Zwei Vertonungen des Ezio - lebensfreudige Schönheit gegen Bombast und Monotonie?
Peter Brixius (19.04.2015, 15:11): Vierzigmal ist das Libretto von Metastasio um den römischen Helden Aetius, sein Ezio vertont worden, darunter 1731 von Georg Friedrich Händel und 1750 von Chrstoph Willibald Gluck. Versucht man sich da schnell zu informieren, so wird man in ein Labyrinth der Meinungen geschickt. Das fängt mit dem Libretto an, nach heutiger Kennerschaft wohl eines der besten des großen italienischen Librettisten. Dass es von Komponisten (und Auftraggebern) hoch geschätzt war, lässt schon die Anzahl der Vertonungen erahnen.
Auch die Vertonungen waren erfolgreich, von Gluck gibt es allein zwei Fassungen (1750 für Prag und 1764 für Wien). Händel schaffte es allerdings nur auf fünf Aufführungen. Die Herausgeerin des Werkes als "Bärenreiter Urtext" mach erstaunlicherweise das Libretto verantwortlich:
Der Grund ist wahrscheinlich in der Handlung zu suchen: Wie in den Libretti von Flavio, Serse, Arminio, Berenice, Giustino und Faramondo findet man auf der Seite der Herrschenden einen Sumpf von moralischen Defiziten, und das zentrale Paar muss hart um seine Liebe kämpfen. Am Schluss wendet sic wenigstens für die Liebenden alles zum Guten. Im Libretto von Ezio besitzt der Kaiser weder Größe noch gesunden Menschenverstand, und der Vater der Geliebten des Helden ist dessen Verräter. Massimo versucht, seine Tochter und Ezio einzusetzen, um seine eigenen Ziele zu erreichen und seine Rachegelüste befriedigen zu können. (S. V)
Auf Einzelnes werde im Vergleich der Vertonungen noch eingehen, doch bleibt für mich festzuhalten: Was auf den ersten Blick sehr verwickelt erscheint, ist in der Oper recht sinnfällig: Der Kaiser Valentino war am Tod von Massimos Frau (und Fulvias Mutter) Schuld, deshalb sucht Massimo eine Möglichkeit der Rache, Gerechtigkeit kann er wohl gegenüber dem Kaiser nicht erreichen. Was auf der einen Seite als "ein Sumpf moralischer Defizite" daherkommt, ist auf der anderen Seite ein mit Emotionen hoch geladener Opernstoff, nach dem sich Komponisten die Finger leckten. Händels Misserfolg muss wohl in anderem gesucht werden als im Lbretto, dazu hatte er mit Senesino einen Ezio sonder Gleichen, auch sonst ist die Besetzung der Londoner Aufführung glänzend. Aber der Geschmack des Londoner Publikum war schwankend, musste immer wieder erobert werden. Mit der Qualität von Stoff und Vertonung braucht dies aber nichts zu tun zu haben.
Bei wikipedia findet man ein langes Chrysander-Zitat, in dem Händels und Glucks Vertonungen miteinander vergleichen werden, bei Chrysander selbstverständlich auf Kosten Glucks. Hier kann man folgendes lesen:
Unter den Opern nach Metastasio’s ‚Ezio‘ muß uns jetzt neben Händel die von Gluck die merkwürdigste und lehrreichste sein, um so mehr da sie entstand, als der Meister seine neuen Grundsätze schon bekannt gemacht und im ‚Orpheus‘ (1762) erprobt hatte. Von der Vergleichung dieser Composition mit der Händel’schen können hier nur die allgemeinen Ergebnisse mitgetheilt werden. Händel’s Werk ist köstlich, und die Zusammenstellung mit dem von Gluck erhöht seinen Werth bedeutend, zum Theil auf ganz unerwartete Weise. Zu der behaglichen Fülle und Mannigfaltigkeit, der keuschen und doch so lebensfreudigen Schönheit seiner Gesänge bildet der Bombast und die Monotonie der Gluck’schen allerdings einen sonderbaren Gegensatz. Die merkwürdigste Wahrnehmung, welche sich dabei aufdrängt, ist die, daß Gluck hier überall selbst im Dramatischen und Declamatorischen gegen Händel zu kurz kommt.
Unserem gelehrten Freund ist offensichtlich entgangen, dass er sich mit der zweiten Fassung der Gluck-Oper befasst. Selbstverständlich konnten 1750 noch nicht die "neuen Grundsätze" (die Gluck übrigens erst im Vorwort der Alceste bekannt machte) zugrunde liegen. Der Ezio ist keine Reformoper, wesentliche Elemente wie die integrale Bedeutung von Ballett- und Chorszenen fehlen ebenso wie die fortgeschrittene Verbindung von Einzelnummern zu szenischen Komplexen. Wie es nun mit "Bombast" und "Monotonie" im Gluckchen Ezio aussieht, werde ich mich in den weiteren Beiträgen beschäftigen.
Doch eines kann man sicher unabhängig von den mich seltsam anmutenden Wertungen der Händel-Autoren festhalten: Die 12 Jahre, die zwischen den beiden Vertonungen liegen, bezeichnen doch schon einen Epochenbruch. Händels Oper ist eine barocke Oper mit all ihren Vorzügen. Glucks monumentales Werk bewegt sich (natürlich noch deutlicher in der zweiten Fassung) in eine neue Zeit, an der seine Vertonung schon kräftig teil hat. Um gleich ein Beispiel zu nennen: 1750 hat Gluck noch die (traditionelle) italienischen Ouvertürenform - und die ist dreiteilig, 1764 ist die Ouvertüre einsätzig. Und mit einem Vergleich der Ouvertüren möchte ich fortfahren, um ein wenig Licht in das Dickicht (vorgefasster) Meinungen zu bringen. Zum Abschluss zwei Zeugnisse für die Aufnahme der Wiener Fassung des Ezio - vom Textbuch wurden allein 200 Exemplare verkauft. Die Kritiken waren überschwänglich
Der Cav. Gluk hat vor kurzem den Aetius, eines der besten Stücke des unsterblichen Metastasio, von neuem in Musik gesetzet. Sein Genie, welches in ganz Europa bekannt ist, bedarf unseres Lobes nicht, nie ist ein Tonkünstler der Natur getreuer gewesen, als er. (Wienerisches Diarium)
Nur ein Werk konnte dem Wiener Ezio Konkurrenz machen, es war Glucks geniale Opéra comique Les Pèlerins de la Mecque, für dessen Vorstellunge am Ende der Karnevalszeit die doppelte Anzahl der Karten verkauft wurde. Aber da lief der Ezio auch schon zwei Monate ...
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (24.04.2015, 11:02): Ezio ist die italienische Namensform eines der letzten großen Helden der römischen Geschichte, dem Feldherr Aëtius. Die abenteurliche Lebensgeschichte übertrifft bei weitem das, was sich für die Opernbühne retten ließ. Als adlige Geisel verbrachte er eine Zeit seiner Kindheit im Lager der Hunnen und lernte sein Handwerk zusammen mit dem mit ihm befreundeten Attila. Die Oper setzt eine der entscheidenden Schlachten der Spätantike voraus, die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern, wo es Aëtius und seinen verbündeten gelang, Attila zu besiegen. Dass Aëtius Verursacher des Untergangs der Burgunden bei Worms war und damit einer der geschichtlichen Figuren, die sich im Nibelungenlied verkleidet wiederfanden, sei auch bemerkt. Er sorgte für die Umsiedlung der Burgunden in Gallien - und ganz so schlimm wie in der Sage ging die Geschichte nicht aus.
Der Stoff, der dem Libretto Metastasios zugrunde liegt, ist zum Teil historisch, allerdings hat der Wiener Hofdichter für ein lieto fine gesorgt. Der historische Kaiser Valentinianus erstach nämlich höchstpersönlich den ihm zu mächtig gewordenen Feldherrn. Dass aber die historische Situation weniger komplex gewesen war als das Libretto, kann man nicht unbedingt behaupten. Bei Metastasio spielen dann die Liebesverhältnisse die entscheidende Rolle bei der Entwicklung der Konkurrenzsituation, am Ende dann aber auch bei der Lösung einer scheinbar aussichtslos verfahrenen Situation.
Die Oper spielt in Rom, etwa im Jahr 451. Der Kaiser Valentinus ist gerade aus der Vormundschaft seiner mutter entlassen worden, die bis 450 für ihn regierte. Also, ein junger leidenschaftlicher Kaiser, der noch keine Gelegenheit hatte, Lorbeeren zu sammeln. Valentinianus III hatte die Beinamen Flavius Placius.
Flavius war auch der Vorname seines erfolgreichen Feldherrn, der gerade von seinem siegreichen Feldzug zurückkehrt. In der Inszenierung aus Bad Schwetzingen trägt er in einer Plastiktüte ein abgeschlagenes Haupt (wohl das Attilas, obwohl dieser die Schlacht noch um einiges überlebte) als Beweis seines Sieges mit sich, der Partitur reichen (nichtsingende) Gefangene.
Damit komme ich zu einem Spezifikum der Vertonung Händels: Bei ihm findet man außer den Instrumentalstücken (Ouvertüre, Le Marche im 1. Akt, je eine Sinfonia zu Beginne des zweiten und dritten Aktes) nur Rezitative und Arien - kann dann aber die Kunst der Differenzierung bewundern, die Händel besaß.
Um ein Wort meines Vergleichs mit Gluck voraus zu schicken - ich werde nicht auf das besser/schlechter von Chrysander hereinfallen, hoffe ich. Ich werde versuchen das eigene der jeweiligen Vertonungen auch für den blutigen Laien herauszuarbeiten. Andres sind diese beiden genialen Vertonungen, aber nicht die eine besser und die andere schlechter.
Liebe grüße Peter
Peter Brixius (26.04.2015, 16:41): Pietro Metastasio schrieb das Libretto zu "Ezio" im Jahr 728, vertont wurde es von Baldassara Galuppi. Der junge Metastasio hatte Dank seiner Gönner schnell eine große Zahl von Bewunderer. Sein erstes Opernlibretto schrieb er 1724, "Didone abbandonnata". Es folgten eine größere Anzahl weiterer Libretti für die Opernhäuser in Rom und Venedig, die seinen Ruhm begründeten. Dazu gehörte auch der "Ezio". Schon damals bemühten sich die bekanntesten Opernkomponisten um die Texte des jungen Autors. Er hatte sich in die Tradion von Apostolo Zeno gestellt, den ersten großen Reformer der Barockoper. Metastasio übertraf Zeno an Wortgewandtheit, Eleganz und Einfallsreichtum. Es war kein Wunder, dass der Kaiserhof auf ihn aufmerksam wurde und ihn nach Wien zog. Dort wurde 1729 als Nachfolger Zenos Poeta Cesareo - Hofdichter und sollte die nächsten Jahrzehnte hochgeachtet diese Tätigkeit wahrnehmen.
Als Händel also 1732 den "Ezio" komponierte und zur Aufführung brachte, legte er ein erfolgreiches und aktuelles Bühnenwerk zugrunde. Er hatte den Stoff für seinen königlichen fReund George II. ausgesucht und seinen Geschmack getroffen. Der König besuchte in der Folge vier der fünf Vorstellungen, zweimal mit seiner Familie. Am 15. Januar 1732 fand die Uraufführung der neuen Oper Händels im King's Theatre am Haymarket statt.
Händel hatte eine überragende Besetzung zur Verfügung: Anna Strada, Giovanni Pinacci, Antonio Montagna - und vor allem Senesino. Trotz Besetzung, trotz Zuspruchs blieb es bei den fünf Aufführungen, zu Lebzeiten Händels wurde die Oper nicht mehr aufgeführt. Man rätselt noch heute, warum nicht mehr Aufführungen stattfanden, nicht zuletzt, da die Neuentdeckung der Oper (Göttingen 1926, Halle 1954) das Stück durchaus in das Repertoire der Häuser brachte.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (20.05.2015, 18:22): 1728, nicht 728 schrieb Metastasio das Libretto zum "Ezio" - für den Vertipper bitte ich um Entschuldigung.
Bei allem europäischen Ruhm, Händel vertonte nur drei der Bücher von Metastasio. Neben Ezio waren es Siroe, Re di Persia und Poro, Re dell' Indie. Ezio war seine dritte Metastasio-Vertonung. Wie bei vielen anderen Opern stand die Spannung zwischen Politik und Privatem, zwischen Ratio und Emotion im Mittelpunkt der Handlung - anregend für einen Opernkomponisten. Der erste, der den Text vertonte, war Pietro Auletta, sein Libretto lag wohl Händel zugrunde. Man nimmt an, dass Händel dem Buch begegnete, als er 1729 nach Italien reiste, um Sänger für sein Unternehmen zu engagieren.
Man weiß nicht, wer das Libretto für Händel bearbeitete. Zur Uraufführung lag ein zweisprachiges Libretto auf Italienisch und Englisch vor. Die englische Übersetzung war von Samuel Humfreys.
Der Originaltext wurde erheblich gekürzt, etwa auf die Hälfte. Dabei wurde die Zahl der Szenen reduziert, die Dialoge erheblich gekürzt, aber auch die Zahl der Arien reduziert. Das Stück wurde so dramatischer, die Dialoge packender. Die Veränderung der Disposition der Arien veränderte die Balance des Stückes. Während der Kaiser Valentiano abgewertet wurde, gewannen die Rollen des Liebespaares, Ezio und Fulvia an Bedeutung. Dazu wurde die Vater-/Tochterbeziehung fokussiert. Alle anderen Personen spielen nur eine Rolle in Beziehung auf Ezio. Es ergibt sich eine Verlagerung vom Politischen zum Privaten gegenüber dem Original.
Drastisch zeigt sich das am Ende des zweiten Aktes. Hatte dort eigentlich Valentiano eine dramatisch wichtige Arie, so ist diese weggelassen, nun endet der Akt mit einer Arie Ezios. Drei weitere Arien und die dazu gehörigen Szenen sind gestrichen, eine klare Zuspitzung auf den Helden.
Auch der Schluss des dritten Aktes wird neu geordnet, statt eines gemeinsamen Schlusschors gibt es ein Ensemble ohne Beteiligung des Kaisers und Massimos. Das eigentümliche lieto fine feiert den Guten, verzichtet aber auf die Bestrafung des Übeltäters.
Solche Bearbeitungen sind durchaus üblich, Gluck wird den Stoff gleich zweimal bearbeiten. Wer auf die Seite mit Metastasios Libretti schaut, findet dort allein sechs Fassungen des Librettos
Peter Brixius (21.05.2015, 07:59): Hier nun die Akteure der Oper:
Valentinian III., römischer Kaiser, liebt Fulvia Fulvia, Tochter von Massimo, Verlobte des Ezio Ezio, römischer Feldherr, Verlobter der Fulvia Massimo, römischer Patrizier, Vater der Fulvia und heimlicher Feind des Kaisers Honoria, Schwester des Kaisers, heimlich in Ezio verliebt Varus, Präfekt der Prätorianer, Freund des Ezio
Die Ouvertüre des ersten Aktes hatte Händel für seine Fragment gebliebene Oper Titus l'Empereur komponiert. Während die Oper selbst von dem pastoralen F-Dur geprägt ist, steht die Ouvertüre in B-dur. Sie ist zweiteilig (Andante/Allegro, 4/4- 3/4-Takt). Vom dramatischen Gehalt der folgenden Oper lässt sie nichts hören. Wenn wir an den Charakter des römischen Kaisers von La Clemenza di Tito denken, so ist auch er der vorliegenden Oper fremd. Kaiser Valentiano zeigt sich als ein seinen eigenen Interessen zum Schaden des Staates nachgehender Herrscher, der sich nicht ohne Grund die Feindschaft Massimos zugezogen hat. Und dass er Fulvia gegen ihren Willen besitzen und dabei die bestehende Verlobung mit Ezio aufheben möchte, setzt ihn in Widerspruch zu dem milden Herrscher Tito.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (22.05.2015, 14:49): Über die Vorgeschichte von Glucks Ezio-Vertonung weiß man nur wenig. Es ist aber der nächste wichtige Markstein nach dem kaiserlichen Auftrag von 1748, der Semiramide riconosciuta. Noch ist Gluck "fahrender Künstler", mit der Mingotti-Truppe unterwegs. Doch gab es offensichtlich auch von Kopenhagen gute Kontakte nach Wien und nach Prag. Und der Weg bis zu seiner Wiener Anstellung wird nun zielbewusst und vor allem erfolgreich genommen.
1749 gab es in Wien eine erste Aufführung eines Ezio im Burgtheater. Der Komponist war Andrea Bernasconi, das Wiener Auditorium war unzufrieden. Hatte Glucks Semiramide da Ansprüche geweckt, die ein Bernasconi nicht erfüllen konnte?
Der Auftrag kam aus Prag vom Impresario Giovanni Battista Locatelli für das Kotzentheater (Kotzen = Marktbuden), das Nuovo Teatro alla Comunità della Reala Città (hört sich besser an). Ezio von Gluck sollte die neue Spielzeit eröffnen, angekündigt wurde das Werk als "vollständige, neue Komposition des berühmten, renommierten Maestro Gluck".
Wie der italienische Namen des Kotzentheaters offenbart, war es kein höfisches Theater, es wurde von der Stadtgemeinde veranstaltet. In der Regl konnte es sich auch keine Neuinszenierungen leisten, sondern brachte schon existierende Oper oder Pasticci. Damit eine solche Unternehmung wie die von Glucks Ezio möglich war, brauchte es Sponsoren, die sich hier allerdings hatten finden lassen. In Prag treffen wir u.a. einen alten Förderer von Gluck, den Fürsten Lobkowitz, in Mailand immerhin Widmungstäger von Glucks La Sofonisba und Ippolito.
Gluck hat ähnlich wie Händel den Text verkürzt, Rezitative z.T. stark gekürzt, Szenen zusammengefügt, sieben Arien wurden ganz gestrichen, drei weitere am Schluss des zweiten Aktes durch ein Terzett ersetzt.
Um dies schon mal vorwegzunehmen: Glucks Ezio war ein voller Erfolg, Locatelli reichte 1750 nach ein Pasticcio mit Gluck-Musik nach. Auch an anderen Orten wurde die Oper mit Erfolg aufgeführt, so 1751 in Leipzig. Und noch etwas brachte das Jahr für Gluck: Er heiratete Anna Maria Bergin, eine Kaufmannstochter. Nicht nur, dass die Ehe eine finanzielle Sicherheit bedeutete, Gluck gewann Anschluss an die gehobenen und höchsten Wiener Gesellschaftschichten. Sein Glück war gemacht.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (27.05.2015, 18:29): Der Anlass der Wiederaufführung des Ezio am Wiener Burgtheater ist ebenfalls unbekannt. Als Gluck mit einem 14-tägigen Probenmarathon 1764 die Aufführung vorbereitete, hatte er die Oper so umgearbeitet, das man von einer zweiten Fassung sprechen muss, in die Gluck sehr Arbeit investierte.
Allgemein ist die Oper weiter gestrafft, zwei Arien sind neu kompiert, dazu der Hauptteil einer weiteren Arie. Andere Arien wurden an anderer Stelle engesetzt und bekamen sie einen neuen Text. So auch die sechs aus Il Trionfo di Clelia stammenden Arien. Die erheblich gekürzten Rezitative mussten umgeschrieben werden. Die in der ersten Fassung noch 3-sätzige Sinfonia wurde auf einen Satz gekürzt, aus der Clelia wurde noch ein Marsch übernommen.
Dazu reviderte Gluck die Arien nach dem Stimmumfang der zur Verfügung stehenden Künstler. Das Wienerische Diarium berichtete:
Der Cav. Gluk hat vor kurzem den Aetius, eines der besten Stücke des unsterblichen Metastasio, von neuem in die Musik gesetzet. Sein Genie, welches in ganz Europa bekannt ist, braucht unseres Lobes nicht, nie ist ein Tonkünstler der Natur getreuer gewesen als er.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (29.05.2015, 16:58): Händel hat die Ouvertüre zum Ezio eigentlich für einen Tito geschrieben, Gluck hat die Ouvertüre des Ezio später auch für die La Clemenzia di Tito verwandt - fast ein Rokoko-Spiegelspiel.
Noch sind wir zeitlich deutlich von Glucks Alceste (1767) entfernt, doch deutet sich schon hier das neue Denken an, das die Ouvertüre in die musikalische Konzeption der Oper miteinbezieht. Beim Prager Ezio ist es noch die dreiteilige italienische Opernouvertüre: ein heroisch gestimmtes Allegro, das durchaus den Charakter Ezios widerspiegelt: Kraft, Größe, Arglosigkeit, Treue, Stolz und Gefasstheit (Arend, 126). In knapp drei Minuten ist es an uns vorbeigestürmt.
Der zweite Satz der Ouvertüre ist ein wenig kürzeres Andante. Es ist in Moll gehalten und bietet reizvolle chromatische Passagen. Vom Gefühlsgehalt könnte man es ebenso auf Fulvia wie auf den Helden beziehen. Ein beschwingtes kurzes Allegro di molto im Dreier-Takt beendet die Ouvertüre.
Gluck hat für die Wiener Fassung auf das Andante und das Allegro di molto verzichtet. Nun reiht sich die Ouvertüre in die Reihe der Opernouvertüren ein, die Gluck von da an schreibt: Eine wirkungsvolle Einführung ins Musikdrama. Ezio ist siegreich für Rom vom Feldzug zurück gekehrt, Kürze und Selbstbewusstsein prägen ihn.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (30.05.2015, 16:21): Bevor die Oper beginnt, ertönt ein kurzer Militärmarsch. Er symbolisiert den heimkehrenden Sieger Ezio. Dabei ist die Beschreibung der Szene bei Metastasio (in allen Partituren übernommen) mehr als deutlich, was die andämmernden Konflikte angeht.
Teil des Forum Romanum mit dem Herrscherthron auf der einen Seite. Blick auf das nächtlich erleuchtete Rom mit Triumphbögen und anderen Ausstattungen für das Dezenniumsfest und zu Ehren der Rückkehr Ezios,
Zwei Machtzentren stehen sich spannungsvoll gegenüber. Das eine ist die militärische Macht des siegreichen Feldherrn. Wie sind in einer Epoche der römischen Geschichte, in denen das Heer häufig den Kaiser bestimmte. Auch der Vorgänger Valentinianus III. war ein solcher Usurpator. Der oströmische Kaiser Theodosius hat den 6-jährigen Valentinian mit einem ausreichendem Heer ausgestattet, so dass er 425 den Usurpator Johannes stürzen konnte und seither das Weströmische Reich regierte - unter Vormundschaft seiner Mutter und dem Patronat des mächtigen Theodosius.
Wie man nun 451 zu der Feier eines Dezenniums kommt, überlasse ich der Freiheit des Librettisten, aber es bedeutet die Feier der Stärke des Imperators. Vielleicht bezeichnet das Dezennium die Tatsache, dass Valentinian seit 440 den Kaisersitz wieder nach Rom verlagert hat. Sei's drum: Macht des 32-jährigen Kaisers, Macht des Feldherrn stehen gegenüber. Ergänzen sie sich oder gibt es einen Machtkampf. In einer typisch barocken Oper wäre die Mischung von Macht- und Liebeskampf bestimmend, aber mit Metastasio sind wir in einer neuen Zeit, das lieto fine lässt gerade die Gestalten der Bösewichter diffus erscheinen.
Die treffen sich bei Metastasio in einer (in allen Opern gestrichenen) 1. Szene. In dem Rezitativ zeigt sich ebeno das Machtbegehren Valentinians wie die gespaltene Zunge seines Beraters Massimo, der sehr viel a parte - also für Valentinian nicht hörbar - spricht. Hier begehrt der Kaiser die Hand der Tochter Massimos. Dieser scheint "vergessen" zu haben, dass er sie mit Ezio verlobt hat, er macht dem Kaiser Hoffnung (und spricht in seinem zur Seite gesprochenen Kommentar von vendetta - von Rache).
Der Sieger tritt ein, nun beginnen auch Händels und Glucks "Ezio".