Carola (13.08.2006, 17:51): "Von Herzen - Möge es wieder - zu Herzen gehen!" - mit dieser Widmung hat Beethoven seine Missa Solemnis in D-Dur, Opus 123 überschrieben. Die festliche Messe, die Beethoven selbst für sein bestes Werk hielt, war eigentlich für die Amtseinführung seines Schülers Erzherzog Rudolf als Erzbischof im Jahre 1820 vorgesehen, wurde aber tatsächlich erst drei Jahre später vom Komponisten vollendet und zusammen mit der 9. Sinfonie veröffentlicht.
http://staatsbibliothek-berlin.de/pix/abteilungen/musikabteilung/kopf5_gross.gif Notenblatt mit Widmung
Dieses gewaltige Werk, wohl eher eine oratorische Sinfonie als eine in den liturgischen Rahmen einzubindende Messe, wurde nur sehr langsam akzeptiert und verstanden. Das Blockartige, das extrem Kontrastreiche, die wilde Süße und Wucht dieser Musik und, nicht zuletzt, ihre Freiheit - das war nicht gerade das, was man von einer religiösen Erbauungsmusik im festlichen Rahmen erwartete. Dennoch, Beethoven hielt sich in seiner Vertonung - bis auf eine Ausnahme gegen Ende des Gloria - penibel an den traditionellen lateinischen Messetext, er ließ ihn sich extra für diesen Anlass neu übersetzen, studierte alte Messvertonungen bei Palestrina und schuf eine Musik, die mystisch und modern, selbstbewusst und demütig zugleich ist.
http://www.hochschulchor.uni-wuerzburg.de/bilder/beethoven.jpg Joseph Karl Stieler, "Ludwig van Beethoven mit dem Manuskript der Missa Solemnis", 1819
In dieser Musik ist die Einzelstimme des Individuums (Solist/Solistin) und der Gemeinschaft (Chor) vom ersten Takt an gleichberechtigt; hier wird gejubelt, geschrien, verzagt und gehofft, hier wird in mächtigen Fugen (Gloria, Credo) die Größe Gottes (in Gloria Dei Patris...) verherrlicht und die himmlische Seligkeit des ewigen Lebens gepriesen (Et vitam venturi...).
Unwiderstehlich auch die schmelzende Süße im Benedictus, in dem gleich zu Beginn die Solovioline aus höchster, himmlischer Höhe in sanften Melodiebögen zur Erde herabschwebt. Gottes konkrete Gegenwart in der Eucharistiefeier - sinnlicher, schöner, geheimnisvoller kann diese zentrale Glaubensaussage des Katholizismus wohl nicht mehr in Klänge, in wahrhaft himmlische Musik gebracht werden.
Der letzte Satz, das Agnus Dei , aber gefällt mir am besten. Beethoven hat das darin enthaltene "dona nobis pacem" mit "Bitte um inneren und äußeren Frieden" überschrieben und den drohenden Krieg auch gleich mit "Pauken und Trompeten" in die Idylle hineinkomponiert. Das gab natürlich Ärger. So viel Diesseitigkeit und Realitätssinn hatte nach Auffassung nicht nur der Kirchenoberen in einer Messe nichts zu suchen. Beethoven sah und hörte das - Gott sei Dank - anders. Und lässt noch die letzten Takte seiner Messe von leise nachhallenden Paukenschlägen "stören" - die Angst, die Hoffnung, der Zwiespalt bleibt.
Mit Gruß von Carola
Carola (14.08.2006, 15:14): Ich besitze zwei Aufnahmen der Missa Solemnis, die mir beide - auf ihre Art - sehr gut gefallen.
Zum einen die sicherlich immer noch sehr bekannte mit dem 80-jährigen Otto Klemperer und dem New Philharmonic Chorus&Orchestra.
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/3443311.jpg
Die Aufnahme ist 1965 entstanden, das hört man natürlich auch. Sowohl im Hinblick auf die Klangqualität als auch, was die Ästhetik angeht. Ein wuchtiger Chor- und Orchesterklang, der aber niemals träge oder matschig klingt. Sondern sehr dramatisch, sehr wach - aber eben auch sehr monumental. Nach meiner Auffassung sollte gerade die Missa solemnis aber so und nicht anders klingen. Das gilt auch für die sehr expressiv singenden Solistinnen und Solisten.
Die zweite Aufnahme ist 1989 in London entstanden. Unter der Leitung von Jeffrey Tate musizieren das English Chamber Orchestra und der Tallis Chamber Choir.
Auch diese Aufnahme mit einem deutlich kleineren Chor und Orchester und ebenfalls sehr guten Solistinnen und Solisten hat etwas für sich, das will ich gerne zugeben. Die üblichen Stichworte wie "schlank" und "durchhörbar" beschreiben den Unterschied zur Klemperer-Aufnahme recht gut. Wenn ich anfange, auf die Details zu achten, finde ich sie auch fast immer der anderen Aufnahme überlegen. Schon deshalb, weil diese Details sehr viel besser herauszuhören sind als bei dem teilweise doch fast schon ein wenig zu bombastischen New Philharmonic-Klang. Trotzdem, unterm Strich finde ich die wuchtige Klemperer-Interpretation letztlich doch ergreifender, packender, zwingender.
Mit Gruß von Carola
Cosima (14.08.2006, 17:46): Liebe Carola,
wie Du Dir wirst denken können: Ich kann leider nichts Gescheites zu Deinem Thread beitragen. Für mich war die Anschaffung der Missa solemnis ein Pflichtkauf, um das Werk kennen zu lernen. Ich wählte daher eine günstige Version, nämlich jene unter Giulini aus der Brilliant-Reihe.
Kein wirklich guter Kauf, wie ich meine, denn das Ganze dümpelt so dahin, ohne dass es mich an jedweder Stelle fesseln würde. Inzwischen stellte ich fest, dass die Aufnahme unter Leonard Bernstein mit dem Concertgebouw O. gelegentlich als Referenz gehandelt wird. Diese soll weitaus fesselnder und inspirierter interpretiert sein. Sie ist auch günstig zu bekommen. Schade drum, vielleicht wage ich später noch mal einen Versuch.
Gruß, Cosima
Zelenka (14.08.2006, 17:58): Meinen herzlichen Dank an Carola für die wunderschöne, auch persönlich gehaltene Eröffnung des Fadens! - Ich habe ein paar kurze Anmerkungen zu den 5 Aufnahmen der Messe, die ich besitze, zusammengestellt. Eine 6. Version (unter Mitropoulos) wage ich wegen des fürchterlich schlechten Transfers auf CD nicht hier zu besprechen.
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/9725290.jpg
Marshall, Merriman, Conley, Hines, NBC Symphony O, Toscanini (1953) RCA Red Seal 74321558372
Hier müssen von vornherein Abstriche bei der Tonqualität gemacht werden, obwohl mir der Transfer recht gut gelungen zu sein scheint. Toscanini ist wohl recht spät zur Missa solemnis vorgedrungen und dann über die Jahre auch noch immer schneller geworden. Öfter meint man, daß nun endgültig im Chor das Chaos ausbrechen müsse. Die Solisten sind leider nicht weiter bemerkenswert. Die Einspielung läßt zumindest mich ein wenig kalt.
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/7922206.jpg
Janowitz, Ludwig, Wunderlich, Berry, Schwalbé, Nebois, Wiener Singverein, BPO, von Karajan (1966) DG 2CD 4530162
Die Stars dieser Karajan-Version (er hat die Messe mehrfach eingespielt) sind fast erwartungsgemäß Janowitz und Wunderlich. Im übrigen eher eine sehr gute als eine ausgezeichnete Version der Messe.
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/5894079.jpg
Margiono, Robbin, Kendall, Miles, Monteverdi Choir, O Révolutionnaire et Romantique, Gardiner (1989) DG Archiv 4297792
Gardiners Orchester, das natürlich auf historischen Instrumenten spielt, hat nur 60 Mitglieder, sein ausgezeichneter Chor ist relativ klein mit 36 Sängern, gute Voraussetzungen, um ein Maximum an Details hörbar zu machen. Diese Besetzung erlaubt ihm auch recht schnelle Tempi einzuschlagen, hier hat man eben nicht wie bei Toscanini öfter das Gefühl, daß die Mitwirkenden kurz vor dem Kollaps durch Überanstrengung stehen. Das Solistenquartett ohne Stars ist in seiner Gesamtheit mehr als adäquat. Die Aufnahmequalität ist es ebenfalls.
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/8168498.jpg
Studer, Norman, Domingo, Moll, Leipziger Rundfunkchor, Frischmuth, Swedish Radio Chorus, Eric Ericson Chamber Choir, Sjökvist, VPO, Levine (1991) DG Complete Beethoven Edition 4537982
Levines Solisten sind natürlich die teuersten, die zu der Zeit zu haben waren, sie enttäuschen nicht (Jessye Norman ist superb!). Die Live-Aufnahme von den Salzburger Festspielen (zum Gedenken an den Tod von Karajans) ist ob ihrer Wucht und Eindringlichkeit beeindruckend.
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/8120984.jpg
Mei, Lipovsek, Rolfe Johnson, Holl, Arnold Schönberg Chor, Ortner, Chamber O of Europe, Harnoncourt (1992) Teldec 9031748842 (Ich habe noch die Originalausgabe, die ein Interview mit Harnoncourt enthält, und nicht die gezeigte Wiederveröffentlichung.)
Mein Hauptproblem mit dieser Version ist die enttäuschende Aufnahmequalität. Die Akteure scheinen in dieser Live-Aufnahme viel zu entfernt platziert. Die Folge ist, daß die Musik den Hörer nicht recht in den Bann zieht. Wie gewohnt hat Harnoncourt sich intensivst um die textliche Grundlage bemüht. Sein Orchester spielt nur teilweise auf historischen Instrumenten (nur Pauken und Blechblasintrumente). Insgesamt enttäuschend, wenn auch nicht uninteressant, eben kein großes Erlebnis …
Meine Favoriten? Gardiner und Levine - so unterschiedlich sie sein mögen von der Konzeption und Ausführung her!
Gruß,
Zelenka
Carola (14.08.2006, 18:32): Original von Cosima Liebe Carola,
wie Du Dir wirst denken können: Ich kann leider nichts Gescheites zu Deinem Thread beitragen. Für mich war die Anschaffung der Missa solemnis ein Pflichtkauf, um das Werk kennen zu lernen....
Gruß, Cosima
Liebe Cosima,
ich stehe den "Pflichtprogrammen" im Bereich der Musik sehr skeptisch gegenüber. Wenn Du mit der Missa solemnis nichts anfangen kannst - na und? So etwas kann man doch nicht erzwingen. Ich kann mir auch nicht so recht vorstellen, dass es nur an der Aufnahme liegt. Wenn ich Dich mit früheren Äußerungen richtig verstanden habe, gilt diese Abneigung der geistlichen Vokalmusik überhaupt. Was ist so schlimm daran? Das spart Zeit und Geld. Mir geht es mit Opern genauso. Und auch mit mir und Herrn Schostakowitsch wird es wohl in diesem Leben nichts mehr - um so besser kann ich mich auf den riesigen "Rest" konzentrieren.
Es grüßt Dich Carola
Jack Bristow (15.08.2006, 09:00): Original von Cosima wie Du Dir wirst denken können: Ich kann leider nichts Gescheites zu Deinem Thread beitragen. Für mich war die Anschaffung der Missa solemnis ein Pflichtkauf, um das Werk kennen zu lernen. Ich wählte daher eine günstige Version, nämlich jene unter Giulini aus der Brilliant-Reihe.
Kein wirklich guter Kauf, wie ich meine, denn das Ganze dümpelt so dahin, ohne dass es mich an jedweder Stelle fesseln würde. Inzwischen stellte ich fest, dass die Aufnahme unter Leonard Bernstein mit dem Concertgebouw O. gelegentlich als Referenz gehandelt wird. Diese soll weitaus fesselnder und inspirierter interpretiert sein. Sie ist auch günstig zu bekommen. Schade drum, vielleicht wage ich später noch mal einen Versuch.
Bernsteins Concertgebouw-Aufnahme ist sehr enthusiastisch, aber weder aufnahmetechnisch noch sonstwie Referenz (live, inkl. Patzer, suboptimale Balance usw.). Das war zwar seinerzeit meine erste Aufnahme (besser obgleich auch klanglich rauh ist Bernstein/NYPO, gemäß der Faustregel, das Bernstein/NYPO im Zweifel spannender, engagierter, wenn auch oft umstrittener ist als die späteren DG-Aufnahmen), als preisgünstige oder überhaupt Referenz würde ich aber eher Klemperer nennen (ich habe 7 oder so Einspielungen, Toscanini fehlt leider, ich kann mich momentan auch beim besten Willen nicht zu einem Vergleich hinsetzen).
viele Grüße
J. Bristow
Carola (15.08.2006, 10:05): Bei aller Wertschätzung der Klemperer-Aufnahme - ob gerade "diese Töne" Cosima die Missa Solemnis näher bringen könnten - da habe ich doch meine Zweifel.
Wenn, dann vielleicht noch am ehesten Gardiner. Ich kenne die Aufnahme zwar nicht, aber wenn sie ähnlich gut ist wie die von Mozarts c-moll-Messe, ist sie sicher empfehlenswert.
Mit Gruß von Carola
Zelenka (15.08.2006, 12:43): Original von Carola Bei aller Wertschätzung der Klemperer-Aufnahme - ob gerade "diese Töne" Cosima die Missa Solemnis näher bringen könnten - da habe ich doch meine Zweifel.
Wenn, dann vielleicht noch am ehesten Gardiner. Ich kenne die Aufnahme zwar nicht, aber wenn sie ähnlich gut ist wie die von Mozarts c-moll-Messe, ist sie sicher empfehlenswert.
Mit Gruß von Carola
Ohne die Klemperer-Aufnahme gehört zu haben: Böse Zungen behaupten, das Beste an ihr sei der Chor ...
Gruß,
Zelenka
Cosima (15.08.2006, 12:46): Original von Jack Bristow Bernsteins Concertgebouw-Aufnahme ist sehr enthusiastisch, aber weder aufnahmetechnisch noch sonstwie Referenz (live, inkl. Patzer, suboptimale Balance usw.).
'Enthusiastisch' klingt doch schon mal gut...
Ehrlich gesagt: So dringend suche ich nicht nach einer Alternative zu Giulini. Das Werk immerhin habe ich gehört, die Bildungslücke wäre somit geschlossen.
Gruß, Cosima
AcomA (15.08.2006, 13:56): hallo,
Jeremias versuchte in großartiger weise, mir geistliche orchester/vokal-werke näher zu bringen. es ist bei mir leider nichts langfristiges meinerseits geworden. ich fühle mich beim hören dieser musik immer als außenstehender.
gruß, siamak :)
Cosima (15.08.2006, 17:13): Original von Carola ich stehe den "Pflichtprogrammen" im Bereich der Musik sehr skeptisch gegenüber. Wenn Du mit der Missa solemnis nichts anfangen kannst - na und? So etwas kann man doch nicht erzwingen. Ich kann mir auch nicht so recht vorstellen, dass es nur an der Aufnahme liegt. Wenn ich Dich mit früheren Äußerungen richtig verstanden habe, gilt diese Abneigung der geistlichen Vokalmusik überhaupt. Was ist so schlimm daran?
Ich habe nicht gesagt, dass ich es als „schlimm“ erachte. Obwohl ich geistlicher Vokalmusik ablehnend gegenüberstehe, war ich neugierig auf das Werk. Ich habe auch keinerlei Probleme mit derlei „Pflichtübungen“ – schließlich könnte es sein, dass mir wegen irgendwelcher Vorurteile etwas sehr Schönes entgeht. Das möchte ich verhindern.
Gruß, Cosima
sennahresor (17.08.2006, 15:07): Original von Zelenka
Ohne die Klemperer-Aufnahme gehört zu haben: Böse Zungen behaupten, das Beste an ihr sei der Chor ...
Gruß,
Zelenka
... Insgesamt ist es sicher nicht Klemperers beste Aufnahme, vielleicht war es für einen Mann seines Alters einfach eine Überforderung, solche Menschenmassen zu dirigieren. Kennt da irgend jemand einen guten Livemittschnitt? - die sind bei Klemperer ja oft spannender geraten als die etwas drögen Studioaufnahmen.
Unter den historischen Aufnahmen würde ich einen Livemittschnitt mit den New Yorker Philharmonikern und Bruno Walter empfehlen, den es recht günstig bei Iron Needle gab bzw. gibt. Er stammt von 1948; den Sopranpart singt Eleanor Steber.
Von den neueren finde ich Gardiner den überzeugendsten; Karajan - der es natürlich ganz anders gemacht hat - st aber auch nicht zu verachten. Sehr schön finde ich auch seine sehr persönliche späte Digital-Aufnahme der Messe aus Berlin, u. a. mit José van Dam.
Viele Grüße, Hannes
Rachmaninov (17.08.2006, 15:14): @Hannes,
ein herzliches Willkommemn hier im Forum :hello
Richard
Zelenka (17.08.2006, 15:33): Original von Rachmaninov @Hannes,
ein herzliches Willkommemn hier im Forum :hello
Richard
Dem herzlichen Willkommen schließe ich mich natürlich an!
Gruß,
Zelenka
nikolaus (17.03.2010, 22:59): Beim "Zappen" bin ich bei medici.tv auf einen live-Mitschnitt der Missa solemnis aus Lissabon gestossen.
Ich muss gestehen, dass ich sie so gut wie gar nicht kenne. Was ich da aber zumindest auschnittweise gehört habe, hat mir gut gefallen.
Nun ist seit dem letzten Beitrag einige Zeit vergangen, viele neue Mitglieder sind dazugekommen.
Gibt es weitere Empfehlungen ausser den hier genannten?