Weihnachtsmusik abseits von Kitsch und Kommerz

Tranquillo (11.12.2008, 20:19):
Liebe Forianer,

im Laufe der Jahre bin ich gegen weihnachtlichen Kitsch und Kommerz im Bereich der klassischen Musik immer allergischer geworden. An CD's wie "Weihnachten mit XY" (ersetze XY durch irgendeinen Künstler, der gerade mal wieder intensiv vermarktet werden soll) oder "Weihnachtskonzerte des Barock" (mit dem immer gleichen Programm, bestehend aus den Weihnachtskonzerten von Corelli, Manfredini usw.) besteht wahrlich kein Mangel. Interessanter sind da schon CD's, die Weihnachtsmusik abseits der üblichen Klischees bieten (und den Hörer vielleicht auch darüber zum Nachdenken bringen, worin der eigentliche Sinn von Weihnachten besteht).

Daher meine Frage an Euch: Welche Weihnachtsmusik hört Ihr?

Ich fange gleich mal mit einer CD an, die man nicht so ohne weiteres mit Weihnachten verbinden würde:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0730099413220.jpg

Sie enthält eine Aufnahme des ältesten schriftlich überlieferten deutschen Weihnachtsliedes aus dem Jahr 1394: "Sys villekommen, heire kerst" ("Sei willkommen, Herre Christ"). Das Lied selbst ist noch viel älter, es stammt aus dem 11. Jahrhundert.

Viele Grüsse
Andreas
Sarastro (11.12.2008, 22:02):
Lieber Tranquillo,
eine Alternative zu dem gängigen Repertoire ist sicher diese interessante CD mit origineller lateinamerikanischer Weihnachtsmusik aus dem 17. und 18. Jahrhundert:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51TNT21W5NL._SL500_AA240_.jpg

Convidando está la noche.
Gespielt wird auf nachgebauten Originalinstrumenten; der Gesang ist teils solistisch, teils Chorgesang.
Hier die Namen der Stücke und der Komponisten; die Ortsangaben beziehen sich auf den Aufbewahrungsort der betreffenden Handschriften.

1) Convidando está la noche (Juan García de Zéspedes, 2. Hälfte 18. Jh., Mexiko)
2) Ay, andar (Juan de Araujo, ca. 1648-1712, Sucre / Bolivien)
3) Mi niño dulce y sagrado (Gaspar Fernandes, 1570-1629, Oaxaca / Mexiko)
4) Cachua a voz y bajo al nacimiento de nuestro Señor Jesucristo (anonym, Peru, 18. Jh.)
5) Para divertir al niño (Eustaquio Franco Rebollo, 1775, Sucre / Bolivien)
6) Desvelado dueño mío (Tomás de Torrejón y Velasco, 1644-1728, Cuzco / Peru)
7) Vaya de gira (de Araujo, siehe Nr. 2)
8) Avecillas sonoras (de Araujo)
9) Silencio, pasito (de Araujo)
10) Guineo a 5 (Fernandes, siehe Nr. 3)
11) Dame albricia mano Anton. Negrito a 4 (Fernandes)
12) Los coflades de la estleya. Negritos a la Navidad del Señor (de Araujo)

13) Christus factus est (Juan de Herrera, ca. 1670-1738, Bogotá / Kolumbien)
14) Tañe Gil tu tamborino (Fernandes)
15) Hola, hala, que vienen las gitanas (de Araujo)
16) A cantar un villancico. Saynete a dúo al Nacimiento (Roque Ceruti, gestorben 1760, Lima / Peru)


Herzliche Grüße,
Sarastro
Solitaire (12.12.2008, 11:59):
Ich bin da relativ einfallslos: bei mir ist es das gute alte Weihnachtsoratorium vom guten alten Johann Sebastian:



Wenn es etwas weltlicher sein soll greife ich auch gerne mal zu dieser CD:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0602498821213.jpg

Ich bin kein großer Fan der Weihnachtsalben von klassisch ausgebildeten Sängern. Zumindest nicht, wenn sie die „traditionellen“ Weihnachtslieder singen. Wenn man nicht gerade Fritz Wunderlich heißt geht das meist grandios schief. Ich habe schon Tenöre gehört, die offenbar „Stille Nacht“ mit „Che gelida manina“ verwechselt haben. Da singe ich es lieber gleich selber.

Eines der schönsten Weihnachtsalben die ich kenne ist dieses hier:


Aus meinen alten Hippietagen kenne und liebe ich Joan Baez.

Wie man sieht ist meine Auswahl nicht sehr innovativ, was niemanden verwundern wird, der meine Beiträge kennt. Ich bin eben die Mainstream-Tussi und das ist auch gut so. :engel
Tranquillo (12.12.2008, 18:43):
Liebe Forianer,

die schwache Resonanz auf diesen Thread irritiert mich etwas - wird hier so wenig Weihnachtsmusik gehört?

Zur Abwechslung zwei moderne Werke von Olivier Messiaen, die ich in der Weihnachtszeit höre:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/4891030508293.jpg

Vingt regards sur l'enfant Jésus

Auch wer des Französischen nicht kundig ist, erkennt sofort am Cover, dass es sich hier um Weihnachtsmusik handelt.

Noch etwas dichter am Thema ist das zweite Werk:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/5029365863926.jpg

La Nativité du Seigneur

Beide Kompositionen erfordern ein gewisses Sich-Einhören und Sich-Einlassen auf diese Musik. Unser Admin würde sagen: Diese Werke muss man sich erarbeiten :D

Viele Grüsse
Andreas
HenningKolf (12.12.2008, 19:17):
Original von Tranquillo
Liebe Forianer,

die schwache Resonanz auf diesen Thread irritiert mich etwas - wird hier so wenig Weihnachtsmusik gehört?



Fadeneröffner sollen ja möglichst nicht im Regen stehen bleiben, deshalb antworte ich hier. Meine Antwort allerdings lautet:

Weihnachtsmusik im eigentlichen Sinne höre ich nicht.

Messiaen - nicht nur das "ornitologische" sondern auch das religiöse Werk - höre ich, mit zunehmender Tendenz des öfteren und gerne, auch "Vingt regards........" Aber eben nicht nur zur Weihnachtszeit.


Gruß
Henning
Poztupimi (12.12.2008, 21:16):
Original von Tranquillo
Liebe Forianer,

die schwache Resonanz auf diesen Thread irritiert mich etwas - wird hier so wenig Weihnachtsmusik gehört?



Lieber Andreas,

tatsächlich, ich höre eigentlich wenig Weihnachtsmusik speziell zur Weihnachtszeit. Ich nehme das meistens nicht so genau, wenn mir nach der entsprechenden Musik ist - meistens eines der Weihnachtsoratorien aus meiner Sammlung -, dann lege ich sie auch schon mal mitten im Jahr ein, so wie ich auch die Matthäus-Passion jederzeit einlege.

Viele Grüße,
Wolfgang
Solitaire (12.12.2008, 21:36):
@Tranquillo
Auch wenn du natürlich recht hast, und sie schon 3 Millionenmal auf diversen CD vertreten sind: ich höre trotzdem sehr gerne wenn Herr Güttler Corelli und Manfredini trompetet. :)
Leif Erikson (13.12.2008, 11:23):
Außer der von Tranquillo gezeigten Orgel-Box gibt es auch noch Vol. 1 der "Sämtliche(n) Werke" von Messiaen bei Brilliant.
Weiß jemand, ob die Orgelwerke vollständig mit darauf sind ?

Gruß, Leif.

P.S. habs nachgeschaut, es sind dieselben 8 CDs enthalten.
Tranquillo (13.12.2008, 14:14):
Original von Solitaire
Auch wenn du natürlich recht hast, und sie schon 3 Millionenmal auf diversen CD vertreten sind: ich höre trotzdem sehr gerne wenn Herr Güttler Corelli und Manfredini trompetet. :)
Hallo Solitaire,

Herr Güttler begeistert mich eher mit seinem Ensemble:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0782124151522.jpg

Die CD enthält neben einigen freien Werken zahlreiche Bläsersätze bekannter Weihnachtslieder (hauptsächlich aus dem Frühbarock). Interessant ist beispielsweise zu hören, wie unterschiedlich Eccard, Praetorius und Schein "Vom Himmel hoch" vertont haben.

Und wenn es denn unbedingt Corelli oder Manfredini sein muss, wäre die folgende CD eine Alternative:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0825646985364.jpg

Il Giardino Armonico musiziert die bekannten Konzerte in kleiner, schon fast kammermusikalischer Besetzung und ohne das übliche sentimentale Pathos. Daneben sind noch einige weniger bekannte Werke enthalten, die hörenswert sind, z. B. das "Concerto pastorale" von Pez.

Einen besinnlichen 3. Advent wünscht
Andreas
ab (13.12.2008, 23:14):
diese CD finde ich auch wunderschön; wiewohl meine Mutter sie grässlich findet, schließlich hat sie noch in Jungen Jahren dies Jahr für Jahr selbst im Orchester nicht-historisch-informiert mitgespielt:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0825646985364.jpg

Nach wie vor meine Lieblingseinspielung des Bachsen Werks ist folgende, inzwischen wieder fast doppel so teuer wie die letzten Jahre:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0825646985401.jpg


Empfehlenswert scheint mir von Marc-Antoine Charpentier die "Messe de minuit sur des airs de Noel", die ich in einer ganz und gar nicht empfehlenswerten Interpretaion von Naxos (Aradia Ensemble, Mallon) geschenkt bekommen habe. Vermutlich ist William Christie eine vorzügliche Wahl.

A propos Christie: Bei uns ist es ja üblich geworden, Händels Messias viel in der Adventszeit aufzuführen. (Händel selbst hat sein Werk selbst ja bloß in der Osterzeit aufs Programm gesetzt. ) Da mag ich immer noch am liebsten Christie.

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0794881786022.jpg

:hello
Jürgen (15.12.2008, 10:36):
Original von Tranquillo
Liebe Forianer,

die schwache Resonanz auf diesen Thread irritiert mich etwas - wird hier so wenig Weihnachtsmusik gehört?



Hallo Andreas,

ich hatte so meine Schwierigkeiten, denn das meiste, was ich an Weihnachtsmusik höre (viel ist es ohnehin nicht) ist diesseits von Kitsch und Kommerz.
Und wenn es ohne Kitsch sein soll, dann das Bach'sche Weihnachtsoratorium, was ich aber auch über das ganze Jahr verteilt höre. In der Adventszeit vielleicht etwas häufiger.
Die Weihnachtskonzerte von Corelli & Manfredini kenne ich noch gar nicht. Habe ich da musikalisch was verpasst?

Auch wenn Du jetzt grundsätzlich nach Weihnachtsmusik fragst, erspare ich Dir meine Auflistung von Kitsch und Kommerz. :wink
Ich denke, so war Dein Thread auch gedacht. Das ist aber wohl auch ein Grund für die etwas verhaltene Resonanz.

Grüße
Jürgen
Tranquillo (15.12.2008, 21:54):
Wer Musik der Spätrenaissance und des Frühbarock mag, sollte sich diese CD unbedingt anhören:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0761203732722.jpg

Advents- und Weihnachtsmusik von Michael Praetorius (1571-1621), musiziert vom Bremer Barock Consort, einem Ensemble aus Studenten der Musikhochschule Bremen (u. a. wirken auch die "Gambenmädels" von Hille Perl mit).

Viele Grüsse
Andreas
uhlmann (16.12.2008, 10:05):
telemann hat schöne weihnachtsmusik komponiert, einiges davon gibts bei cpo.

ich habe folgende cd:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0761203951529.jpg

weihnachtskantaten - ludger remy

das sind schöne stücke, die großteils weltlicher klingen als ihre pendants vom großen jsb. dafür finde ich sie auch frischer, irgendwie volkstümlicher und weniger "akademisch". die solisten sind nicht allererste wahl, dafür ist der chor gut und remy liefert interpretationen mit esprit und drive.

vom selben ensemble gibts ein telemann'sches weihnachtsoratorium, das ich aber nicht kenne.

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0761203941926.jpg
Tranquillo (16.12.2008, 13:07):
Original von uhlmann
http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0761203951529.jpg

weihnachtskantaten - ludger remy

das sind schöne stücke, die großteils weltlicher klingen als ihre pendants vom großen jsb. dafür finde ich sie auch frischer, irgendwie volkstümlicher und weniger "akademisch". die solisten sind nicht allererste wahl, dafür ist der chor gut und remy liefert interpretationen mit esprit und drive.
Das kann ich bestätigen. Wer Bachs "Weihnachtsoratorium" als "zu gelehrt" empfindet, hat hier eine gute Alternative.

Übrigens hat Bach neben den Kantaten des "Weihnachtsoratoriums" noch einige andere Weihnachtskantaten komponiert, die unbedingt hörenswert sind. Es gibt eine preiswerte Box mit diesen Kantaten aus der Kantaten-Gesamtaufnahme mit Ton Koopman:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51GiL9Fxt1L._SS400_.jpg

Viele Grüsse
Andreas
ab (16.12.2008, 23:02):
Wer abgefahrenes sucht, sollte einmal in "Une Cantate de Noel" (H 212) von Arthur Honegger, sein letztes Werk (1952), hineinhören: Bariton, gemischter Chor, Kinderchor und Orchester incl. Orgel.
Dort werden Choräle und Adventslieder von "Es ist ein Reis entsprungen" bis "Stille Nacht, heilige Nacht" in typischer Honegger-Verschmelzungs-Manier gegeneinander gesungen.
(Gerade ist eine Neuaufnahme bei hyperion erschienen)
ab (16.12.2008, 23:10):
Werk bombastisches liebt, hat womöglich Vergnügen an Otto Nicolais Weihnachtsouvertüre über den Choral "Vom Himmel hoch" (1833).