satie (22.07.2008, 11:15): Hm, mir ist selten ein derart nichtssagender Artikel untergekommen, zumal noch in einer so seltsam voreingenommenen Art. Ich kann davon eigentlich kaum etwas wirklich bestätigen. Deutlich wird höchstens, dass ein Journalist, der das alles von außen sieht sich offenbar kein Bild von den realen Umständen machen kann. Richtig ist, dass die Zahl der asiatischen Studenten in Richtung der 50-Prozent-Marke hin steigt, das erlebt auch mein ehemaliger Lehrer so. Richtig sieht der Autor auch, dass gerade die Kompositionsabteilungen mehr und mehr zu den lästigen Pickeln auf dem Antlitz der Musikhochschulen werden. Das hängt mit der Kulturpolitik und miesen dekadenten Dekanen zusammen, die lieber Grieg-Forschungsnstitute gründen, die keiner braucht als dass sie mal der Kompositionsabteilung die altersschwache Stereoanlage aus den 70er-Jahren durch eine neue ersetzen...(Pardon, aber das musste mal raus) Ansonsten kann man aus diesem Artikel leider kaum etwas von Substanz mitnehmen. Sehr schade, denn so werden die jungen Komponisten einseitig als unvollkommen, ohne "eigenen Ton", überhaupt als etwas verschroben dargestellt, zumindest bleibt ein ganz seltsamer Nachgeschmack. Auch leidet der Autor unter der Zwangsvorstellung des Innovativen und einer bestimmten Idee einer "Neue-Musik-Szene". Ich übe hier Kritik, weil mancher vielleicht meint, es handle sich hier um neutralen Journalismus. Dem ist nicht so.
Herzlich, S A T I E
EinTon (22.07.2008, 18:00): Original von Satie
Deutlich wird höchstens, dass ein Journalist, der das alles von außen sieht sich offenbar kein Bild von den realen Umständen machen kann.
Das scheint bei Presseartikeln zu Spezialthemen oft so zu sein - zu einem anderen Thema, bei dem ich mich gut auskenne, ist mir auch schon mal ein ziemlich oberflächlich und fehlerhaft informierter Artikel zu Augen gekommen, der das mangelnde Fachwissen dann mit blubbernden Eyecatcher-Ausdrücken "ersetzte" (es war auch in der ZEIT). Das hat mich damals sehr geärgert!
als Musik-Konsument kann ich den Zeit-Artikel nur gut finden, da ich erstens nichts von den wahren Verhältnissen weiß, aber gerne etwas wüßte und zweitens meine Überlegungen zu der Krise der modernen Musik in den Konzertsälen von den Thesen des Zeit-Journalisten bestätigt und ergänzt werden. Ich erlaube mir zum Teil zu wiederholen, was ich schon anderswo geschrieben habe: Die moderne Musik ist zu sehr auf Einzelpersonen oder viele kleine universitäre Zirkel ausgerichtet, was vielleicht den Zweck erfüllt, daß der junge Komponist "sich selbst verwirklicht" bzw. ein elitäres Gruppenbewußtsein entsteht. Das Resultat ist rettungsloser Stilpluralismus und völliges Unvermögen das Publikum zu erreichen. Mehr noch, auch die informiertesten Kollegen setzen keinen (gesellschaftlichen) Prozess ingang, der letzendlich zu einem neuen großen Musikstil führen würde - als ob sie insgeheim wüßten, daß die vielen vorliegenden Ansätze alle nicht dazu taugen. Es ensteht so natürlich auch keine tragfähige personelle Basis, d.h. eine Schule von Komponisten, die ein paar Jahrzehnte in diesem Stil arbeiten würde. Nur dann könnte ein breiterer Kreis des Publikums folgen und sich eine neue Tradition der Begeisterung und des Musikkonsums vor allem der jungen Leute im Konzertsaal etablieren. Die glorreiche "Überwindung" des Tonartensystems ist beim Publikum nie so angekommen, daß sie die vormoderne Musik ersetzen oder auch nur substantiell ergänzen würde. Jedenfalls ist dies nicht den Spielplänen oder Konzertprogrammen zu entnehmen.
Aus diesen Zusammenhängen scheinen die modernen Komponisten und laut Zeit-Artikel auch der Lehrkörper an den Musikhochschulen keine Konsequenzen zu ziehen. Es sei denn man schafft den Kompositionsunterricht ab. Was vielleicht angesichts der vielen großen Autodidakten auch nichts schadet.
Nicht vergessen, 2/3 meiner Neuanschaffungen sind Musik des 20./21. Jahrhunderts.
Gruß, Leif.
EinTon (03.01.2009, 18:09): Hmmm... bist Du nun gegen "rettungslosen Stilpluralismus" oder gegen die "Überwindung des Tonartensystems"? http://www.smiliemania.de/smilie132/00000507.gif
Leif Erikson (06.01.2009, 18:40): Lieber Einton,
ich bin für die "Synthese", d.h. für die Verwendung aller Stilmittel so ähnlich wie es Schnittke macht, jedoch gegen babylonische Sprachverwirrung, also das Unvermögen einen vorherrschenden - neuen mainstream - zu entwickeln ohne den das Publikum ratlos bzw. desinteressiert bleiben wird.
Gruß, Leif.
EinTon (07.01.2009, 20:27): Naja... was babylonische Sprachverwirrung ist, und was nicht, liegt im Auge des Betrachters.
Und was wäre eigentlich, wenn Dir der "neue Mainstream" stilistisch ganz und gar nicht zusagen würde?