Verdi: Il corsaro - der Byronic Hero der Oper

stiffelio (20.12.2013, 17:44):
Um die letzte Lücke in Rideamus Verdi-Projekt zu schließen, hier eine knappe Einführung zu IL CORSARO, Ergänzungen sind willkommen. Wenn Agravain auf seinem "Erstellungsrecht" bestehen will, würde ich sie auch wieder löschen.

IL CORSARO basiert auf einem Libretto von Piave nach dem dramatischen Gedicht "The Corsair" von Lord Byron.
Die Oper wurde 1848 im Teatro Grande in Triest uraufgeführt. Verdi hatte von 1845 bis 1848 mit langen Unterbrechungen daran gearbeitet, zuletzt wohl nicht mehr mit voller Überzeugung, denn er erschien nicht zur Aufführung.

Story:
Der Korsar Corrado verabschiedet sich von seiner Geliebten Medora, um gegen den türkischen Pascha Seid zu kämpfen. Er scheint die Schlacht zunächst zu gewinnen, aber als er im Kampf innehält, um die Haremsfrauen des Paschas vor dem sich ausbreitenden Feuer zu retten, wendet sich das Schlachtenglück gegen ihn und er wird gefangen genommen und zum Tod veurteilt.
Gulnara, die Lieblingssklavin des Paschas, hat sich bei der Rettungsaktion in Corrado verliebt. Sie bittet deshalb den Pascha, Corrados Leben zu verschonen, womit sie den Zorn und die Eifersucht des Paschas jedoch nur noch mehr anheizt. Gulnara besticht die Wachen und besucht Corrado im Kerker, um ihn zu überreden Seid zu erstechen und mit ihr zu fliehen. Corrado lehnt jedoch ab, worauf Gulnara selbst den Mord übernimmt, so dass Corrado zu ihrer Rettung gezwungen ist, mit ihr zu fliehen.
Da Corrado zunächst nicht mit den Überlebenden der Schlacht nach Hause zurückkehrt, glaubt dort Medora an seinen Tod und nimmt aus Verzweiflung Gift. Kurz vor ihrem Tod, kehrt Corrado mit Gulnara zurück. Medora dankt Gulnara für die Rettung Corrados und stirbt in seinen Armen. Corrado stürzt sich ins Meer.

Piave schrieb insgesamt acht Libretti für Verdi, darunter zwei, die auf Werke von Lord Byron zurückgehen: I DUE FOSCARI und IL CORSARO.
Noch stärker als bei I DUE FOSCARI schimmert bei Corrado der typische "Byronic Hero" durch. Geheimnisumwittert, düster-rebellisch, teilweise bis hin zum Zynismus und todessehnsüchtig.
Seine ersten Worte bei seinem Auftritt:
"Krieg, grausamer, immerwährender Krieg
gegen die ganze Menschheit!
In ihren Augen war ich schlecht.
Ich verabscheue sie alle.
Gefürchtet und verflucht,
bin ich unglücklich, aber gerächt."
Die Vorgeschichte von Corrado bleibt im Dunkeln. Einerseits liebt er Medora, andererseits singt er kurz vor ihrem Abschiedstreffen:
"Alles schien meiner ersten Liebe zu lächeln.
Doch ein unerbittliches Schicksal stahl mir mein ganzes Glück."
Wer ist seine erste Liebe? Medora kann es eigentlich nicht sein, denn mit ihr ist er ja noch zusammen. Oder beklagt er hier sein Piratenschicksal, das ihn zwingt, sich immer wieder von ihr zu trennen? Aber auch die genaueren Umstände, durch die er zum Korsaren geworden ist, werden nicht näher beleuchtet.
Zumindest seine Todessehnsucht teilt er mit Medora. Noch bevor Corrado von ihr Abschied nimmt, singt sie für sich:
"Alles, was ich von meinem Liebsten verlange,
ist eine Träne der Liebe.
Einer Frau, die aus Liebe starb,
wird die Tugend ihre Trauer nicht versagen."

Verdi soll sich später von IL CORSARO distanziert haben. Hat dabei vielleicht auch das Gespür eine Rolle gespielt, dass seine Musik, die ich immer als sehr gradlinig empfunden habe, mit starke, klaren Gefühlen, nicht durchweg zu diesen düster selbstverliebten Helden passt?
An sich gefällt mir die Musik von IL CORSARO aber gut, auch wenn sie für meine Ohren noch nicht allzu Verdi-typisch ist. Wenn jemand mir erzählt hätte, dass diese Oper von Donizetti stammt, hätte ich es auch geglaubt.

DVDs:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51yodCQ2eZL._AA160_.jpg

Corrado - Bruno Ribeiro
Gulnara - Lucrecia Garcia
Medora - Irina Lungu
Seïd - Luca Salsi
Selimo - Gregory Bonfatti
Giovanni - Andrea Papi
Eunuch/Sklave : Angelo Villari
Dirigent: Carlo Montanaro
Regie: Lamberto Puggelli
Orchester und Chor des Teatro Regio de Parme, 2008

Bei dieser Aufnahme aus dem Teatro Verdi de Busseto fällt mal wieder optisch wie akustisch die für eine DVD ungewohnte Intimität dieser sehr kleinen Bühne auf.
Die Regie entwickelt keinen Ehrgeiz über das Libretto hinaus, ist aber ästhetisch sehr schön anzusehen und findet manche nette Illustrationen zum Gesang, z.B. einen Vogelkäfig während Gulnaras Arie über ihr Sklavendasein. Die räkelnden Haremsdamen in der gleichen Szene sind mir dagegen schon ein bisschen zu klischeehaft.
Die Sänger haben mir alle stimmlich und darstellerisch gut gefallen und sind wohltuend jung. Bei Lucrecia Garcia klangen einige Spitzentöne etwas scharf, das glich sie aber durch eine besonders engagierte Darstellung wieder aus. Bruno Ribeiro verkörpert geradezu den Prototyp des "Byronic Hero": gutaussehend, jung, dunkel, melodramatisch. Optisch und stimmlich für mich eine perfekte Besetzung. Am meisten mag ich auf dieser DVD das Finale des 1. Aktes und die Kerkerszenen.

Ansonsten ist noch diese DVD auf dem Markt, zu der ich aber leider gar nichts sagen kann, außer dass sie nach einem YT-Link zu schließen offenbar auf die gleiche Inszenierung zurückzugreift:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51NV3BghtfL._AA160_.jpg

Darsteller: Adriana Damato, Arturo Cauli, Zvetan Michailov, Marcelo Puente, Michela Sburlati, Gianluca Floris, Renato Bruson
Dirigent: Renato Palumbo
Orchestra Del Teatro Regio Di Parma, 2004

Im Netz gibt es noch einen fast kompletten Mitschnitt von 1996 (er beginnt mit dem Finale des ersten Aktes) mit Josè Cura, Maria Dragoni, Barbara Frittoli, Roberto Frontali und Antonio Abete unter Evelino Pidò: "http://www.youtube.com/watch?v=br60FCA2VVM"
Er ist aber sowohl ton- als auch bildtechnisch gewöhnungsbedürftig und kann diese Mängel für mich auch nicht durch andere geniale Qualitäten ausgleichen. Deshalb ist davon nur sehr wenig bei mir hängengeblieben.

VG, stiffelio
Agravain (23.12.2013, 08:45):
O'er the glad waters of the dark blue sea,
Our thoughts as boundless, and our soul's as free
Far as the breeze can bear, the billows foam,
Survey our empire, and behold our home!
These are our realms, no limits to their sway-
Our flag the sceptre all who meet obey.
Ours the wild life in tumult still to range
From toil to rest, and joy in every change.

Mit diesen enthusiastischen Zeilen, die in eine ausführliche Beschreibung des herrlichen Piratenlebens münden, beginnt ein langes narratives Gedicht eines der bedeutendsten Autoren der britischen Romantik. Richtig, ich spreche von George Gordon Noel, 6th Baron Byron, kurz Lord Byron genannt. Das Gedicht mit dem Titel "The Corsair" war ein Bestseller. Am Tag der Veröffentlichung (1. Februar 1814) wurden alle 10.000 Bände verkauft - ein ungeheures Ereignis für jene Zeit.

Das Werk blieb auch nach dem ersten Tag ausgesprochen populär und wurde von unterschiedlichen Komponisten als Anregung und Stoff für ihre Kompositionen aufgegriffen. Hector Berlioz komponierte eine Ouvertüre mit dem Titel "Le corsair", Giovanni Pacini schrieb eine Oper "Il corsaro", Giovanni Galzerani ein Ballett, und Giuseppe Verdi komponierte wiederum eine Oper (es sollte seine 13. sein), die am 25. Oktober 1848 im Teatro Grande zu Triest uraufgeführt wurde und mit Pauken und Trompeten durchfiel. Die Kritiken waren katastrophal, die Oper wurde nach drei Aufführungen abgesetzt.

Wie kam es dazu? Nun, man kommt wohl nicht umhin zu konstatieren, dass das Projekt "Il corsaro" von vornherein unter einem schlechten Stern stand.

Nach der Premiere von "Giovanna d'Arco" im Februar war eine aus Verdis Sicht ziemlich unerfreuliche Kritik des Werkes in der Zeitschrift "Gazetta Musicale di Milano" erschienen, in einer Zeitschrift, die von Verdis Verleger Ricordi herausgegeben wurde. Um Ricordi diese Illoyalität heimzuzahlen unterzeichnete Verdi im selben Jahr einen Vertrag für drei Opern mit der Konkurrenz, repräsentiert durch den Verleger Francesco Lucca. Doch erwuchs aus Verdis alttestamentarischem Rachebedürfnis nicht viel Gutes. Die Idee war, dass die erste der drei für Lucca komponierten Opern in London zur Uraufführung kommen sollte. Doch der dortige Impressario widersetze sich Verdis Idee einer "King Lear"-Oper. Man wich auf "The Corsair" aus, zumal Verdi diesen Stoff einige Jahre zuvor schon einmal im Auge gehabt hatte. Als Librettist wurde Francesco Maria Piave engagiert, der sich eng an die Vorlage hielt, die er in der italienischen Übersetzung von Nicolini aus dem Jahre 1824 kannte. Nur hier und da nahm er im Sinne der dramatischen Struktur kleine Veränderungen vor. Aufgrund der Tatsache, dass Verdi die Plackerei der "Galeerenjahre" gesundheitlich zugesetzt hatte, kam er mit der Komposition nicht voran, stattdessen begab er sich auf Kur nach Recoaro. "Il corsaro" schien keine Rolle mehr für Verdi zu spielen, die für 1846 angesetzte Premiere in London fand nicht statt. Piave wollte darum das fertige Textbuch von Verdi zurückerhalten, um es Federico Ricci zur Komposition zu überlassen.

Doch Verdi wehrte ab: "Was ist los? Bist du verrückt geworden oder auf dem besten Weg dazu? Ich soll dich vom 'Corsaro' entbinden? Jenem 'Corsaro', den ich mir so sehr gewünscht habe, der mir so viel Kopfzerbrechen bereitet hat und den du mit größerer Sorgfalt als sonst in Verse gesetzt hast?" (zit. n. Bagnoli 2013, S. 90)

Schöne Worte. Tatsache ist jedoch, dass Verdi offensichtlich das Interesse an der Fertigstellung verloren hatte. Als der Londoner Impresario Lumley und Lucca beginnen, Verdi zur Erfüllung seiner Verpflichtung ihnen gegenüber zu bedrängen, komponiert er "I masnadieri" - nachdem er übrigens auch den "Macbeth" schon fertiggestellt hatte. Erst Ende 1847 machte er sich daran, "Il corsaro" zu komplettieren - und das in Eile und mit wenig Liebe zur Sache. Man merkt, dass es im Verlauf jener Jahre immer wieder zu Reibungen mit Lucca kam und Verdi endlich von dem ungeliebten Vertrag erlöst sein wollte. Darum hat das Werk - wie es Sebastian Werr im Verdi-Handbuch ganz richtig schreibt - an einigen Stellen einen eher schematischen, wenig innovativen Charakter. Indes ist doch auch vieles von dem, was routiniert wirkt, doch solide, ja enorm effektvoll gemacht (beispielsweise die verschiedenen cabalette). Darüber hinaus gibt es auch einige echte "Highlights", auf die die entsprechende Literatur auch immer wieder hinweist. So beispielsweise Julian Budden:

"Selbst die voreingenommenen Kritiker sind sich darin einig, dass der Beginn der Gefängnisszene etwas Neues, Frappantes darstellt mit seinen Geigen- und Cellosoli, seiner Führung der Streicher und seinen ergreifenden Harmonien. Ebenso neuartig für die Zeit ist das folgende Duett, das nicht mehr als eine Folge konstrastierender Sätze angelegt ist, sondern sich in einer langen, stetigen Linie entfaltet mit einer Begleitung, welche die wechselnden Stimmungen der Darsteller spiegelt." (Budden, 28)

Für Verdi jedenfalls hatte sich der "Corsaro" mit Fertigstellung erledigt, ebenso wie seine Zusammenarbeit mit Lucca, dem er die fertige Partitur mit folgenden Worten zuschickte:

"Nach der Zahlung von 1200 Napoleondor, die freundlicherweise durch Hr. Lucca an Hr. Emanuele Muzio in Mailand zu erfolgen hat, wird o.g. Hr. Lucca uneingeschränkter Eigentümer des Librettos und der Partitur des 'Corsaro', den ich in Erfüllung meiner Verpflichtungen aus dem mit ihm am 16. Oktober 1845 geschlossenen Vertrag komponiert habe." (zit. n. Bagnoli 2013, S. 91)

Verdi blieb auch der Uraufführung des Werkes fern, was - so vermutet es Budden - maßgeblich dazu beigetragen haben dürfte, dass das Triester Publikum das Werk so übel aufnahm. Und man mag sogar mutmaßen, dass Verdi fortan auch nicht mehr an den "Corsaro" und alles, was mit diesem zusammenhing, erinnert werden wollte, denn schließlich setzte er sich "nie für die Verbreitung dieser Oper ein, sondern riet sogar dezidiert von einer Wiederbelebung ab." (Werr, S. 366)

Gut, dass man dem Komponisten hierin nicht gefolgt ist. Und so gibt es heute immerhin einige Einspielungen des Werkes, sei es als Studioproduktion, als Live-Mitschnitt und auf DVD. Die DVDs wurden oben schon gezeigt, dieses sind die verfügbaren CDs

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51q2DeVaITL._SY300_.jpg http://ecx.images-amazon.com/images/I/51BEPCD8SRL._SY355_.jpg http://ecx.images-amazon.com/images/I/5119CKMMEDL._SY300_.jpg

Mir liegt die Gardelli-Aufnahme vor, zu der ich in den nächsten Tagen ein paar Zeilen schreiben werde.

Über den Plot des Werkes mag man sich oben oder an dieser Stelle informieren: "http://www.verdi-oper.de/il-corsaro.html"

Benutzte Literatur

Bagnoli, Giorgio (Hg.): Die Opern Verdis. Berlin 2013.
Budden, Julian: Eine romantische Abenteuergeschichte. Begleittext zur Gardelli-Aufnahme. Philips 1975. S. 23-30.
Werr, Sebastian: Il corsaro. In: Verdi Handbuch. Hg. von Anselm Gerhard und Uwe Schweikert. Stuttgart 2001. S. 364-367.
wikipedia

:hello Agravain