aktuell leite ich ein Projekt unserer Musikschule. Es geht darum, dass wir in einer Tastenwoche im nächsten Jahr einen Schwerpunkt auf das "totale Klavier" legen wollen. Der Begriff ist nur ein Notbehelf. Gemeint ist damit, wir konzentrieren uns auf Stücke, die entweder für präpariertes Klavier komponiert sind oder bei denen man auch im Inneren das Flügels, auf dem Korpus etc. spielt (oder natürlich Kombinationen von beidem).
Die Werke von Cage und Cowell beispielsweise sind ja sehr bekannt und von mir schon gesammelt. Ich hatte eine Umfrage nach Werken bei den anderen Klavierlehrern der Musikschule gestartet, die mehr als nur klägliche Resultate zutage föderte. Ein einziger meldete sich und nannte Hein Holligers "Elis", das sind drei Nachtstücke, bei denen man auch mal eine Saite zupft, aber vorwiegend auf den Tasten spielt. DAS WARS.
Ich habe nun selber keine schlechte Kenntnis von zeitgenössischer Musik. Wenn es aber darum geht, in diesem Bereich Werke zu finden, die gerade auch die jüngeren Schüler spielen können (offen sind diese ganz besonders für die interessanten Klänge), dann wirds schwierig.
Daher stelle ich die Frage mal hier rein, vielleicht kennt jemand Stücke, die mir noch nicht untergekommen sind.
Damit nicht alles genannt wird, was ich schon entdeckt habe, findet ihr unten meine Liste. Besonders interessant sind für mich auch historische Beispiele. In meiner Liste tachen beispielsweise schon Mozarts türkischer Marsch und Saties Piege de Meduse auf. Vielleicht kennt ja jemand von euch zumindest eine Überlieferung a la "Hindemith pflegte hier privat immer einen Blumentopf auf die tiefen Saiten zu stellen" (ist natürlich nur gesponnen, aber sowas kann es ja geben). Interessant für mich sind auch Stücke, die man variabel aufführen kann (mit optionaler Präparation, oder auch reine Konzeptstücke, die man auch mit Saitenzupfen o.ä. gestalten kann).
Für die Hilfe danke ich euch schon jetzt.
Herzlich, S A T I E
satie (15.08.2012, 11:11): Hier sind einmal meine gesammelten Notizen:
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Unterscheidung präpariertes/ String Piano bzw. extended Technique:
präpariert: Radiergummis, Schrauben, Holzdübel etc. zwischen die Saiten stecken oder Objekte auf die Saiten legen etc.
String Piano/ etended technique: das innere des Klaviers wird so wie die Tasten bespielt (Saiten zupfen, tupfen, mit Fingerkuppen oder Schlägeln anschlagen etc.).
Natürlich werden diese beiden Formen häufig gemischt. Der Begriff String Piano geht auf Henry Cowell zurück.
Zugang: am besten über Improvisation (Klänge erforschen). Viele Schüler bekommen direkt Lust, so ein Stück zu komponieren. Man kann auch die gerade geübten Stücke mal mit Präparationen spielen.
Schöner Nebeneffekt: die Schüler lernen etwas über die Beschaffenheit des Instruments und die Tonerzeugung (warum hat das Klavier genau diesen Klang? Warum klingt es so anders, wenn man zupft? o.ä. Fragen können hier behandelt werden).
Oder historischer Zugang: beispielsweise Mozarts Türkischer Marsch ist konzipiert für zeitgenössische Instrumente mit "Janitscharenzug", einem Registerzug, der Becken auf die tiefen Saiten legte. Beim Ritornell schepperte das also gewaltig.(Aufnahme: Tom Beghin: Mozart for Fortepiano (allerdings mit Papier auf Saiten))
Oder Ravels "Tzigane", ursprünglich für Violine und "Lutheal" geschrieben, ein präpariertes Klavier, das wie ein Cymbalon klang. (Zu hören auf Sarah Nemtanu: Gypsic)
Verwendung auch zunehmend im Pop und Jazz (Hauschka http://hauschka-net.de/, Chick Corea u.a.). Ein älteres Beispiel: Ferrante & Teichen, z.B.: http://www.youtube.com/watch?v=yiKQEWzGI8E
Tack Piano: eigtl. eine dem Instrument sehr abträgliche Präparaten mit Reißnägeln in den Hämmern, kann durchaus ungefährlich mit Papierstreifen o. scheppernden Gegenständen nachgestellt werden. Stücke wie Ragtimes oder anderer Two-Beat-Jazz lassen sich sehr gut auf diese Weise spielen und stellen ebenfalls einen Weg dar, vom tonalen Material zum Geräusch hin zu arbeiten.
Werke:
a) String Piano/ Extended Technique
Henry Cowell:
Aeolian Harp (Harfeneffekt mit stumm gegriffenen Akkorden, nicht sehr schwer)
The Banshee (ausschließlich im Inneren des Flügels, Reiben, kratzen, wischen etc.)
Heinz Holliger:
Elis. Drei Nachtstücke(1961), vorwiegend auf Tasten, teilw. im Inneren. (Schwer), ca. 5 Min.
Daniel N. Seel:
Nacht-Stücke
b) präpariertes Klavier
John Cage:
Prelude for Meditation (sehr einfach, nur drei oder vier Töne, schnell präpariert (Schrauben))
A Room (nicht sehr schwer, durch begrenzten Tonvorrat wenig Präparation nötig. Das Stück kann auch ohne Präparation gespielt werden, eignet sich für vergleichendes Hören)
Sonatas and Interludes (unterschiedlich, von mittel bis schwer. Sehr aufwändige Präparation, Dauer ca. 2 Stunden! Einzelne könnten aber schneller präpariert werden.)
The Perilous Night (mittel, Präparation weniger aufwändig als bei den Sonatas)
Erik Satie:
Le Piege de Meduse (Es ist überliefert, dass Satie bei einer Aufführung der Klavierversion Papier auf die Saiten gelegt hat, damit der Klang "mechanischer" wirkt, s. u.)
Christian Wolff:
For Prepared Piano (1951), ca. 6 Min. (repetitiv, nicht sehr schwer) -->http://www.youtube.com/watch?v=7BwM9HGYpuE
Alan Stout:
For Prepared Piano (eher schwer), ca. 9 Min. -->http://www.youtube.com/watch?v=gTFLQlz1z1s
"Neben Cage benutzen auch andere Komponisten die Idee für das Präparierte Klavier zum Komponieren. Unabhängig von Cages eigenen Experimenten komponierte der MexikanerConlon Nancarrow ab 1947 ausschließlich für Player Piano und präparierte zum Teil die Saiten der Klaviere aus klanglichen Gründen. Weiterhin haben Earle Brown, Boris Berman, Ruth Schönthal, Alfred Schnittke (Concerto Grosso Nr. 1), Arvo Pärt (Tabula Rasa) oder Mario Bertoncini Werke für präpariertes Klavier geschrieben. Aktuell sind hier Komponisten wie Iancu Dumitrescu, Iris ter Schiphorst, Ana-Maria Avram, Joseph Schwantner, Se-Lien Chuang, Thuon Burtevitz oder Dietmar Bonnen zu nennen. " http://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4pariertes_Klavier
At the private premiere of the Piège, Satie, performing the music, had slid sheets of paper between the strings of the piano for a more mechanical sound. This was supposedly the first appearance of a prepared piano in the history of music. (Wiki)
Jürgen (15.08.2012, 11:42): Leider keine Antwort auf Deine Frage.
Aber von mir eine dumme Frage: Bieten moderne E-Pianos dafür schon spezielle Register (oder wie auch immer man das dort nennt) an? Das wäre natürlich ein Fass ohne Boden.
Grüße Jürgen
satie (15.08.2012, 12:11): Lieber Jürgen, also theoretisch könnte man natürlich irgendeinen Klang von einem präparierten Klavier sampeln. Aber Sinn machen würde es wohl weniger. Der Witz ist ja gerade, dass man dazu Zugriff auf die Saiten braucht, und solche hat ein E-Paino nicht. Oder habe ich die Frage falsch verstanden?
Herzlich, S A T IrritiErt
uhlmann (15.08.2012, 12:41): guero von helmut lachenmann ist eine möglichkeit (überhaupt wird ja bei lachenmann kaum ein instrument "normal" gespielt).
zitat aus wikipedia: "Das Werk ist von knapp 5-minütiger Dauer und graphisch notiert. Der Pianist streicht mit und ohne Hilfsmittel über die Tastaturoberflächen (weiße/schwarze Tasten), ohne diese jedoch „normal“ zu bedienen. Das Resultat besteht aus ratternd-„perforierten“ Klängen, ähnlich denen, die das geschrapte Perkussionsinstrument „Guero“ hervorbringt. Hinzu kommen eine Vielzahl von Aktionen innerhalb des Klavieres (Zupfen von Saiten, Stimmnägeln, Agraffen; Schläge gegen Rahmenstrebe und Korpus etc.)"
lachenmann meint dazu: "eine spielstudie auch für den pianisten, der von seinem erworbenen pianistischen können getrennt wird und dabei nun erst recht als musiker sich finden muss."
Heike (15.08.2012, 13:41): Schleiermacher, eher einfach: http://www.breitkopf.com/feature/ausgaben/2809
Auch Fazil Say greift gern mal in die Saiten bei seinen Kompositionen, wenn ich mich richtig erinnere (z.B. Black Earth). Heike
Heike (15.08.2012, 14:29): noch eins: George Crumb: Makrokosmos
siehe u.a. hier http://www.erik-reischl.de/text_crumb_de.htm
für die Tips schon einmal besten Dank. Crumb fiel mir auch ein, ist aber wahrscheinlich wegen der nötigen Verstärkung ein Problem. Dank der absoluten Haushaltssperre der Stadtverwaltung haben wir teilweise nicht einmal mehr Klavierstühle... Equipment für Verstärkung kann ich schon beantragen, das dauert dann zwei Jahre - bis der Antrag abgelehnt wird. Den Lachenmann hatte ich doch glatt vergessen! Das ist ein sehr gutes Stück. Schleiermacher musste ich mal sehr unangenehm persönlich kennenlernen. Daher hätte ich ihn bestimmt nicht gesucht. Die Stücke könnten tatsächlich etwas sein.
Herzlich, S A T I E
satie (16.08.2012, 00:00): Original von Heike Auch Fazil Say greift gern mal in die Saiten bei seinen Kompositionen, wenn ich mich richtig erinnere (z.B. Black Earth). Heike
Ich weiß nicht, was es ist, aber ich werde mit diesem Pianisten nicht warm. Und seine eigenen Stücke sind mir zu öd. Black Earth hätte so mancher noch als Improvisation ad hoc hingekriegt (und da zähle ich mich selber durchaus dazu). Nein, aber es ist auch ein Beispiel, natürlich. Ich finde da aber beispielsweise Ferrante und Teicher lustiger: http://www.youtube.com/watch?v=yiKQEWzGI8E
Heike (16.08.2012, 07:52): Meine Erfahrungen mit Fazil Say sind äußerst widersprüchlich, meine letzte Begegnung mit ihm war mehr als gruselig, hier nachzulesen: http://www.das-klassikforum.de/thread.php?postid=97620#post97620 Seine Eigenkompositionen, soweit ich sie gehört habe, fand ich unterhaltsam, würde ich aus dem Bauch raus aber gar nicht zur E- Musik zählen. Heike
Cetay (inaktiv) (17.08.2012, 21:41): Speziell für die ganz Jungen könnte Kellers Im Wunderland etwas sein.
Bei diesen außergewöhnlichen Kompositionen, mit viel Überlegung und nach einem musikalisch stimmigen Konzept zusammengestellt, wechselt schon mal das Metrum von einem Takt zum anderen, werden Tasten stumm heruntergedrückt und lassen so in einer sich anschließenden Pause reizvolle Klangwolken erklingen. Nach diesem etwas anderen klavierpädagogischen Ansatz dürfen, sollen die Schüler sogar in das Innenleben des Flügels hineingreifen, auf den Saiten zupfen, einzelne oder mehrere gleichzeitig oder als Glissando, sanft oder markant, je nach Vorstellung des Interpreten. (...)
satie (17.08.2012, 23:11): Original von Cetay Speziell für die ganz Jungen könnte Kellers Im Wunderland etwas sein.
Bei diesen außergewöhnlichen Kompositionen, mit viel Überlegung und nach einem musikalisch stimmigen Konzept zusammengestellt, wechselt schon mal das Metrum von einem Takt zum anderen, werden Tasten stumm heruntergedrückt und lassen so in einer sich anschließenden Pause reizvolle Klangwolken erklingen. Nach diesem etwas anderen klavierpädagogischen Ansatz dürfen, sollen die Schüler sogar in das Innenleben des Flügels hineingreifen, auf den Saiten zupfen, einzelne oder mehrere gleichzeitig oder als Glissando, sanft oder markant, je nach Vorstellung des Interpreten. (...)
Danke für den Tipp! Die Vorschau sieht schon mal ganz gut aus, wäre eine gute Anschaffung für die Notenbibliothek.
Herzlich, S A T I E
ab (30.08.2012, 16:39): Thomas Larcher greift auch gerne einmal in die Saiten, wie ich aus Konzerterlebnissen weiß: fündig wird man bei ECM- Aufnahmen. Keine Ahung aber, wie schwer die sind..