ich bin neu hier, und habe eine ganze Weile mitgelesen. Jetzt will ich es mal selbst mit einem Thread versuchen: Was bedeuten für Euch Konzertkritiken?
Zum Hintergrund: Ich selbst habe als Klassik-Neuling erst wenige Konzerte besucht (ca 10). Nach einigen habe ich Kritiken in der Tages- bzw. Lokalpresse gelesen. Meist haben diese Kritiken mich kaum weiter gebracht. Denn sie entbehrten jeglicher Verständlichkeit für "Einsteiger". Ich frage mich: Zieht überhaupt jemand Nutzen daraus, der selbst keine fundierte musikalische und musiktheoretische Ausbildung genossen hat?
Wie geht es Euch mit Kritiken? Lest ihr sie überhaupt? Findet Ihr euch darin bestätigt, abgelehnt oder habt Ihr den Eindruck, dass auf einer anderen "Ebene" kritisiert und kommentiert wird?
Was sagt Ihr außerdem zu folgender These: Wer neu in die Klassik einsteigt und Konzerte besucht, sollte erst nach einigen Jahren mit dem anschließenden Lesen von Kritiken beginnen, um sich sein eigenes Bild zu bilden, sein Gespür entwickeln und - platt gesagt - überhaupt selbst Geschmack entwickeln zu können...
Ich freue mich auf Eure Resonanz!
Euer Gerion
Rachmaninov (15.05.2006, 19:27): @Gerion,
ich besuche recht wenige Konzerte, da ich etwas "abseits" der großen Bühnen wohne und ich meist nicht so frei planen kann wie es nötig ist wäre um frühzeitig "top" Karten zu bekommen.
Konzertkritiken lese ich grundsätzlich nicht.
Während des Konzerts bilde ich mir meine Meinung und letztendlich finde ich weder eine Bestätigung noch eine Erleuchtung wenn ein anderer die gleiche oder eine konträre Meinung nieder schreibt.
Hier im Forum sehe ich dies allerdings etwas anders, da man sich im Laufe der Zeit ein klares Bild über den Geschmack der Forenmitglieder machen kann! :wink
AcomA (15.05.2006, 23:06): hallo,
meine antwort lautet: nichts ! :A
gruß, siamak :)
ab (16.05.2006, 14:57): Hallo Gerion, spannendes Thema!
Ich denke, man sollte Konzertkritiken von Konzertrezensionen unterscheiden.
In der Kritik wird ein ""subjektives" Werturteil abgegeben, d.h. der Rezensent meint, das Konzert verreißen oder in den höchsten Himmel loben zu dürfen - oder etwas dazwischen drin.
In der Rezension hingegen sollte versucht werden, das "objektiv" Spezifische der Aufführung in Worte zu fassen. Hier geht es nicht um Bewertung, sondern um Beschreibung. (Das heißt natürlich nicht, dass keinerlei Wertung zugrunde liegt: Die Auswahl der beschriebenen Aspekte hängt selbstverständlich davon ab, was der Rezensent für wichtig erachtet.) Konzertrezensionen - sie auch CD-Rezensionen - sind leider sehr, sehr selten.
Einer Kritik mag man übereinstimmend zustimmen oder sie ablehnen; aus einer Rezension hingegen sollte man etwas lernen können, und zwar über Musik im Allgemeinen und über die konkrete, gehörte Musik im Besonderen.
Dann gibt es natürlich Zwischendinge. Heute beispielsweise bin ich über folgende CD-Rezension der Haydn-Klaviersonate, gespielt von Evenyi Koroliov gestoßen: http://www.klassik-heute.de/besprechungen/17800.shtml Dort wird das Werturteil implizit getroffen, dass Haydn humorvoll, witzig und schalkhaft, lebenslustig und drängend zu spielen sei (Wertprinzip), dass andere Interpretationen "an Haydn vorbei" seien. Dann wird gesagt, dass Koroliovs Aufnahme diese Eigenschaften nicht hat und dass sie deshalb verfehlt sei (Werturteil). Immerhin wird beschrieben, dass sie "mit eherner Geläufigkeit" gespielt sei, dass - dem Kritiker, Herrn Cosé, zufolge - die Musik "nicht wirklich zum Leben erweckt" würde. Er spricht von "schöner Leblosigkeit". Vergessen wir einmal, dass eine solche Charakterisierung eindeutig negativ konnotiert ist, und man sich daher nicht nur als Klassik-Beginner wohl kaum motiviert sieht, sich diese Aufnahme anzuhören, dann wird immerhin die Aufnahme als "eherne Geläufigkeit" und als "schön" charakterisiert. Dies sind, übrigens, zwei Eigenschaften, die beispielsweise auch auf den hier im Forum so hoch gelobten Mozart-Zyklus von Frau Uchida zutreffen.
Nun wird man als Leser mit den wichtigsten Fragen alleine gelassen:
- Warum ist so etwas bei Uchida gut; nicht aber bei Koroliov?
- Heißt Cosé zufolge „zum Leben erwecken“ nichts anderes als die von ihm geforderten Eigenschaften (humorvoll, witzig und schalkhaft, lebenslustig und drängend) zu haben (dann erfahren wird nichts weiteres über die Musik, sondern nur über sein Wertprinzip – und das Gesagte ist daher redundant); oder aber bezieht sich dieses Urteil auf die „eherne Geläufigkeit“, was ja etwas über die Aufnahmen aussagen würde?
- Warum sollte man das Cosé’sche Wertprinzip teilen?
Hier kann man nur mutmaßen, oder besser: sich selbst ein Urteil bilden. Die Gefahr ist nur, das man mit der Cosé’schen Vor-Information so beeinflusst sein könnte, dass man die Kritik in die Musik hineinhört, statt unvoreingenommen herauszuhören, was wirklich die Eigenart Koroliovs tatsächlich ausmacht.
Ganong (16.05.2006, 15:24): Lieber Richard , lieber Siamak ,
ich stimme Euch ohne Einschränkung zu !
#Wer die Monopolisten der Rezensentenszene mit ihrem inneren geschlossenen Zirkel kennt , der weiss , wie das doch fast alles aufgeteilt ist .
Es gab und gibt ( sehr wenige ) Könner und auch könnerinnen :hello wie Joan Chissel oder N. Spender .
Aber wenn ich an den fürchterlichen Schreiber Neukirchen in der Düsseldorfer "rheinischen Post" wie seinen nachfolger in der Unfägkeit W. Goertz mit seiner schnöden Arroganz denk eoder H. H. Stuckenschmidt früher in der FAZ , nein , dann lese ich lieber die Noten oder repetiere meine weniger werdenden Anatomie kenntnisse , etwa , dass es eine Arteria communis anterior gibt ( hab ich ja auch ) .
Das triste Beispiel ist diese Hofberichterstattung durch Frau Büning im Interview mit Barenboim in der FAZ von letzter Woch e: Grausamer gehts nicht !
Und über Barenboim reicht lebenslänglich das kapitel von Norman Lebrecht in "der Mythos vom Maestro" .
Hören und selbst ein Urteil bilden und hier niederschreiben . Alles Gute ! Frank
Jürgen (17.05.2006, 09:22): Hallo ab,
wo hast Du denn die Definitionen der Begriffe Rezension und Kritik her.
Imho ist der einzige Unterschied, daß eine Kritik aus einem einzigen Wort bestehen kann und die Rezension die Größenordnung eines Artikels hat. Ansonsten sind die Begriffe nicht zu trennen. Insbesondere habe ich nach kurzer Recherche widerlegt gefunden, daß eine Rezension objektiv zu sein habe.
Du selbst scheinst mit der Trennung Probleme zu haben. So ist der Verfasser einer Kritik ein Rezensent.
In der Kritik wird ein ""subjektives" Werturteil abgegeben, d.h. der Rezensent meint,
@Gerion Mir geht es ähnlich wie rachmaninov, ich komme viel zu selten ins Konzert/Oper. Sollte mir aber zuvor ein Artikel über die Aufführung, die ja meist mehrmals gegeben wird, über den Weg laufen, so lese ich sie mit Interesse. Insbesondere bei Operninszenierungen kann ich hier wichtige Eindrücke erhalten. Lese ich den Artikel hinterher, überprüfe ich, ob sich meine Eindrücke mit denen des Kritikers decken oder nicht. Stellen mit übertriebenem Fachjargon überspringe ich, schlimmstenfalls 90% des Artikels. Aber mit der Zeit lernt man das Vokabular kennen, auch mithilfe von Klassikforen.
Grüße Jürgen
Mime (17.05.2006, 18:17): Ich hab mich einmal auf einen Kritiker verlassen - oder wars ein Rezensent? - und schon bestellte Karten für Wagners Ring nach Lesen der Kritik (Rezension) wieder abbestellt. Hinterher hat sich das als Fehler erwiesen,denn das Publikum hatte eine ganz andere Meinung und alle Aufführungen waren restlos ausverkauft. Auch bei der Wiederaufnahme ein Jahr später hatte ich keine Chancen mehr,an Karten zu kommen.Das war die Strafe für meine Dummheit. Und die Moral von der Geschicht: Trau einem Rezensenten nicht! (Bei Kritiker hätte das Versmaß nicht gepaßt)
so verwende ich diese Begriffe, die hab' ich aus meinem Kopf, wie man so sagt. Diese Unterscheidung scheint mir nützlich, um meine Gedanken zu verdeutlichen und fruchtbar, um Unterschiede in den Machenschaften der Presse charakterisieren zu können.
Der Unterschied ist genau jener, den ich ausgeführt habe. Das ist nicht als Definition zu verstehen, sondern als Begriffserläuterung, damit wir nicht aneinander vorbeireden. Der Unterschied hängt jedenfalls nicht von der Wortanzahl ab.
Wenn Du schreibst, Du hättest "nach kurzer Recherche widerlegt gefunden, daß eine Rezension objektiv zu sein habe", so meinst Du - so vermute ich - dass irgend jemand anderes dies behauptet hat. Die Gegenbehauptung ist aber keine Widerlegung. Widerlegen können das nur gute Gründe. Und ein solches Forum sollte - meines Erachtens - (auch) dazu da sein, mit solchen Begründungen aufzuwarten.
Was denkst Du also den selbst, und warum? ("Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!", sagte Kant bereits vor etlichen Jahren!)
Was Dein Zitat meines Textes betrifft, so hast Du natürlich völlig recht, das müsste selbstverständlich heißen "..., d.h. der Kritiker meint ..." - so etwas kann passieren, sorry! Ich hoffe, du siehst mir dies nach, weil es ja um die Sache, und nicht primär um das Wort gehen sollte.
Daniel Behrendt (25.05.2006, 10:58): Leute, Leute, seit ihr hart! Natürlich gibt es Kritiker, die ihre rein subjektive Einschätzung im Brustton der Überzeugung als Naturgesetz verkaufen wollen. Das Gros der Zunft bemüht sich m.E. aber tatsächlich darum, sich einem breiten Publikum verständlich zu machen.
Außerdem: Es macht doch Spaß, sich an dem Krempel zu reiben, den ein Kritiker verzapft hat.
Bezüglich des zur Anwendung kommenden Quantums an Fachchinesisch halte ich folgende Faustregel für praktikabel: In der regionalen Tagespresse möglichst nicht voraussetzen, dass das Gros der Leserschaft aus Musikwissenschaftlern und Konservatoriumsprofessoren besteht. In überregionalen Blättern und in der Fachpresse darf man hingegen mit deutlich informierteren Lesern rechnen. Dennoch ist keiner dieser beiden unterschiedlichen Ansätze besser oder "höherwertiger" als der andere. Vielmehr geht es darum, dass ein Text seiner Leserschaft gerecht wird, oihne sich anzubiedern - und das gelingt m.E. in vielen Fällen ganz gut - was will man mehr... LG! dab
ab (25.05.2006, 11:32): Original von Daniel Behrendt Vielmehr geht es darum, dass ein Text seiner Leserschaft gerecht wird, oihne sich anzubiedern - und das gelingt m.E. in vielen Fällen ganz gut - was will man mehr...
Ich finde - dem entgegen - leider so gut wie keine Fälle, wo das auch nur anäherungsweise "ganz gut" gelingt. Das meiste, was ich lese, empfinde ich als anbiedernd und vor allem als inkompetent. Ich möchte doch erfahren, wie das Konzert war und nicht, für wie wortgewandt oder "zeitgeistig" sich der Autor hält. (Inkompetente Nichtssagendheit scheint mir der selbe Fehler zu sein, wie musikwissenschaftliches Vokabular auf Zeitungsleser loszulassen!)
Daniel Behrendt (25.05.2006, 12:49): Zitat ab: Ich finde - dem entgegen - leider so gut wie keine Fälle, wo das auch nur anäherungsweise "ganz gut" gelingt. Das meiste, was ich lese, empfinde ich als anbiedernd und vor allem als inkompetent. Ich möchte doch erfahren, wie das Konzert war und nicht, für wie wortgewandt oder "zeitgeistig" sich der Autor hält.
Lieber ab,
Da git's nur eins: Selber machen, besser machen!
ab (26.05.2006, 10:39): Original von Daniel Behrendt Zitat ab: Ich finde - dem entgegen - leider so gut wie keine Fälle, wo das auch nur anäherungsweise "ganz gut" gelingt. Das meiste, was ich lese, empfinde ich als anbiedernd und vor allem als inkompetent. Ich möchte doch erfahren, wie das Konzert war und nicht, für wie wortgewandt oder "zeitgeistig" sich der Autor hält.
Lieber ab,
Da git's nur eins: Selber machen, besser machen!
Genau!
AcomA (27.05.2006, 19:25): lieber Daniel,
brilliant ! :down
also, um mal aus dem leben zu greifen: die konzertkritik zu argerich/freire, dem eröffnungsabend des ruhrfestivals in der essener philharmonie, traf IMO ins schwarze ! eine adäquate kritik ohne anbiederung. was heißt überhaupt anbiederung ? ich habe auch schon totale verrisse berühmter künstler gelesen. da wir hier im rhein-ruhrgebiet eine hohe dichte an musikkennern, konservatorien und tageszeitungen haben, ist es wohl zwangsläufig, dass die kritiker versuchen, dem abend gerecht zu werden. sonst machen sie sich und ihr blatt lächerlich. uns ob eine darbietung nun top of the top oder nur top war, kein beinbruch !
gruß, siamak :)
ab (28.05.2006, 13:06): Original von AcomA also, um mal aus dem leben zu greifen: die konzertkritik zu argerich/freire, dem eröffnungsabend des ruhrfestivals in der essener philharmonie, traf IMO ins schwarze ! eine adäquate kritik ohne anbiederung.
Könntest Du uns diese Zeilen hier posten, damit auch wir "aus dem Leben greifen" und uns selbst ein Bild davon machen können?
Gute Rezensionen sollten ja insbesondere einen Nutzen bringen können, gerade wenn man nicht selbst in diesem Konzert war...
Gerion (15.05.2006, 19:19): Liebes Forum,
ich bin neu hier, und habe eine ganze Weile mitgelesen. Jetzt will ich es mal selbst mit einem Thread versuchen: Was bedeuten für Euch Konzertkritiken?
Zum Hintergrund: Ich selbst habe als Klassik-Neuling erst wenige Konzerte besucht (ca 10). Nach einigen habe ich Kritiken in der Tages- bzw. Lokalpresse gelesen. Meist haben diese Kritiken mich kaum weiter gebracht. Denn sie entbehrten jeglicher Verständlichkeit für "Einsteiger". Ich frage mich: Zieht überhaupt jemand Nutzen daraus, der selbst keine fundierte musikalische und musiktheoretische Ausbildung genossen hat?
Wie geht es Euch mit Kritiken? Lest ihr sie überhaupt? Findet Ihr euch darin bestätigt, abgelehnt oder habt Ihr den Eindruck, dass auf einer anderen "Ebene" kritisiert und kommentiert wird?
Was sagt Ihr außerdem zu folgender These: Wer neu in die Klassik einsteigt und Konzerte besucht, sollte erst nach einigen Jahren mit dem anschließenden Lesen von Kritiken beginnen, um sich sein eigenes Bild zu bilden, sein Gespür entwickeln und - platt gesagt - überhaupt selbst Geschmack entwickeln zu können...
Ich freue mich auf Eure Resonanz!
Euer Gerion
Rachmaninov (15.05.2006, 19:27): @Gerion,
ich besuche recht wenige Konzerte, da ich etwas "abseits" der großen Bühnen wohne und ich meist nicht so frei planen kann wie es nötig ist wäre um frühzeitig "top" Karten zu bekommen.
Konzertkritiken lese ich grundsätzlich nicht.
Während des Konzerts bilde ich mir meine Meinung und letztendlich finde ich weder eine Bestätigung noch eine Erleuchtung wenn ein anderer die gleiche oder eine konträre Meinung nieder schreibt.
Hier im Forum sehe ich dies allerdings etwas anders, da man sich im Laufe der Zeit ein klares Bild über den Geschmack der Forenmitglieder machen kann! :wink
AcomA (15.05.2006, 23:06): hallo,
meine antwort lautet: nichts ! :A
gruß, siamak :)
ab (16.05.2006, 14:57): Hallo Gerion, spannendes Thema!
Ich denke, man sollte Konzertkritiken von Konzertrezensionen unterscheiden.
In der Kritik wird ein ""subjektives" Werturteil abgegeben, d.h. der Rezensent meint, das Konzert verreißen oder in den höchsten Himmel loben zu dürfen - oder etwas dazwischen drin.
In der Rezension hingegen sollte versucht werden, das "objektiv" Spezifische der Aufführung in Worte zu fassen. Hier geht es nicht um Bewertung, sondern um Beschreibung. (Das heißt natürlich nicht, dass keinerlei Wertung zugrunde liegt: Die Auswahl der beschriebenen Aspekte hängt selbstverständlich davon ab, was der Rezensent für wichtig erachtet.) Konzertrezensionen - sie auch CD-Rezensionen - sind leider sehr, sehr selten.
Einer Kritik mag man übereinstimmend zustimmen oder sie ablehnen; aus einer Rezension hingegen sollte man etwas lernen können, und zwar über Musik im Allgemeinen und über die konkrete, gehörte Musik im Besonderen.
Dann gibt es natürlich Zwischendinge. Heute beispielsweise bin ich über folgende CD-Rezension der Haydn-Klaviersonate, gespielt von Evenyi Koroliov gestoßen: http://www.klassik-heute.de/besprechungen/17800.shtml Dort wird das Werturteil implizit getroffen, dass Haydn humorvoll, witzig und schalkhaft, lebenslustig und drängend zu spielen sei (Wertprinzip), dass andere Interpretationen "an Haydn vorbei" seien. Dann wird gesagt, dass Koroliovs Aufnahme diese Eigenschaften nicht hat und dass sie deshalb verfehlt sei (Werturteil). Immerhin wird beschrieben, dass sie "mit eherner Geläufigkeit" gespielt sei, dass - dem Kritiker, Herrn Cosé, zufolge - die Musik "nicht wirklich zum Leben erweckt" würde. Er spricht von "schöner Leblosigkeit". Vergessen wir einmal, dass eine solche Charakterisierung eindeutig negativ konnotiert ist, und man sich daher nicht nur als Klassik-Beginner wohl kaum motiviert sieht, sich diese Aufnahme anzuhören, dann wird immerhin die Aufnahme als "eherne Geläufigkeit" und als "schön" charakterisiert. Dies sind, übrigens, zwei Eigenschaften, die beispielsweise auch auf den hier im Forum so hoch gelobten Mozart-Zyklus von Frau Uchida zutreffen.
Nun wird man als Leser mit den wichtigsten Fragen alleine gelassen:
- Warum ist so etwas bei Uchida gut; nicht aber bei Koroliov?
- Heißt Cosé zufolge „zum Leben erwecken“ nichts anderes als die von ihm geforderten Eigenschaften (humorvoll, witzig und schalkhaft, lebenslustig und drängend) zu haben (dann erfahren wird nichts weiteres über die Musik, sondern nur über sein Wertprinzip – und das Gesagte ist daher redundant); oder aber bezieht sich dieses Urteil auf die „eherne Geläufigkeit“, was ja etwas über die Aufnahmen aussagen würde?
- Warum sollte man das Cosé’sche Wertprinzip teilen?
Hier kann man nur mutmaßen, oder besser: sich selbst ein Urteil bilden. Die Gefahr ist nur, das man mit der Cosé’schen Vor-Information so beeinflusst sein könnte, dass man die Kritik in die Musik hineinhört, statt unvoreingenommen herauszuhören, was wirklich die Eigenart Koroliovs tatsächlich ausmacht.
Ganong (16.05.2006, 15:24): Lieber Richard , lieber Siamak ,
ich stimme Euch ohne Einschränkung zu !
#Wer die Monopolisten der Rezensentenszene mit ihrem inneren geschlossenen Zirkel kennt , der weiss , wie das doch fast alles aufgeteilt ist .
Es gab und gibt ( sehr wenige ) Könner und auch könnerinnen :hello wie Joan Chissel oder N. Spender .
Aber wenn ich an den fürchterlichen Schreiber Neukirchen in der Düsseldorfer "rheinischen Post" wie seinen nachfolger in der Unfägkeit W. Goertz mit seiner schnöden Arroganz denk eoder H. H. Stuckenschmidt früher in der FAZ , nein , dann lese ich lieber die Noten oder repetiere meine weniger werdenden Anatomie kenntnisse , etwa , dass es eine Arteria communis anterior gibt ( hab ich ja auch ) .
Das triste Beispiel ist diese Hofberichterstattung durch Frau Büning im Interview mit Barenboim in der FAZ von letzter Woch e: Grausamer gehts nicht !
Und über Barenboim reicht lebenslänglich das kapitel von Norman Lebrecht in "der Mythos vom Maestro" .
Hören und selbst ein Urteil bilden und hier niederschreiben . Alles Gute ! Frank
Jürgen (17.05.2006, 09:22): Hallo ab,
wo hast Du denn die Definitionen der Begriffe Rezension und Kritik her.
Imho ist der einzige Unterschied, daß eine Kritik aus einem einzigen Wort bestehen kann und die Rezension die Größenordnung eines Artikels hat. Ansonsten sind die Begriffe nicht zu trennen. Insbesondere habe ich nach kurzer Recherche widerlegt gefunden, daß eine Rezension objektiv zu sein habe.
Du selbst scheinst mit der Trennung Probleme zu haben. So ist der Verfasser einer Kritik ein Rezensent.
In der Kritik wird ein ""subjektives" Werturteil abgegeben, d.h. der Rezensent meint,
@Gerion Mir geht es ähnlich wie rachmaninov, ich komme viel zu selten ins Konzert/Oper. Sollte mir aber zuvor ein Artikel über die Aufführung, die ja meist mehrmals gegeben wird, über den Weg laufen, so lese ich sie mit Interesse. Insbesondere bei Operninszenierungen kann ich hier wichtige Eindrücke erhalten. Lese ich den Artikel hinterher, überprüfe ich, ob sich meine Eindrücke mit denen des Kritikers decken oder nicht. Stellen mit übertriebenem Fachjargon überspringe ich, schlimmstenfalls 90% des Artikels. Aber mit der Zeit lernt man das Vokabular kennen, auch mithilfe von Klassikforen.
Grüße Jürgen
Mime (17.05.2006, 18:17): Ich hab mich einmal auf einen Kritiker verlassen - oder wars ein Rezensent? - und schon bestellte Karten für Wagners Ring nach Lesen der Kritik (Rezension) wieder abbestellt. Hinterher hat sich das als Fehler erwiesen,denn das Publikum hatte eine ganz andere Meinung und alle Aufführungen waren restlos ausverkauft. Auch bei der Wiederaufnahme ein Jahr später hatte ich keine Chancen mehr,an Karten zu kommen.Das war die Strafe für meine Dummheit. Und die Moral von der Geschicht: Trau einem Rezensenten nicht! (Bei Kritiker hätte das Versmaß nicht gepaßt)
so verwende ich diese Begriffe, die hab' ich aus meinem Kopf, wie man so sagt. Diese Unterscheidung scheint mir nützlich, um meine Gedanken zu verdeutlichen und fruchtbar, um Unterschiede in den Machenschaften der Presse charakterisieren zu können.
Der Unterschied ist genau jener, den ich ausgeführt habe. Das ist nicht als Definition zu verstehen, sondern als Begriffserläuterung, damit wir nicht aneinander vorbeireden. Der Unterschied hängt jedenfalls nicht von der Wortanzahl ab.
Wenn Du schreibst, Du hättest "nach kurzer Recherche widerlegt gefunden, daß eine Rezension objektiv zu sein habe", so meinst Du - so vermute ich - dass irgend jemand anderes dies behauptet hat. Die Gegenbehauptung ist aber keine Widerlegung. Widerlegen können das nur gute Gründe. Und ein solches Forum sollte - meines Erachtens - (auch) dazu da sein, mit solchen Begründungen aufzuwarten.
Was denkst Du also den selbst, und warum? ("Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!", sagte Kant bereits vor etlichen Jahren!)
Was Dein Zitat meines Textes betrifft, so hast Du natürlich völlig recht, das müsste selbstverständlich heißen "..., d.h. der Kritiker meint ..." - so etwas kann passieren, sorry! Ich hoffe, du siehst mir dies nach, weil es ja um die Sache, und nicht primär um das Wort gehen sollte.
Daniel Behrendt (25.05.2006, 10:58): Leute, Leute, seit ihr hart! Natürlich gibt es Kritiker, die ihre rein subjektive Einschätzung im Brustton der Überzeugung als Naturgesetz verkaufen wollen. Das Gros der Zunft bemüht sich m.E. aber tatsächlich darum, sich einem breiten Publikum verständlich zu machen.
Außerdem: Es macht doch Spaß, sich an dem Krempel zu reiben, den ein Kritiker verzapft hat.
Bezüglich des zur Anwendung kommenden Quantums an Fachchinesisch halte ich folgende Faustregel für praktikabel: In der regionalen Tagespresse möglichst nicht voraussetzen, dass das Gros der Leserschaft aus Musikwissenschaftlern und Konservatoriumsprofessoren besteht. In überregionalen Blättern und in der Fachpresse darf man hingegen mit deutlich informierteren Lesern rechnen. Dennoch ist keiner dieser beiden unterschiedlichen Ansätze besser oder "höherwertiger" als der andere. Vielmehr geht es darum, dass ein Text seiner Leserschaft gerecht wird, oihne sich anzubiedern - und das gelingt m.E. in vielen Fällen ganz gut - was will man mehr... LG! dab
ab (25.05.2006, 11:32): Original von Daniel Behrendt Vielmehr geht es darum, dass ein Text seiner Leserschaft gerecht wird, oihne sich anzubiedern - und das gelingt m.E. in vielen Fällen ganz gut - was will man mehr...
Ich finde - dem entgegen - leider so gut wie keine Fälle, wo das auch nur anäherungsweise "ganz gut" gelingt. Das meiste, was ich lese, empfinde ich als anbiedernd und vor allem als inkompetent. Ich möchte doch erfahren, wie das Konzert war und nicht, für wie wortgewandt oder "zeitgeistig" sich der Autor hält. (Inkompetente Nichtssagendheit scheint mir der selbe Fehler zu sein, wie musikwissenschaftliches Vokabular auf Zeitungsleser loszulassen!)
Daniel Behrendt (25.05.2006, 12:49): Zitat ab: Ich finde - dem entgegen - leider so gut wie keine Fälle, wo das auch nur anäherungsweise "ganz gut" gelingt. Das meiste, was ich lese, empfinde ich als anbiedernd und vor allem als inkompetent. Ich möchte doch erfahren, wie das Konzert war und nicht, für wie wortgewandt oder "zeitgeistig" sich der Autor hält.
Lieber ab,
Da git's nur eins: Selber machen, besser machen!
ab (26.05.2006, 10:39): Original von Daniel Behrendt Zitat ab: Ich finde - dem entgegen - leider so gut wie keine Fälle, wo das auch nur anäherungsweise "ganz gut" gelingt. Das meiste, was ich lese, empfinde ich als anbiedernd und vor allem als inkompetent. Ich möchte doch erfahren, wie das Konzert war und nicht, für wie wortgewandt oder "zeitgeistig" sich der Autor hält.
Lieber ab,
Da git's nur eins: Selber machen, besser machen!
Genau!
AcomA (27.05.2006, 19:25): lieber Daniel,
brilliant ! :down
also, um mal aus dem leben zu greifen: die konzertkritik zu argerich/freire, dem eröffnungsabend des ruhrfestivals in der essener philharmonie, traf IMO ins schwarze ! eine adäquate kritik ohne anbiederung. was heißt überhaupt anbiederung ? ich habe auch schon totale verrisse berühmter künstler gelesen. da wir hier im rhein-ruhrgebiet eine hohe dichte an musikkennern, konservatorien und tageszeitungen haben, ist es wohl zwangsläufig, dass die kritiker versuchen, dem abend gerecht zu werden. sonst machen sie sich und ihr blatt lächerlich. uns ob eine darbietung nun top of the top oder nur top war, kein beinbruch !
gruß, siamak :)
ab (28.05.2006, 13:06): Original von AcomA also, um mal aus dem leben zu greifen: die konzertkritik zu argerich/freire, dem eröffnungsabend des ruhrfestivals in der essener philharmonie, traf IMO ins schwarze ! eine adäquate kritik ohne anbiederung.
Könntest Du uns diese Zeilen hier posten, damit auch wir "aus dem Leben greifen" und uns selbst ein Bild davon machen können?
Gute Rezensionen sollten ja insbesondere einen Nutzen bringen können, gerade wenn man nicht selbst in diesem Konzert war...