Was macht die alten Damen und Herren so besonders?

Walter (08.05.2007, 08:55):
Hallo,

bei mir läuft gerade regelmäßig eine Box von Claudio Arrau:

The Final Sessions

Arrau hat diese Box mit über 80 Jahren kurz vor seinem Tod aufgenommen. Mal abgesehen von der hervorragenden Klangqualität begeistert mich der greise Arrau mit ganz eigenständigen Interpretationen.


http://ec1.images-amazon.com/images/I/51fLqlUs3pL._AA240_.jpg


Auch von Artur Rubinstein habe ich einige CD's, die er erst in hohem Alter aufgenommen hat. Auch diese Aufnahmen fallen aus der Reihe!


Wie schaffen es die alten Damen und Herren nur gegenüber ihren jüngeren Kollegen Gehör zu finden und nicht zu verblassen?

Kennt Ihr noch andere Beispiele?


Gruss,
satie (08.05.2007, 13:18):
Lieber Walter,
wie generell im Leben wird es so sein, dass wache Menschen mit den Jahren reifen wie ein guter Rotwein, während jene, die stehen bleiben im Stehenbleiben stagnieren. Wenn man nun die ganz großen betrachtet, so haben sie auch immer wieder an sich gearbeitet (und sei es, indem sie hie und da pausiert haben und dadurch Distanz zu sich gewonnen haben). Viele Beispiele gibt es auch, die zeigen, wie sich das Repertoire verändert hin zu den durchgeistigten Werken, weg vom Virtuosen je älter die Interpreten wurden, doch ist das natürlich nicht zu verallgemeinern. Aber es gibt einige Fälle, wo sich Pianisten etwa dem Werk Bachs erst spät verstärkt gewidmet haben.
Natürlich könnten wir aber auch ganz andere Thesen heranführen, etwa die Anthroposophischen Lebensabschnitte. Da würden wir dann sagen müssen, dass sie sich natürlich mit jedem Siebenjahreszyklus ohnehin mehr zum Spirituellen hin bewegen und geistiger werden, es also eine Art Naturgesetz ist. Das allerdings soll jeder handhaben wie er möchte. Ich bin der Ansicht, dass die großen Interpreten aufs Alter tatsächlich einiges gewonnen haben, doch muss das nicht immer der Fall sein, manche brennen auch aus und werden nur noch öde.

S A T I E
Walter (08.05.2007, 16:08):
lieber Satie,

natürlich gibt es hier eine ganz starke anthroposophische Betrachtungsebene. Auch Dein Vergleich mit dem Rotwein hat was. Gerade in einer Gesellschaft, die die Leistungen der Älteren nicht immer positiv bewertet fällt mir beim Hören dieser Musik die Stärke dieser Interpreten auf. Nicht, dass mir alles zur Referenz werden würde, aber ich wundere mich über geänderte Standpunkte. Gerade die würde ich von den jungen Interpreten erwarten - doch die scheinen oft diese Möglichkeit für den Applaus der Hörer zu opfern.

Ich habe gestern die Moments Musicaux von Arrau und von Demidenko gehört. Der Demidenko spielt den Arrau beim "Allegro vivace" glatt und locker mit 10:0 an die Wand. Aber der Arrau erzählt in den restlichen Stücken eine Geschichte vom Leben mit Trauer und Freude, die ich bei Demidenko nicht erkennen kann.

Natürlich macht es mir dann Spass diese Unterschiede zu erleben - solange noch etwas zu erzählen ist und eben nicht alles öde!
Rachmaninov (15.05.2007, 20:40):
@Walter,

ob die Alten etwas "besonders" machen kann man zunächst einmal so als Erkenntnis festhalten.

Fragt sich nur ob

a) das Besondere auch imme rgut ist aufgrund der Erfahrung
oder
b) das Besondere auch ein Tribut an das "Alter" darstellt und die fehlende Fähigkeit alles noch so zu spielen wie man es ggf. einst konnte.

Wie Du geschrieben hast war Arrau 80 Jahre alt zum Zeitpunkt der Aufnahme.

Heifetz spielte bis ins hohe Alter auf höchsten, nahezu unverändertem Niveau und großartige "Schwankungen" sind dabei nicht zu beobachten innerhalb seines Spiels.

Die Arrau Box kenne ich zwar und sein Debussy ist klasse. Auch dank der Aufnahmetechnik seitens Philips.
cellodil (20.06.2007, 21:34):
Lieber Walter,

ein schönes Thema, finde ich. Mal keine kaum den Pubertätspickeln entwachsenen upcoming stars, mal keine "jungen Pianisten, Geiger, Cellisten" und was sonst noch da hämmert, bläst und sägt...

Sicher hat Satie recht, dass nicht jeder Wein (oder Künstler) mit den Jahren besser oder vielschichtiger wird. Andererseits ist Jugend für sich genommen ja auch kein Qualitätsmerkmal.

Was ich ziemlich spannend finde, das ist, wenn man nachvollziehen kann, wie sich die Interpretationen im Laufe der Lebensjahre und -erfahrungen auch verändern. Sehr eindrucksvoll habe ich das dieses Jahr mit den alten Herren (und ihrem vergleichsweise fast minderjährigen Cellisten) vom Guarneri Quartet mit dem Beethoven e-Moll Streichquartett op. 59/2 erlebt. Die Interpretation war vielleicht nicht ganz so frisch wie frühere, hat dafür aber in dieser Musik eine unerhörte Lebenslust, in der zugleich doch auch eine Brüchigkeit und Fragilität zu spüren war. Diese Vielschichtigkeit und Differenziertheit hatte ich so noch nie gehört.

Ein anderer alter Herr, der mich schwer beeindruckt hat, war Sergiu Celibidache, den ich leider nur ein einziges Mal und das in seinen sehr späten Lebensjahren gehört habe. Bei seinem Auftritt hatte ich gefürchtet, dass er diesen Konzertabend wohl kaum würde durchhalten können, weil er so hinfällig wirkte. Doch am Pult die wundersame Wandlung. Da entwickelte er plötzlich eine Vitalität und Präsenz, die ein Feuerwerk entzündet hat. Großartig.

Aber ich schweife ab...

Zurück zu Deiner Frage, was denn die alten Herren so großartig macht. Ich könnte mir vorstellen, dass es zum einen eine klarere Vorstellung von dem ist, was man will. Und vielleicht auch wirklich eine gewisse Reife, ein Wissen, wer man ist, keine Notwendigkeit mehr, sich (selbst und dem Publikum) etwas beweisen müssen. Dass man sich zum Beispiel nicht mehr zu virtuosen Tempi hinreißen lässt, wenn etwas weniger mehr wäre, nur um zu beweisen, dass man der Schnellste ist... Bei jungen Interpreteten hat das bisweilen ja schon so ein bisschen was von "schneller, höher, weiter...".

Grüße

Sabine
Jeremias (20.06.2007, 21:37):
Ich glaube, dass das Interessante an diesen Künstlern u.a. auch ist, dass sie teilweise direkt bei Komponisten oder deren Schülern Unterricht hatten. Diese wussten noch, was sich der Komponist gedacht hat, wie er seine Stücke interpretiert haben wollte. Dieses fehlt der heutigen jungen Generation leider...
cellodil (20.06.2007, 21:40):
Original von Jeremias
Ich glaube, dass das Interessante an diesen Künstlern u.a. auch ist, dass sie teilweise direkt bei Komponisten oder deren Schülern Unterricht hatten. Diese wussten noch, was sich der Komponist gedacht hat, wie er seine Stücke interpretiert haben wollte. Dieses fehlt der heutigen jungen Generation leider...

... so alt sind die Herren vom Guarneri Quartet - glaube ich jedenfalls - nun wohl doch nicht, dass sie persönliche Bekannte von Herrn van Beethoven wären....

:D

Grüße

Sabine
Jeremias (20.06.2007, 21:41):
Aber lies dafür mal die Biographien von Rubinstein und Arrau :D
cellodil (20.06.2007, 21:43):
... die von Rubinstein kenne ich und ich finde sie ganz wunderbar.

Grüße

Sabine
Jeremias (20.06.2007, 21:51):
Ich auch, besonders als er als kleiner Junge Brahms 1. KlaKo lernen wollte und angst hatte, dass sein Lehrer es ihm verbietet und er wider aller erwartung begeistert war und meinte, DAS sei Musik!
nikolaus (20.06.2007, 21:56):
Original von cellodil
Ich könnte mir vorstellen, dass es zum einen eine klarere Vorstellung von dem ist, was man will. Und vielleicht auch wirklich eine gewisse Reife, ein Wissen, wer man ist, keine Notwendigkeit mehr, sich (selbst und dem Publikum) etwas beweisen müssen. Dass man sich zum Beispiel nicht mehr zu virtuosen Tempi hinreißen lässt, wenn etwas weniger mehr wäre, nur um zu beweisen, dass man der Schnellste ist... Bei jungen Interpreteten hat das bisweilen ja schon so ein bisschen was von "schneller, höher, weiter...".

Grüße

Sabine

!!!

Nikolaus.
cellodil (20.06.2007, 22:14):
Original von nikolaus
Original von cellodil
Ich könnte mir vorstellen, dass es zum einen eine klarere Vorstellung von dem ist, was man will. Und vielleicht auch wirklich eine gewisse Reife, ein Wissen, wer man ist, keine Notwendigkeit mehr, sich (selbst und dem Publikum) etwas beweisen müssen. Dass man sich zum Beispiel nicht mehr zu virtuosen Tempi hinreißen lässt, wenn etwas weniger mehr wäre, nur um zu beweisen, dass man der Schnellste ist... Bei jungen Interpreteten hat das bisweilen ja schon so ein bisschen was von "schneller, höher, weiter...".

Grüße

Sabine

!!!

Nikolaus.

????

Sabine
nikolaus (20.06.2007, 23:06):
Original von cellodil
Original von nikolaus
Original von cellodil
Ich könnte mir vorstellen, dass es zum einen eine klarere Vorstellung von dem ist, was man will. Und vielleicht auch wirklich eine gewisse Reife, ein Wissen, wer man ist, keine Notwendigkeit mehr, sich (selbst und dem Publikum) etwas beweisen müssen. Dass man sich zum Beispiel nicht mehr zu virtuosen Tempi hinreißen lässt, wenn etwas weniger mehr wäre, nur um zu beweisen, dass man der Schnellste ist... Bei jungen Interpreteten hat das bisweilen ja schon so ein bisschen was von "schneller, höher, weiter...".

Grüße

Sabine

!!!

Nikolaus.



????

Sabine

Damit wollte ich nur meine vollste (äh, volle: voller als voll geht wohl nicht :wink) Zustimmung ausdrücken; ich gebe zu, daß das ein bißchen arg kurz war. Aber andererseits hatte ich nichts hinzuzufügen (höchstens ein Beispiel: (mal wieder) Martha Argerich, wie sie letztes Jahr mit Nelson Freire das Eröffnungskonzert des Klavierfestival Ruhr spielte)

Grüßli, Nikolaus.
Walter (21.06.2007, 07:57):
Original von cellodil
Zurück zu Deiner Frage, was denn die alten Herren so großartig macht. Ich könnte mir vorstellen, dass es zum einen eine klarere Vorstellung von dem ist, was man will. Und vielleicht auch wirklich eine gewisse Reife, ein Wissen, wer man ist, keine Notwendigkeit mehr, sich (selbst und dem Publikum) etwas beweisen müssen. Dass man sich zum Beispiel nicht mehr zu virtuosen Tempi hinreißen lässt, wenn etwas weniger mehr wäre, nur um zu beweisen, dass man der Schnellste ist... Bei jungen Interpreteten hat das bisweilen ja schon so ein bisschen was von "schneller, höher, weiter...".

Grüße

Sabine

Hallo Sabine - nett, dich wieder zu lesen!

Auch von mir bekommst Du hier "vollste" Zustimmung.
Ich denke darüber hinaus, dass gerade die älteren Künstler den Vorteil haben, etwas von sich mitteilen zu können. Da waren bereits Lebenskrisen, Verluste und Glück, die über die pubertären Erfahrungen hinausgingen (bei manchen) und daher haben die auch mehr zu sagen. Wenn Ihnen das gelingt - dann kommt kein schaler Wein dabei heraus - wenn nicht, dann hat Satie recht.

Ich habe gerade häufig Casals im Player. Normalerweise sollen da technisch hochwertige Aufnahmen rein! Die von Casals aber sind schon recht verstaubt. Trotzdem habe ich viel Spass an den Aufnahmen, weil sie nicht so glatt und konform, sondern so emotional und manchmal auch unausgewogen voller Begeisterung sind.

:hello
Rachmaninov (21.06.2007, 08:29):
Original von cellodil
Zurück zu Deiner Frage, was denn die alten Herren so großartig macht. Ich könnte mir vorstellen, dass es zum einen eine klarere Vorstellung von dem ist, was man will.


Denke junge Künstler wissen auch was sie wollen, und das sicherlich auch ganz KLAR.


Und vielleicht auch wirklich eine gewisse Reife, ein Wissen, wer man ist, keine Notwendigkeit mehr, sich (selbst und dem Publikum) etwas beweisen müssen.


Bei der Reife gebe ich Dir durchaus recht. Lebenserfahrung und mit dem Werk beschäftigen ist sicherlich ein wesentlicher Einfluss.
Aber ein Gegenbeispiel: Brendel. Die Beethoven Aufnahmen bei VOX sind nach Meinung vieler seine besten Aufnahmen!


Dass man sich zum Beispiel nicht mehr zu virtuosen Tempi hinreißen lässt, wenn etwas weniger mehr wäre, nur um zu beweisen, dass man der Schnellste ist... Bei jungen Interpreteten hat das bisweilen ja schon so ein bisschen was von "schneller, höher, weiter...".


Die virtuosen Tempi sind ja kein Selbstzweck.
Desweiteren sind die meisten jungen Pianisten ohnehin technisch viel besser als die Pianisten vor 70 Jahren. Was nicht bedeutet sie seien daher die "besseren" Pianisten.
cellodil (21.06.2007, 14:26):
Lieber Rachmaninov,

irgendwie scheine ich Dich mit meinen Gedanken ein wenig irritiert zu haben...

Original von Rachmaninov
Original von cellodil
Zurück zu Deiner Frage, was denn die alten Herren so großartig macht. Ich könnte mir vorstellen, dass es zum einen eine klarere Vorstellung von dem ist, was man will.


Denke junge Künstler wissen auch was sie wollen, und das sicherlich auch ganz KLAR.


Warst Du schon mal bei sogenannten "Masterclasses"...?

Ich glaube übrigens, das kann man - siehe Saties Bemerkung über den Wein - einfach nicht verallgemeinern.... Aber es ging hier ja um die Frage, woran es bei bestimmten älteren Künstlern liegen könnte, dass diese (auch oder erst recht) im Alter großartig sind.

Original von Rachmaninov

Und vielleicht auch wirklich eine gewisse Reife, ein Wissen, wer man ist, keine Notwendigkeit mehr, sich (selbst und dem Publikum) etwas beweisen müssen.


Bei der Reife gebe ich Dir durchaus recht. Lebenserfahrung und mit dem Werk beschäftigen ist sicherlich ein wesentlicher Einfluss.
Aber ein Gegenbeispiel: Brendel. Die Beethoven Aufnahmen bei VOX sind nach Meinung vieler seine besten Aufnahmen!

Sorry, ich verstehe nicht ganz, worauf Du damit zielst....

Original von Rachmaninov

Dass man sich zum Beispiel nicht mehr zu virtuosen Tempi hinreißen lässt, wenn etwas weniger mehr wäre, nur um zu beweisen, dass man der Schnellste ist... Bei jungen Interpreteten hat das bisweilen ja schon so ein bisschen was von "schneller, höher, weiter...".


Die virtuosen Tempi sind ja kein Selbstzweck.

Genau darum geht es...

Original von Rachmaninov
Desweiteren sind die meisten jungen Pianisten ohnehin technisch viel besser als die Pianisten vor 70 Jahren. Was nicht bedeutet sie seien daher die "besseren" Pianisten.

Ich würde mal kühn behaupten, dass das hier nicht unbedingt das Thema war....

Liebe Grüße

Sabine
Rachmaninov (21.06.2007, 14:36):
Original von cellodil

Original von Rachmaninov

Und vielleicht auch wirklich eine gewisse Reife, ein Wissen, wer man ist, keine Notwendigkeit mehr, sich (selbst und dem Publikum) etwas beweisen müssen.


Bei der Reife gebe ich Dir durchaus recht. Lebenserfahrung und mit dem Werk beschäftigen ist sicherlich ein wesentlicher Einfluss.
Aber ein Gegenbeispiel: Brendel. Die Beethoven Aufnahmen bei VOX sind nach Meinung vieler seine besten Aufnahmen!

Sorry, ich verstehe nicht ganz, worauf Du damit zielst....



Das viele die Aufnahmen des jungen Brendel viel höher einschätzen. Aus Wein kann auch Essig werden :P
cellodil (21.06.2007, 15:02):
Original von Rachmaninov
Das viele die Aufnahmen des jungen Brendel viel höher einschätzen. Aus Wein kann auch Essig werden :P

... und nicht jeder Essig war mal ein guter Wein und... das können wir endlos fortsetzen... und der eine mag vielleicht auch Essig lieber als Wein (es gibt da zum Beispiel, dies nur nebenbei bemerkt, einen ausgezeichneten Aperitiv-Essig von Robert Bauer aus Flein)... und...

... und wieder wird's nix mit dem Verallgemeinern. Ist halt jeder Jeck ein bisserl anders.

Herzliche Grüße

Sabine :tongue:
Walter (08.05.2007, 08:55):
Hallo,

bei mir läuft gerade regelmäßig eine Box von Claudio Arrau:

The Final Sessions

Arrau hat diese Box mit über 80 Jahren kurz vor seinem Tod aufgenommen. Mal abgesehen von der hervorragenden Klangqualität begeistert mich der greise Arrau mit ganz eigenständigen Interpretationen.


http://ec1.images-amazon.com/images/I/51fLqlUs3pL._AA240_.jpg


Auch von Artur Rubinstein habe ich einige CD's, die er erst in hohem Alter aufgenommen hat. Auch diese Aufnahmen fallen aus der Reihe!


Wie schaffen es die alten Damen und Herren nur gegenüber ihren jüngeren Kollegen Gehör zu finden und nicht zu verblassen?

Kennt Ihr noch andere Beispiele?


Gruss,
satie (08.05.2007, 13:18):
Lieber Walter,
wie generell im Leben wird es so sein, dass wache Menschen mit den Jahren reifen wie ein guter Rotwein, während jene, die stehen bleiben im Stehenbleiben stagnieren. Wenn man nun die ganz großen betrachtet, so haben sie auch immer wieder an sich gearbeitet (und sei es, indem sie hie und da pausiert haben und dadurch Distanz zu sich gewonnen haben). Viele Beispiele gibt es auch, die zeigen, wie sich das Repertoire verändert hin zu den durchgeistigten Werken, weg vom Virtuosen je älter die Interpreten wurden, doch ist das natürlich nicht zu verallgemeinern. Aber es gibt einige Fälle, wo sich Pianisten etwa dem Werk Bachs erst spät verstärkt gewidmet haben.
Natürlich könnten wir aber auch ganz andere Thesen heranführen, etwa die Anthroposophischen Lebensabschnitte. Da würden wir dann sagen müssen, dass sie sich natürlich mit jedem Siebenjahreszyklus ohnehin mehr zum Spirituellen hin bewegen und geistiger werden, es also eine Art Naturgesetz ist. Das allerdings soll jeder handhaben wie er möchte. Ich bin der Ansicht, dass die großen Interpreten aufs Alter tatsächlich einiges gewonnen haben, doch muss das nicht immer der Fall sein, manche brennen auch aus und werden nur noch öde.

S A T I E
Walter (08.05.2007, 16:08):
lieber Satie,

natürlich gibt es hier eine ganz starke anthroposophische Betrachtungsebene. Auch Dein Vergleich mit dem Rotwein hat was. Gerade in einer Gesellschaft, die die Leistungen der Älteren nicht immer positiv bewertet fällt mir beim Hören dieser Musik die Stärke dieser Interpreten auf. Nicht, dass mir alles zur Referenz werden würde, aber ich wundere mich über geänderte Standpunkte. Gerade die würde ich von den jungen Interpreten erwarten - doch die scheinen oft diese Möglichkeit für den Applaus der Hörer zu opfern.

Ich habe gestern die Moments Musicaux von Arrau und von Demidenko gehört. Der Demidenko spielt den Arrau beim "Allegro vivace" glatt und locker mit 10:0 an die Wand. Aber der Arrau erzählt in den restlichen Stücken eine Geschichte vom Leben mit Trauer und Freude, die ich bei Demidenko nicht erkennen kann.

Natürlich macht es mir dann Spass diese Unterschiede zu erleben - solange noch etwas zu erzählen ist und eben nicht alles öde!
Rachmaninov (15.05.2007, 20:40):
@Walter,

ob die Alten etwas "besonders" machen kann man zunächst einmal so als Erkenntnis festhalten.

Fragt sich nur ob

a) das Besondere auch imme rgut ist aufgrund der Erfahrung
oder
b) das Besondere auch ein Tribut an das "Alter" darstellt und die fehlende Fähigkeit alles noch so zu spielen wie man es ggf. einst konnte.

Wie Du geschrieben hast war Arrau 80 Jahre alt zum Zeitpunkt der Aufnahme.

Heifetz spielte bis ins hohe Alter auf höchsten, nahezu unverändertem Niveau und großartige "Schwankungen" sind dabei nicht zu beobachten innerhalb seines Spiels.

Die Arrau Box kenne ich zwar und sein Debussy ist klasse. Auch dank der Aufnahmetechnik seitens Philips.
cellodil (20.06.2007, 21:34):
Lieber Walter,

ein schönes Thema, finde ich. Mal keine kaum den Pubertätspickeln entwachsenen upcoming stars, mal keine "jungen Pianisten, Geiger, Cellisten" und was sonst noch da hämmert, bläst und sägt...

Sicher hat Satie recht, dass nicht jeder Wein (oder Künstler) mit den Jahren besser oder vielschichtiger wird. Andererseits ist Jugend für sich genommen ja auch kein Qualitätsmerkmal.

Was ich ziemlich spannend finde, das ist, wenn man nachvollziehen kann, wie sich die Interpretationen im Laufe der Lebensjahre und -erfahrungen auch verändern. Sehr eindrucksvoll habe ich das dieses Jahr mit den alten Herren (und ihrem vergleichsweise fast minderjährigen Cellisten) vom Guarneri Quartet mit dem Beethoven e-Moll Streichquartett op. 59/2 erlebt. Die Interpretation war vielleicht nicht ganz so frisch wie frühere, hat dafür aber in dieser Musik eine unerhörte Lebenslust, in der zugleich doch auch eine Brüchigkeit und Fragilität zu spüren war. Diese Vielschichtigkeit und Differenziertheit hatte ich so noch nie gehört.

Ein anderer alter Herr, der mich schwer beeindruckt hat, war Sergiu Celibidache, den ich leider nur ein einziges Mal und das in seinen sehr späten Lebensjahren gehört habe. Bei seinem Auftritt hatte ich gefürchtet, dass er diesen Konzertabend wohl kaum würde durchhalten können, weil er so hinfällig wirkte. Doch am Pult die wundersame Wandlung. Da entwickelte er plötzlich eine Vitalität und Präsenz, die ein Feuerwerk entzündet hat. Großartig.

Aber ich schweife ab...

Zurück zu Deiner Frage, was denn die alten Herren so großartig macht. Ich könnte mir vorstellen, dass es zum einen eine klarere Vorstellung von dem ist, was man will. Und vielleicht auch wirklich eine gewisse Reife, ein Wissen, wer man ist, keine Notwendigkeit mehr, sich (selbst und dem Publikum) etwas beweisen müssen. Dass man sich zum Beispiel nicht mehr zu virtuosen Tempi hinreißen lässt, wenn etwas weniger mehr wäre, nur um zu beweisen, dass man der Schnellste ist... Bei jungen Interpreteten hat das bisweilen ja schon so ein bisschen was von "schneller, höher, weiter...".

Grüße

Sabine
Jeremias (20.06.2007, 21:37):
Ich glaube, dass das Interessante an diesen Künstlern u.a. auch ist, dass sie teilweise direkt bei Komponisten oder deren Schülern Unterricht hatten. Diese wussten noch, was sich der Komponist gedacht hat, wie er seine Stücke interpretiert haben wollte. Dieses fehlt der heutigen jungen Generation leider...
cellodil (20.06.2007, 21:40):
Original von Jeremias
Ich glaube, dass das Interessante an diesen Künstlern u.a. auch ist, dass sie teilweise direkt bei Komponisten oder deren Schülern Unterricht hatten. Diese wussten noch, was sich der Komponist gedacht hat, wie er seine Stücke interpretiert haben wollte. Dieses fehlt der heutigen jungen Generation leider...

... so alt sind die Herren vom Guarneri Quartet - glaube ich jedenfalls - nun wohl doch nicht, dass sie persönliche Bekannte von Herrn van Beethoven wären....

:D

Grüße

Sabine
Jeremias (20.06.2007, 21:41):
Aber lies dafür mal die Biographien von Rubinstein und Arrau :D
cellodil (20.06.2007, 21:43):
... die von Rubinstein kenne ich und ich finde sie ganz wunderbar.

Grüße

Sabine
Jeremias (20.06.2007, 21:51):
Ich auch, besonders als er als kleiner Junge Brahms 1. KlaKo lernen wollte und angst hatte, dass sein Lehrer es ihm verbietet und er wider aller erwartung begeistert war und meinte, DAS sei Musik!
nikolaus (20.06.2007, 21:56):
Original von cellodil
Ich könnte mir vorstellen, dass es zum einen eine klarere Vorstellung von dem ist, was man will. Und vielleicht auch wirklich eine gewisse Reife, ein Wissen, wer man ist, keine Notwendigkeit mehr, sich (selbst und dem Publikum) etwas beweisen müssen. Dass man sich zum Beispiel nicht mehr zu virtuosen Tempi hinreißen lässt, wenn etwas weniger mehr wäre, nur um zu beweisen, dass man der Schnellste ist... Bei jungen Interpreteten hat das bisweilen ja schon so ein bisschen was von "schneller, höher, weiter...".

Grüße

Sabine

!!!

Nikolaus.
cellodil (20.06.2007, 22:14):
Original von nikolaus
Original von cellodil
Ich könnte mir vorstellen, dass es zum einen eine klarere Vorstellung von dem ist, was man will. Und vielleicht auch wirklich eine gewisse Reife, ein Wissen, wer man ist, keine Notwendigkeit mehr, sich (selbst und dem Publikum) etwas beweisen müssen. Dass man sich zum Beispiel nicht mehr zu virtuosen Tempi hinreißen lässt, wenn etwas weniger mehr wäre, nur um zu beweisen, dass man der Schnellste ist... Bei jungen Interpreteten hat das bisweilen ja schon so ein bisschen was von "schneller, höher, weiter...".

Grüße

Sabine

!!!

Nikolaus.

????

Sabine
nikolaus (20.06.2007, 23:06):
Original von cellodil
Original von nikolaus
Original von cellodil
Ich könnte mir vorstellen, dass es zum einen eine klarere Vorstellung von dem ist, was man will. Und vielleicht auch wirklich eine gewisse Reife, ein Wissen, wer man ist, keine Notwendigkeit mehr, sich (selbst und dem Publikum) etwas beweisen müssen. Dass man sich zum Beispiel nicht mehr zu virtuosen Tempi hinreißen lässt, wenn etwas weniger mehr wäre, nur um zu beweisen, dass man der Schnellste ist... Bei jungen Interpreteten hat das bisweilen ja schon so ein bisschen was von "schneller, höher, weiter...".

Grüße

Sabine

!!!

Nikolaus.



????

Sabine

Damit wollte ich nur meine vollste (äh, volle: voller als voll geht wohl nicht :wink) Zustimmung ausdrücken; ich gebe zu, daß das ein bißchen arg kurz war. Aber andererseits hatte ich nichts hinzuzufügen (höchstens ein Beispiel: (mal wieder) Martha Argerich, wie sie letztes Jahr mit Nelson Freire das Eröffnungskonzert des Klavierfestival Ruhr spielte)

Grüßli, Nikolaus.
Walter (21.06.2007, 07:57):
Original von cellodil
Zurück zu Deiner Frage, was denn die alten Herren so großartig macht. Ich könnte mir vorstellen, dass es zum einen eine klarere Vorstellung von dem ist, was man will. Und vielleicht auch wirklich eine gewisse Reife, ein Wissen, wer man ist, keine Notwendigkeit mehr, sich (selbst und dem Publikum) etwas beweisen müssen. Dass man sich zum Beispiel nicht mehr zu virtuosen Tempi hinreißen lässt, wenn etwas weniger mehr wäre, nur um zu beweisen, dass man der Schnellste ist... Bei jungen Interpreteten hat das bisweilen ja schon so ein bisschen was von "schneller, höher, weiter...".

Grüße

Sabine

Hallo Sabine - nett, dich wieder zu lesen!

Auch von mir bekommst Du hier "vollste" Zustimmung.
Ich denke darüber hinaus, dass gerade die älteren Künstler den Vorteil haben, etwas von sich mitteilen zu können. Da waren bereits Lebenskrisen, Verluste und Glück, die über die pubertären Erfahrungen hinausgingen (bei manchen) und daher haben die auch mehr zu sagen. Wenn Ihnen das gelingt - dann kommt kein schaler Wein dabei heraus - wenn nicht, dann hat Satie recht.

Ich habe gerade häufig Casals im Player. Normalerweise sollen da technisch hochwertige Aufnahmen rein! Die von Casals aber sind schon recht verstaubt. Trotzdem habe ich viel Spass an den Aufnahmen, weil sie nicht so glatt und konform, sondern so emotional und manchmal auch unausgewogen voller Begeisterung sind.

:hello
Rachmaninov (21.06.2007, 08:29):
Original von cellodil
Zurück zu Deiner Frage, was denn die alten Herren so großartig macht. Ich könnte mir vorstellen, dass es zum einen eine klarere Vorstellung von dem ist, was man will.


Denke junge Künstler wissen auch was sie wollen, und das sicherlich auch ganz KLAR.


Und vielleicht auch wirklich eine gewisse Reife, ein Wissen, wer man ist, keine Notwendigkeit mehr, sich (selbst und dem Publikum) etwas beweisen müssen.


Bei der Reife gebe ich Dir durchaus recht. Lebenserfahrung und mit dem Werk beschäftigen ist sicherlich ein wesentlicher Einfluss.
Aber ein Gegenbeispiel: Brendel. Die Beethoven Aufnahmen bei VOX sind nach Meinung vieler seine besten Aufnahmen!


Dass man sich zum Beispiel nicht mehr zu virtuosen Tempi hinreißen lässt, wenn etwas weniger mehr wäre, nur um zu beweisen, dass man der Schnellste ist... Bei jungen Interpreteten hat das bisweilen ja schon so ein bisschen was von "schneller, höher, weiter...".


Die virtuosen Tempi sind ja kein Selbstzweck.
Desweiteren sind die meisten jungen Pianisten ohnehin technisch viel besser als die Pianisten vor 70 Jahren. Was nicht bedeutet sie seien daher die "besseren" Pianisten.
cellodil (21.06.2007, 14:26):
Lieber Rachmaninov,

irgendwie scheine ich Dich mit meinen Gedanken ein wenig irritiert zu haben...

Original von Rachmaninov
Original von cellodil
Zurück zu Deiner Frage, was denn die alten Herren so großartig macht. Ich könnte mir vorstellen, dass es zum einen eine klarere Vorstellung von dem ist, was man will.


Denke junge Künstler wissen auch was sie wollen, und das sicherlich auch ganz KLAR.


Warst Du schon mal bei sogenannten "Masterclasses"...?

Ich glaube übrigens, das kann man - siehe Saties Bemerkung über den Wein - einfach nicht verallgemeinern.... Aber es ging hier ja um die Frage, woran es bei bestimmten älteren Künstlern liegen könnte, dass diese (auch oder erst recht) im Alter großartig sind.

Original von Rachmaninov

Und vielleicht auch wirklich eine gewisse Reife, ein Wissen, wer man ist, keine Notwendigkeit mehr, sich (selbst und dem Publikum) etwas beweisen müssen.


Bei der Reife gebe ich Dir durchaus recht. Lebenserfahrung und mit dem Werk beschäftigen ist sicherlich ein wesentlicher Einfluss.
Aber ein Gegenbeispiel: Brendel. Die Beethoven Aufnahmen bei VOX sind nach Meinung vieler seine besten Aufnahmen!

Sorry, ich verstehe nicht ganz, worauf Du damit zielst....

Original von Rachmaninov

Dass man sich zum Beispiel nicht mehr zu virtuosen Tempi hinreißen lässt, wenn etwas weniger mehr wäre, nur um zu beweisen, dass man der Schnellste ist... Bei jungen Interpreteten hat das bisweilen ja schon so ein bisschen was von "schneller, höher, weiter...".


Die virtuosen Tempi sind ja kein Selbstzweck.

Genau darum geht es...

Original von Rachmaninov
Desweiteren sind die meisten jungen Pianisten ohnehin technisch viel besser als die Pianisten vor 70 Jahren. Was nicht bedeutet sie seien daher die "besseren" Pianisten.

Ich würde mal kühn behaupten, dass das hier nicht unbedingt das Thema war....

Liebe Grüße

Sabine
Rachmaninov (21.06.2007, 14:36):
Original von cellodil

Original von Rachmaninov

Und vielleicht auch wirklich eine gewisse Reife, ein Wissen, wer man ist, keine Notwendigkeit mehr, sich (selbst und dem Publikum) etwas beweisen müssen.


Bei der Reife gebe ich Dir durchaus recht. Lebenserfahrung und mit dem Werk beschäftigen ist sicherlich ein wesentlicher Einfluss.
Aber ein Gegenbeispiel: Brendel. Die Beethoven Aufnahmen bei VOX sind nach Meinung vieler seine besten Aufnahmen!

Sorry, ich verstehe nicht ganz, worauf Du damit zielst....



Das viele die Aufnahmen des jungen Brendel viel höher einschätzen. Aus Wein kann auch Essig werden :P
cellodil (21.06.2007, 15:02):
Original von Rachmaninov
Das viele die Aufnahmen des jungen Brendel viel höher einschätzen. Aus Wein kann auch Essig werden :P

... und nicht jeder Essig war mal ein guter Wein und... das können wir endlos fortsetzen... und der eine mag vielleicht auch Essig lieber als Wein (es gibt da zum Beispiel, dies nur nebenbei bemerkt, einen ausgezeichneten Aperitiv-Essig von Robert Bauer aus Flein)... und...

... und wieder wird's nix mit dem Verallgemeinern. Ist halt jeder Jeck ein bisserl anders.

Herzliche Grüße

Sabine :tongue:
Hosenrolle1 (01.04.2015, 15:25):
Bei dem Thema musste ich gleich an ein altes österreichisch-bayrisches Volkslied denken ...


Was mich im Leben am meisten freut,
das sind die alten Leut.
Wann ich einen alten Menschen seh,
hab i jedes Mal eine Freud.
Ein alter Mensch der kommt mir vor,
als wie ein Gotteshaus,
denn von der Kirche und den alten Leut,
da geht der Segen aus.




LG,
Hosenrolle1