den Fußboden bearbeitete. Seitdem bekommt er immer einen kleinen Teppich vor seinen Klavierhocker gelegt!

"Distinguished above all for the highly emotional intensity of his playing, he has enriched the great Russian pianistic heritage with his own unorthodox interpretative conceptions, deeply poetic lyricism, and intense passionate excitement."

Was ich hier über Toradze zitiert habe, könnte genauso gut auch für Gergiev gelten, und deshalb passen die beiden auch so gut zueinander. Ich habe es immer bedauert, daß nicht Toradze, sondern Lang Lang hier das 2. Rachmaninow-Klavierkonzert spielte (und aufnahm), aber ich freue mich schon jetzt auf sein Rach3, das in diesem Sommer in Mikkeli auf dem Programm steht.

Weil sowohl Gergiev als auch Toradze Augenblicksmusiker sind, die sich nicht gerne auf eine Konzeption festlegen, sondern der Spontaneität leben, bevorzuge ich von beiden übrigens Live-Mitschnitte, und besonders Toradze ist mit den Prokofiew-Klavierkonzerten jedesmal anders, je nachdem, ob nun Gergiev, Noseda, Kocsis, Franck oder Janowski am Pult stehen.

Schöne Grüße nach Göttingen

Sune

P.S. Noch zwei bezeichnende Toradze-Geschichten. Wie Gergiev ist auch er begeisterter Fußball-Spieler und beteiligte sich, nachdem er einige Kilos abgenommen hatte, einige Male an unserem Turnier. Bei einem dieser Spiele zog er sich eine böse Zerrung zu und mußte humpelnd den Platz verlassen. Abends humpelte er dann an Krücken zu seinem Klavierhocker und legte ein fulminantes 3. Prokofiew-Konzert hin.

Dasselbe Konzert spielte er auch wieder einmal in St. Petersburg bei den Weißen Nächten, und im 3. Satz glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen, als ich Toradze unter den Flügel kriechen und an den Pedalen hantieren sah. Er hatte durch seine "Fußarbeit" eines der Pedale zerbrochen! Das ist Toradze!
Cosima (27.03.2006, 12:46):
Hallo Sune,

herzlichen Dank für Deinen interessanten und ausführlichen Beitrag, auf den ich noch intensiver eingehen werde (bin heute aber unter Zeitdruck, kann also ein wenig dauern)!

Vorab möchte ich aber noch schnell eine Meldung vom 22.03.2006 hier zitieren.

Eigentlich ist der Artikel unter Klassik-Akz. mit „Ein Hoch auf Dmitri!“ überschrieben, aber ich änderte ihn in der Betreffzeile auf „Ein Hoch auf Valery!“ ab, weil im Schostakowitsch-Jahr endlich jemand diesen großen Komponisten entsprechend würdigt. Hier der Wortlaut:

„Mozarts Jubiläum hat inzwischen nahezu jeder mitbekommen. Dass Dmitri Shostakovitch im September seinen 100.Geburtstag hätte feiern können, ist jedoch weniger bekannt. Deshalb und natürlich auch wegen des künstlerischen Gehalts der Musik hat Stardirigent Valery Gergiev beschlossen, im Juli in London ein Festival zum runden Jubeljahr des Komponisten zu gestalten.

Als Termin hat er den Zeitraum von 20.-29. Juli 2006 gewählt, Ort der Veranstaltungen ist das Londoner Coliseum. Im Zentrum der Veranstaltungen werden die Leningrader Symphoniker und das Ensemble des Mariinsky Theaters stehen, unter anderem sind Aufführungen der Opern "Die Nase", "Katerina Izmaylova" und "Cheryomushki" und des Balletts "Das Goldene Zeitalter" geplant. Begleitet und ergänzt wird dieses Festival voraussichtlich von mehreren DVD-Veröffentlichungen dieser Werke von August an. Schließlich darf auch der russische Modernist des 20.Jahrhunderts ruhig ein wenig gefeiert werden.“

Das Mikkeli-Festival läuft schon am 02.07 an, da ist ja nicht viel Pause dazwischen. (Aber Du hast ja schon erläutert, dass Mikkeli eher Urlaub ist.)
Schön auch, dass DVDs zum Londoner Festival erscheinen werden.

Gruß, Cosima
Rolf Scheiwiller (27.03.2006, 13:03):
Guten Tag Cosima.
Ich dachte, dass Leningrad und entsprechend die Sinfoniker seit Jahren diesen Namen abgelegt hätten.
Oder werden noch beide Bezeichnungen benutzt?

Freundlichen Gruss.
R.
Cosima (27.03.2006, 13:37):
Hallo Rolf,

da hast Du wahrscheinlich Recht. Ich weiß es nicht genau, der Artikel wurde ja nur von mir zitiert. Heißt das Orchester St. Petersburger Sinfoniker?

LG, Cosima
sune_manninen (27.03.2006, 14:01):
Liebe Cosima!

Lustig! Gerade heute habe ich Nachricht von diesem Schostakowitsch-Festival in London bekommen. Lustig auch, daß ich bei der "Zeugung" dieses "Events" dabei war, als nämlich erst Anfang Januar dieses Jahres Gergievs, seine Assistentin und die Vorsitzende der Londoner Kirov-Friends darüber diskutierten, ob, wenn ja wann, mit welchem Programm, zu welchen Kosten dieses Projekt verwirklicht werden könnte. Und die Leute aus Mikkeli saßen dabei und hatten alles, was hier noch in der Schwebe war, fest und brauchten nur einige Programm- und Besetzungsdetails. So schnell geht das also bei Gergiev!

Mit den Leningrader Sinfonikern ist m.E. das Orchester des Mariinsky-Theaters gemeint, aber bei der Vielfalt der Orchester in St. Petersburg kann man das eine schon mit dem anderen verwechseln.

Zum Zeitplan. Mikkeli endet schon am 7.7., vom 13. bis 19.7. ist das Mariinsky-Theater mit Wagners Ring sowie Tristan in Baden-Baden. Bereits am nächsten Tag beginnt das Londoner Festival. St. Petersburger Alltag!!!

Viele Grüße

Sune
Cosima (27.03.2006, 22:07):
Hallo Sune, hallo allerseits,

bevor ich dann endlich zu Toradze und zu allem anderen komme, was Du angesprochen hast, dies noch, weil der Eindruck gerade so frisch ist:
Ich habe jetzt endlich auch „Der feurige Engel“ geschaut. Die moderne Inszenierung wirkte auf mich nicht deplatziert in dem altehrwürdigen Mariinsky-Theater, sondern gut durchdacht und anschaulich, der Handlung optimal angemessen. Fantastisch die ganze Oper! Überhaupt ein irres Werk von Prokofjew, das sogar mich, die ich sonst kaum Zugang zu Opern finde, richtig begeistert hat!

Wie wird das Werk eigentlich interpretiert? Die weibliche Hauptfigur, Renata, hatte in ihrer Kindheit die Vision eines Engels, verliebt sich in ihn und sucht seitdem dessen menschliche Verkörperung in der Realität, d.h. eigentlich sucht sie nach einem Phantom. Prokofjew hat doch sicherlich nicht ganz banal dieser Frau eine erotische Wahnvorstellung andichten wollen. Das Libretto stammt von Prokofjew selber, aber inspiriert wurde er von einem Roman (?). Weiß jemand, um welches Buch es sich handelt?

Gruß, Cosima
sune_manninen (28.03.2006, 09:09):
Original von Cosima
Das Libretto stammt von Prokofjew selber, aber inspiriert wurde er von einem Roman (?). Weiß jemand, um welches Buch es sich handelt?


Liebe Cosima!

Prokofiew war von Bryossovs Historischem Roman mit dem gleichnamigen Titel inspiriert worden.

Erstmalig hatte ich das Stück im Sommer 1992 bei einer konzertanten Aufführung im Kieler Schloß erlebt. Gergiev hatte und hat noch heute die Angewohnheit, neue Stücke vorzuprobieren und mit ihnen auf Tournee zu gehen, bevor sie in St. Petersburg szenisch herauskommen. So war es auch mit dem "Feurigen Engel", der mich dabei ungeheuer faszinierte. Leider hinterließ eine szenische Produktion wenig später in Bremen nicht denselben Eindruck. Ich hatte mich, ausgelöst durch das Kieler Initialerlebnis, intensiv mit dieser Oper auseinandergesetzt und hatte eine bestimmte Vorstellung davon im Kopf. In der Inszenierung Peter Konwitschnys fand ich nichts, aber auch gar nichts davon wieder; ich hatte das Gefühl, er hatte das Stück auf den Kopf gestellt. Wohl wegen dieses enttäuschenden Eindrucks kann ich mich an Details nicht mehr erinnern.

Den "Feurige Engel" findet man äußerst selten auf der Opernbühne, denn die Renata ist als eine wahre Killerpartie gefürchtet. Wie schwierig sie ist, davon merkt man auf der Mariinsky-DVD und -CD nichts, denn Galina Gorchakova (damals am Anfang einer steil aufwärts und danach ebenso schnell wieder abwärts verlaufenden Karriere) singt sie, als wäre es das Leichteste von der Welt. Dazu ein erlesenenes Ensemble von Sängern, die (wie Diadkova oder Galusin) damals noch am Anfang standen und heute vorwiegend auf den großen Bühnen der westlichen Welt anzutreffen sind.

Und als Sahnehäubchen Gergiev at his best - diese dynamische Musik paßt zu diesem "Ein-Mann-Kraftwerk".

Viele Grüße nach Göttingen

Sune
Cosima (28.03.2006, 16:45):
Original von sune_manninen
Prokofiew war von Bryossovs Historischem Roman mit dem gleichnamigen Titel inspiriert worden.


Lieber Sune,

danke für die Auskunft, aber schreibt der sich vielleicht noch irgendwie anders? Ich finde überhaupt keine Informationen zu dem Namen.

(Für alles andere brauche ich noch Zeit; hier kommt man ja kaum nach mit dem Lesen und Schreiben. :))

Schönen Gruß,
Cosima
Cosima (28.03.2006, 21:30):
Lieber Sune,

so, jetzt habe ich mir endlich Deine Beiträge noch einmal in Ruhe durchlesen können.

Ein paar Worte zu Toradze:

Dieses Eröffnungskonzert hätte ich auch gerne live mitverfolgt. Prokofjews 2. und den Sacre – wow! Toradze ist ein echtes Energiebündel, das hört man sofort in seinen Aufnahmen heraus. Diese beiden Menschen, mit all ihrer sympathischen Offenheit und Emotionalität, harmonieren sehr gut miteinander. Kein Wunder, dass sie gute Freunde wurden.
Auf das Rach3 beim Mikkeli-Festival wäre ich auch sehr neugierig! Schade, dass das nicht übertragen wird. Überhaupt denke ich gerade, dass viele Live-Juwelen gar nicht festgehalten werden. Vielleicht wird sich das in der Zukunft ändern, wenn sich die DVD als Medium auch im Klassikbereich noch mehr etabliert.

Zum Schostakowitsch-Festival:

Da hoffte ich mal, Dich mit dieser Nachricht überraschen zu können. Aber Du bist ja immer sehr gut informiert. Das ist ja ein sehr enger Zeitplan. Ich würde wahnsinnig werden vor Sorge, dass irgendetwas schief gehen könnte. Aber scheinbar beflügelt Gergiev dieser permanente Druck.

Zu „Der feurige Engel“:

Wie Du weißt, bin ich ja alles andere als eine Opernkennerin. Aber diese Oper hat mich restlos begeistert. Du sagtest es ja schon: Gergiev at his best. Und solistisch klingt die Partie der Renata in der Tat eher leicht, so wie die Gorchakova sie darbietet. Inwiefern ist denn ihre Karriere so steil bergab verlaufen?

Ansonsten, lieber Sune, wieder einmal ganz herzlichen Dank für die Einblicke und Eindrücke rund um Gergiev! :down

Lieben Gruß,
Cosima
sune_manninen (29.03.2006, 07:40):
Original von Cosima
Das ist ja ein sehr enger Zeitplan. Ich würde wahnsinnig werden vor Sorge, dass irgendetwas schief gehen könnte. Aber scheinbar beflügelt Gergiev dieser permanente Druck.

Zu „Der feurige Engel“:

Und solistisch klingt die Partie der Renata in der Tat eher leicht, so wie die Gorchakova sie darbietet. Inwiefern ist denn ihre Karriere so steil bergab verlaufen?


Liebe Cosima,

zu Prokofiew :
Die deutsche Transliteration des Autors des "Feurigen Engels" lautet Waleri Brjussow. Vielleicht findest Du ja unter diesem Namen etwas.

zu Gergievs engen Zeitplänen :
Gergiev hat einmal gesagt, daß er es haßt, lange Zeit im voraus zu planen. Es ist für ihn also schon ein riesiges Zugeständnis, wenn das Mikkeli Musik-Festival ihm schon im letzten Sommer abgerungen hat, das Programm für 2006 bekannt zu geben, und die Änderungen, die sich bisher ergaben, stammen nicht vom Mariinsky-Theater! Wer Gergiev kennt, kann sich darauf etwas einbilden!
Er ist durch diese Methode der kurzfristigen Planung aber auch außerordentlich flexibel. Dazu zwei Beispiele : Mikkeli sah sich gezwungen, das letzte Konzert des Festivals abzusagen, das an einem Samstag stattfinden sollte, und an diesem Tag sind die Finnen im Sommer lieber in ihren Mökkis (Sommerhäusern) als in einem Konzert. Was tat Gergiev? Er setzte für denselben Tag ein Konzert in St. Petersburg an.
Zweites Beispiel : Gergiev möchte in Mikkeli immer einen freien Tag haben. Im letzten Jahr benutzte er ihn, um mit 30 Musikern so mal eben nach Kazakhstan zu fliegen, um dort ein Konzert zu geben (seitdem nennt man in Mikkeli Gergievs freien Tag "Kazakhstan-Tag"). In diesem Tag dachte Gergiev sich offenbar, wenn er frei hätte, brauchte sein Orchester nicht auch frei zu haben. Also setzte er kurzfristig zu Hause in St. Petersburg ein von seinem Freund Mariss Jansons dirigiertes Konzert an. Das nenne ich Flexibilität!

Zu Gorchakova :
Hier muß ich mich kurz fassen, sonst ufert es aus. Sie hat(te) m.E. eine Traumstimme, war aber nicht "klug" genug, den Verlockungen westlichen Geldes zu widerstehen. D.h., sie wurde im Westen in Partien eingesetzt, die sie besser nur ab und zu und nicht in Serie gesungen hätte, wie z.B. Tosca. Darunter litt ihre Stimme, und auch ihre Nerven (auch bedingt durch private Probleme) blieben nicht unbeschadet. Trotzdem hielt Gergiev noch lange zu ihr und setzte sie auch bei Gastspielen an der Met ein, obswohl sie so manchen Abend "in den Sand setzte". Als Gergiev nicht mehr dafür sorgte, daß sie zu seinen Aufführungen eingesetzt wurde, gab Galina Gorchakova (in meinen Augen nicht sehr klug) ein Interview, in dem sie Gergiev vorwarf, ihre Karriere zu ruinieren. Sicher hat Gergiev die Möglichkeit zu verhindern, daß sie bei seinen Gastspielen angesetzt wird, aber wäre Gorchakova noch immer so gut, wie sie es früher war, würde kein Opernhaus der Welt sich von Gergiev daran hindern lassen, sie zu verpflichten. Aber leider ist sie heute nur noch ein Schatten von damals. Und wenn sie früher an der Met, an der Scala, in Covent Garden, in Paris sang, muß sie heute froh sein, dies in Dublin oder Tallinn tun zu können. Schade! Wenn man diese Stimme liebt, kommen einem die Tränen.

Einen schönen Tag wünscht

Sune
Cosima (29.03.2006, 16:19):
Original von sune_manninen
Die deutsche Transliteration des Autors des "Feurigen Engels" lautet Waleri Brjussow.

Ja, unter dem Namen finde ich Informationen. Danke Dir, Sune.

Apropos Mariss Jansons: Die Freundschaft kam doch auch über finnische Umwege zustande, wenn ich mich recht erinnere? Trafen sich die beiden nicht erstmalig bei einem finnischen Festival?

Interessant auch Deine Infos zur Gorchakova. Außer im Feurigen Engel habe ich ja noch nie etwas von ihr gehört. Gefiel mir aber, ihre Stimme. Auch ihre Darstellung fand ich überzeugend.

Schöne Grüße nach Finnland,
Cosima
sune_manninen (31.03.2006, 16:54):
Original von Cosima
Apropos Mariss Jansons: Die Freundschaft kam doch auch über finnische Umwege zustande, wenn ich mich recht erinnere? Trafen sich die beiden nicht erstmalig bei einem finnischen Festival?

Interessant auch Deine Infos zur Gorchakova. Außer im Feurigen Engel habe ich ja noch nie etwas von ihr gehört. Gefiel mir aber, ihre Stimme. Auch ihre Darstellung fand ich überzeugend.


Liebe Cosima!

Wenn ich die Geschichte richtig mitbekommen habe, kannten Gergiev und Jansons sich schon aus Leningrad, wo beide studierten.

In der Kombination Gorchakova + Gergiev gibt es noch folgende Aufnahmen :

Rimsky-Korsakow : Kitesh
ders. : Das Mädchen von Pskow
Tschaikowsky : Iolanta
Verdi : La forza del destino
Recital mit Verdi- und Tschaikowsky-Arien

Die Fewronia in Kitesh zähle ich zu ihren besten Rollen, auch wenn die CD sie nicht "at her best" eingefangen hat.

Schöne Grüße

Sune
Rachmaninov (13.04.2006, 22:14):
@Cosima,

Gergiev's Aufnahme der 7. Sinfonie von D. Schostakovitch sätze ich sehr.
Denkes ist eine dieser Aufnahmen, die Du meinst mit "machmal passt es einfach alles".

Einfach klasse wie es Gergiev gelingt die Stimmung des Werkes umzusetzen in eine großes Darbietung des Werkes. :down
Cosima (13.04.2006, 22:53):
Lieber Richard,

ich würde sagen, dass die „Leningrader“ mit die stärkste seiner Schostakowitsch-Aufnahmen ist. Hier spielt er all seine Trümpfe aus: Kraft, Dynamik, Emotionalität. Die 9. ist auch noch sehr gut.

Gruß, Cosima
sune_manninen (15.04.2006, 02:33):
Original von Rolf Scheiwiller
Weshalb zwei Orchester, das steht nicht im Booklet. Vermutlich hat es etwas mit der Kriegsvergangenheit zu tun.


Hallo Gergiev-Fans!

Wenn man sich etwas mehr mit Gergiev beschäftigt, bekommt man mit, daß es gar nicht so selten ist, daß er ein Orchester dirigiert, das aus Musikern verschiedener Orchester verschiedener Länder zusammengesetzt ist.
Vor kurzem bekam ich eine seiner ersten Aufnahmen im Westen auf CD : ein Konzert aus dem Jahren 1989 mit der Deutsch-Sowjetischen Jugendphilharmonie, die von Justus Frantz ins Leben gerufen worden war und deren Chefdirigent er war. Ich denke auch an das von Solti gegründete World Orchestra of Peace, oder daran, daß Gergiev bei seinem Moskauer Oster-Festival ein Jugendorchester geleitet hatte, in dem junge Musiker aus allen am 2. Weltkrieg beteiligten Ländern saßen. Musik als völkerverbindendes Element scheint also eines der Anliegen Gergievs zu sein.

Aber davon abgesehen, hat dies teilweise auch ganz pragmatische Gründe : Er versucht auch bei Dirigaten fremder Orchester so oft wie möglich sein eigenes mit einzubinden. So erinnere ich mich an gemeinsamen Konzerte mit dem Sinfonieorchester des Norddeutschen Rundfunks (auch mit der Leningrader), mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra (Tschaikowsky und Wagner) und mit der Sinfonia Cracovia.

Da Gergiev ja, wie ich schon oftmals ausgeführt habe, nur äußerst kurze Probenphasen hat, ist es für ihn kein Problem, solche Ad-hoc-Orchester in kürzester Zeit zusammenzuschweißen.

Frohe Ostern!

Sune
Cosima (15.04.2006, 10:05):
Hallo Sune,

schön, mal wieder etwas von Dir zu lesen. Es ist doch eigentlich erstaunlich, dass einem Mann wie Gergiev, der doch so stark mit seiner Heimat verwurzelt ist, so sehr auch an Völkerverständigung liegt. Das spricht für seinen weitsichtigen und offenen Charakter; gefällt mir sehr gut dieser Wesenszug.

Von den Prokofjew-Aufnahmen ist immer noch kein Veröffentlichungstermin in D bekannt… :I

Viele Grüße, Cosima
Cosima (27.07.2008, 09:59):
Seit Anfang 2007 ist Valery Gergiev neuer Chefdirigent des London Symphony Orchestra und löste damit den inzwischen zum Orchesterpräsidenten ernannten Sir Colin Davis ab. In der letzten Zeit hat Gergiev vor allem mit Mahler-Aufnahmen, die – soweit ich es überblicke – durchweg recht positive Kritiken erhielten, wieder auf sich aufmerksam gemacht. Erschienen sind bislang Mahler 1, 6 und 7:

http://www.mdt.co.uk/public/pictures/products/standard/LSO0663.jpg. http://www.mdt.co.uk/public/pictures/products/standard/LSO0661.jpg.http://www.mdt.co.uk/public/pictures/products/standard/LSO0665.jpg


Hat jemand von Euch die Aufnahmen gehört? Wie sind Eure Eindrücke?

Gruß, Cosima
uhlmann (28.07.2008, 16:24):
Original von Cosima
Seit Anfang 2007 ist Valery Gergiev neuer Chefdirigent des London Symphony Orchestra und löste damit den inzwischen zum Orchesterpräsidenten ernannten Sir Colin Davis ab. In der letzten Zeit hat Gergiev vor allem mit Mahler-Aufnahmen, die – soweit ich es überblicke – durchweg recht positive Kritiken erhielten, wieder auf sich aufmerksam gemacht. Erschienen sind bislang Mahler 1, 6 und 7:

http://www.mdt.co.uk/public/pictures/products/standard/LSO0663.jpg. http://www.mdt.co.uk/public/pictures/products/standard/LSO0661.jpg.http://www.mdt.co.uk/public/pictures/products/standard/LSO0665.jpg


Hat jemand von Euch die Aufnahmen gehört? Wie sind Eure Eindrücke?

Gruß, Cosima

ich kenne zwar die lso-aufnahmen nicht, habe aber einen live-mittschnitt der siebten aus rotterdam (aus 2007). der ist im gesamten mittelprächtig. gergiev ist hier erstaunlich zahm, was im ersten satz und im finale recht gut funktioniert. v.a. im ersten satz gelingen in den ruhigeren passagen wirklich schön ausgespielte momente, da wird es richtig stimmungsvoll. dafür erscheinen mir die nachmusiken und das scherzo seltsam teilnahmslos und ohne esprit runtergespielt, hier wäre ein packenderer zugriff nötig gewesen.

wie weit man dieses rotterdamer konzert als masstab nehmen kann, weis ich natürlich nicht, aber ich nehme mal nicht an, dass er in london völlig anders spielen lässt.
Cosima (28.07.2008, 16:37):
Ich habe gerade geschaut, wie Hurwitz die Aufnahmen beurteilt (nachzulesen auf classics today):

1. = 8/7
6. = 9/9

Über die 7. habe ich nichts gefunden. Mich interessiert vor allem die 1. , von der ich allerdings schon gute Einspielungen habe (Kegel, Horenstein, Bernstein...). Ich weiß nicht, ob Gergiev mit Mahler unbedingt sein muss.
Dr. Schön (13.08.2008, 13:30):
Na, ich wollte seinen Mahler kürzlich kaufen und habe mich letztlich umentschieden, da mir die Sinfonien von Prokofieff noch komplett gefehlt haben, stattdessen diese zu kaufen.

Eigentlich hatte ich immer gewartet, dass die oft gelobten Einspielungen unter Roschdestwendsky wieder auftauchen. Bei Melodia oder vielleicht bei Brilliant.

Hatte jedenfalls keine Lust mehr zu warten und Gergiev schien mir unter den Verfügbaren das reizvollste zu sein.

Und ich wurde nicht enttäuscht. Es geht wohl typisch für Gergiev sehr entschlossen, wild, dynamisch und kontrastreich zur Sache, was mir alles sehr recht ist. Ein russisches Orchester wäre vielleicht der i-Punkt, aber ich bin auch so zufrieden.

Dabei hänge ich noch immer an der 2ten und 3ten Sinfonie fest und höre sie fast auf endlosschleife.

Großes Lob meinerseit gebührt Gergiev dann noch für seine Einspielungen diverser russischer Opern. Natürlich kenne ich sie nicht alle, manche mögen im einzelnen auch ihre Schwächen haben (Diverse Mitschnitte vom Bolschoi Theater, auf Melodia, Naxos oder Preiser sind meistens besser). Dafür jedoch sind diese Opern überhaupt erstmal auch klangtechnisch zufriedenstellend verfügbar. Wer sonst hat soviele klaffende Löcher des Klassikkatalogs gestopft?

Für mich ist Valery Gergiev einer der spannendsten und interessantesten Dirigent der Gegenwart.
Hosenrolle1 (18.09.2015, 19:36):
Zum Amtsantritt bei den Münchner Philharmonikern las ich heute von BR4 ein Interview mit Valery Gergiev, das man hier nachlesen kann:

http://www.br.de/radio/br-klassik/sendungen/leporello/valery-gergiev-muenchner-philharmoniker-amtsantritt-100.html




LG,
Hosenrolle1