stiffelio (18.12.2013, 18:59):
Um das Verdi-Projekt von Rideamus dieses Jahr noch abzurunden, stelle ich hier eine vorläufige Einführung zu JERUSALEM ein, die natürlich gerne jederzeit bearbeitet und erweitert werden kann.
JERUSALEM ist Verdis Umarbeitung seiner Oper I LOMBARDI ALLA PRIMA CROCIATA zur Grande Opera für Paris (1847 dort uraufgeführt). Das Libretto von Temistocle Solera wurde von Alphonse Royer und Gustave Vaëz übersetzt und bearbeitet. Während ich I LOMBARDI zwar zugestehen kann, dass es einige zündende Melodien mehr hat als die Umarbeitung, halte ich das Ursprungs-Libretto für eine der hanebüchendsten Schöpfungen der Opernliteratur (wesentlich schlimmer als z.B. IL TROVATORE, das immer als Paradebeispiel für ein unglaubwürdiges Libretto herangezogen wird). Die Neufassung zähle ich dagegen zu den gelungeneren, die Verdi vertont hat.
Story:
Da jeder Interessierte auf Opera-Guide und Wikipedia eine ausführlichere Inhaltsangabe finden kann, beschränke ich mich hier auf die wichtigsten Handlungsstränge:
Thematisiert wird vor dem Hintergrund des französischen Kreuzzugs von 1095 die Liebesbeziehung zwischen dem Ritter Gaston und Helene, der Tochter des Herzogs von Toulouse. Beide Herkunftsfamilien waren miteinander verfeindet, nun ist Gaston bereit, seinen Hass zu vergessen, wenn er Helene heiraten darf. Der Vater von Helene stimmt der Hochzeit zu und überrascht damit seinen Bruder Roger, der heimlich in seine Nichte verliebt ist. Roger dingt daher einen Attentäter auf Gaston, der jedoch zuerst irrtümlich den Herzog erwischt und danach zur Verschleierung Gastone als Auftraggeber beschuldigt. Gaston wird daraufhin fälschlich von der Kreuzritterschaft ausgestoßen, als vogelfrei erklärt und verliert Helena als Braut.
In Palästina treffen 3 Jahre später alle Personen wieder aufeinander: Gaston, der auf eigene Faust dorthin zog und sich in den Wirren der Ankunft der Kreuzritter aus der Gefangenschaft des Emirs von Ramla befreien konnte, Helene auf der Suche nach Gaston, den sie als einzige für unschuldig hält, der Herzog, der das Attentat schwer verletzt überlebte, und Roger, der direkt nach dem missglückten Attentat von Gewissensbissen geplagt als Eremit dorthin ausgewandert ist (und seinen Bruder für tot hielt).
Gaston wird von den Kreuzrittern gefangengenommen und - weil er immer noch für den Attentäter gehalten wird - endgültig ausgestoßen, durch Zerstörung von Helm, Schild und Schwert seiner Ritterehre beraubt und zum Tode als Verräter verurteilt. Der Eremit Roger - von den Kreuzrittern unerkannt - befreit ihn jedoch heimlich aus Reue. Gaston nimmt unerkannt erfolgreich am Sturmangriff auf Jerusalem teil und stellt sich nach dem Sieg dem Herzog. Der tödlich verletzte Roger gibt sich in der Schlussszene als Anstifter des Attentats zu erkennen und stellt damit die Ehre Gastons wieder her.
Wer mit I LOMBARDI vertraut ist, kann die gewichtigen Unterschiede leicht entdecken, bereits bei der Figur des bösen und später geläuterten Bruders Pagano/Roger. Pagano ist im 1. Akt ein Erzschurke fast vom Format eines Jago: er spielt seinem Bruder eine Versöhnung vor, nur um ihn in falscher Sicherheit zu wiegen, er bereitet den heimtückischen Mordanschlag an seinem Bruder von langer Hand vor- nur um dann durch die Entdeckung, dass er statt seines Bruders irrtümlich seinen Vater getötet hat (ist das so viel schlimmer??) in so tiefe Reue zu verfallen, dass er den Rest seines Lebens Buße tut. Roger finde ich dagegen wesentich plausibler zu verstehen: sein Attentat auf einen Mann, der kein Verwandter ist, sondern kurz vorher noch ein Todfeind seiner Familie war, ist eine spontane Reaktion, kein lang ausgesponnener Plan. Die Reue, die ihn nach Palestina treibt, ist nicht nur das Bereuen des Attentats, sondern auch die Scham, dass er zu dieser Tat nicht steht, sondern einen Unschuldigen für sein Verbrechen büßen lässt.
Weiter mit Giselda/Helene: während Giselda die Kreuzritter für ihr Morden an den Moslems verflucht (ein sehr humanistischer und lobenswert pazifistischer Zug, passt aber in diese Zeit und zur Tochter eines Kreuzrittern so gut wie Nutella zu Salzgurken), um sich im nächsten Akt überraschend zu ihrer geistigen Führerin aufzuschwingen, steht Helene immer ganz selbstverständlich auf der Seite der Christen und prangert lediglich ihre Grausamkeit gegenüber einem Waffenbruder an.
Als wichtigste Umarbeitung aber Oronte/Gaston: statt der völlig unglaubwürdigen und blutleeren Figur des Oronte (man erspare mir eine detailierte Schilderung) ist Gaston vor dem Hintergrund seiner Zeit ein Charakter aus Fleisch und Blut, mit dem ich mich identifizieren kann. Sein Schock, als er unschuldig als Verräter verunglimpft wird, seine verzweifelte Verteidigung seiner Ritterehre, die ihm höher gilt als sein Leben eignen sich sehr gut als dramatischer Gegenentwurf zur Figur von Roger.
JERUSALEM ist durch diese Umcharakterisierung der wichtigsten Hauptfiguren tatsächlich eine ganz neue Oper, (im Gegensatz z.B. zur Umarbeitung des STIFFELIO zum AROLDO, der die Charaktere im Wesentlichen belässt, nur neue Etiketten daraufklebt und einen neuen Schlussakt anhängt). Musikalisch empfinde ich aber bei diesen beiden Umarbeitungen einige Parallelen: die Urfassung klingt für mich jeweils emotional unmittelbarer, die Neufassung geschliffener (ich kann es nicht besser beschreiben). Rein musikalisch, wenn ich versuche alles andere auszublenden (was mir sehr schwerfällt), würde ich I LOMBARDI vermutlich sogar leicht vorziehen, aber im Gesamtpaket finde ich JERUSALEM wesentlich besser.
Auf dem DVD-Markt sieht es für diese Oper leider zappenduster aus und ich kann nur hoffen, dass sich das in den nächsten Jahren ändern wird: Es gibt eine einzige offizielle Aufnahme aus dem Teatro Carlo Felice, die Gott sei Dank nicht schlecht ist, aber aber auch kein genialer Wurf.
Es gibt sie von zwei Studios:
TDK: http://ecx.images-amazon.com/images/I/519oTQaTI5L._AA160_.jpg
und Arthaus: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51d7km42GnL._AA160_.jpg
Gaston - Ivan Momirov
Helene - Veronica Villarroel
Roger - Carlo Colombara
Herzog von Toulouse - Alain Fondary
Legat - Carlo di Cristoforo
Emir von Ramla - Reda el-Wakil
Isaura - Federica Bragaglia
Dirigent: Michel Plasson
Regie: Piergiorgio Gay
Ich habe sie mir in den letzten Tagen nochmal angesehen: an keinem der Sänger habe ich stimmlich oder darstellerisch etwas Fundamentales auszusetzen, aber eine wirklich faszinierende Leistung war auch nicht darunter. Das Gleiche gilt für die Inszenierung. Insgesamt ist die DVD zum Kennenlernen aber o.k., insbesondere Momirov als Gaston und Colombara als Roger haben auf mich einen durchaus engagierten Eindruck gemacht.
Daneben kursiert auf dem grauen Markt noch ein Mitschnitt einer darstellerisch und stimmlich sehr lohnenswerten Aufführung aus Wien von 1995, der aber leider, leider nur ein Querschnitt ist (es fehlt mehr als eine Stunde der Oper, darunter leider auch meine Lieblingsszene der Verurteilung von Gaston) - oder kennt jemand eine Gesamtaufnahme dieser Aufführung??:
"http://www.youtube.com/watch?v=F7reeCsjoPw"
Gaston - José Carreras
Helene - Elaine Coelho
Roger - Samuel Ramey
Herzog von Toulouse - Davide Damiani
Legat - Franz Hawlata
Dirigent: Zubin Mehta
Regie: Robert Carsen
Insbesondere Ramey zeigt, dass man doch noch mehr aus der Rolle des Roger herausholen kann. Carreras hat mir zumindest stimmlich noch wesentlich besser gefallen als Momirov.
Von der italienische Fassung GERUSALEMME scheint es überhaupt keine DVD zu geben. :I
VG, stiffelio