Cosima (22.05.2006, 14:57): Wladimir Horowitz gehört zu den populärsten Musikern des 20. Jahrhunderts, weshalb dringend ein Thread über ihn erforderlich ist.
Geboren am 1. Oktober 1903 in Kiew, erhält er als 5-Jähriger von seiner Mutter ersten Klavierunterricht. 1912 dann Eintritt ins Konservatorium in Kiew - 1923 gibt er sein Moskauer Debüt mit Rachmaninovs 3. Klavierkonzert. Der Beginn einer langen Karriere. Im Jahre 1933 heiratet er Toscaninis Tochter, Wanda. Zu seinen Schülern zählte Byron Janis.
Wladimir Horowitz starb am 5. November 1989 in seinem Haus in New York.
Mehrere Male zieht er sich wegen persönlicher Krisen vom Konzertleben zurück. Ich möchte jedoch bewusst darauf verzichten, sein privates Umfeld näher zu beleuchten. Horowitz gilt als großer Künstler, aber gewiss nicht gerade als großer Sympathieträger. Sein Privatleben hat mich nicht zu interessieren, deshalb zu seinen auf Tonträger erhältlichen Aufnahmen.
http://www.wom.de/image/cover/front/0/9973161.jpg
Nach 12 Jahren Bühnenabstinenz kehrt Horowitz am 9. Mai 1965 in der Carnegie Hall triumphal ins Rampenlicht zurück. Das Programm umfasst Werke von u.a. Schumann, Chopin und Skriabin – neben Liszt und Rachmaninov wohl die Komponisten, mit denen er die größten Erfolge feierte.
In einer ersten Veröffentlichung dieses Recitals hatte der Pianist einige Patzer ausbessern lassen, aber der o.g. Live-Mitschnitt „Horowitz - Live and unedited“ bietet die ungeschönte, aber großartige Originalversion. Zudem sind die Schumann-Kinderszenen enthalten und als besondere Zugabe eine sehr interessante ca. 10-minütige DVD mit Stücken von Liszt, Chopin und Moszkowski, die er im privaten Rahmen probt.
Auf diesem Konzertmitschnitt nebst Bonus-DVD kann man sich einen Eindruck davon verschaffen, wie hochvirtuos Horowitz (auch im hohen Alter noch!) zu spielen imstande war! Auffällig ist, dass er mit fast gerade ausgestreckten Händen spielte, die Finger flach über der Tastatur. Die Leichtigkeit seines Klavierspiels ist verblüffend! Seine Schnelligkeit, die nicht zu Lasten der Intensität geht, überwältigend. Seine klangfarbliche Palette und die Kraft seines Spiels sind faszinierend!
Ich freue mich auf Eure Hinweise und Erfahrungen bzgl. dieses großen Pianisten. :)
Gruß, Cosima
Zelenka (22.05.2006, 18:32): Herzlichen Dank an Cosima für die schöne Eröffnung des Fadens! Vieles im Leben von Horowitz scheint nach wie vor ein wenig geheimnisvoll, schon das Geburtsdatum z.B. Während in den drei (!) Folgen der "Great Pianists of the 20th Century" immer noch am Geburtsjahr 1904 festgehalten wird, hat man sich offenbar jetzt doch allgemein auf auf 1903 geeinigt. Sein Geburtsort ist möglicherweise auch nicht Kiev, so wohl seine Frau, die "wicked Wanda". Und anderes bleibt auch im Nebel. Insgesamt eine merkwürdige, nicht immer geradlinige Karriere.
Ich habe Horowitz immer ein wenig mit Skepsis gegenübergestanden. Ich habe ihn in die Virtuosenecke gestellt und eher für ein intellektuelles Leichtgewicht gehalten. Geändert hat sich das erst allmählich seit ich die drei Bände der Philips-Edition besitze und durchgehört habe. Vorher hatte mich eigentlich nur sein leichtes Scarlatti-Spiel beeindruckt. Dann eben die Schumann-Folge der Pianisten-Edition, die mir die Augen geöffnet hat. (In den Threads zu Schumanns Klavierwerken taucht sein Name natürlich immer wieder auf.) Erstaunlich und unerwartet gut auch sein 5. Beethoven-Klavierkonzert unter Reiner. Sein Chopin. Rachmaninov, Skrjabin und Prokofiev, zu denen ich allerdings kein enges Verhältnis habe. Und faszinierend, Cosima hat es angesprochen, seine eigentümliche Technik, die man wirklich auf DVD z.B. sehen sollte.
Nicht ausstehen kann ich sein sein Arrangement von "Stars and Stripes forever".
Gruß,
Zelenka
claashorst (22.05.2006, 18:38): Besten Danke für die biografische Darstellung dieses Ausnahme-Interpreten !
>Ich möchte jedoch bewusst darauf verzichten, sein privates Umfeld näher zu beleuchten. Horowitz gilt als großer Künstler, aber gewiss nicht gerade als großer Sympathieträger. Sein Privatleben hat mich nicht zu interessieren<
Interessante Feststellung ! wusste ich nicht, das er kein großer Sympathieträger war. Wusste auch nicht, dass sein Privatleben Diskurs-Stoff liefern könnte, auch wenn ich voll konform gehe, öffentlichen Personen ihren privaten Raum zu lassen.
Es hilft jedoch ab und an, Hintergründe beleuchtet zu bekommen, um Verhaltensweisen besser einordnen zu können bzw die ganze Persönlichkeit in ihren (Un)-Tiefen besser verstehen zu können. (Moralischer Bewertungen enthalte ich mich sowieso meist) :wink
1985 erklärte sich ja beispielsweise Horowitz bereit, in seinem Haus einen Dokumentarfilm (später getitelt mit "H., der letzte Romantiker") drehen zu lassen, in dem er Kavier spielte und zuweilen im Gespräch mit seiner Frau Wanda offen über seine Ansichten und Gefühle sprach. Der Inlay der u.g. Grammophon-Aufnahme von 1985 schreibt z.B.: Die Wiedergeburt dieser letzten Lebensjahre war ein stiller, persönlicher Triumph des Musikers, der selbst sein strengster kritiker war, ständig an sich arbeitete, sich weiterentwickelte und sich durch den Erfolg niemals zu Sebstgefälligkeit verleiten ließ, sondern mit unstillbarer Neugier immer tiefer der bedeutung der Musik nachspürte. M.E. treffend formuliert von Thomas Frost.
Die Zufalls- Suche lässt mich nun hören:
CH
Cosima (22.05.2006, 19:56): Original von claashorst 1985 erklärte sich ja beispielsweise Horowitz bereit, in seinem Haus einen Dokumentarfilm (später getitelt mit "H., der letzte Romantiker") drehen zu lassen, in dem er Kavier spielte und zuweilen im Gespräch mit seiner Frau Wanda offen über seine Ansichten und Gefühle sprach.
Hallo claashorst,
ich kenne diese Dokumentation leider nicht, aber auf der von mir genannten Bonus-DVD befindet sich Material, das im Zuge dieses Filmes aufgenommen wurde, jedoch auf diesem nicht enthalten ist. Es zeigt einen - trotz des Alters - recht jugendlich wirkenden und etwas zu Albernheiten aufgelegten Horowitz.
Wenn sich ein Künstler zu einer solchen Dokumentation entschließt, bietet er zwar Einblicke in sein Privatleben, legt aber selber fest, wie tief und in welche Richtung sie gehen sollen. Das meinte ich also nicht, als ich schrieb, dass mich sein Privatleben nicht zu interessieren habe. :wink
Gruß, Cosima
Cosima (22.05.2006, 21:25): Horowitz spielte nicht nur 1920 in seinem Examen Rachmaninovs 3. Klavierkonzert, sondern hatte dieses auch in späteren Jahren häufig im Programm. Die erste Aufnahme des Rach3 auf Tonträger überhaupt stammt von Horowitz aus dem Jahre 1930 - unter Albert Coates (ich kenne sie leider nicht, sie soll sehr gut sein).
Eine weitere Einspielung aus 1952 unter Fritz Reiner ist auf Naxos erhältlich. Die Aufnahme ist m.E. großartig, sehr packend! Horowitz spielt wundervoll klar, farbig und atemberaubend virtuos; mir gefallen auch diese leichte Nervosität und der kraftvolle, sehr „männliche“ Zugriff in seinem Spiel. Ich finde sie besser als die 1978-er Live-Aufnahme unter Ormandy, die mir zu melancholisch daherkommt, aber immerhin eine andere mögliche Interpretationsweise aufzeigt.
Mark Obert Thorn hat die Aufnahme für Naxos sehr gut restauriert.
herzlichen dank auch von meiner seite für diesen thread.
im kyrillischen alphabet gibt es kein 'H', eigentlich hieß horowitz 'gorowitz' im russischen. der langjährige irrtum mit 1904 als sein geburtsjahr ergab sich daher, dass in den 20er jahren sein bruder in vladimirs pass die '1903' in '1904' änderte, damit vladimir nicht im jahre 1925 in den militädienst eingezogen werden konnte. geburtsort war vermutlich nicht kiew sondern das etwa 150 km entfernte berditschew. es gibt hierfür keine schriftlichen belege.
vladimir horowitz' wichtigste lehrer waren sergei tarnowskij und felix blumenthal. vladimir horowitz beherrschte in seinen jungen jahren ein immenses repertoire ! so führte er vom 15.10. 1924 bis zum 18.01.1925 in leningrad zwanzig recitals mit zehn vollständig verschiedenen programmen auf: 44 große und 66 kleinere werke ! :down
20. januar 1926, hamburg: horowitz wird gefragt, ob er eine indisponierte kollegin beim ersten tschaikowsky-konzert vertreten könnte, dirigent war eugen pabst. es wurde eine sensation, der internationale durchbruch !
insgesamt besteht wohl kein zweifel, dass zumindest in den USA arthur rubinstein und vladimir horowitz die berühmtesten und bedeutendsten pianisten des 20. jahrhunderts waren (zumindest in der zweiten hälfte).
für die zuhörer präsentierte sich hier eine neue art des spiels, der interpretation: technische perfektion, transparenz, eher sparsamer einsatz des rubatos. dabei fasziniert schon damals die sehr starke linke hand, die fähigkeit zur stimmendissoziation und die enorme varianz an anschlagsarten und die extreme dynamische bandbreite. die sog. manierismen sind noch nicht anzutreffen.
horowitz' gesang in der scarlatti-sonate K 87 war schon damals betörend und sonor, zum weinen schön. klassisch straight forward und witzig in der haydn-sonate. stilsicher und dennoch so spannend die 32 c-moll variationen von beethoven, ich kenne nicht vergleichbares. schumanns toccata faszinierend gesteigert bis zum schluss, zugegeben, es fehlt der ausklang. das ist dann die freude des jungen mannes am gelingen ! traumeswirren, wirklich phantastisch 'flirrend'. liszts funerailles werden bei horowitz zum absoluten 'krimi', diese enorme spannung !
die ganze zusammenstellung markiert hölhepunkte der klavierkunst, wie sie es in dieser art nicht mehr geben wird. man stelle sich nur mal vor, wenn es mitschnitte der oben erwähnten leningrader recitals gäbe ! :down
ich werde hier sicherlich noch einiges zusammentragen. ich gebe es zu, ich war immer schon ein horowitz-anhänger, seit der schulzeit ! und das klischee vom unmusikalischen nur-virtuosen, alles neid ! das erinnert mich an die attacken gegen mein berufliches idol madjid samii in den 80er jahren !
gruß, siamak :engel
Ganong (23.05.2006, 19:41): Liebe Horowitz - Bewunderer und verwunderte !
Der grösste Freund über Jahrzehnte von Horowitz war absolut Harold C. Schonberg . Dieser ... Bitte dessen Biographie über VH lesen und das Buch über pianisten . Die Biographie ist "herrlich" geschönt .
Die Wahrheit steht in der weit besseren Konkurrenzbiographie .
Die seriöseste Kritikerin von Voladjo war seine Ehefrau Wanda Horowitz - Toscanini . S i e war auch seine beste Managerin und der Rückhalt für seine unglaublich labile , instabile Persönlichkeiststruktur .
VH hatte sicherlich unter anderem das , was man heute als Persönlichkeitsstörung im Sinne von ICD 10 F 60.0 beschreibt . Von sonstigen "Schwächen" und " neigungen " abgesehen .
Viele Grüsse , Frank
Ganong (23.05.2006, 19:46): Liebe Cosima ,
es gibt mindestens sieben autorisierte Mitschnitte des "Rach-3" mit Horowitz .
Die Aufnahme mit Albert Coates ist die interessanteste in Zusammenhang mit Horowitz' Zugang zu dem Konzert . Leider ist Coates , und noch mher das Orchester einfach durch Horowitz ungleublichen , pa ckenden , stets vorwärtsstürmenden Zugriff .
Die Aufnahme mit Fritz Reiner ist wahrscheinlich die alle sinallem beste Aufnahme .
Wie früher mitgeteilt , leidet die Aufnahme mit Eugen Ormandy darunter , dass Horowitz beim Aufnahmezeitpunkt schon deutliche kognitive Leistungseinbussen hatte .
Alles Gute !
Frank
Ganong (23.05.2006, 19:54): Lieber Siamak ,
ist Dein berufliches Idol m. samii der von mir Dir gegenüber einmal erwähnte Neurochirurg in Hannover , der vor ca. drei Jahren in einer TV-Sendung einmal als einer der "zehn bedeutensten deutschen Mediziner" bezeichnet wordenist ( er war dabei als dies gesagt wurde und wurde fast rot ; er wolle dies gar nicht hören , war seine Anmerkung ) ?
Das mit Gorowitz ist richtig .
Horowitz , ein ganz frühes Idol als Pinaist von mir ( ich war damals 15 jahre jung ) war ein sehr intellektueller Mann . Es gibt auch bei VH eine Reihe Beweise , dass er ein grosser Kenner von Malerei und Literatur und Gesang war . Mitte der 1970er jahre erläuterte er dies . So war sein Lieblingsmaler Edourd Manet ("..n o t Monet !..." ) und sein Lieblimgssänger (.. Battistini , n o t Bastianini !...) . Seine Leidenschaft für Picassos Gemälde ist bekannt .
Viele Grüsse , Frank
Cosima (23.05.2006, 21:13): Hallo allerseits!
Schön, dass sich doch noch Horowitz-Anhänger einfinden. Es hätte mich auch gewundert. :)
Es muss absolut unvergesslich gewesen sein, diesem Konzert beizuwohnen! Nach 61 Jahren kehrt dieser Mann 1986 in seine einstige Heimat zurück, um diesen Triumph zu erringen. Man mag über Horowitz denken wie man will, aber hier treibt es einem vor Freude und Überwältigung die Tränen in die Augen! Der ganze Mitschnitt ist fantastisch; ich weiß nicht, was man hervorheben soll. Sein Scarlatti ist so wundervoll unbeschwert, die Chopin-Mazurkas superb, sein Liszt hochvirtuos, Rachmaninov brillant.
Ein Konzertbesucher sagte seinerzeit: „Er ist der einzige Pianist, der Farben hörbar machen kann.“ :down
Den Mitschnitt auf DVD kenne ich leider immer noch nicht.
Gruß, Cosima
ab (24.05.2006, 17:19): Was Horowitz betrifft, so habe ich an bereits anderer Stelle folgendes geschrieben:
Ich habe bei ihm immer das Gefühl, dass er die Musik nicht ganz ernst nimmt. Er scheint mir einer jener Künstler zu sein , denen Musik eine Art Spiel ist. Spielen ist schön und gut, sozusagen eine Art feiner Zeitvertreib - man hätte aber in jener Zeit auch etwas anderes tun können, etwa Staubsaugen.
manieriert wie Horowitz (sich) spielt, gehört zu den Spielern.]
Wem geht es ähnlich? Wer noch empfindet Horowitz' Pianistik als ein "sich spielen"?
Cosima (24.05.2006, 17:34): Original von ab Ich habe bei ihm immer das Gefühl, dass er die Musik nicht ganz ernst nimmt. Er scheint mir einer jener Künstler zu sein , denen Musik eine Art Spiel ist.
Hallo ab,
ein wenig kann ich Deine Empfindungen nachvollziehen, würde sie jedoch positiv deuten. Wieso darf Spielfreude nicht auch hörbar sein? Auf mich wirkt diese ganz natürliche und fast naive Lust am Klavierspiel bei Horowitz sehr anregend und vereinnahmend.
Weil wir gerade im anderen Thread darüber sprachen: Earl Wild wäre solch ein Kandidat für mich, bei dem ich zwar Spielfreude heraushöre, diese sich jedoch nicht nachhaltig auf mich überträgt. Im Gegenteil: Ich werde schnell müde ob seines Klavierspiels.
Dies nur als erste Gedanken…
Gruß, Cosima
ab (24.05.2006, 17:48): Original von Cosima [fast naive Lust am Klavierspiel bei Horowitz
Diese Deine Formulierung gefällt mir sehr!
Aber: Wer mit Spielfreude Klavier spielt, muss nicht unbedingt aus "fast naiver Lust am Klavierspiel" spielen!
Der spielfreudigste Musiker, den ich kenne, ist beispielsweise Andrew Manze an der Barockvioline, dessen pure Lebensfreude sich auch unmittelbar auf die Hörer überträgt, so dass man selten erfüllt den Konzertsaal verlässt. Ihm geht es aber nicht um die "Lust am Geigenspiel", sondern um die Freude an der Musik: und das ist der entscheidende Unterschied, um den es mir geht!
Lust am Klavierspiel ist etws anders als die Lust am Musizieren! Musizieren, sich musikalisch Ausdrücken, ist etwas ernsthaftes - um es in meiner vorgeschlagenen Terminologie zu sagen - Lust und Spaß am Klavierspiel um seiner selbst willen würde ich als "Spiel" bezeichnen. Mir fehlt da bei letzterm etwas (Aber ich gehöre ja auch nicht zu jenen Menschen, die gerne Spiele spielen.)
Aber es freut mich, dass Du mit meiner Charakterisierung überhaupt etwas anfangen kannst, denn dann liegt dem womöglich etwas Allgemeines zugrunde. Mir geht es ja um diesen genannten Unterschied und nicht um eine Bewertung des horowitzschen Spiels.
Cosima (24.05.2006, 18:01): Original von ab Lust am Klavierspiel ist etws anders als die Lust am Musizieren!
Hallo ab,
Deine Überlegungen sind sehr interessant. Als ich mir kürzlich den DVD-Ausschnitt ansah, auf dem Horowitz probt, fiel mir auf, dass er nach den jeweils kurzen Stücken aufsah und schelmisch lächelte. Fast wie ein Kind, das genau weiß, dass es etwas sehr gut gemacht hat und nun auf ein Lob wartet bzw. sagen möchte: Habt ihr gesehen, wie toll ich das hinbekommen habe?
Du könntest Recht damit haben, dass bei Horowitz die Lust am Klavierspiel noch vor der Lust am Musizieren stand. Aber auch das würde ich – wenn ich mir die Resultate anhöre – sehr positiv bewerten. In diesem Falle passte es einfach (oft jedenfalls).
Gruß, Cosima
Rachmaninov (24.05.2006, 18:34): Hallo,
von Horowitz besitze ich lediglich eine Aufnahme, nämlich die mit Schumann Kreisleriana bei Sony. Finde sie recht gut, aber bisher hatte ich nie das Bedürfnis mich weiter mit Horowitz zu beschäftigen!
fohlenfanatiker (24.05.2006, 20:12): Horowitz war für mich der erste, der mir das klassische Klavier näherbrachte. Als er in den Achtzigern nach Europa, sogar nach Deutschland kam, begann ich damit mich mit seinem Spiel zu beschäftigen. Ich kaufte mir viele Cds von ihm, natürlich auch die aus Moskau, die ich auch heute noch als sehr beeindruckend empfinde. Horowitz war für mich DER Pianist , der größte. Ich kannte aber eigentlich kaum einen anderen. Erst in den letzten Jahren, auch angeregt durch verschiedene Klassikforen begann ich, mich mit anderen zu beschäftigen und erfuhr dabei, dass es auch andere gute, je nach Komponist auch viel bessere gibt. Ich schätze ihn weiterhin, habe aber seinen Stellenwert für mich heute relativiert. Ich finde, dass er sehr gut bei der Interpretation von russischen Komponisten ist, außerdem bei Liszt, teilweise Schumann und Scarlatti. Bei Mozart eher nicht. Ganz unterirdisch find ich heute Schuberts D 960 aus dem Achtzigern bei DG. Wie man eine so wundervolle Sonate dermaßen "zerhacken" kann ist mir unbegreiflich. Aber ich mag Horowitz trotzdem :beer
ab (24.05.2006, 20:29): Original von Cosima Du könntest Recht damit haben, dass bei Horowitz die Lust am Klavierspiel noch vor der Lust am Musizieren stand. Aber auch das würde ich – wenn ich mir die Resultate anhöre – sehr positiv bewerten.
Natürlich! Wenn dieses "sich spielen" tatsächlich eines der Chrakteristika von Horowitz' Piansitik ist - wie es mir in der Tat zu sein scheint -, dann würde man seine Größe verfehlen, sobald man ihm diese "fast naive Lust am Klavierspiel" ankreidete. Diese ist als seine Eigenart positiv zu bewerten - nur: mein Geschmack ist es halt nicht, weil mir da etwas fehlt, was mir in der Musik wichtig ist. Das sagt aber etwas über mich als Hörer aus, und nicht über Horowitz als Pianist.
Fiele Dir noch ein anderer Musiker ein, der dem Lager "Spieler" zuzuschlagen wäre?
Cosima (24.05.2006, 22:47): Original von ab dann würde man seine Größe verfehlen, sobald man ihm diese "fast naive Lust am Klavierspiel" ankreidete.
Hallo ab,
ja, „naiv“ in diesem Zusammenhang nicht als „harmlos-kindlich“, sondern als „ursprünglich“ gedacht. So meinte ich es, und das unterstreicht in der Tat Horowitz’ Größe. Wobei „Größe“ dann eher so etwas wäre wie ein „Gottesgeschenk“. Ja, der Gedanke gefällt mir: Da hat jemand eine besondere Gabe mitbekommen, weiß ganz genau darum und führt sie voll strahlender Unschuld der Welt vor. Genau das sagte auch Horowitz’ Blick: Schaut mal her, wie leicht es mir fällt!
Im Moment fällt mir kein anderer Künstler ein, der dieser Charakterisierung entsprechen würde. An wen denkst Du?
Gruß, Cosima
claashorst (25.05.2006, 11:17): Schön, das bei aller fachlichen (medizinisch- / künstlerischen Beurteilung) Verständnis durch schimmert für so zwiespältig überragende Künstler, die doch auch ganz menschlich waren im Spannungsfeld ihrer Profession. Die biografischen Hinweise sind hier sehr hilfreich. Die Diskussion zeigt Wirkungen der Musik beim "Spieler","Pianisten", und Zuhörer. CH
Rachmaninov (25.05.2006, 11:19): Noch ein Mosaiksteinchen:
Horowitz war schon in aller Munde als er noch Student am Konservatorium war.
Bereits zu dieser Zeit wurden Größen wir Rachmaninov von ihm berichtet.
:engel
Cosima (25.05.2006, 11:53): Original von claashorst Schön, das bei aller fachlichen (medizinisch- / künstlerischen Beurteilung) Verständnis durch schimmert für so zwiespältig überragende Künstler, die doch auch ganz menschlich waren im Spannungsfeld ihrer Profession. Die biografischen Hinweise sind hier sehr hilfreich. Die Diskussion zeigt Wirkungen der Musik beim "Spieler","Pianisten", und Zuhörer. CH
Hallo claashorst,
ehrlich gesagt verstehe ich Deine Zeilen nicht. Was möchtest Du genau damit sagen? Von welchen "Wirkungen" redest Du? Und wieso betonst Du das "Verständnis" für die menschlichen Seiten? Erkläre Dich, bitte. :)
Gruß, Cosima
claashorst (25.05.2006, 13:22): Wirkungen
Ich möchte für mich unterscheiden wollen zwischen "Beurteilung" und "empathischem Verständnis". Ersteres im Sinne von distanziert, rationalem Analysieren, also etwa wenn Professionelle rezensieren bzw kritisieren, wie ich gerade im Konzertkritik-Ordner las. Auch zu Horowitz gibt es biografische Äusserungen zu Tatbeständen (Wohnorte, Auftrittsorte, Familienverhältnisse etc.)
Letzteres gemeint als emotionales Erleben, das nicht primär verstandesmässig geführt ist. Instinktiv wäre viell. zu unkontrolliert unreflektiert formuliert. Ich kann Horowitz begegnen anhand historischer Informationen für den Kopf. Ich kann ihn auch (glücklicherweise) erleben anhand der Ton- und Bilddokumente. Ich kann auch sehen, wie er sich im Erleben seiner Zuhörer (indirekt) spiegelt. Ich kann mich nicht besser ausdrücken: Es hilft mir oft, die "Begegnungsweise" zu reflektieren. Mein Fach sagt dazu zB ganzheitlich "erlebte"Anamnese. Sie unterscheidet sich sozusagen von einem rein faktisch gehaltenen "Polizeibericht o. OP-Bericht" o.ä. :wink CH
AcomA (25.05.2006, 15:18): hallo,
ich wollte hier stellung nehmen zu ab's äußerungen. lust am klavierspiel als selbstzweck !?
nun, dass halte ich für sehr gewagt. wie kannst du wissen, ob horowitz pianist wurde, da er 'lediglich' lust hatte ! muss ein pianist immer 'ernst' sein ? oder tut er manchmal nur so, dass er ernst ist (z.b. brendel). alles spekulation ! aber, ich meine, dass es jeder profession gut tut, wenn spaß und lust bei der arbeit walten. und du wirst mir zugestehen, dass die operation eines gehirntumors eine ernstere angelegenheit als die interpretation von beethovens op.111 darstellt. aber auch hier, ich gebe es zu, habe ich spaß und freude am gelingen. das überträgt sich auch auf die umgebung, und ich behaupte sogar, die ergebnisse sind dadurch besser !
gruß, siamak
Cosima (25.05.2006, 16:43): Original von AcomA lust am klavierspiel als selbstzweck !?
Ich meine, gerade diese Lust am Klavierspiel macht Horowitz so sympathisch. Und ich würde überhaupt nicht sagen, dass diese Lust lediglich Selbstzweck sei. Wie ich schon schrieb: Ich meine, dass hier beides zusammen kommt, wobei die Lust am Klavierspiel vielleicht noch vor der Lust am Musizieren steht. Für mich ist das ein sehr natürlicher Vorgang. Insofern würde ich Horowitz auch nicht als „Spieler“ charakterisieren, sondern als einen sehr „ursprünglichen“ Pianisten. Wäre er nur ein Spieler, wäre er gar nicht in der Lage gewesen, Komponisten so unterschiedlich und adäquat zu interpretieren, wie er es tat.
Aber es ist häufig so: Jene, denen etwas sehr leicht fällt, werden nicht so ernst genommen wie die, die sich alles hart erarbeiten und viel Spektakel darum machen. Sicher spielt da auch Missgunst eine Rolle, weil diese Menschen eben eine besondere Gabe besitzen, die sie von anderen abhebt.
Übrigens würde ich auch sagen, dass Sviatoslav Richter eine Form dieser „Ursprünglichkeit“ besaß. Nur eben in anderer Ausprägung, aufgrund der unterschiedlichen Charaktere der beiden Künstler.
Wie dem auch sei: Ich mag Horowitz sehr. :)
Gruß, Cosima
Daniel Behrendt (25.05.2006, 17:50): Liebe Cosima,
Zitat Cosima: Aber es ist häufig so: Jene, denen etwas sehr leicht fällt, werden nicht so ernst genommen wie die, die sich alles hart erarbeiten und viel Spektakel darum machen. Sicher spielt da auch Missgunst eine Rolle, weil diese Menschen eben eine besondere Gabe besitzen, die sie von anderen abhebt.
...eine sehr treffende Analyse. Auch ich denke, dass man begabten Künstlern allzu schnell den Ernst abspricht, weil sie nicht ständig um alles kämpfen müssen. Nach dem Motto: Ein unschlagbarer Pianist und ein grandioser Musiker - das ist nun wirklich zu viel für einen allein... Den Neidern zum Trotz: Horowitz war nun einmal genialisch, total kreativ und hochmusikalisch - das muss man ihm in jedem Fall zugestehen, selbst wenn seine Interpretationen nicht unbedingt jedermanns/fraus Sache sind. Mit Richte rscheint's in diesem Punkt tatsächlich ähnlich zu sein: auch so eine beneidenswerte Naturbegabung. Allerdings hatte Richter nie dieses buntschillernde, ans neurotische reichende Temperament wie Vladi. Richters Interpretationen spricht man komischerweise nie ihre Tiefe und Musikalität ab, obwohl ihm das Klavierspielen sicher nicht unenedlich viel scherer fiel als Meister Horowitz. Es scheint also eher so zu sein, dass nicht Begabung und Tiefgründigkeit, sondern Exzentrik und Tiefgründigkeit von vielen als miteinander unvereinbar angesehen werden. Dabei hat Horowitz, sowohl in seiner Spielweises als auch in seiner Physiognomie etwas von einem Clown - und Narren sagen bekanntlich die Wahrheit...
LG! :hello Daniel
Cosima (25.05.2006, 18:52): Original von Daniel Behrendt Dabei hat Horowitz, sowohl in seiner Spielweises als auch in seiner Physiognomie etwas von einem Clown - und Narren sagen bekanntlich die Wahrheit...
Lieber Daniel!
Das hast Du schön formuliert! Ich stimme mir Dir überein. Auch was den Rest Deines Beitrages anbelangt!
Gruß, Cosima :)
AcomA (25.05.2006, 18:56): lieber Daniel,
da war es wieder, deine kunst des schreibens ! :down
Damit wir nach all diesen wundervollen philosophischen Betrachtungen, die aber nicht wirklich weiter bringen, zurück zur Musik finden, dieser – eigentlich unnütze – Hinweis auf seine Einspielung der h-moll-Sonate: :D
http://www.wom.de/image/cover/front/0/4621786.jpg
Ich schreibe nichts weiter dazu, weil schon vieles im Liszt-Thread gesagt wurde. Dies nur als kleine Aufmunterung, damit Ihr mal in Euch (bzw. Eure CD-Regale) geht und ein paar Hinweise zu Horowitz’ Aufnahmen zum Besten gebt. Herzlichen Dank!
vladimir horowitz hat für RCA victor 1946-1957 einiges aufgenommen, was es lohnt ausführlicher zu besprechen !
schumann: kinderszenen, variationen über ein thema von c. wieck (aus der 3.sonate) - diese interpretationen gehören zum besten, was ich kenne. die kinderszenen werden mit einem sonoren anschlag, indes einer einfachheit des ausdruckes geboten, wie es ergreifender nicht sein kann. ja, horowitz konnte auch 'einfach' spielen. die wieck-variationen würde ich im schumann-thread aslbald vorstellen.
liszt: ungarische rhapsodie nr.6 - der absolute pianistik-hammer ! natürlich war cziffra referenz, was diese werke anging. aber den impetus und die rhythmische straffung eines horowitz, die hatte er nicht. alleine schon der virtuosenlauf zum ende der introduktion aktiviert gewissermaßen alle 'zellen' in dem teil des gehirns, der für die rezeption speziell für klaviermusik zuständig ist ! man müsste mal vergleichende funktionelle kernspintomographische untersuchungen durchführen. :D
debussy: serenade to the doll (aus children's corner) - hier ist sie wieder, diese einfachheit in kombination mit ergreifendem gesang. nicht ABM, nicht weissenberg macht es so.
mendelssohn: lieder ohne worte nr.1 'mailüfte' - gesang !
brahms: walzer op.39 nr.15 - da er ihn recht zügig nimmt, klingt er herrlich wehmütig aber nicht sentimental.
chopin: nocturne op.15 nr.2, mazurka op.24 nr.4, mazurka op.30 nr.4, scherzo nr.3 op.39 - horowitz gehörte zu den besten mazurka-interpreten, die ich kenne. seine rhythmische spannung gepaart mit duftig transparentem anschlag (kaum pedaleinsatz) prädestinierten ihn dazu. und das scherzo, das übrigens nach seinem 'nervenzusammenbruch' von 1953 aufgenommen wurde, gehörte zu seinen pianistischen machtdemonstrationen, auch pogorelich machte es nicht pianistischer !
kurzum, er entwickelte sich in dieser zeit zum meister der kleineren formen ! man sollte aber dazu bemerken, dass horowitz privat den großteil der klavierliteratur 'intus' hatte !
gruß, siamak :engel
Cosima (22.05.2006, 14:57): Wladimir Horowitz gehört zu den populärsten Musikern des 20. Jahrhunderts, weshalb dringend ein Thread über ihn erforderlich ist.
Geboren am 1. Oktober 1903 in Kiew, erhält er als 5-Jähriger von seiner Mutter ersten Klavierunterricht. 1912 dann Eintritt ins Konservatorium in Kiew - 1923 gibt er sein Moskauer Debüt mit Rachmaninovs 3. Klavierkonzert. Der Beginn einer langen Karriere. Im Jahre 1933 heiratet er Toscaninis Tochter, Wanda. Zu seinen Schülern zählte Byron Janis.
Wladimir Horowitz starb am 5. November 1989 in seinem Haus in New York.
Mehrere Male zieht er sich wegen persönlicher Krisen vom Konzertleben zurück. Ich möchte jedoch bewusst darauf verzichten, sein privates Umfeld näher zu beleuchten. Horowitz gilt als großer Künstler, aber gewiss nicht gerade als großer Sympathieträger. Sein Privatleben hat mich nicht zu interessieren, deshalb zu seinen auf Tonträger erhältlichen Aufnahmen.
http://www.wom.de/image/cover/front/0/9973161.jpg
Nach 12 Jahren Bühnenabstinenz kehrt Horowitz am 9. Mai 1965 in der Carnegie Hall triumphal ins Rampenlicht zurück. Das Programm umfasst Werke von u.a. Schumann, Chopin und Skriabin – neben Liszt und Rachmaninov wohl die Komponisten, mit denen er die größten Erfolge feierte.
In einer ersten Veröffentlichung dieses Recitals hatte der Pianist einige Patzer ausbessern lassen, aber der o.g. Live-Mitschnitt „Horowitz - Live and unedited“ bietet die ungeschönte, aber großartige Originalversion. Zudem sind die Schumann-Kinderszenen enthalten und als besondere Zugabe eine sehr interessante ca. 10-minütige DVD mit Stücken von Liszt, Chopin und Moszkowski, die er im privaten Rahmen probt.
Auf diesem Konzertmitschnitt nebst Bonus-DVD kann man sich einen Eindruck davon verschaffen, wie hochvirtuos Horowitz (auch im hohen Alter noch!) zu spielen imstande war! Auffällig ist, dass er mit fast gerade ausgestreckten Händen spielte, die Finger flach über der Tastatur. Die Leichtigkeit seines Klavierspiels ist verblüffend! Seine Schnelligkeit, die nicht zu Lasten der Intensität geht, überwältigend. Seine klangfarbliche Palette und die Kraft seines Spiels sind faszinierend!
Ich freue mich auf Eure Hinweise und Erfahrungen bzgl. dieses großen Pianisten. :)
Gruß, Cosima
Zelenka (22.05.2006, 18:32): Herzlichen Dank an Cosima für die schöne Eröffnung des Fadens! Vieles im Leben von Horowitz scheint nach wie vor ein wenig geheimnisvoll, schon das Geburtsdatum z.B. Während in den drei (!) Folgen der "Great Pianists of the 20th Century" immer noch am Geburtsjahr 1904 festgehalten wird, hat man sich offenbar jetzt doch allgemein auf auf 1903 geeinigt. Sein Geburtsort ist möglicherweise auch nicht Kiev, so wohl seine Frau, die "wicked Wanda". Und anderes bleibt auch im Nebel. Insgesamt eine merkwürdige, nicht immer geradlinige Karriere.
Ich habe Horowitz immer ein wenig mit Skepsis gegenübergestanden. Ich habe ihn in die Virtuosenecke gestellt und eher für ein intellektuelles Leichtgewicht gehalten. Geändert hat sich das erst allmählich seit ich die drei Bände der Philips-Edition besitze und durchgehört habe. Vorher hatte mich eigentlich nur sein leichtes Scarlatti-Spiel beeindruckt. Dann eben die Schumann-Folge der Pianisten-Edition, die mir die Augen geöffnet hat. (In den Threads zu Schumanns Klavierwerken taucht sein Name natürlich immer wieder auf.) Erstaunlich und unerwartet gut auch sein 5. Beethoven-Klavierkonzert unter Reiner. Sein Chopin. Rachmaninov, Skrjabin und Prokofiev, zu denen ich allerdings kein enges Verhältnis habe. Und faszinierend, Cosima hat es angesprochen, seine eigentümliche Technik, die man wirklich auf DVD z.B. sehen sollte.
Nicht ausstehen kann ich sein sein Arrangement von "Stars and Stripes forever".
Gruß,
Zelenka
claashorst (22.05.2006, 18:38): Besten Danke für die biografische Darstellung dieses Ausnahme-Interpreten !
>Ich möchte jedoch bewusst darauf verzichten, sein privates Umfeld näher zu beleuchten. Horowitz gilt als großer Künstler, aber gewiss nicht gerade als großer Sympathieträger. Sein Privatleben hat mich nicht zu interessieren<
Interessante Feststellung ! wusste ich nicht, das er kein großer Sympathieträger war. Wusste auch nicht, dass sein Privatleben Diskurs-Stoff liefern könnte, auch wenn ich voll konform gehe, öffentlichen Personen ihren privaten Raum zu lassen.
Es hilft jedoch ab und an, Hintergründe beleuchtet zu bekommen, um Verhaltensweisen besser einordnen zu können bzw die ganze Persönlichkeit in ihren (Un)-Tiefen besser verstehen zu können. (Moralischer Bewertungen enthalte ich mich sowieso meist) :wink
1985 erklärte sich ja beispielsweise Horowitz bereit, in seinem Haus einen Dokumentarfilm (später getitelt mit "H., der letzte Romantiker") drehen zu lassen, in dem er Kavier spielte und zuweilen im Gespräch mit seiner Frau Wanda offen über seine Ansichten und Gefühle sprach. Der Inlay der u.g. Grammophon-Aufnahme von 1985 schreibt z.B.: Die Wiedergeburt dieser letzten Lebensjahre war ein stiller, persönlicher Triumph des Musikers, der selbst sein strengster kritiker war, ständig an sich arbeitete, sich weiterentwickelte und sich durch den Erfolg niemals zu Sebstgefälligkeit verleiten ließ, sondern mit unstillbarer Neugier immer tiefer der bedeutung der Musik nachspürte. M.E. treffend formuliert von Thomas Frost.
Die Zufalls- Suche lässt mich nun hören:
CH
Cosima (22.05.2006, 19:56): Original von claashorst 1985 erklärte sich ja beispielsweise Horowitz bereit, in seinem Haus einen Dokumentarfilm (später getitelt mit "H., der letzte Romantiker") drehen zu lassen, in dem er Kavier spielte und zuweilen im Gespräch mit seiner Frau Wanda offen über seine Ansichten und Gefühle sprach.
Hallo claashorst,
ich kenne diese Dokumentation leider nicht, aber auf der von mir genannten Bonus-DVD befindet sich Material, das im Zuge dieses Filmes aufgenommen wurde, jedoch auf diesem nicht enthalten ist. Es zeigt einen - trotz des Alters - recht jugendlich wirkenden und etwas zu Albernheiten aufgelegten Horowitz.
Wenn sich ein Künstler zu einer solchen Dokumentation entschließt, bietet er zwar Einblicke in sein Privatleben, legt aber selber fest, wie tief und in welche Richtung sie gehen sollen. Das meinte ich also nicht, als ich schrieb, dass mich sein Privatleben nicht zu interessieren habe. :wink
Gruß, Cosima
Cosima (22.05.2006, 21:25): Horowitz spielte nicht nur 1920 in seinem Examen Rachmaninovs 3. Klavierkonzert, sondern hatte dieses auch in späteren Jahren häufig im Programm. Die erste Aufnahme des Rach3 auf Tonträger überhaupt stammt von Horowitz aus dem Jahre 1930 - unter Albert Coates (ich kenne sie leider nicht, sie soll sehr gut sein).
Eine weitere Einspielung aus 1952 unter Fritz Reiner ist auf Naxos erhältlich. Die Aufnahme ist m.E. großartig, sehr packend! Horowitz spielt wundervoll klar, farbig und atemberaubend virtuos; mir gefallen auch diese leichte Nervosität und der kraftvolle, sehr „männliche“ Zugriff in seinem Spiel. Ich finde sie besser als die 1978-er Live-Aufnahme unter Ormandy, die mir zu melancholisch daherkommt, aber immerhin eine andere mögliche Interpretationsweise aufzeigt.
Mark Obert Thorn hat die Aufnahme für Naxos sehr gut restauriert.
herzlichen dank auch von meiner seite für diesen thread.
im kyrillischen alphabet gibt es kein 'H', eigentlich hieß horowitz 'gorowitz' im russischen. der langjährige irrtum mit 1904 als sein geburtsjahr ergab sich daher, dass in den 20er jahren sein bruder in vladimirs pass die '1903' in '1904' änderte, damit vladimir nicht im jahre 1925 in den militädienst eingezogen werden konnte. geburtsort war vermutlich nicht kiew sondern das etwa 150 km entfernte berditschew. es gibt hierfür keine schriftlichen belege.
vladimir horowitz' wichtigste lehrer waren sergei tarnowskij und felix blumenthal. vladimir horowitz beherrschte in seinen jungen jahren ein immenses repertoire ! so führte er vom 15.10. 1924 bis zum 18.01.1925 in leningrad zwanzig recitals mit zehn vollständig verschiedenen programmen auf: 44 große und 66 kleinere werke ! :down
20. januar 1926, hamburg: horowitz wird gefragt, ob er eine indisponierte kollegin beim ersten tschaikowsky-konzert vertreten könnte, dirigent war eugen pabst. es wurde eine sensation, der internationale durchbruch !
insgesamt besteht wohl kein zweifel, dass zumindest in den USA arthur rubinstein und vladimir horowitz die berühmtesten und bedeutendsten pianisten des 20. jahrhunderts waren (zumindest in der zweiten hälfte).
für die zuhörer präsentierte sich hier eine neue art des spiels, der interpretation: technische perfektion, transparenz, eher sparsamer einsatz des rubatos. dabei fasziniert schon damals die sehr starke linke hand, die fähigkeit zur stimmendissoziation und die enorme varianz an anschlagsarten und die extreme dynamische bandbreite. die sog. manierismen sind noch nicht anzutreffen.
horowitz' gesang in der scarlatti-sonate K 87 war schon damals betörend und sonor, zum weinen schön. klassisch straight forward und witzig in der haydn-sonate. stilsicher und dennoch so spannend die 32 c-moll variationen von beethoven, ich kenne nicht vergleichbares. schumanns toccata faszinierend gesteigert bis zum schluss, zugegeben, es fehlt der ausklang. das ist dann die freude des jungen mannes am gelingen ! traumeswirren, wirklich phantastisch 'flirrend'. liszts funerailles werden bei horowitz zum absoluten 'krimi', diese enorme spannung !
die ganze zusammenstellung markiert hölhepunkte der klavierkunst, wie sie es in dieser art nicht mehr geben wird. man stelle sich nur mal vor, wenn es mitschnitte der oben erwähnten leningrader recitals gäbe ! :down
ich werde hier sicherlich noch einiges zusammentragen. ich gebe es zu, ich war immer schon ein horowitz-anhänger, seit der schulzeit ! und das klischee vom unmusikalischen nur-virtuosen, alles neid ! das erinnert mich an die attacken gegen mein berufliches idol madjid samii in den 80er jahren !
gruß, siamak :engel
Ganong (23.05.2006, 19:41): Liebe Horowitz - Bewunderer und verwunderte !
Der grösste Freund über Jahrzehnte von Horowitz war absolut Harold C. Schonberg . Dieser ... Bitte dessen Biographie über VH lesen und das Buch über pianisten . Die Biographie ist "herrlich" geschönt .
Die Wahrheit steht in der weit besseren Konkurrenzbiographie .
Die seriöseste Kritikerin von Voladjo war seine Ehefrau Wanda Horowitz - Toscanini . S i e war auch seine beste Managerin und der Rückhalt für seine unglaublich labile , instabile Persönlichkeiststruktur .
VH hatte sicherlich unter anderem das , was man heute als Persönlichkeitsstörung im Sinne von ICD 10 F 60.0 beschreibt . Von sonstigen "Schwächen" und " neigungen " abgesehen .
Viele Grüsse , Frank
Ganong (23.05.2006, 19:46): Liebe Cosima ,
es gibt mindestens sieben autorisierte Mitschnitte des "Rach-3" mit Horowitz .
Die Aufnahme mit Albert Coates ist die interessanteste in Zusammenhang mit Horowitz' Zugang zu dem Konzert . Leider ist Coates , und noch mher das Orchester einfach durch Horowitz ungleublichen , pa ckenden , stets vorwärtsstürmenden Zugriff .
Die Aufnahme mit Fritz Reiner ist wahrscheinlich die alle sinallem beste Aufnahme .
Wie früher mitgeteilt , leidet die Aufnahme mit Eugen Ormandy darunter , dass Horowitz beim Aufnahmezeitpunkt schon deutliche kognitive Leistungseinbussen hatte .
Alles Gute !
Frank
Ganong (23.05.2006, 19:54): Lieber Siamak ,
ist Dein berufliches Idol m. samii der von mir Dir gegenüber einmal erwähnte Neurochirurg in Hannover , der vor ca. drei Jahren in einer TV-Sendung einmal als einer der "zehn bedeutensten deutschen Mediziner" bezeichnet wordenist ( er war dabei als dies gesagt wurde und wurde fast rot ; er wolle dies gar nicht hören , war seine Anmerkung ) ?
Das mit Gorowitz ist richtig .
Horowitz , ein ganz frühes Idol als Pinaist von mir ( ich war damals 15 jahre jung ) war ein sehr intellektueller Mann . Es gibt auch bei VH eine Reihe Beweise , dass er ein grosser Kenner von Malerei und Literatur und Gesang war . Mitte der 1970er jahre erläuterte er dies . So war sein Lieblingsmaler Edourd Manet ("..n o t Monet !..." ) und sein Lieblimgssänger (.. Battistini , n o t Bastianini !...) . Seine Leidenschaft für Picassos Gemälde ist bekannt .
Viele Grüsse , Frank
Cosima (23.05.2006, 21:13): Hallo allerseits!
Schön, dass sich doch noch Horowitz-Anhänger einfinden. Es hätte mich auch gewundert. :)
Es muss absolut unvergesslich gewesen sein, diesem Konzert beizuwohnen! Nach 61 Jahren kehrt dieser Mann 1986 in seine einstige Heimat zurück, um diesen Triumph zu erringen. Man mag über Horowitz denken wie man will, aber hier treibt es einem vor Freude und Überwältigung die Tränen in die Augen! Der ganze Mitschnitt ist fantastisch; ich weiß nicht, was man hervorheben soll. Sein Scarlatti ist so wundervoll unbeschwert, die Chopin-Mazurkas superb, sein Liszt hochvirtuos, Rachmaninov brillant.
Ein Konzertbesucher sagte seinerzeit: „Er ist der einzige Pianist, der Farben hörbar machen kann.“ :down
Den Mitschnitt auf DVD kenne ich leider immer noch nicht.
Gruß, Cosima
ab (24.05.2006, 17:19): Was Horowitz betrifft, so habe ich an bereits anderer Stelle folgendes geschrieben:
Ich habe bei ihm immer das Gefühl, dass er die Musik nicht ganz ernst nimmt. Er scheint mir einer jener Künstler zu sein , denen Musik eine Art Spiel ist. Spielen ist schön und gut, sozusagen eine Art feiner Zeitvertreib - man hätte aber in jener Zeit auch etwas anderes tun können, etwa Staubsaugen.
manieriert wie Horowitz (sich) spielt, gehört zu den Spielern.]
Wem geht es ähnlich? Wer noch empfindet Horowitz' Pianistik als ein "sich spielen"?
Cosima (24.05.2006, 17:34): Original von ab Ich habe bei ihm immer das Gefühl, dass er die Musik nicht ganz ernst nimmt. Er scheint mir einer jener Künstler zu sein , denen Musik eine Art Spiel ist.
Hallo ab,
ein wenig kann ich Deine Empfindungen nachvollziehen, würde sie jedoch positiv deuten. Wieso darf Spielfreude nicht auch hörbar sein? Auf mich wirkt diese ganz natürliche und fast naive Lust am Klavierspiel bei Horowitz sehr anregend und vereinnahmend.
Weil wir gerade im anderen Thread darüber sprachen: Earl Wild wäre solch ein Kandidat für mich, bei dem ich zwar Spielfreude heraushöre, diese sich jedoch nicht nachhaltig auf mich überträgt. Im Gegenteil: Ich werde schnell müde ob seines Klavierspiels.
Dies nur als erste Gedanken…
Gruß, Cosima
ab (24.05.2006, 17:48): Original von Cosima [fast naive Lust am Klavierspiel bei Horowitz
Diese Deine Formulierung gefällt mir sehr!
Aber: Wer mit Spielfreude Klavier spielt, muss nicht unbedingt aus "fast naiver Lust am Klavierspiel" spielen!
Der spielfreudigste Musiker, den ich kenne, ist beispielsweise Andrew Manze an der Barockvioline, dessen pure Lebensfreude sich auch unmittelbar auf die Hörer überträgt, so dass man selten erfüllt den Konzertsaal verlässt. Ihm geht es aber nicht um die "Lust am Geigenspiel", sondern um die Freude an der Musik: und das ist der entscheidende Unterschied, um den es mir geht!
Lust am Klavierspiel ist etws anders als die Lust am Musizieren! Musizieren, sich musikalisch Ausdrücken, ist etwas ernsthaftes - um es in meiner vorgeschlagenen Terminologie zu sagen - Lust und Spaß am Klavierspiel um seiner selbst willen würde ich als "Spiel" bezeichnen. Mir fehlt da bei letzterm etwas (Aber ich gehöre ja auch nicht zu jenen Menschen, die gerne Spiele spielen.)
Aber es freut mich, dass Du mit meiner Charakterisierung überhaupt etwas anfangen kannst, denn dann liegt dem womöglich etwas Allgemeines zugrunde. Mir geht es ja um diesen genannten Unterschied und nicht um eine Bewertung des horowitzschen Spiels.
Cosima (24.05.2006, 18:01): Original von ab Lust am Klavierspiel ist etws anders als die Lust am Musizieren!
Hallo ab,
Deine Überlegungen sind sehr interessant. Als ich mir kürzlich den DVD-Ausschnitt ansah, auf dem Horowitz probt, fiel mir auf, dass er nach den jeweils kurzen Stücken aufsah und schelmisch lächelte. Fast wie ein Kind, das genau weiß, dass es etwas sehr gut gemacht hat und nun auf ein Lob wartet bzw. sagen möchte: Habt ihr gesehen, wie toll ich das hinbekommen habe?
Du könntest Recht damit haben, dass bei Horowitz die Lust am Klavierspiel noch vor der Lust am Musizieren stand. Aber auch das würde ich – wenn ich mir die Resultate anhöre – sehr positiv bewerten. In diesem Falle passte es einfach (oft jedenfalls).
Gruß, Cosima
Rachmaninov (24.05.2006, 18:34): Hallo,
von Horowitz besitze ich lediglich eine Aufnahme, nämlich die mit Schumann Kreisleriana bei Sony. Finde sie recht gut, aber bisher hatte ich nie das Bedürfnis mich weiter mit Horowitz zu beschäftigen!
fohlenfanatiker (24.05.2006, 20:12): Horowitz war für mich der erste, der mir das klassische Klavier näherbrachte. Als er in den Achtzigern nach Europa, sogar nach Deutschland kam, begann ich damit mich mit seinem Spiel zu beschäftigen. Ich kaufte mir viele Cds von ihm, natürlich auch die aus Moskau, die ich auch heute noch als sehr beeindruckend empfinde. Horowitz war für mich DER Pianist , der größte. Ich kannte aber eigentlich kaum einen anderen. Erst in den letzten Jahren, auch angeregt durch verschiedene Klassikforen begann ich, mich mit anderen zu beschäftigen und erfuhr dabei, dass es auch andere gute, je nach Komponist auch viel bessere gibt. Ich schätze ihn weiterhin, habe aber seinen Stellenwert für mich heute relativiert. Ich finde, dass er sehr gut bei der Interpretation von russischen Komponisten ist, außerdem bei Liszt, teilweise Schumann und Scarlatti. Bei Mozart eher nicht. Ganz unterirdisch find ich heute Schuberts D 960 aus dem Achtzigern bei DG. Wie man eine so wundervolle Sonate dermaßen "zerhacken" kann ist mir unbegreiflich. Aber ich mag Horowitz trotzdem :beer
ab (24.05.2006, 20:29): Original von Cosima Du könntest Recht damit haben, dass bei Horowitz die Lust am Klavierspiel noch vor der Lust am Musizieren stand. Aber auch das würde ich – wenn ich mir die Resultate anhöre – sehr positiv bewerten.
Natürlich! Wenn dieses "sich spielen" tatsächlich eines der Chrakteristika von Horowitz' Piansitik ist - wie es mir in der Tat zu sein scheint -, dann würde man seine Größe verfehlen, sobald man ihm diese "fast naive Lust am Klavierspiel" ankreidete. Diese ist als seine Eigenart positiv zu bewerten - nur: mein Geschmack ist es halt nicht, weil mir da etwas fehlt, was mir in der Musik wichtig ist. Das sagt aber etwas über mich als Hörer aus, und nicht über Horowitz als Pianist.
Fiele Dir noch ein anderer Musiker ein, der dem Lager "Spieler" zuzuschlagen wäre?
Cosima (24.05.2006, 22:47): Original von ab dann würde man seine Größe verfehlen, sobald man ihm diese "fast naive Lust am Klavierspiel" ankreidete.
Hallo ab,
ja, „naiv“ in diesem Zusammenhang nicht als „harmlos-kindlich“, sondern als „ursprünglich“ gedacht. So meinte ich es, und das unterstreicht in der Tat Horowitz’ Größe. Wobei „Größe“ dann eher so etwas wäre wie ein „Gottesgeschenk“. Ja, der Gedanke gefällt mir: Da hat jemand eine besondere Gabe mitbekommen, weiß ganz genau darum und führt sie voll strahlender Unschuld der Welt vor. Genau das sagte auch Horowitz’ Blick: Schaut mal her, wie leicht es mir fällt!
Im Moment fällt mir kein anderer Künstler ein, der dieser Charakterisierung entsprechen würde. An wen denkst Du?
Gruß, Cosima
claashorst (25.05.2006, 11:17): Schön, das bei aller fachlichen (medizinisch- / künstlerischen Beurteilung) Verständnis durch schimmert für so zwiespältig überragende Künstler, die doch auch ganz menschlich waren im Spannungsfeld ihrer Profession. Die biografischen Hinweise sind hier sehr hilfreich. Die Diskussion zeigt Wirkungen der Musik beim "Spieler","Pianisten", und Zuhörer. CH
Rachmaninov (25.05.2006, 11:19): Noch ein Mosaiksteinchen:
Horowitz war schon in aller Munde als er noch Student am Konservatorium war.
Bereits zu dieser Zeit wurden Größen wir Rachmaninov von ihm berichtet.
:engel
Cosima (25.05.2006, 11:53): Original von claashorst Schön, das bei aller fachlichen (medizinisch- / künstlerischen Beurteilung) Verständnis durch schimmert für so zwiespältig überragende Künstler, die doch auch ganz menschlich waren im Spannungsfeld ihrer Profession. Die biografischen Hinweise sind hier sehr hilfreich. Die Diskussion zeigt Wirkungen der Musik beim "Spieler","Pianisten", und Zuhörer. CH
Hallo claashorst,
ehrlich gesagt verstehe ich Deine Zeilen nicht. Was möchtest Du genau damit sagen? Von welchen "Wirkungen" redest Du? Und wieso betonst Du das "Verständnis" für die menschlichen Seiten? Erkläre Dich, bitte. :)
Gruß, Cosima
claashorst (25.05.2006, 13:22): Wirkungen
Ich möchte für mich unterscheiden wollen zwischen "Beurteilung" und "empathischem Verständnis". Ersteres im Sinne von distanziert, rationalem Analysieren, also etwa wenn Professionelle rezensieren bzw kritisieren, wie ich gerade im Konzertkritik-Ordner las. Auch zu Horowitz gibt es biografische Äusserungen zu Tatbeständen (Wohnorte, Auftrittsorte, Familienverhältnisse etc.)
Letzteres gemeint als emotionales Erleben, das nicht primär verstandesmässig geführt ist. Instinktiv wäre viell. zu unkontrolliert unreflektiert formuliert. Ich kann Horowitz begegnen anhand historischer Informationen für den Kopf. Ich kann ihn auch (glücklicherweise) erleben anhand der Ton- und Bilddokumente. Ich kann auch sehen, wie er sich im Erleben seiner Zuhörer (indirekt) spiegelt. Ich kann mich nicht besser ausdrücken: Es hilft mir oft, die "Begegnungsweise" zu reflektieren. Mein Fach sagt dazu zB ganzheitlich "erlebte"Anamnese. Sie unterscheidet sich sozusagen von einem rein faktisch gehaltenen "Polizeibericht o. OP-Bericht" o.ä. :wink CH
AcomA (25.05.2006, 15:18): hallo,
ich wollte hier stellung nehmen zu ab's äußerungen. lust am klavierspiel als selbstzweck !?
nun, dass halte ich für sehr gewagt. wie kannst du wissen, ob horowitz pianist wurde, da er 'lediglich' lust hatte ! muss ein pianist immer 'ernst' sein ? oder tut er manchmal nur so, dass er ernst ist (z.b. brendel). alles spekulation ! aber, ich meine, dass es jeder profession gut tut, wenn spaß und lust bei der arbeit walten. und du wirst mir zugestehen, dass die operation eines gehirntumors eine ernstere angelegenheit als die interpretation von beethovens op.111 darstellt. aber auch hier, ich gebe es zu, habe ich spaß und freude am gelingen. das überträgt sich auch auf die umgebung, und ich behaupte sogar, die ergebnisse sind dadurch besser !
gruß, siamak
Cosima (25.05.2006, 16:43): Original von AcomA lust am klavierspiel als selbstzweck !?
Ich meine, gerade diese Lust am Klavierspiel macht Horowitz so sympathisch. Und ich würde überhaupt nicht sagen, dass diese Lust lediglich Selbstzweck sei. Wie ich schon schrieb: Ich meine, dass hier beides zusammen kommt, wobei die Lust am Klavierspiel vielleicht noch vor der Lust am Musizieren steht. Für mich ist das ein sehr natürlicher Vorgang. Insofern würde ich Horowitz auch nicht als „Spieler“ charakterisieren, sondern als einen sehr „ursprünglichen“ Pianisten. Wäre er nur ein Spieler, wäre er gar nicht in der Lage gewesen, Komponisten so unterschiedlich und adäquat zu interpretieren, wie er es tat.
Aber es ist häufig so: Jene, denen etwas sehr leicht fällt, werden nicht so ernst genommen wie die, die sich alles hart erarbeiten und viel Spektakel darum machen. Sicher spielt da auch Missgunst eine Rolle, weil diese Menschen eben eine besondere Gabe besitzen, die sie von anderen abhebt.
Übrigens würde ich auch sagen, dass Sviatoslav Richter eine Form dieser „Ursprünglichkeit“ besaß. Nur eben in anderer Ausprägung, aufgrund der unterschiedlichen Charaktere der beiden Künstler.
Wie dem auch sei: Ich mag Horowitz sehr. :)
Gruß, Cosima
Daniel Behrendt (25.05.2006, 17:50): Liebe Cosima,
Zitat Cosima: Aber es ist häufig so: Jene, denen etwas sehr leicht fällt, werden nicht so ernst genommen wie die, die sich alles hart erarbeiten und viel Spektakel darum machen. Sicher spielt da auch Missgunst eine Rolle, weil diese Menschen eben eine besondere Gabe besitzen, die sie von anderen abhebt.
...eine sehr treffende Analyse. Auch ich denke, dass man begabten Künstlern allzu schnell den Ernst abspricht, weil sie nicht ständig um alles kämpfen müssen. Nach dem Motto: Ein unschlagbarer Pianist und ein grandioser Musiker - das ist nun wirklich zu viel für einen allein... Den Neidern zum Trotz: Horowitz war nun einmal genialisch, total kreativ und hochmusikalisch - das muss man ihm in jedem Fall zugestehen, selbst wenn seine Interpretationen nicht unbedingt jedermanns/fraus Sache sind. Mit Richte rscheint's in diesem Punkt tatsächlich ähnlich zu sein: auch so eine beneidenswerte Naturbegabung. Allerdings hatte Richter nie dieses buntschillernde, ans neurotische reichende Temperament wie Vladi. Richters Interpretationen spricht man komischerweise nie ihre Tiefe und Musikalität ab, obwohl ihm das Klavierspielen sicher nicht unenedlich viel scherer fiel als Meister Horowitz. Es scheint also eher so zu sein, dass nicht Begabung und Tiefgründigkeit, sondern Exzentrik und Tiefgründigkeit von vielen als miteinander unvereinbar angesehen werden. Dabei hat Horowitz, sowohl in seiner Spielweises als auch in seiner Physiognomie etwas von einem Clown - und Narren sagen bekanntlich die Wahrheit...
LG! :hello Daniel
Cosima (25.05.2006, 18:52): Original von Daniel Behrendt Dabei hat Horowitz, sowohl in seiner Spielweises als auch in seiner Physiognomie etwas von einem Clown - und Narren sagen bekanntlich die Wahrheit...
Lieber Daniel!
Das hast Du schön formuliert! Ich stimme mir Dir überein. Auch was den Rest Deines Beitrages anbelangt!
Gruß, Cosima :)
AcomA (25.05.2006, 18:56): lieber Daniel,
da war es wieder, deine kunst des schreibens ! :down
Damit wir nach all diesen wundervollen philosophischen Betrachtungen, die aber nicht wirklich weiter bringen, zurück zur Musik finden, dieser – eigentlich unnütze – Hinweis auf seine Einspielung der h-moll-Sonate: :D
http://www.wom.de/image/cover/front/0/4621786.jpg
Ich schreibe nichts weiter dazu, weil schon vieles im Liszt-Thread gesagt wurde. Dies nur als kleine Aufmunterung, damit Ihr mal in Euch (bzw. Eure CD-Regale) geht und ein paar Hinweise zu Horowitz’ Aufnahmen zum Besten gebt. Herzlichen Dank!
vladimir horowitz hat für RCA victor 1946-1957 einiges aufgenommen, was es lohnt ausführlicher zu besprechen !
schumann: kinderszenen, variationen über ein thema von c. wieck (aus der 3.sonate) - diese interpretationen gehören zum besten, was ich kenne. die kinderszenen werden mit einem sonoren anschlag, indes einer einfachheit des ausdruckes geboten, wie es ergreifender nicht sein kann. ja, horowitz konnte auch 'einfach' spielen. die wieck-variationen würde ich im schumann-thread aslbald vorstellen.
liszt: ungarische rhapsodie nr.6 - der absolute pianistik-hammer ! natürlich war cziffra referenz, was diese werke anging. aber den impetus und die rhythmische straffung eines horowitz, die hatte er nicht. alleine schon der virtuosenlauf zum ende der introduktion aktiviert gewissermaßen alle 'zellen' in dem teil des gehirns, der für die rezeption speziell für klaviermusik zuständig ist ! man müsste mal vergleichende funktionelle kernspintomographische untersuchungen durchführen. :D
debussy: serenade to the doll (aus children's corner) - hier ist sie wieder, diese einfachheit in kombination mit ergreifendem gesang. nicht ABM, nicht weissenberg macht es so.
mendelssohn: lieder ohne worte nr.1 'mailüfte' - gesang !
brahms: walzer op.39 nr.15 - da er ihn recht zügig nimmt, klingt er herrlich wehmütig aber nicht sentimental.
chopin: nocturne op.15 nr.2, mazurka op.24 nr.4, mazurka op.30 nr.4, scherzo nr.3 op.39 - horowitz gehörte zu den besten mazurka-interpreten, die ich kenne. seine rhythmische spannung gepaart mit duftig transparentem anschlag (kaum pedaleinsatz) prädestinierten ihn dazu. und das scherzo, das übrigens nach seinem 'nervenzusammenbruch' von 1953 aufgenommen wurde, gehörte zu seinen pianistischen machtdemonstrationen, auch pogorelich machte es nicht pianistischer !
kurzum, er entwickelte sich in dieser zeit zum meister der kleineren formen ! man sollte aber dazu bemerken, dass horowitz privat den großteil der klavierliteratur 'intus' hatte !
gruß, siamak :engel
Heike (28.06.2009, 21:51): HOROWITZ Eine Sendereihe in 21 Folgen von Jürgen Kesting
jeden Sonntag ab 05.07.2009, 15:04 - 17:00 Uhr rbb Kulturradio http://www.kulturradio.de/
Heike (06.07.2009, 21:17): Habe mir die erste Folge mal angehört und fand es wirklich sehr interessant!!! Horowitz lädt ja mit seinem bewegten Leben und seinem komplizierten Charakter geradezu dazu ein, weitergehend analysiert zu werden. Und Kesting ist ein sehr aufmerksamer Analytiker :-) Zudem gab es u.a. eine ganze Aufnahme mit ihm vom Rach3 Klavierkonzert zu hören.
Schade, dass es sich mit den DRadioKultur- interpretationen zeitlich überschneidet, da werde ich wohl eins anhören und eins aufnehmen müssen, wenn mich beide interessieren. Heike
Heike (14.04.2012, 15:26): Ich habe mir gerade diese DVD ganz preiswert für unter 10 Euro bei Dussmann gekauft:
und die höre/sehe ich gerade - und bin wiedermal vollkommen fasziniert, wie man mit dieser Handhaltung Klavier spielen kann. Unglaublich, diese flache Haltung, fast aufliegend, es fasziniert mich ungemein, wenn ich das jetzt mal wieder in Großaufnahme sehe. Irre. Heike
P.s. Tracklisting: 01 Scarlatti - Piano Sonata in B Minor, K87 02 Scarlatti - Piano Sonata in E Major, K380 03 Scarlatti - Piano Sonata in E Major, K135 04 Mozart - Piano Sonata No.10 in C Major, K330 05 Rachmaninoff - Prelude in G Major, Op.32, No.5 06 Rachmaninoff - Prelude in G sharp minor, op.32, No.12 07 Sciabin - Etude in C-sharp minor, op.2 No.1 08 Sciabin - Etude in D-sharp minor, op.8 No.12 09 Schubert - Impromptu in B-flat Major, op.142, No.3 10 Schubert / Liszt - Valse caprice No.6 from Soieées de Vienne after Franz Schubert 11 Liszt - "Sonetto 104 del Petrarca" from Années de pelerinage, deuxieme annee "Italie" 12 Chopin - Mazurka in C-sharp minor, op.30, No.4 13 Chopin - Mazurka in F minor, op.7 No.3 14 Chopin - Polonaise in A-flat Major, op.53 15 Schumann - "Träumerei" 16 Moszkowski - "Etincelles" 17 Rachmaninoff - Polka de W.R.
Jeremias (16.04.2012, 16:10): Ich habe irgendwo im Internet die Noten seiner Carmen-Fantasie gefunden... die reizt mich ja schon lange! Aber ich hatte nie Lust mir die Fingersätze rauszusuchen. Jetzt habe ich eine Ausgabe mit Fingersätzen gefunden und werde das Stück einstudieren... :down :down :down
sahrapa92 (26.05.2014, 16:45): egal, ob horowitz beethoven oder chopin spielte, rachmanninov oder sonstwen, er spielte eigentlich immer nur horowitz. rachmanninoff, selbst ein versierter pianist, vergötterte horowitz interpretation seines dritten klavierkonzertes. das, was hier einige nur spärlich andeuteten, horowitz war jungen männern zugetan, seine wanda oft auf der suche nach ihrem wladimir. warum sie sich das antue , wurde sie gefragt. für die kunst, erwiderte sie standhaft. im alter lies sein übungseifer rapide nach. trotzdem spielte er weiter konzerte, einmal die 6te chopinpolonaise. " na, nicht schlecht für einen alten mann?" fragte er danach beifallheischend. es war grottenschlecht. mit technisch weniger anspruchsvollen stücken kam er zurecht , zb haydns f-sonate, wobei sich seine musikalität zeigte. ja, er war ein clown, ein liebenswerter. die scharen von bewunderern, die 4 nächte vor der kartenverkaufsstelle ausharrten, nur um dabeigewesen zu sein, sie haben ihn vergöttert.
Falstaff (15.02.2017, 00:08): Na, da grab ich dann mal wieder einen Uraltthread aus.
Zweimal durfte ich ihn live erleben. Im Jahr seiner triumphalen Rückkehr nach Deutschland und ein Jahr später bei seinem allerletzten Konzert vor seinem Tod. Ich habe noch eine ganze Reihe von bedeutenden Pianisten auf der Bühne erlebt. Richter, Serkin, Benedetti Michelangeli, Argerich, Lupu, Pogorelich, Sokolov etc. Aber niemand hat mich wirklich vom ersten Ton an (Scarlatti-Sonate) so gepackt wie Horowitz. (Vielleicht noch am ehesten die Argerich.) Ebenso wie die Callas hat er meine Ausrichtung bzgl. Musik völlig verändert. Seitdem sammle ich jeden Ton von ihm.
Der Scarlatti hat mich sofort umgehauen. Nach all der Aufregung um dieses Konzert, stundenlanges, nächtliches Anstehen, fast noch zu spät gekommen, erklangen diese intimen, scheinbar leichten, mit unglaublichem Charme und Witz hingeperlten Stücke, als wäre es ein Nichts. Ich erinnere noch, dass es v.a. das Lisztsche Petraca-Sonett, dass mich zutiefst getroffen hat. Reine Sehnsuchtsmusik, mit einer Farbenvielfalt, einer Zartheit, einem Verlangen gespielt! Dann der Chopin. Die As-Dur Polonaise und das Staunen darüber, dass ein alter Mann noch diese Kraft am Ende eines Konzertes hat, den Flügel und diese Musik so zum Schwingen und Klingen zu bringen, so noch einmal (im nächsten Jahr klang es ganz anders!) all die Größe dieser Musik uns erleben zu lassen. Und natürlich der Rachmaninov, der Skrjabin. Stücke, die ich nicht kannte und die mich für immer verzaubert haben (Skrjabin 8/12).
Was für ein Magier!!! Nein. Vielleicht klingt das zu sehr nach 'Rattenfänger'. Das war er überhaupt nicht. Das war überragende Kunst!
Cavaradossi (15.02.2017, 11:19):
Was für ein Magier!!! Nein. Vielleicht klingt das zu sehr nach 'Rattenfänger'. Das war er überhaupt nicht. Das war überragende Kunst! Vladimir Horowitz zählt für mich zu den ganz Großen am Klavier, auch wenn man über manche Geschmacksfragen trefflich streiten kann. Abgesehen von seiner überragenden Virtuosität und seines schier unfehlbaren Spiels hat er mir die Klaviersonaten von Muzio Clementi nähergebracht, für sich der Pianist ein Leben lang stark gemacht hatte:
Auf dieser schönen CD gibt es 3 Sonaten dieses Komponisten aus den Jahren 1950 - 1954, sowie einen Live-Mitschnitt der Sonate op. 33 No. 3 von 1979, in hervorragender Stereo-Qualität. Sozusagen als "Zugabe" spielt Horowitz noch das Rondo aus der Sonate op. 47 No. 2. Wunderbare Zeugnisse überlegenen Klavierspiels.
Diese CD wurde bereits genannt, sie zählt ebenfalls zu den unverzichtbaren Schätzen, die uns Horowitz hinterlassen hat:
Beethoven: Klavierkonzert Nr. 5 (mit Fritz Reiner, 1952) & Tschaikowsky: Klavierkonzert Nr. 1 (mit Arturo Toscanini, 1943 live). Zu dem Beethoven-Konzert heißt es in einer alten Plattenkritik: "Die Aufnahme von Horowitz verdient trotz mancher geschmacklicher Mängel wegen ihrer unerhörten technischen Brillanz Beachtung. Kaum jemals werden die meist im Pedal ertrinkenden Unisono-Läufe im letzten Satz mit solch kristallener Klarheit gespielt; man staunt überhaupt Takt für Takt, daß ein Mensch so spielen kann ..... "
Falstaff (16.02.2017, 01:12): Lieber Cavaradossi, die Clementi-Aufnahmen sind wirklich 'a treasure'. Der Tschaikowsky sowieso. Der Beethoven klingt durchaus ungewohnt, aber ich liebe ihn sehr. Ach, es gibt so viele überragende Aufnahmen. Die beiden Brahms-Konzerte (v.a. mit Walter), der Rachmaninov, der Skjrabin, sein Schumann, der Chopin sowieso, die Liszt-Sonate (auch die zweite Studio-Aufnahme) oder Funerailles und...und...und...
Hier ist aber zunächst das Berliner Konzert (der NDR hat leider die Aufnahme seines Hamburger Konzertes von 1986 versemmelt), die das Programm seiner Rückkehr nach Deutschland wiedergibt, dass er eine Woche vorher in Hamburg präsentierte.
Jan Van Karajan (09.01.2021, 22:51): Von Horowitz habe ich einiges bei YT gehört. Selten hat mich ein Pianist so berührt :down . Dabei kann ich nicht einmal beschreiben, was mich an ihm so berührt hat. Jedes Stück bei ihm ist auf seine eigene Weise perfekt. Es muss herrlich gewesen sein, ihn live im Konzert erleben zu dürfen. Ein Musiker, der mit Schumanns Träumerei den halben Saal (und auch fast mich :D ) zum Weinen bringt, kann nur zu den größten Pianisten aller Zeiten gezählt werden. Wenn man solche Menschen erlebt, fragt man sich, ob nicht doch eine höhere Macht existieren muss :down . Grüße Jan :hello