Wer ein Liebchen hat gefunden - Ein "Liedchen" und seine berühmtesten Sänger

Cavaradossi (06.04.2017, 18:48):
Kaum hat sich der Vorhang zu Mozarts Singspiel DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL geöffnet, da erscheint OSMIN auf der Bühne und trällert, scheinbar harmlos, vor sich hin: Wer ein Liebchen hat gefunden, die es treu und redlich meint .....
Dreimal wird Osmin von Belmonte, der eine Auskunft braucht, unterbrochen, dreimal läßt der Haremsdiener ihn abblitzen und singt munter weiter. Und jedesmal endet das Liedchen mit dem scheinbar harmlosen Singsang "Tralleléra ..... trallaléra". Doch so harmlos wie es vordergründig auch klingt, "es liegt etwas Schwüles, Unheimliches in diesem schwerfällig sich fortbewegenden Gesang", wie ein aufmerksamer Beobachter einmal anmerkte.
Ist Osmin nun in Wahrheit der abgefeimte Bösewicht, der seinem Kumpan Pedrillo "Gift und Dolch, den Strick an den Hals" und auch sonst alles nur erdenklich Schreckliche wünscht, oder ist er doch in seinem letzten Herzenskämmerlein eher ein von Leben enttäuschter, verbitterter, gekränkter Bursche, der zwar fortdauernd furchtbare Drohungen ausstößt, sie aber, wenn es hart auf hart käme, nicht in die Tat umzusetzen vermöchte? Dieses Auftrittslied ist von einer merkwürdigen Ambivalenz.
Nun haben die meisten berühmten Interpreten der Rolle, die es auf Tonträger zu bewundern gibt, völlig legitim eher die bösartigen, die haßerfüllten Seiten dieses merkwürdigen, aber treuen Dieners seines Herrn herausgestrichen. Gottlob Frick, Kurt Böhme, Wilhelm Strienz, Kurt Moll, Martti Talvela, sie alle betonen die schwarzen Seiten seiner Seele, allen voran aber Josef Greindl, der in der GA unter Ferenc Fricsay aus dem Osmin eine wahrhaft furchterregende Figur macht, der sämtliche Messer schon geschliffen hat, um dem "fremden Pack" den Garaus zu machen.
Doch, bei aller Bewunderung für diese großen Bässe und ihre Darstellungen (Frick hat den Osmin allein dreimal auf Platte gebannt), nenne ich jetzt meinen heimlichen Lieblingssänger dieser Rolle, der wahrscheinlich den meisten kaum oder gar kein Begriff mehr ist: Es ist der Ungar Endre Koréh (1906-1960), der in der allerersten Gesamtaufnahme dieser Oper auf LP den Osmin auf ganz originelle Weise darstellt. Sie ist 1950 von DECCA produziert worden, mit Josef Krips und den Wiener Philharmonikern, unter Mitwirkung von u.a. Wilma Lipp (Konstanze), Emmy Loose (Blonde), Walther Ludwig (Belmonte) und Peter Klein (Pedrillo).
Ganz im Gegensatz zu seinen großen Kollegen legt Koréh die Partie ganz anders an und aus: Auch er mimt den Bösewicht (wie könnte er auch anders?), aber irgendwie scheint bei ihm immer wieder ein komischer Zug durch, der ihn trotz seiner dauernden Wutausbrüche irgendwie sympathisch macht. Dabei ist seine sängerische Leistung eher mittelmäßig, seine Tiefe ist fast tonlos, und es schleichen sich auch manche Unebenheiten in seinen Vortrag. Und trotzdem: Nach meinem Empfinden wird keiner seiner Kollegen "dieser köstlichen Gestalt aus wenig Geist, viel Bauch und bösem Blut" so sehr gerecht wie dieser früh verstorbene Ungar, der von 1946 bis zu seinem Tod dem Ensemble der Wiener Staatsoper angehörte. Hier ist ein Bösewicht, der sich bei aller Primitivität einen Rest Menschlichkeit bewahrt hat, eine im besten Sinne "tragikomische Figur".
Und hier ist er zu hören:
oder hier:
Zum Schluß will ich aber noch eine Version nennen, die in sängerischer und musikalischer Formvollendung nicht zu toppen sein dürfte:


Alexander Kipnis in einer Aufnahme vom 10. April 1931, die in diesem Doppelalbum enthalten ist.

LG, Cavaradossi
Falstaff (07.04.2017, 00:07):
Lieber Cavaradossi, den Koreh findet man auf YouTube in einer ungarischen Version mit Otto Klemperer am Pullt. Was ich da bemerkenswert finde, ist dieser leicht melancholische Zug, den er mit hineinbringt. Findet der sich auch bei Krips oder ist das vielleicht auf Klemperer zurückzuführen?

LG Falstaff
Falstaff (07.04.2017, 00:13):
Alexander Kipnis in einer Aufnahme vom 10. April 1931, die in diesem Doppelalbum enthalten ist.
Lieber Cavaradossi, das ist in der Tat eine staunenswerte Aufnahme. Und auch er betont doch eher die tragische Figur und nicht nur den 'komischen Alten', den man fürchten, über den man letztlich aber auch lachen kann. Alleine das 'Trallaléra' ist in seiner Wehmut doch herzzerreißend.

Ich bin ja nun ein großer Moll-Fan in dieser Partie, aber dagegen verblasst er doch sehr. Leider. ;)

LG Falstaff
Cavaradossi (07.04.2017, 12:01):
Lieber Falstaff,

ich glaube, ich muß mich da ein wenig korrigieren. Wenn ich Koréh an erster Stelle genannt habe, so bezog sich das auf die mir bekannten Gesamtaufnahmen. Von Kipnis gibt es ja auf der CD-Ausgabe nur das Eingangslied. Nicht umsonst habe ich es an den Schluß meiner Vorstellung gesetzt und in "sängerischer und musikalischer Formvollendung" als unschlagbar gepriesen.
Es stimmt, auch er stellt, wie Koréh, die melancholischen, ja fast tragischen Züge dieser ambivalenten Figur in den Vordergrund, und sängerisch verfügt er über viel reichere Mittel als der Ungar. Nicht umsonst gefällt mir Kipnis' Interpretation so gut.
Damit ist nichts gegen die Darstellungen von Greindl, Frick u.a. gesagt, aber mir scheint deren Rollenansatz zu eindimensional zu sein, weil sie mit Nachdruck vor allem den bösartigen, hinterhältigen Charakter des Osmin doch recht einseitig betonen.
Zu Kurt Molls Osmin habe ich mich schon in dem eigenen Thread geäußert, den ich anläßlich seines Todes begonnen habe. Sängerisch ist auch er Koréh haushoch überlegen, und ich schätze ihn in der Rolle deshalb besonders, weil er vor allem singt und nicht vornehmlich agiert und (wie z.B. Böhme) durch übertriebene Mätzchen auf sich aufmerksam macht, die auf der Bühne ja ihre Berechtigung haben mögen, auf Platte aber oft ein wenig lächerlich wirken.

LG, Cavaradossi
Cavaradossi (07.04.2017, 12:40):
Hallo zusammen,

auf meiner Suche nach weiteren Arien mit Alexander Kipnis aus der "Entführung" bin ich auf einen seltsamen Fund gestoßen:

Da scheint es tatsächlich eine GA dieser Oper mit ihm zu geben, und das sogar in illustrer Umgebung: Helge Rosvaenge, Maria Ivogün, Margherita Perras und Julius Patzak!
Es scheint mir aber keine kommerzielle Aufnahme zu sein, ich kann jedenfalls nirgends eine solche finden. Die Namen der Mitwirkenden deuten auf einen Mitschnitt aus den 1920/30er Jahren hin. Ein Dirigent ist übrigens nicht genannt - so unwichtig kann der doch eigentlich nicht gewesen sein.
Kennt jemand von euch die Aufnahme? Kipnis als Osmin wäre allein schon die Anschaffung wert. Es handelt sich um eine LP-Ausgabe, die z.Zt. aber leider vergriffen ist. Ich habe bis heute nie etwas von ihrer Existenz gehört oder gelesen.

:hello Cavaradossi
palestrina (07.04.2017, 14:02):
Hallo Cavaradossi ...

Trackliste und Mitwirkende


>>>>>
A1Hier Soll Ich Dich Denn Sehen, Konstanze

Tenor Vocals – Helge Roswaenge

2:39A2Wer Ein Liebchen Hat Gefunden

Bass Vocals – Alexander Kipnis

3:16A3Konstanze, Dich Wiederzusehen

Tenor Vocals – Julius Patzak

4:22A4Ach Ich Liebte, War So Glücklich

Soprano Vocals – Margherita Perras

4:30A5Durch Zärtlichkeit Und Schmeicheln

Soprano Vocals – Adele Kern

3:42A6Welcher Kummer Herrscht In Meiner Seele

Soprano Vocals – Margherita Perras

4:29B1Martern Aller Arten

Soprano Vocals – Maria Ivogün

6:20B2Wenn Der Freude Tränen Fließen

Tenor Vocals – Koloman Von Pataky*

3:48B3Ich Baue Ganz Auf Deine Stärke

Tenor Vocals – Hermann Jadlowker

5:56B4Im Mohrenland Gefangen War

Tenor Vocals – Peter Anders

2:18B5Oh, Wie Will Ich Triumphieren

Bass Vocals – Wilhelm Hesch

2:51B6Nie Werd' Ich Deine Huld Verkennen

Bass Vocals – Eduard KandlSoprano Vocals – Adele Kern, Erna BergerTenor Vocals – Carl Jöken*, Max Hirzel <<<<<

Wie das Aussieht ist das lediglich eine Zusammenstellung aus einzelnen Aufnahmen der jeweiligen Sänger!
Man muß schon sagen vom Cover her ist das schwer irreführend.
Ich kenne es leider nicht!

LG palestrina
Cavaradossi (07.04.2017, 18:53):
Vielen Dank, palestrina,

für die Trackliste!
Nach dem Aussehen der Kassette mußte man zwangsläufig eine GA mit den darauf genannten Künstlern vermuten. Denn merkwürdig, die Künstler sind ja so aufgeführt, daß sie genau zu einer GA passen! So kann man die Käufer hinters Licht führen ...
Ich war auf der Suche nach den beiden Arien "Solche hergelauf'ne Laffen" und "O wie will ich triumphieren" mit Alexander Kipnis und stieß da bei Amazon auf dieses Cover.
Scheinbar hat Kipnis die beiden Arien nicht gesungen bzw. aufgenommen, denn ich finde sie nirgends.

Gruß, Cavaradossi
Guenther (08.04.2017, 13:46):
Hallo zusammen,

da ich selbst Baß singe und natürlich dieses "Lied" und die Rolle kenne, möchte ich etwas zu den "historischen" Aufnahmen sagen. Ich habe zwar die Schallplatten nicht selbst, habe aber aufgrund dieses Threads ein wenig in Youtube gestöbert.

Die Rolle selbst ist natürlich "böse-komisch", wenn auch das Singspiel nicht direkt als opera buffa konzipiert ist, so ist doch diese Rolle ein komisches Element. Dennoch sollte der Gesang nicht "comic like" sein. Und genau daran erinnert mich doch der Endre Kóréh sehr. Leider habe ich auf die Schnelle auf Youtube nur "Oh, wie will ich triumphieren" gefunden:

https://www.youtube.com/watch?v=rvDZ9Ikvc7U

Ich kann mich für diese Art von Interpration nicht erwärmen. Das fängt schon damit an, daß er anfangs dem Tempo kaum hinterherkommt. Auch ist die Stimme eher dünn (kann allerdings gewollt sein oder auch der Aufnahme geschuldet), die Tiefe im Prinzip nicht vorhanden. Die Einsätze sind technisch nicht korrekt an der richtigen Stelle, er wirkt mit diesem Stück in diesem Tempo überfordert. Die schauspielerische Leistung kann ich da natürlich nicht beurteilen...

Auch die auf Youtube zu findende Aufnahme mit Knipis:

https://www.youtube.com/watch?v=RZ9-0Z3oX2Q

würde heute wohl kein Sänger mehr ernsthaft so aufführen wollen (er würde vermutlich ausgelacht). Technisch singt er offene "O"s, wo aber "A" gefordert ist. Er dunkelt also "mit Macht" ab (man achte z.B. auf die Stelle "sei ihre Tröster, sei ihr Freund"), was für einen ausgebildeten professionellen Sänger eigentlich ein Unding ist. Es kann natürlich sein, daß das im Jahre 1931 noch so üblich war. Die Konsonanten sind auch nicht so ausgeprägt, wie man sie normalerweise in der Ausbildung lernt (aus gutem Grund), was aber der Aufnahme geschuldet sein kann. Ebenso die "Trolloleros"...

Warum er den "fremmmmdennnn Weinnnn" beim "n" so abhackt und nachdrückt, erschließt sich mir auch nicht sofort.

Das Tempo ist eine absolute Katastrophe. Es gibt m.E. keinen Grund, aus diesem tänzerischen Stück (6/8 Andante) ein Molto Adagio zu machen. Dazu noch zahllose Rubati, die die ganze Linie zerstören. Man fragt sich, was das soll...

Gut gefällt mir von den "historischen" Sängern G. Frick in diese Aufnahme:

https://www.youtube.com/watch?v=G_yBnqO4Hm8&list=PL8C5F4DA7DDCE2DF5


Auch Moll ist der Rolle in diesem Auftritt, wie ich finde, sehr gut gerecht geworden:

https://www.youtube.com/watch?v=69CD8O2CdQU

Sehr gepflegter Ausdruck mit hervorragenden Vokalen. So müssen sich "A"s anhören... :)

Hier "Oh, wie will ich triumphieren!":

https://www.youtube.com/watch?v=K7OMOFJACB4


Wer es etwas "schwermütiger" möchte, aber dennoch technisch einwandfrei, möge vielleicht Greindl hören:

https://www.youtube.com/watch?v=NQaxidHALjI

:)
Hosenrolle1 (10.04.2017, 17:38):
Wurde das Thema absichtlich oder unabsichtlich im "Bibliothek"-Brett gepostet?



LG,
Hosenrolle1
Cavaradossi (10.04.2017, 18:08):
Hallo Guenther,

Deinen umfangreichen Beitrag zu beantworten, ist gar keine leichte Aufgabe.
Zunächst einmal vielen Dank für die intensive Beschäftigung mit dem Stück. Immerhin hast Du die hierzulande prominentesten Sänger des Liedes alle probegehört. Das ist einerseits eine interessante, aber auch eine recht zeitraubende Tätigkeit. Immerhin habe ich selbst in den vergangenen Tagen einige Stücke in diversen Fassungen angehört und miteinander verglichen, weiß also, wovon ich rede.

Doch nun in medias res:
Zunächst ist es eine reine Geschmacksache, ob man eine Interpretation gut bzw. schön findet oder nicht. Das soll und muß jedem überlassen bleiben. Was den reinen Gesang von Endre Koréh angeht, stimme ich Dir in weiten Teilen zu. Auf seine diversen Schwächen habe ich in meinem Eingangsthread selber hingewiesen, vor allem seine fehlende Tiefe bemängelt. Aber mir ging es in erster Linie bei dieser Darstellung nicht um korrekten Gesang, sondern um die Darstellung dieses ambivalenten Charakters. Und den bringt Koréh m.E. sehr gut, sogar überzeugend "über die Rampe". Greindl, Frick, allen voran Kurt Moll, singen wesentlich genauer, haben einen größeren Tonumfang und auch die schönere Stimme, daran kann niemand zweifeln. Doch sie allesamt betonen mir zu sehr die bösartige, die rachsüchtige Seite Osmins und legen damit die Rolle einseitig aus. Das ist natürlich vollkommen legitim, und ich schätze vor allem Moll (bei Böhm) sehr hoch ein. Von allen genannten Sängern legt m.E. Josef Greindl die Partie so eindimensional aus, daß Pedrillo es bei ihm wirklich mit der Angst zu tun bekommen kann! Aber auch seine Auslegung ist in sich völlig schlüssig, und gesanglich überragt er Koréh bei weitem (der in Wien, wie ich las, vor allem als Falstaff in Nicolais "Die lustigen Weiber von Windsor" Furore machte).

Gar nicht einverstanden erklären kann ich mich aber mit Deinem Kommentar zu Alexander Kipnis. Du schreibst, daß Du selber Baßsänger bist, also etwas von der Sache verstehst. Umso weniger verstehe ich, daß Du zu dem Urteil kommst: "Die ... Aufnahme mit Kipnis würde heute wohl kein Sänger mehr ernsthaft so aufführen wollen (er würde vermutlich ausgelacht)".
Zunächst einmal verstehe ich nicht recht, was das mit "heute" und "gestern" zu tun hat! Das hieße doch, daß Interpretation wie die Kleidung der Mode unterliegt, und da kann ich Dir zumindest in weiten Teilen nicht folgen. Natürlich bringt jede Epoche neue Künstler und damit auch neue Auffassungen eines Kunstwerks mit sich, das ist eine Binsenweisheit, aber eine andere, dem sogenannten "Zeitgeist" entsprechende Auffassung kann eine künstlerische Leistung der Vergangenheit, die sich ernsthaft an Stil und Text eines Musikstückes hält, niemals entwerten. Jede Lesart, die sich an den Geist des Werkes hält, wird, wenn sie in stimmlicher und stiltechnischer Hinsicht den Anforderungen des Komponisten gerecht wird, ihren absoluten Wert behalten. Unzählige Aufnahmen der Vergangenheit legen Zeugnis dafür ab. Man denke an Furtwängler, Toscanini, an Artur Rubinsteins Chopinspiel, an den "Don Giovanni" von Fritz Busch aus Glyndebourne 1936 oder an Artur Schnabels Beethoven, sie alle sind zeitlos gültig und werden unabhängig von jeder Mode ihren Wert behalten, ähnlich wie auch ein Gemälde von Rubens, das man heute so sicher nicht mehr malen würde. Und so ist es auch mit Kipnis' Darstellung des Osmin. Geistig herausragende Aufnahmen mögen an Jahren alt werden, aber veralten können sie nicht.
Im übrigen kann ich in dem Lied wenig "Tänzerisches" entdecken, auch nicht bei rascherem Tempo. Für mich hat es etwas Melancholisches, ja fast Trauriges und lädt keineswegs zum Tanzen ein. Und wenn Du die Diktion und Aussprache von Kipnis, der gebürtiger Ukrainer war, bemängelst, so finde ich, daß er im ganzen ein ausgezeichnetes Deutsch singt, was man von heutigen Sängern eher selten zu hören bekommt. Mir fällt da spontan Plácido Domingo als Lohengrin ein, der nun wirklich nicht betonen muß, daß er sich "in fernem Land" auf die Reise nach Brabant begeben hat. Man hört es!

Zum Schluß noch ein Wort zu Kipnis und "Wer ein Liebchen hat gefunden": Nicht ohne Grund wird er bis heute von zahlreichen Kritikern und Musikfreunden als einmalige und künstlerisch überragende Erscheinung betrachtet. Jürgen Kesting schreibt in "Die großen Sänger" dem Liedchen als "zunächst harmlos daherkommenden Singsang etwas bedrückend Doppeldeutiges" zu und meint weiter: "Das Liedchen ... ist bei keinem jedenfalls besser aufgehoben als bei .... Alexander Kipnis", den der englische Musikwissenschaftler John Steane "ein Wunder unter den Sängern" nannte. Und der Liedbegleiter Gerald Moore ging noch einen Schritt weiter und bezeichnete ihn als "den umfassendsten Musiker unter allen Bässen, mit denen ich als Partner gearbeitet habe." Zum Schluß noch ein Wort von Jens Malte Fischer, der als Professor an der Münchner Musikhochschule wirkt und in dem Buch "Große Stimmen" sein Kipnis-Kapitel mit folgenden Worten schließt: "Solange es Zeugnisse großen Kunstgesangs geben wird, so lange wird Kipnis' Stimme einen der allervordersten Plätze in der Rangliste einnehmen, nicht nur die exzeptionelle Stimme, sondern auch der ungewöhnliche Interpret. Er war - nehmt alles nur in allem - der größte Bassist unseres Jahrhunderts, wir werden wohl kaum mehr seinesgleichen hören."

LG, Cavaradossi
Guenther (12.04.2017, 11:12):
Hallo Cavaradossi,

vielen Dank für Deine noch viel ausführlichere Antwort. :)

Um die Leser hier nicht zu langweilen, möchte ich mich nun etwas kürzer fassen und nur auf einige wesentliche Punkte Deiner Antwort eingehen.

Zu allererst möchte ich sagen, daß ich Alexander Kipnis' Verdienst als Opernsänger natürlich nicht schmälern will. Meine Kritik war rein sachlich auf DIESE eine Aufnahme bezogen. Aber darum geht es ja in diesem Thread: Um Einspielungen dieses Osmin-Liedes.

Warum ich auf "heute" und "damals" einging, war, weil ich mir nicht ganz sicher bin, wie der Standard im Jahre 1931 war.
Ich kenne nur wenige Aufnahmen aus dieser Zeit, das meiste ist auf alten Platten meiner Eltern. Wenn überhaupt.

Wenn ein halbwegs "berühmter" Sänger sich auf eine solche Darbietung einläßt, dann muß - so meine Überlegung - das früher ja beim Publikum angekommen und vielleicht sogar gewünscht gewesen sein. Ich glaube aber kaum, daß heutige Profi-Sänger dieses Lied so einstudieren bzw. aufführen würden. Die Gründe habe ich genannt.

Auch der Hinweis, Kipnis sei kein Deutscher, zieht hier nicht. "A"s haben nun mal "A"s zu sein, keine "Oahs". Das lernt man normalerweise relativ früh in der Ausbildung (und ist ein typisches Baß-Problem). Wie auch immer: Das kann ja früher anders gewesen sein. Wenn Nichtitaliener ital. Opern singen, müssen sie eben auch versuchen, den Klang der Sprache so gut wie möglich hervorzubringen. Der Komtur kann am Ende der Oper nicht singen: "Don Giovoaoaoaoaoaoaoaoaoaoannni!" ;)

Konsonanten wie "m" und "n" läßt man sozusagen in der Stirn klingen, stimmt. Aber nicht so übertrieben... Etc etc.

Zum Tempo: Er benötigt 3:22 in der Aufnahme, ich habe bisher keine andere Einspielung gefunden, die so lange benötigt. Die meisten kommen so mit ca. 2:30 über die Runden.

6/8 Andante ist nun einmal kein "Largo". Zu Mozarts Tempi kannst Du ja einmal hier nachlesen:

http://www.mozarttempi.net/deutsch.html

Mit "tänzerisch" habe ich nicht gemeint, daß man darauf tanzen soll. 6/8-Takte gibt es auch in "melancholischen" Stücken (Pamina: "Ach, ich fühls"). Dort hat die Traurigkeit aber auch einen echten Grund.

Bei Osmin sehe ich das ein wenig anders. Er ist zu diesem Zeitpunkt nicht traurig.
Gut, er weiß vermutlich, daß er als alter Mann dem jungen Blondchen nicht gefallen kann. Das ist hier aber noch nicht Thema.

Er wird hier ja gerade als Aufseher über den Harem eingeführt. D.h. sein Job ist es, die Frauen des Bassas vor den "jungen Herrchen", die da kirren und locken, zu "schützen", abzuschirmen.

Da das Lied ganz am Anfang steht - zuvor wurde Belmonte eingeführt - geht es zunächst um die Person Osmin an sich.
Ursprünglich sollte dieses Lied sogar der einzige gesangliche Auftritt im 1. Akt sein. Mozart hat dann das sich anschließende Duett und die Arie No.3 einfügen lassen, um den Konflikt des wütenden, immer auf Abwehr bedachten Osmin gegen den Eindringling und "Pedrillo"-Freund Belmonte noch besser charakterisieren zu können.

Gleichzeitig ist aber dieser wütende alte "Dorfpolizist" das komische Element, und er wird auch in seiner übermäßigen Wut so dargestellt. In diesem Gesamtzusammenhang würde ich das Tempo nicht verschleppen.

Andante ist hier genau richtig, im Sinne von "die Musik ist gehend, schreitend, fortführend", nicht breit. Wer geht, steht nicht (und genau dies tut Kipnis ständig: Er wird langsamer und bleibt stehen).

Die Liedform mit den drei Strophen, jeweils durch gesprochenen Text unterbrochen (!), ermöglicht eine Steigerung der Gefühle in Wut:

1. Stufe (Strophe): Liebchen muß belohnt werden (Küsse etc.).

Achtung: Was ist das: Ein Fremder!

2. Stufe (Strophe): Was ist mit der Treue? Wenn hier schon dauernd Fremde rumlungern... Lieber alles abschließen!

Was will der Typ da? Ins Haus? Abwehr!

3. Stufe (Strophe): Oft kommen junge Herren und verführen das Liebchen! Und es LÄSST sich auch verführen! Das lose Ding!


Und nun kommt der direkte Übergang ins Duett:

Belmonte ist wütend, weil Osmin ihm nicht antwortet, Osmin kocht bereits, weil er vom "jungen Herren" Gefahr wittert!

Ich finde, hier muß man die Bewegung, das innerliche Kochen, in Osmin spüren und das Lied nicht zu langsam nehmen.

So, war wieder lang genug...
;)
Cavaradossi (12.04.2017, 17:09):
Lieber Guenther,

zunächst bedanke ich mich für Deine Ausführungen, die einiges zur Klärung unserer Meinungsunterschiede beigetragen haben. Auch ich will mich stets "kurz fassen", aber im Eifer des Gefechts kommen immer neue Gedanken, die man für wichtig hält. Ich sehe zu meiner Freude, daß es Dir nicht viel anders geht :)
Auch mir geht es vor allem um dieses Lied, das lt. Kesting "bei keinem besser aufgehoben" war als bei Kipnis. Das ist natürlich reine Geschmacksache, aber ich bin sicher, daß er damit zuerst den reinen Gesang und nicht das Tempo gemeint hat. Was das Tempo angeht, sind wir eigentlich nahe beieinander. Nun weiß ich nicht, wer dafür verantwortlich war, Kipnis oder der Dirigent. Erich Orthmann hieß er, heute wird ihn kaum noch jemand kennen. Aber in der Regel ist es so, daß die Dirigenten das Tempo bestimmen. Ob das hier einmal anders war?
Nun ist ja ein Unterschied zwischen einer Aufnahme und einer Darstellung auf der Bühne. Niemand weiß, ob Kipnis das Lied so jemals auf der Bühne gesungen hat. Allerdings wurden damals auf Platten Stücke meist eher schneller gesungen als sonst, wegen der eingeschränkten Kapazität. Eine Plattenseite faßte max. 4 Minuten! Doch das dürfte beim "Liebchen" keine Rolle gespielt haben.
Die von Dir beanstandeten "Oahs" sind ein altes Sängerproblem, man findet sie auch bei Tenören häufig. Denke nur mal an Mario del Monaco und sein "Vesti la giubba" in "Pagliacci"! Es gibt noch zahlreiche andere Beispiele. Jedenfalls gebe ich Dir da recht, aber auf den Gesang und die Interpretation hat das m.E. keinen Einfluß. Das Tempo schon.
Im übrigen kann ich Deiner Auslegung des Liedes folgen und in weiten Teilen zustimmen. Nur hinkt der Vergleich mit Paminas "Ach, ich fühl's". Da ist die Traurigkeit das Grundthema der Arie, während bei Osmins Auftrittslied die Traurigkeit nur ganz hintergründig zutage tritt, d.h. sie versteckt sich zwischen den Zeilen. So empfinde ich es jedenfalls. Zumindest in den Interpretationen von Kipnis und Koréh höre ich sie heraus, während sie bei Moll, Greindl, Frick oder Böhme von der unterschwelligen Wut überdeckt wird. Die nehmen das Lied ja auch dementsprechend viel rascher. Deshalb scheint es mir hier um zwei ganz verschiedene Interpretationsansätze zu gehen: auf der einen Seite Moll, Frick & Co., auf der anderen Kipnis u. Koréh.
Es spricht für Mozart und seine Kunst, daß man selbst ein vordergründig so harmloses Liedchen ganz unterschiedlich auslegen kann. "In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen", heißt es schon in der Bibel.

Und nun will ich es ebenfalls nicht weiter ausufern lassen ....

LG, Cavaradossi
Hosenrolle1 (12.04.2017, 17:20):
OT: ich finde nicht, dass eure interessante Diskussion "ausufert"; ein Diskussionsforum ist m.E. gerade dafür da, dass man auch richtig diskutiert, und nicht a la 140 Zeichen-Twitter nur hinschreibt "Gefällt mir, tolle Aufnahme, Bis bald".



LG,
Hosenrolle1
Falstaff (12.04.2017, 23:51):
OT: ich finde nicht, dass eure interessante Diskussion "ausufert"; ein Diskussionsforum ist m.E. gerade dafür da, dass man auch richtig diskutiert, und nicht a la 140 Zeichen-Twitter nur hinschreibt "Gefällt mir, tolle Aufnahme, Bis bald".
Das unterschreibe ich sofort. Ich finde eure Diskussion dazu höchst interessant.

:hello Falstaff
Guenther (13.04.2017, 11:19):
Lieber Cavaradossi,

vielen Dank für Deine erneute Antwort. Es ist doch prima, wenn wir nun etwas enger zusammengerückt sind, was unsere Ansichten über diese Einspielung angeht.

Ja, ich wäre auch gern früher einmal bei solchen Aufführungen in den 20er oder 30er Jahren dabei gewesen und hätte die "großen Sänger" einmal als Schauspieler gesehen. Ich liebe auch das Golden-Gate-Quartett, den beginnenden modernen Jazzklang, den späteren genialen Glenn Miller.

Und noch viel lieber hätte ich der Uraufführung dieser Oper beigewohnt. Ich liebe diese Zeit der Aufklärung, den klassischen Stil in Kunst und Literatur, die Auseinandersetzungen mit der dominierenden Kirche, die Logen und die Illuminaten, die ganze Zeit nach dem Spätbarock. Da hätte ich gern einmal einige Zeit verbracht, wohl wissend, daß eine einfache Pharyngitis mir vielleicht den Tod gebracht hätte (mit anschließendem Nierenversagen wie möglicherweise bei Mozart).

Die Stimme von Kipnis gefällt mir übrigens gut, wenn natürlich die Qualität der Aufnahme nur begrenzt eine Beurteilung zuläßt. Das Tempo könnte auch von Dirigenten vorgegeben sein, ja. Allerdings wird einem bekannten und bestbezahlten "Star" vermutlich immer ein gewisses Mitspracherecht eingeräumt. Zumindest heute ist es oftmals so (und wird bisweilen von den Dirigenten beklagt), daß sich die renommierten Sänger nur wenig vom Dirigenten "vorschreiben" lassen... ;)

Ja, es ist auch gut möglich, daß diese Plattenaufnahme eine besondere Einspielung war, die auf der Bühne ganz anders aufgeführt wurde.

Noch ein Wort zur Pamina: Das war natürlich nicht als direkter Vergleich gemeint. Ich schrieb nur, daß bisweilen auch "melancholische" Stücke in einem 6/8-Takt geschrieben sind. Dazu führte ich als Beispiel "Ach, ich fühl's" an. Unmittelbar danach schrieb ich jedoch, daß ich die Stimmung im Lied des Osmin nicht mit der tiefen Traurigkeit von Pamina an dieser Stelle der Zauberflöte vergleichen möchte.

Richtig ist natürlich, daß man jedwedes Stück, für sich allein betrachtet, aufführen und interpretieren kann, wie man möchte. Ich bin durchaus kein Befürworter von Begriffen wie "richtige" oder "falsche" Interpretation. Ein Musik-Werk entsteht im Zeitpunkt der Aufführung. Es existiert m.E. noch nicht in der Komposition an sich, sondern wird erst durch die Interpretation, die praktische Ausübung, das "Tun". Dadurch unterscheidet sich die Musik von der bildenden Kunst, der Malerei und der Literatur. Ein Stück auf Papier ist nur ein Notentext. Erst durch die Umsetzung durch Klangerzeugung entsteht das eigentliche Werk. Die Partitur ist m.E. die "Idee" (aber nicht im Sinne einer exakten Bedienungsanleitung).

Der Interpret soll mir die Idee möglichst überzeugend nahebringen, dann kann ich das Kunstwerk genießen. Der Knackpunkt ist das "Überzeugen"...
;)
Cavaradossi (13.04.2017, 11:59):
ich wäre auch gern früher einmal bei solchen Aufführungen in den 20er oder 30er Jahren dabei gewesen und hätte die "großen Sänger" einmal als Schauspieler gesehen.
Lieber Guenther,

es ist bekannt, daß die Sänger früher oft ganz schlechte Schauspieler waren. Ich denke da spontan an Jussi Björling, der auf der Bühne einfach nur singen wollte und sonst nichts. Der frühere Generalmanager der MET, Rudolf Bing, beklagt das in seinen Memoiren heftig. So lehnte Björling es z.B. ab, seiner Partnerin in "Manon Lescaut" während der Sterbeszene das gewünschte Glas Wasser zu holen, so daß diese sich selber bemühen mußte .... Heute undenkbar.

Ein Musik-Werk entsteht im Zeitpunkt der Aufführung. Es existiert nicht in der Komposition an sich, sondern erst durch die Interpretation, die praktische Ausübung, das "Tun".
Das ist auch meine Ansicht. Deshalb hatte ich ja in meiner ersten Erwiderung gemeint, daß man bei Kunstwerken eigentlich nicht heute gegen damals ausspielen kann. Jede Zeit hat ihren Aufführungsstil, der aber nicht die vergangenen entwerten darf oder gar kann.
Ich halte es für gut möglich, daß Kipnis, der 1931 (als "Wer ein Liebchen ..." aufgenommen wurde) schon ein Star war, auf das Tempo Einfluß genommen hat, aber das bleibt Spekulation. Zu damaliger Zeit waren ja auch die Aufnahmebedingungen ganz andere als heute. So wurden fast gar nicht Stardirigenten zu Opern-Recitals herangezogen, dazu hatten die Firmen ihren "Hausdirigenten". Auf dem Plattenetikett prangte eh nur der Star, und das war bei Oper und Lied immer der/die Sänger/in, nie der Begleiter, ob Dirigent oder Klavierspieler. Diese Praxis war sogar noch in den 50er Jahren vorherrschend. Auch da hat Karajan, wie bei der Originalsprache, den Vorreiter gespielt.


Cavaradossi
Guenther (13.04.2017, 13:44):
Lieber Cavaradossi,

Das ist auch meine Ansicht. Deshalb hatte ich ja in meiner ersten Erwiderung gemeint, daß man bei Kunstwerken eigentlich nicht heute gegen damals ausspielen kann. Jede Zeit hat ihren Aufführungsstil, der aber nicht die vergangenen entwerten darf oder gar kann.

Richtig, "gegeneinander ausspielen" im negativen Sinne sollte man die Einspielungen nicht.
Vergleichen darf man schon.

So wenig, wie "früher alles besser" war, ist das Moderne immer dem alten Stil überlegen...
Hosenrolle1 (13.04.2017, 14:07):
Und noch viel lieber hätte ich der Uraufführung dieser Oper beigewohnt.
Da würden sich aber viele Leute erschrecken, dass die Musik hier ganz anders klang als das, was man im 20. Jahrhundert daraus gemacht hat :)

Wir unterscheiden uns aber darin, wie wir die Partitur und die Aufführungen sehen. Es gibt m.E. durchaus objektive Kriterien, wo man sagen kann, dass eine Interpretation falsch ist.
Die Musiker sind für mich generell nachschaffende Künstler.


LG,
Hosenrolle1