Who is Raffaele d'Alessandro?

Toni Bernet (28.03.2023, 16:38):
Raffaele d'Alessandro


Zu einem völlig zu Unrecht vergessenen Schweizer Komponisten des 20. Jahrhunderts gehört Raffaele d’Alessandro, obwohl er die mehrsprachige Schweiz in seiner Biografie ideal verkörpert. Im deutschschweizerischen St. Gallen wuchs er als Kind eines italienischen Einwanderers und einer bündnerischen Mutter auf. 1934 ging er zu Studien bei Nadia Boulanger, Marcel Dupré und Paul Roes nach Paris, musste aber wegen des Kriegs 1940 in die Westschweiz zurückkehren, wo er, in Lausanne wohnhaft, sich als freischaffender Pianist und Komponist durchschlagen musste. Er starb am Tag seines 48. Geburtstages, völlig verarmt, infolge innerer Verblutungen nach dem Bruch einer Aorta. Leider wurden seine Werke danach kaum mehr aufgeführt, die serielle Musikrevolution, aus Frankreich kommend, hat sein Werk völlig überrollt, obwohl d’Alessandro alles andere als traditionelle Musik komponiert hat. Er wurde zu Lebzeiten von Dirigenten wie Ernest Ansermet oder Paul Kletzki sehr geschätzt, Eugene Ormandy in Philadelphia und Dinu Lipati spielten Werke von ihm in öffentlichen Konzerten.



Stilistisch enthält sein Werk Elemente des französischen Impressionismus ravelscher Art, des Expressionismus und Neoklassizismus, allerdings in einer schöpferischen Neu-Kombination, was Ostinato-Rhythmus, Bitonalität, Form und Harmonik betrifft. Sein Werk besteht aus rund 80 Opuszahlen, viel Klaviermusik (u.a. die 24 Préludes), Kammermusik und zunehmend mit seiner kompositorischen Entwicklung auch Orchesterwerke, Instrumentalkonzerte und Sinfonien. Sein Tod aber war offensichtlich auch ein Abbruch einer vielversprechenden Karriere, die für einen Komponisten erst hätte beginnen können.



Das Violinkonzert von Raffaele d’Alessandro entstand in Lausanne 1941 innerhalb von acht Tagen. Aufgeführt wurde es damals nicht. Erst 1997 wurde es vom Winterthurer Stadtorchester und der Geigerin Sibylle Tschopp uraufgeführt und wurde von Publikum und Presse mit Begeisterung aufgenommen. Formal besteht es aus einer Einleitung und einem Satz in Sonatenform, für die er eine besondere Schwäche habe, wie er mit gewissem ironischem Unterton schreibt:




«Eine besondere Schwäche habe ich für die klassische Sonatenform, die mich unter allen musikalischen Formen gleichzeitig als die strengste und, innerhalb ihrer festgezogenen Grenzen, als die vielfältigste anspricht. Deshalb ist wohl mindestens die Hälfte meiner Kammer- und Orchestermusik in Sonatenform geschrieben. Allerdings gestatte ich mir, seit mehreren Jahren schon, im Sonatensatz etwas von der Regel abzuweichen, indem ich die Hauptthemen in der Reprise kontrapunktisch übereinandersetze statt sie, wie in der Exposition, einzeln wiederkommen zu lassen. Diese etwas unorthodoxe Vergewaltigung der Tradition hat immerhin Folgendes für sich: Die Reprise zeigt von selbst ein anderes Gesicht als die Exposition und wird verkürzt zugunsten der Durchführung, welche, vom Kompositionstechnischen her gesehen, den interessantesten Teil des Sonatensatzes darstellt (in einsätzigen Sonaten dieser Form lasse ich der normalen Durchführung eine zweite, als langsamer Satz wirkende Lento-Durchführung folgen). – Damit hätte ich die einzige Erfindung meines Lebens angepriesen, in Ermangelung eines Besseren. Das Ei des Columbus ist eben nicht von mir entdeckt worden. Aber schliesslich soll es ja einem schaffenden oder nachschaffenden Künstler nicht darauf ankommen, das Nochniedagewesene an den Haaren herbeizuziehen als darauf, einerseits die als Segen oder als Belastung auf dem Lebensweg mitbekommene Begabung zum Besten zu verwenden, keine Konzessionen zu machen, selbstkritisch und seiner Kunst gegenüber loyal zu sein, und andererseits – eben deshalb – hin und wieder auf die Zähne zu beissen.» (Raffaelo d'Alessandro 1955, zitiert in: Luise Marretta-Schär, Raffaele d’Alessandro. Leben und Werk, Zürich 1979, s. 65).




Im Violinkonzert op 41 finden wir dieses formale Prinzip erstmals in seinem Werk umgesetzt. Nach der Introduzione, quasi cadenza folgt die Sonata, mit den Teilen Allegro marcato, Grave und Tempo I.


Ein Hörbegleiter zu diesem Violinkonzert ist neu hier zu finden:


https://unbekannte-violinkonzerte.jimdofree.com/20-jahrhundert/d-alessandro/
Sfantu (28.03.2023, 22:24):
Danke, lieber Toni, für Deinen schönen Beitrag zu d'Alessandros Violinkonzert.
Die Aufnahme, auf die Du Dich beziehst, ist vermutlich diese, oder?



Violinkonzert op. 41

Sibylle Tschopp, Violine
Stadtorchester Winterthur - Nicholas Carthy
(CD, Musica Helvetica, 1998)

Introduzione (quasi cadenza)
Lento 3'46

Sonata
Allegro marcato 5'50
Grave 7'08
Tempo primo 1'40

Sachkundig wie anschaulich sind stets Deine "Hörbegleiter". Es macht Freude, sich anhand ihnen durch die Werke zu arbeiten. Jedenfalls konnte ich dieses Konzert nach längerer Pause heute mit anderen, mit geschärften Sinnen wieder erleben - eine Bereicherung! Übrigens - die Stimme der Solo-Posaune im kurzen Finalsatz: holla!! So herausfordernd wie spektakulär - ein echter Hinhörer!
Toni Bernet (29.03.2023, 09:13):
Hallo Sfantu

Danke für dein Interesse an Raffaele d'Alessandro und danke auch für die liebenswürdige Rückmeldung auf meine Hörbegleiter.
Auch ich lese deine Kommentare hier immer wieder mit Interesse und erhalte da und dort einen neuen Höranstoss.

Eine gute Zeit
Toni Bernet
Sfantu (29.03.2023, 20:32):
Lieber Toni,

vielen Dank für die (unverdienten) Blumen.
Ich hoffe, Du erlaubst mir eine kleine Portion eigenen Senf zu Raffaele d'Alessandro. Die Zahl verfügbarer Tonträger mit Musik von ihm ist wohl überschaubar. In meiner Sammlung befinden sich gerade mal 3 (sofern ich noch den Überblick habe).
Ein anderes lohnendes Orchesterwerk von ihm (wenn auch düsterer als das Violinkonzert) ist das 1958 im Auftrag des NDR Hamburg entstandene



Tema variato für großes Orchester

Orchestre du studio de Genève - Jean-Marie Auberson
(LP, Communauté de travail pour la diffusion de la musique suisse, 1968)

In einem Satz 16'00

Dieses Werk d'Alessandros könnte auch als Konzert für Orchester durchgehen.
Farbig und kontrastierend die Instrumentation, wenn auch vom Grundgestus her nicht so schillernd wie etwa Brittens Purcell-Variationen. Nur - ist es weniger die instrumentatorische Könnerschaft, die hier bei d'Alessandro geringer ausfiele - keineswegs! Es ist eher der Stimmungsgehalt, der den Unterschied markiert. Bei d'Alessandro dominiert gedankenschwerer Ernst, bei Britten das Glamouröse und schließlich Lebensbejahende. Immerhin führt die von der Solo-Trompete maßgeblich geprägte letzte Variation am Ende zu einem strahlenden Dur-Abschluß.

Merci u härzlichi Grüess us Bärn i 'd Zentralschwiiz,
Sfantu
Sfantu (30.03.2023, 21:37):
Der letzte d'Alessandro-Tonträger bei mir (ein Vierter ist in Bestellung) beinhaltet kammermusikalische Werke:




Streichquartett Nr. 2 op. 73
Klaviersonate Nr. 3 op. 40
Violinsonate Nr. 2 op. 9a
Klaviertrio op. 33

Quatour Sine Nomine:
Patrick Genet und François Gottraux, Violinen
Nicolas Pache, Bratsche
Marc Jaermann, Violoncello

Philippe Dinkel, Klavier
(CD, Gallo, 1991)

op. 73

Allegro (Sonate) 5'22
Adagio (Arioso) 5'42
Presto (Scherzo) 4^01
Allegro (Rondo) 5'26


op. 40

In einem Satz 11'21


op. 9a

In einem Satz 9'27


op. 33

In einem Satz 10'37


Deutlich herausstechend das Quartett.
Die Tonsprache ist dort die kühnste, trockenste, avancierteste unter seinen mir bekannten Werken. Auch die Violinsonate - ebenfalls eines der späteren Werke d'Alessandros - ist von ähnlicher Klarheit und Linearität geprägt. Das Trio, mehr noch die Klaviersonate (beide gegen Ende seiner Pariser Jahre entstanden - bis kurz vor der deutschen Okkupation 1940), atmen den Geist der Impressionisten, teils auch die ein wenig freche Brise der Groupe des Six.

Engagierte Interpretationen, guter Klang. Etwas nachlässige Edition mit sparsamem Booklet-Text. Auch muß man selbst rückschließen, welcher Musiker in welchem Stück beteiligt ist (ich nehme an, als den Geiger in der Violinsonate dürfen wir den Quartett-Primarius Patrick Genet vermuten?).
Sfantu (03.04.2023, 22:24):
Erstmals als Kunde bei einem kleinen Bündner Versandunternehmen, bestellte ich diese CD letzten Donnerstag in meiner Mittagspause. Tags drauf lag sie in meinem Briefkasten - chapeau!



Sechs Miniaturen für Klaviertrio

Absolut Trio:
Stefka Perifanova, Klavier
Bettina Boller, Violine
Judith Gerster, Violoncello
(CD, musiques suisses, 2013)

Gleichmäßig und zart 1'50
Sehr rasch und rhythmisch 2'25
Nachdenklich 3'13
Leicht und elastisch 1'47
Träumerisch 2'01
Energisch, wütend 1'31

Das 1936 entstandene Werk ist verspielter als sein jüngeres Geschwister op. 33.
Letzteres (hier muß ich meine Aussage aus dem vorherigen Post präzisieren: es entstand offenbar kurz nach der Rückkehr in die Schweiz, nicht mehr in Paris) wirkt geschlossener, konsistenter. Die drei Abschnitte, schnell-langsam-schnell, gehen attacca ineinander über. Die Stimmung trägt etwas mehr Schwere, ist bisweilen gedrückt (Mittelteil), dann wieder dezent bluesartig (dies trifft auf das ältere Geschwister ebenfalls zu > 3.Satz!). Der Schlußabschnitt gewinnt sogar einen gewissermaßen dramatischen Drive.
Die "Miniaturen" kommen da unverbindlicher, frecher daher.

Spiegeln die beiden Trios wohl die damaligen Zeitläufte wider?
Hier die Sorglosigkeit des (von seiner Mäzenin alimentierten) Lebens in der Pariser Bohème,
dort die unmittelbaren Auswirkungen der düsteren Kriegsjahre, geprägt von Sorgen und Ungewißheit.

Ein ungleiches Geschwisterpaar - und doch hörbar aus derselben Feder fließend.
Ob sie nun d'Alessandros beide Klaviertrios zu nennen sind oder ob es da noch mehr gibt? Die auf die Schnelle verfügbaren Quellen sind einigermaßen spärlich resp. ungenau. So enthält dieser Artikel eine schöne, kompakte Kurzbiographie - die Werkliste beschränkt sich dagegen leider auf Titel, (falls vorhanden) Opuszahl und Entstehungsjahr, sagt aber nichts über die Besetzungen aus.
Die "Absolutistinnen" kosten die Stimmungen der so unterschiedlichen Charakterstudien voll aus, musizieren mit purer Energie und ansteckender Verve.
Toni Bernet (06.04.2023, 17:20):


Hallo Sfantu

Vielen Dank für die Grüsse aus Bern und die Hinweise auf weitere Aufnahmen von Werken von Raffaele d'Alessandro.
Ich werde mir bei Gelegenheit diese Werke anhören. Die Biografie über d'Alessandro von Luise Marretta-Schär, Raffaele d’Alessandro. Leben und Werk, Zürich 1979, scheinst du, gut informiert wie immer, ja zu kennen.Ich kenne bisher nur, was auf Youtube von d'Alessandro zu hören ist...


Schöne Osterzeit

Toni
Sfantu (06.04.2023, 17:32):
Lieber Toni,

nein, die genannte Biografie über ihn kenne ich nicht -
nur den kurzen verlinkten biografischen Abriss und die Informationen aus den Booklets resp. Klappentexten.
Die 1. MGG-Ausgabe, der Grove und andere einschlägige Quellen führen d'Alessandro nicht auf.
Gerade angesichts der im Link enthaltenen Werkliste sollte noch der ein oder andere Schatz in seinem Schaffenskatalog zu heben sein.

Dir ou froh Oschtere

Sfantu