Walter Braunfels - Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna

Heike (31.10.2010, 09:20):
Walter Braunfels war in der Weimarer Republik ein gefragter Komponist, seit 1925 Direktor der Kölner Musikhochschule. Er hatte im 1. Weltkrieg gekämpft, war gläubiger Katholik geworden. Hitler hatte ihm in den 20 Jahren einen propagandistischen Kompositionsauftrag erteilt, den er abgelehnt hatte. Braunfels war Halbjude, unter den Nazis durften seine Werke nicht mehr aufgeführt werden. Zur Zeit der Komposition befand er sich, seiner Ämter enthoben und mit Berufsverbot belegt, in der inneren Emigration am Bodensee.

Braunfels schrieb die Oper “Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna” op. 57, Oper nach den Prozessakten, in den Jahren 1939-1943. Die deutsche Veröffentlichung der Prozessakten der Jeanne d’Arc, in deren Leidensweg er Parallelen zu seinem eigenen Schicksal sah, inspirierte Braunfels zu dieser Oper, deren Libretto er auch selbst schrieb. Er ahnte, dass er die Uraufführung nicht mehr erleben würde. So war es dann auch - zwar wurde er nach dem Krieg wieder Musikschuldirektor in Köln, aber die Zeit war über seine Musik hinweggegangen. Er starb 1950, die Oper wurde komplett vergessen und erst 2001 in Stockholm konzertant uraufgeführt. Erst 2008 gab es die erste szenische Aufführung in der DOB (nach Aufzeichungen des kranken Christoph Schlingensief, über die ich später berichten werde).


kurze Inhaltsangabe:
Ort und Zeit: das englisch besetzte nördliche Frankreich, während des Hundertjährigen Krieges

Johanna hört Stimmen der Heiligen, die ihr aufgeben, Orleans zu befreien und dem rechtmäßigen König Karl auf den Thron zu verhelfen. Das Volk hungert, betet, ist verzweifelt, hofft auf Rettung durch Johanna. Johanna entschließt sich nach einigem Hin und Her, in das belagerte Orleans zum Dauphin zu ziehen, obwohl ihr Vater sie lieber beim ritterlichen Verwandten Baudiricourt in Sicherheit sehen würde.

Gilles de Rais, genannt Blaubart, wird der Weggefährte Johannas, finanziert ihren Zug. Er wird übrigens später, nach Johannas Tod, einer der berüchtigtsten Mörder und Kinderschänder seiner Zeit, was Braunfels zweifellos wusste, denn er gibt diesem Blaubart hier eine exponierte Rolle und macht im Text auch Andeutungen zu dessen späterem Lebensweg.

Wie bekannt siegt Johanna, Orleans ist befreit, das Volk huldigt dem Wunder und verehrt die heilige Johanna, die Salbung des rechtmäßigen Dauphin in Reims kann erfolgen. Aber der Triumpf ist nur kurz, besonders die Herzöge beobachten die Lage im wie entfesselten Volk mit Misstrauen; der Herzog La Tremouille will Johanna jetzt am liebsten (als Heldin) verschwinden lassen. Johanna versucht (ohne Weisung ihrer Heiligen) derweil den Sturm auf Paris - und scheitert. Gilles de Rais warnt sie vor den gefährlich nahen Engländern, kann ihr aber nicht helfen. Auch die Heiligen machen ihr Vorwürfe, prophezeien ihr den Leidensweg und Tod.

Johanna wird schließlich von den Engländern gefangen genommen. Sie widerruft ihre Erscheinungen als Lügenmärchen, so hofft sie, dem Tod zu entgehen. Sie erhält lebenslange Kerkerhaft. Vom Volk wird sie als Hexe beschimpft. Der König verfällt wieder in Hoffnungslosigkeit, der Herzog La Tremouille freut sich. Da erscheint Johanna der heilige Michael und fordert sie auf, sich "Gott im Heldenliebesopfer zu weihen". Johanna erlebt ihre eigene Hinrichtung und "vermählt sich dem Himmel", anstatt Gilles de Rais zu folgen, der ihr die Befreiung anbietet.

In der Schlussszene erscheint Johanna bei der Siegesfeier der Richter und widerruft ihren Widerruf, erklärt im Gerichtssaal, dass sie von Gott gesandt sei. Sie wird zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt, Gilles de Rais sieht sie in den Flammen sterben, während er immer noch vergeblich ein ultimatives Wunder erwartet. Seine letzten Worte sind: "Satan, du hast gesiegt".

Das Volk findet in der Asche Johannas unversehrtes Herz und der Inquisitor erkennt "Wir haben eine Heilige verbrannt".

Heike
Heike (31.10.2010, 09:50):
Aufbau und Musik:

Das Werk besteht aus 3 Akten. Insgesamt ergeben sich 8 Teile, von denen jeder musikalisch einen eigenen Charakter hat.

1. Die Berufung
Auf dem Land bei Domrémy in Lothringen, Hundertjähriger Krieg
Auf der Burg des Ritters Baudricourt in Vaucouleurs
Im Schloss Chinon, beim Dauphin Karl

Zwischenspiel: Sieg und Untergangsprophezeihung

2. Der Triumph
Vor der Kathedrale von Reims

3. Das Leiden
Im Wald von Compiègne
Im Gefängnis
Gerichtssaal und Marktplatz in Rouen

Musikalisch kommt das zunächst eher harmonisch (wenn auch eher wenig lyrisch) daher, ist aber durchaus bis an die Harmonie-Grenzen ausgereizt. Man hört oft Anklänge an lithurgische Elemente, anererseits erinnerte es mich auch an wagnerianische Motive, mutet mitunter auch sehr klassisch an. Jede Szene wirkt anders, so dass die Musik sehr abwechslungsreich und thematisch nie langweilig ist.

Textlich orientierte sich Walter Braunfels, zuweilen fast wörtlich, an den Prozessakten.
Heike
Heike (31.10.2010, 10:36):
Aufführung in der DOB am 30.10.2010
Musikalische Leitung Ulf Schirmer
Idee, Konzeption Christoph Schlingensief (Umsetzung durch Regieteam nach Aufzeichnungen von Schlingensief: Anna-Sophie Mahler, Carl Hegemann Søren Schuhmacher)
Orchester, Chor und Kinderchor der DOB

Johanna Mary Mills
Gilles de Rais Morten Frank Larsen
Herzog de la Trémouille Lenus Carlson
Ritter Baudricourt Markus Brück
Karl von Valois, König Daniel Kirch
Erzbischof von Reims Nathan De’Shon Myers

Gesamteindruck:
Ein sehr beeindruckendes Werk, sehr vielschichtig und absoliut spannend in Aufbau und Umsetzung. Sehr interessante Musik, die mir auf Anhieb gut gefiel. Es ist mir völlig unverständlich, warum es so lange nicht gespielt wurde, es hat musikalisch sogar recht populäre Elemente und zieht einen sofort in den Bann.

Musik und Sänger
Von der Musik war ich sehr fasziniert. Natürlich fehlt mir jeder Vergleich beim ersten Hören, aber die Komposition beeindruckte mich sofort, das Orchester spielte inspiriert und die instrumentalen Teile waren packend umgesetzt. Begleitend fand ich das Orchester oft zu laut (oder die Sänger zu schwach). Das würde ich gern mal mit Weltklassebesetzung hören, das muss umwerfend sein.
Johanna hat eine anspruchsvolle Rolle mit viel Präsenz; sie gefiel mir im wesentlichen recht gut, gerade weil sie manchmal nicht stark genug war - was zu der Rolle passte. Die Herren konnten da stimmlich nicht immer mithalten. Gilles de Rais war aber ein ebenbürtiges Gegenüber zu Johanna. Toll waren wie immer die Chöre.

Inszenierung
Schlingensief hatte extra für diese Arbeit vorher Nepal besucht und sich mit den dortigen Bestattungsritualen und dem Totenkult auseinandergesetzt. Leider wurde er dann krank und konnte die Umsetzung seiner Ideen nur noch vom Krankenbett aus, von dort sicher auch nur teilweise, begleiten.

"Schlingensiefs Version der Johanna-Oper ist eine Reduktion und gleichzeitig eine Erweiterung. Johanna ist nicht nur die jungfräuliche Kriegerin in Männerkleidung, die Stimmen der Heiligen hört, ihrem Vaterland Frankreich im Krieg gegen englische Besatzer zum Sieg verhilft und später als Ketzerin und Hexe verbrannt wird, sie ist auch ein Mensch wie alle, der arbeitet und leidet, liebt und stirbt. An ihre Seite stellt Braunfels Gilles de Rais und konfrontiert die Jungfrau mit dem späteren Kinderschänder und -mörder. Es ist ein schmaler Grat zwischen Gut und Böse: Nicht Heilsgewissheit und Erlösung, sondern Ungewissheit und Unsicherheit bestimmen die Handlung. Es scheint nur eine Zukunft zu geben, wenn sie ungewiss ist. Der Ausruf des Gilles de Rais »Satan, du hast gesiegt!«, steht am Ende unvermittelt gegen das Wunder: »Johannas Herz verbrannte nicht!« Die Oper von Walter Braunfels ist eine Passion der Ambiguität." (Quelle webseite DOB)

Diese Inszenierung erschlägt einen quasi in der Fülle von Elementen. Das Bühnenbild erinnert in Teilen an die rituellen nepalesischen Verbrennungsorte, zudem wurden Filmpassagen dieser Nepalreise projeziert. Die sakralen Handlungen der Geschichte verschmelzen mit dem Alltag; zum Beispiel bekommt die totgeweihte Johanna im Kerker/ Krankenbett eine Chemo angehangen (bzw. man weiß es nicht genau - es könnte auch ein Naziarzt mit einem Euthanasietropf sein) und in der Schlussszene tanzen afrikanische (Operndorf?)Männer um das unversehrte riesige Herz. Die Figur des späteren Serienmörders Gilles de Rais als das absehbare Böse und die sich daraus ergebenden Andeutungen (durch die Kinder des Chores sehr eindrucksvoll gespielt) waren teilweise schon sehr heftig. Es gibt neben den Protagonisten einen spastisch gelähmten Tänzer, reale Tiere, kleinwüchsige Darsteller, eine überdimensionale Lunge, viele Würmer und Maden, viele Filmprojektionen (anfangs das Gesicht eines nepalesischen verbrennenden Toten in Großaufnahme), diverse wechselnde Bühnenbildelemente und Schriftzüge mit Zitaten. Einerseits meinte ich, Schlingensief hier und da wiederzuerkennen; andererseits war das manchmal zu klar, zu statisch, zu vernünftig gemacht und man vermutete und bedauerte, dass er das wohl nicht mehr ganz in der Hand hatte. Trotzdem eine sehr sehenswerte und tiefbeeindruckende Aufführung!
Heike
Severina (31.10.2010, 11:41):
Liebe Heike,
um solche Aufführungen beneide ich Dich wiederum, denn derlei bekommt man in Wien leider nicht zu Gesicht und zu Gehör. (Vielleicht nimmt sich ja das ThadW einmal dieses Werkes an, in der WSO hoffe ich darauf wohl vergebens....) Danke daher für diesen Bericht und vor allem für die interessante Werkeinführung! :down
Von Braunfels kenne ich leider nur die "Vögel" in einer Radioübertragung, aber das ist schon so lange her, dass ich mich nur mehr sehr vage daran erinnern kann.
Morten Frank Larsen hat an unserer Voksoper gesungen, die anderen Sänger sagen mir leider gar nichts.
Aber Braunfels steht jetzt auf der Liste für meinennächsten Besuch in der Musikabteilung unserer Zentralbücherei!

lg Sevi :hello
Heike (31.10.2010, 11:51):
Liebe Sevi,
bei den Sängern habe ich nur die wichtigsten genannt, es gibt noch diverse Nebenrollen, Bestzungsliste siehe hier (wo man auch einige Fotos vom Bühnenbild sehen und Pressezitate nachlesen kann):
http://www.deutscheoperberlin.de/?page=spielplandetail&id_event_cluster=517932

Die DOB hat auch meist sehr schöne und informative Programmhefte, auch das von gestern macht einen vielversprechenden Eindruck. Wenn ich es gelesen habe, kann ich vielleicht noch dies oder das ergänzen.
Heike
Heike (01.11.2010, 23:10):
Ich habe in meinem Eingangsbeitrag einen Fehler: Braunfels starb 1954, nicht 1950. Da ich oben nicht mehr editieren kann, korrigiere ich das mal hier.
Heike
Armin70 (01.11.2010, 23:28):
Hallo,

ich habe mir auch schon seit längerer Zeit mal vorgenommen, mich näher mit der Musik von Walter Braunfels zu beschäftigen. Bis jetzt kenne ich nur das Vorspiel zu seiner Oper "Die Vögel" aus dem Decca-Sampler "Entartete Musik", das mir allerdings sehr gut gefällt.

Es gibt auch eine Aufnahme der Oper "Jeanne d'Arc - Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna", siehe hier. Da kann man sich zumindest einen kurzen Eindruck anhand der Ausschnitte von der Musik machen.

Armin
Heike (01.11.2010, 23:41):
Nachdem ich im Programmheft nochmal das Libretto gelesen habe, finde ich die Figur des Gilles de Rais ja wirklich ein vielschichtiges, interessantes Gegenüber zu der doch recht katholisch-gehorsamen Johanna. Dieser Zweifler, der das Böse schon in sich trägt, aber gleichzeitig fast der einzige ist, der einen kühlen Kopf bewahrt und Realist bleibt inmitten der vielen leicht Beeinflussbaren. Demgegenüber das Volk, das erst die Retterin Johanna verehrt, dann die Hexe verflucht, letztlich wieder die Heilige beweint - hier drängen sich Parallelen zu den Massenhysterien im Dritten Reich auf (die man im übrigen auch im Werk angedeutet findet).

Einen interessanten Satz aus dem Programm (von Carl Hegemann) will ich noch zitieren: ".... könnte man die ganze Oper als eine schwarze Messe deuten, die in der Anbetung Satans durch Gilles de Rais gipfelt und die es höchstens offen lässt, ob Johanna selbst teuflisch ist oder nur ihre Feinde?" Aber, aber, so führt er dann weiter aus, der gute Katholik Braunfels belässt es ja nicht bei diesem satanischen Schluss, sondern im allerletzten Bild gibt es dann noch das (historisch schlecht belegte) Wunder mit dem nicht verbrannten Herzen.

Abschließend noch ein Zitat von einem Schüler Braunfels' (Frithjof Haas): "im Sommer 1953, ein halbes Jahr vor seinem Tod, schrieb mir der Komponist: Ein Werk hätte ich freilich noch gerne gehört, die JOHANNA, und der Verzicht hierauf ist der einzige, der mir schwer fällt".

Heike