Was kann ich meinen Schülern im Unterricht zeigen? (aktuelle moderne klassische Musik)

neuemusikliebhaber (01.09.2022, 23:49):
Liebes Forum
Die moderne klassische Musik ist ein sehr weites Feld.
In den letzten Jahren haben sich viele neue Richtungen und Stile entwickelt.
Dabei ist es nicht immer leicht, als Anfänger den Überblick zu behalten und die passende Musik für sich zu finden.
Welche Komponisten der aktuellen heutigen Zeit sind eure Favoriten?
Ich persönlich bin ein großer Fan der Filmmusik.
Mir gefällt die Art, wie die Musik die Stimmung eines Films transportieren kann und dabei doch sehr vielseitig sein kann.
Einige meiner Lieblingskomponisten sind Hans Zimmer, John Williams und Howard Shore.
Zudem mag ich Komponisten wie Max Richter (Vivaldi Remix), Mokus Green (5. Symphony) oder auch Phillip Glass (Amazonas).
Was kann ich meinen Schülern im Unterricht zeigen - was sind eure Favoriten? Was denkt ihr über oben genannte Komponisten?
Abschließend möchte ich sagen, dass es wichtig ist, verschiedene Komponisten zu hören und zu erforschen.
Jeder hat seine eigenen Vorlieben, aber es ist auch wichtig, andere Stile auszuprobieren.
:)
Joe Dvorak (02.09.2022, 01:11):
Hallo neuemusikliebhaber!

Schoen einen Neuemusikliebhaber im Forum begruessen zu duerfen. Herzlich Willkommen! :hello
Das sind viele Fragen auf einmal.
Welche Komponisten der aktuellen heutigen Zeit sind eure Favoriten?
John Zorn. Ich gebe dir voellig recht, die Zahl der Richtungen und Stile ist kaum ueberschaubar und es hilft eigentlich nur Versuch und Irrtum, um fuer sich das Passende zu finden. Und selbst wenn man sich in diesem Dschungel einigermassen orientiert hat, gilt es immer noch, herausragende Komponisten und Werke unter den 'nur' guten aufzuspueren. Zorn finde ich deswegen interessant, weil er sehr vielseitig ist. Von abstrakten Zufallsstuecken und polystilistischen Collagen ueber Post-Minimalismus und Elektronik/Noise bis hin zu Filmmusik und Crossover ist alles dabei. Und das meiste ist mehr als 'nur' gut. Im Faden zum Komponisten (-> hier) gibt es einige Kurzbesprechungen zu Werken/Alben.
Was kann ich meinen Schülern im Unterricht zeigen - was sind eure Favoriten?
Handelt es sich um Schueler einer Musikschule oder um Musikunterricht in der Schule oder soll das ausserhalb des Musikunterrichts gezeigt werden? Das ist in jedem Falle schwierig. Von einem Konzertbesuch weiss ich, dass John Adams bei juengerem Publikum Eindruck gemacht hat. Ich denke, das ist ein lebender Komponist, den man Schuelern 'gefahrlos' vorstellen kann. Glass' Koyaanisqatsi sollte auch gehen - das hat allerdings schon 40 Jahre auf dem Buckel, ist also nicht ganz exakt aktuelle heutige Zeit.
Was denkt ihr über oben genannte Komponisten?
Hier muss ich frei heraus gestehen, dass ich die ersten fuenf genannten wenig bis gar nicht kenne. Von Zimmer und Williams habe ich hier und da schon was gehoert, von Shore, Richter und Green noch nie. (Das Feld ist eben sehr weit.) Glass, den ich frueher sehr mochte (Music in 12 Parts, Satyagraha, Violinkonzert), hoere ich heute gar nicht mehr. Ich finde die Post-Minimalisten, die seine (und Youngs, Reichs, Rileys) Ideen weiterentwickelt haben, interessanter. Das bringt uns zu der Aussage:
Abschließend möchte ich sagen, dass es wichtig ist, verschiedene Komponisten zu hören und zu erforschen. Jeder hat seine eigenen Vorlieben, aber es ist auch wichtig, andere Stile auszuprobieren.
Eine solche Feststellung proviziert die Frage: sagt wer?
Ich stimme dir zu, mir ist das auch wichtig. Aber es gibt Musikliebhaber, die Zeit ihres Lebens kaum mehr als immer wieder neue Einspielungen des Standardrepertoires hoeren. Denen ist es offenbar nicht wichtg. Ich verbringe ca. 2/3 meiner Hoerzeit mit 'Ausprobieren' und in mehr als 90% der Faelle bleibt es bei einem Mal. Bei so einer Ausbeute mag man sich fragen, ob die viele Zeit nicht 'verschwendet' ist und man lieber bei den Vorlieben bleibt.
Philidor (02.09.2022, 07:39):
Moin und ebenfalls herzlich willkommen!
Die moderne klassische Musik ist ein sehr weites Feld.
Sehr richtig!

Man könnte nun bemerken, dass "modern" und "klassisch" fast einander ausschließen. Kunst wird eigentlich erst dann klassisch, wenn sie nicht mehr modern ist. Aber das wäre nur ein Spiel mit den Bedeutungen des Wortes "klassisch" und kaum eine ernstgemeinte Antwort ...
In den letzten Jahren haben sich viele neue Richtungen und Stile entwickelt.
... allerdings gewinnt obige flapsige Antwort an Ernst in diesem Kontext. Von "Richtungen" und "Stilen" spricht man doch erst, wenn man mehrere Beispiele dafür hat, richtig? Welche Richtungen und Stile haben sich Deiner Meinung nach "in den letzten jahren" entwickelt und was wären für diese Richtungen und Stile Deine Beispiele? (Zwei oder drei Beispiele pro Richtung und Stil sollten genügen.)

(Vielleicht habe ich auch "in den letzten Jahren" anders umrissen - ich habe jetzt so etwas wie "2000 bis 2022" assoziiert.)
Dabei ist es nicht immer leicht, als Anfänger den Überblick zu behalten und die passende Musik für sich zu finden.
Anfänger haben nie den Überblick. (Es sei denn, sie machen ihre erste Besteigung der Zugspitze und haben dann von oben den Überblick. :) ) Das ist ja gerade ein Teil des Anfängertums.

"Passende Musik für sich (also Dich) zu finden" - hm. Das klingt für mich so wie "Ich will in der Komfortzone meiner Hörerwartung bleiben. Musik soll zu mir passen, so wie ich jetzt gerade bin". Würde sich jemand aus dem Anfängerstatus herausentwickeln, so wäre er ja nicht mehr derselbe ...

Ich finde es sehr spannend, sich an ungewohnt klingender Musik, die gerne bestehende Hörerfahrungen und -erwartungen konterkarieren darf, weiter zu entwickeln. Die Frage, ob's "passt", ist aus meiner Sicht ziemlich unwichtig.
Welche Komponisten der aktuellen heutigen Zeit sind eure Favoriten?
In der heutigen aktuellen Zeit: Per Norgard. Wolfgang Rihm, Erkki-Sven Tüür, Jörg Widmann. Und oft das, was gerade läuft.
In der heutigen nichtaktuellen Zeit: John Williams, Peteris Vasks.
Ich persönlich bin ein großer Fan der Filmmusik
Ok.
Mir gefällt die Art, wie die Musik die Stimmung eines Films transportieren kann und dabei doch sehr vielseitig sein kann.
Könnte es auch so sein, dass der Film durch die Musik zum Gesamtkunstwerk wird? Dass die Musik nicht nur die Optik verdoppelt wie ein schlechter Schauspieler, der in Mimik und Gestik nur das verdoppelt, was sowieso im Text steht? Könnte die Musik nicht bspw. einen Gegensatz zur Optik bieten und andere Erzählebenen öffnen? (Wagner, Ring) Nicht immer, aber ab und zu?
Einige meiner Lieblingskomponisten sind Hans Zimmer, John Williams und Howard Shore.
Zudem mag ich Komponisten wie Max Richter (Vivaldi Remix), Mokus Green (5. Symphony) oder auch Phillip Glass (Amazonas).
Was kann ich meinen Schülern im Unterricht zeigen - was sind eure Favoriten? Was denkt ihr über oben genannte Komponisten?
Was unterrichtest Du eigentlich? Freeclimbing? Yoga? Falls Musik: Welches Instrument? Oder vielleicht Tonsatz, Gehörbildung, Musikgeschichte? Sind Deine Schüler sieben oder siebzehn jahre alt?Spielen sie ein Instrument?
Abschließend möchte ich sagen, dass es wichtig ist, verschiedene Komponisten zu hören und zu erforschen.
Ja klar - würde man immer nur Werke ein- und desselben Komponisten hören, wäre das auf Dauer einseitig. Sogar bei Desprez, Monteverdi, Bach, Haydn, Schubert, Brahms, Schönberg und Messiaen. Nicht bei Strawinsky - der hat in so vielen Stilen komponiert ...
Jeder hat seine eigenen Vorlieben, aber es ist auch wichtig, andere Stile auszuprobieren
Die lebensreale Tiefe mancher Aussagen erschließt sich erst dann, wenn man sie auf andere Lebensbereiche überträgt.

Bei manchen Dingen reicht mir allerdings die Beschreibung, ich muss das nicht ausprobieren. (Als Fischer-Dieskau seine ersten Gehversuche als Dirigent machte, lud er Otto Klemperer zu einem Konzert ein. Dieser sagte ab mit den Worten: "Ich kann leider nicht kommen, ich singe an diesem Abend die Winterreise.")

Dir viel Freude und lebhafte Weiterentwicklung beim Erforschen der Musik aus jüngster Zeit!

Da alle ernstzunehmenden Komponisten ein ziemlich breites Spektrum aus der Musikgeschichte der letzten tausend Jahre kennen, schadet es allerdings auch nicht, deren Weg nachzugehen, wenn man nachvollziehen will, zu welchen Ergebnissen sie gelangten.

Gruß
Philidor

:hello
satie (02.09.2022, 12:36):
Hallo,
ich denke, die wichtigste Frage ist zuerst, um welche Art von Schülern es sich handelt. Alter, Hörerfahrung, musikalisches Wissen. Vorher ist es schwierig, wobei ich stets der Meinung war, dass man jedem Schüler grundsätzlich alles zeigen kann, es kommt dann nur darauf an, wie genau und welche Aspekte man wie betrachten kann. Um aber Empfehlungen bzgl. Repertoire abzugeben, sind hier mehr Informationen nötig, auch zu deiner Person. Philidor fragt ja ganz richtig danach, was Du genau machst. Ich selber unterrichte an einer Musikschule und kann immer davon ausgehen, dass die Schüler ein Instrument spielen und Noten lesen können (na ja, mehr oder weniger), bei Schulmusik hingegen gibt es da schon Einschränkungen.

Herzliche Grüße
Satie
Joe Dvorak (03.09.2022, 04:36):
(...)
Man könnte nun bemerken, dass "modern" und "klassisch" fast einander ausschließen. Kunst wird eigentlich erst dann klassisch, wenn sie nicht mehr modern ist. Aber das wäre nur ein Spiel mit den Bedeutungen des Wortes "klassisch" und kaum eine ernstgemeinte Antwort ...
In den letzten Jahren haben sich viele neue Richtungen und Stile entwickelt.
... allerdings gewinnt obige flapsige Antwort an Ernst in diesem Kontext. Von "Richtungen" und "Stilen" spricht man doch erst, wenn man mehrere Beispiele dafür hat, richtig?
(...)
(Vielleicht habe ich auch "in den letzten Jahren" anders umrissen - ich habe jetzt so etwas wie "2000 bis 2022" assoziiert.)
Ich habe das als 'ab 1950' verstanden, weil es von da an 'viele neue Richtungen und Stile' gab. Da muss @neuemusikliebhaber Aufklaerung schaffen.
Einen mMn guten Artikel zum ausgewaehlt zitierten Komplex gibt es bei Helpster. Sicher kann man Details mokieren (die Gleichsetzung von Postmoderne und Aleatorik, "Lugeti", Stockhausen und Minimalismus), aber es wird hier sehr einfach (dem 'Anfaenger', der einen Ueberblick sucht) gezeigt, dass Klassik modern und Moderne klassisch sein kann und dass klassisch und klassisch nicht dasselbe ist und wie sich die uebergordneten neuen Stile und Richtungen gegenseitig bedingt haben, wie sie aufeinander Bezug nehmen und sich voneinander abgrenzen.
Philidor (03.09.2022, 08:39):
Ich habe das als 'ab 1950' verstanden, weil es von da an 'viele neue Richtungen und Stile' gab.
Ok, das ergibt Sinn. Sagen wir: Ab 1945. Da gab es die Nach-Romantiker wie Henze, da gab es die Serialisten wie Boulez, da gab es (etwas später) elektronische Musik, politische Musik gab sich ohne Masken als solche zu erkennen ("Ein Überlebender aus Warschau", Nono, ...), man durfte durchgeknallt sein (Stockhausen) und trotzdem coole Musik schreiben, es gab Ligetis Seitenwege, die er bis zum Ende ging und dann nicht weiterverfolgte (Atmosphères, Lux aeterna, Poème symphonique, Volumina, Continuum/Coulée), dies im Gegensatz zu kleineren Geistern, die eine erfolgreiche Masche perpetuierten (Leifs, Glass, Pärt). Strawinsky lebte noch, auch Bartók, sogar Strauss.

Also ab 1945 ist es tatsächlich ein weites Feld, das sich in Teilen auch ganz gut ordnen lässt, um irgendwie reinzukommen und um irgendwann später der Schubladen nicht mehr zu bedürfen.

Ich fand das hier ganz hilfreich:



Auch Band II. - Ich fand es stets sehr hilfreich. eine gute Biografie eines Komponisten zu haben und mich daran entlangzuhören. (Z. B. Krzysztof Meyer: Schostakowitsch. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit.)

Und heute hat man ziemlich alles im Zugriff durch Streaming, und das Internet bietet viel Information.

Um 1990 herum, als ich mir ähnliche Fragen stellte wie NeueMusikLiebhaber, gab es weder Internet noch Streaming, Bücher mussten auf Verdacht im Laden bestellt werden, und amazon hieß "Bielefelder Katalog" (oder "Quelle-Katalog"). Fehlkäufe waren genauso teuer wie bereichernde.
satie (03.09.2022, 10:06):
Den Dibelius kann ich auch empfehlen. Der zweite Band geht leider nur bis 1985. Wenn es also um die junge/jüngere Generation geht, wird es schwieriger. Ich habe ad hoc leider keine andere Empfehlung zur Hand. Ich denke aber, jetzt wäre der Fragesteller erst einmal dran, sich ausführlicher zu erklären.

Herzliche Grüße
Satie
satie (17.09.2022, 16:51):
Es ist immer wieder schön zu sehen, wie das Ausbleiben der gewünschten Antwort - die unmöglich zu geben ist, wenn man keine Kristallkugel oder ein besonderes urogenitales Gespür hat - dazu führt, dass alle, die sich trotz der dürftigen Ausgangsinformationen bemüht haben, behilflich zu sein, vom Themenstarter mit keiner weiteren Reaktion bedacht werden. Es hat bei mir den Effekt, dass ich es künftig einfach sein lasse.
Musste ich mal loswerden.
Andréjo (17.09.2022, 17:25):
:(

Hoffen wir mal noch, dass es in dem anderen Thread, der auch schon bald eine Woche läuft, anders ist. Dort sind mittlerweile etliche Geheimtipps - was immer das sein will - eingetrudelt ...

:) Wolfgang
Donaldist (17.09.2022, 17:56):
Mir persönlich gefiel das Buch von Ingo Metzmacher sehr. Und seine Einspielung der Hartmann Sinfonien sind meine Referenz.



Schönes Wochendende!
Philidor (17.09.2022, 18:11):
Musste ich mal loswerden.
Volles Verständnis. Ist auch in einem anderen Thread zu bestaunen.
ein besonderes urogenitales Gespür
ROFL ...

Das von Donaldist empfohlene Buch finde ich auch gut und hilfreich!
Joe Dvorak (17.09.2022, 18:14):
Ich muesste jetzt das Alltagspsychologiebuch von Kitz & Tusch rausziehen. Das habe ich aber nicht mehr, also muss ich es anektodisch aus dem Gedaechtnis holen. Wir tendieren dazu, bei unmoralischem Handeln boese Absicht zu unterstellen. Das ist voellig normal und hat irgendetwas mit dem Gehirn zu tun (womit auch sonst?) Aber es ist deswegen nicht richtig. Im konkreten Fall wissen wir nicht, warum sich der Fragesteller (noch) nicht wieder gemeldet hat. PC kaputt, Internet ausgefallen oder -behuete- ein ploetzlicher Trauerfall... Daher gibt es von mir keine Trotzreaktion, die dem naechsten Neuling, der da rein gar nichts dafuer kann, schon von vorne herein boese Absicht unterstellt.
satie (17.09.2022, 23:52):
Such mal nach Mokus Green. Dann wird dir was auffallen. Hab ich aber auch erst heute gemerkt, ich Trottel...
Joe Dvorak (18.09.2022, 01:13):
Clickphishing... und nicht mal schlecht gemacht. Da sind wir in der Tat die Deppen. :thumbup:

Meine Warnung vor voreiligen Schluessen bleibt freilich bestehen. Die Naechste meint es vielleicht wirklich ernst und das Ausbleiben jeglicher Reaktion nimmt ihr gleich wieder die Motivation, sich hier einzubringen...
Joe Dvorak (18.09.2022, 01:52):
Ich habe in diese 5te reingehoert. Weniger als 30 Sekunden pro Satz - dann wird der Stream nicht gezaehlt und bezahlt. Das reicht mir aber voellig, um es fuer mich als Nasensekret zu identifizieren. :haha